Was blieb uns übrig, als anzunehmen? Nun gingen wir eine warme

Suppe essen, dann machten wir uns flink an das Standaufrichten. Die

Thresel hatte ihr eigenes Zeug dazu, welches in einem Gelasse der

Taferne aufbewahrt war, und welches wir nun herbeischleppten. Als wir

die Bretter heranschleiften, wußte die Thresel ein paarmal solche

Schwenkungen zu machen, daß wir damit scharf an das gegenüberstehende

Judenständlein anrannten. Dieses wackelte, aber der Maischel stützte

es behendig und schmunzelte dabei. Der Jud Maischel war ein gar

schlichtes, aber rührsames Männlein, sein Haar und Bart waren

kohlschwarz und gekräuselt wie bei neugebornen Lämmern die Wolle, in

seinem dunkelroten Gesichte lugten zwei Äuglein, die einem nie ins

Antlitz schauten, sondern allemal, wenn er sprach, der Gegenperson

an den Hals oder an die Achsel guckten. Der Jud Maischel hatte eine

geradezu überchristliche Sanftmut, er war mit nichts zu erzürnen. Tief

entrüstet war er einzig nur, wenn man ihm für eine Ware, die er um drei

Gulden schätzte, etwa zwölf Groschen anbot. Aber voll tiefer Verachtung

schlug er die Ware um dies schmähliche Angebot los, und dem Käufer

wurde angst und bang.

»Frau Thresel,« sagte ich nun zu meiner etwas schwermütig gewordenen

Prinzipalin, »die Rattnerleut sind Ehrenleut, die kaufen dem

Leutanschmierer nichts ab, die Frau Thresel wirds schon sehen.«

»Gott geb's!« seufzte sie auf.

Nun wurde es Abend, und am Abend wurde es lustig. Beim Taferner waren

alle Tische besetzt, und auf jedem Tisch stand ein Kerzenlicht, und

darüber war der Wein- und Bratenduft und der blaue Tabakrauch, daß es

eine helle Pracht war.

Wir zwei saßen im Ofenwinkel, hatten neben uns auf der Bank ein Glas

Obstmost stehen, in das wir -- einmal ich und einmal die Thresel --

eine Semmel tauchten. Die Wirtin wollte auch uns Licht bringen, indem

sie sagte: »Nicht einmal ein Toter mag ohne Licht sein.«

»Das schon,« antwortete die Thresel, »aber wir zwei sind noch lebendig,

und zum Dasitzen sehen wir häufig genug, und daß wir uns für andere

beleuchten lassen wollten, dazu sind wir zu wenig schön.«

In Wahrheit wollte sie nur nicht, daß das übrige Krämervolk, welches in

der Wirtsstube hochmütigerweise bei Wein und Schöpsenfleisch schwelgte,

unser bescheidenes Nachtmahl sehen sollte. Sie hatte eine Ahnung davon,

was bei einem Kaufmann der äußere Schein bedeutet.

Die Gesellschaft wurde immer lauter und unbändiger, und etliche Bursche

huben an zu singen:

»In Ratten, da ists lustig,

In Ratten, da ists lustig,

In Ratten, da ist alles frei,

Da geht ka Polizei!«

»Leider Gottes!« sagte die Kramer-Thresel vor sich hin, »und jetzt

gehen wir schlafen.«

Sie hatte sich eine Kammer bestellt; ich wurde zum Pferdeknecht ins

Bett gethan. Der Pferdeknecht hatte schon von Natur einen stattlichen

Leib, als er aber so neben mir im Bette lag und schlief -- er schlief

wie ein Pferdeknecht -- floß er so sehr auseinander, daß ich an

den Rand gedrückt wurde und Gefahr lief, auf den Boden zu fallen.

Glücklicherweise war vom Bette etwa nur einen Fuß entfernt die

Stallwand, an welcher zwar das Wasser des Stalldunstes niedertropfte,

an welche ich mich aber mit dem ausgestreckten Arm dermaßen anstemmen

konnte, daß ich dem Drucke meines Bettgenossen die ganze Nacht hindurch

glücklich stand hielt. Daß man in solcher Lage vom Schlafe nicht

belästigt wird, ist selbstverständlich, und so hatte ich denn Zeit, in

Gedanken den Pferdeknecht zu entschuldigen, der, müde von des Tages

Last und Plage, rechtmäßig ja über das ganze Bett verfügen konnte;

und in Gedanken auch Gebete zu verrichten, daß morgen unter meiner

Mitwirkung der Kirchtag für meine Prinzipalin doch um Gotteswillen gut

ausfallen möge. Ich sann mir Reden aus, um die Käufer anzulocken und

die Waren zu preisen, und ich sah die Leute herbeiströmen zu unseren

köstlichen Sachen. Wir hätten Alles verkauft, auch das leere »Standl«

noch dazu, wenn ich nicht zu früh von meinem Traume erwacht wäre.

Und nun gewahrte ich, daß sich mein Pferdeknecht mitsamt den Pferden

fortgemacht hatte -- »schon fahrend draußen aus den kalten Straßen«.

Jetzt, das war ein Wohlbehagen, wie ich mich nach Gefallen strecken

konnte im weiten Bette und mich einmal gründlich durchwärmen. Ich

bedauerte den Pferdeknecht, daß er schon so früh in den Winter hinaus

mußte, aber im Grunde wars mir doch lieber, als wenn er noch im Bett

gelegen wäre mit seiner breiten, schlaftrunkenen Wesenheit.

Leider dauerte das nicht lange. Die Thresel tastete sich in den Stall,

rief meinen Namen und fragte, ob ich ausgeschlafen hätte. Ich sprang

sogleich auf. Als wir bei der Frühsuppe saßen in der wohldurchwärmten

Wirtsstube, gab mir die Thresel Weisung, wie ich mich am Standl zu

verhalten hätte. Für's erste einmal achtgeben, daß nichts »Füße

kriegt«, dann, wenn um den Preis von etwas gefragt würde, es ihr -- der

Thresel -- allsogleich mitzuteilen, nach ihrem Ausspruch nachher aber

nicht mehr »handeln« zu lassen, weil sie die Sachen nicht überschätze.

-- Dann gab sie mir zwei Sechser, damit ich wisse, wofür ich mir am

Standl Finger und Nase erfrieren lasse, dann nahm sie ihre Kraxe, und

wir gingen in des lieben Gottes Namen hinaus auf den Kirchplatz.

Es war noch nächtig, aber man hörte schon das Gesurre der Leute, und

die Kirchenglocken läuteten zu der Rorate. An den »Kramerstandln« war

viel Hämmern und Schreien, und auch wir prüften nochmals unsere Bude

und legten, während drin in der Kirche die Orgel tönte, unter stillem

Einschluß in die heilige Messe die Waren aus. Und nun trat mir die

Größe und Vielfältigkeit der Habe meiner Prinzipalin ganz vor Augen.

Sie hatte alles, denn was sie nicht hatte, daran dachte ich nicht, es

war Nebensache. Sie hatte Klein- und Galanteriewaren, wie sie der Bauer

braucht, oder wenigstens gerne besäße, wenn er sie kaufen könnte:

allerlei Messer und Gabeln und andere Werkzeuge, Geldtäschchen,

Brieftaschen, Hosenträger, Uhrschlüssel, Rauchzeug, Sacktücher,

Heiligenbildchen, Einschreibebüchlein, Zwirn, Bänder, Kinderspielwaren,

Handspiegel und so weiter über den langen und breiten Tisch hin, und

was an den Stangen und Haken hing, und was noch in den Laden der Kraxe

und in dem unerschöpflichen Ballen war.

Aber als nun der Tag graute -- ein trüber, sachte schneiender Wintertag

-- da mußte ich sehen, daß der Jude uns gegenüber all dieselben Sachen

ausgestellt hatte, aber viel kecker und wirrer ausgestellt, daß sie

ordentlich in die Augen schrien. Und an den Dachecken seines Standls

prangten zwei rote Fähnlein wie bei uns zu Kriegszeiten, wenn die

Soldaten fortzogen, oder beim Festscheibenschießen am Kaisertag, oder

wenn sonst etwas Unerhörtes war. Und zwischen den Fähnlein war eine

große Tafel: »Gut und billig, da kauft's ein!« Und nahm jetzt -- wie

die Leute aus der Kirche strömten -- der Racker eine Mundharmonika

zwischen die Zähne und blies darauf los und schrie über die Leute hin,

daß er einen Haupttreffer gemacht hätte in der Lotterie und daher heute

alles verschenke. »Das Stück Silberlöffel fünf Kreuzer, das Dutzend

noch billiger!« rief er und brachte damit die Leute in Verwirrung. Dann

schwang er hellrote Seidentücher über die Köpfe hin, »für Dirndaln!«

rief der Maischel, konnte aber nicht einmal die Worte aussprechen,

»und wenn eine das tragt um den Hals, laufen ihr alle Buiben nach. Ich

gebs aber nicht her!« Und zog es hastig wieder zurück. Solche Sachen

trieb er und schrie fortwährend: »Da geht's herbei! da wird gehandelt,

geschenkt, noch was draufgegeben, da ist der Glücksberg!« Und immer

dichter wurde um das Judenstandl die Menschenmenge, und uns, dem

ehrbaren Stande der Thresel, wendeten sie den Rücken zu.

Mir wurden in meinem Zorne alle Schneeflocken grün und gelb vor den

Augen, und ich stieß die Thresel: sie solle doch auch zu schreien

anheben, daß uns die Leute sähen.

»Du bist nicht gescheit,« sagte sie zu mir, »wo +solche+ Leut

lärmen, da ist's ein Schand und Spott das Maul aufzumachen. Da packen

wir lieber z'sam'.«

Jetzt hub weiter unten auf dem Platz auch noch ein anderer zu schreien

an; das war ein Krainer, wollte aber gescheiter sein als der Jude und

rief: »Daher, Leutel, daher! Bei mir ist die Schönheitsseife zu haben,

die echte, approbierte und privilegierte Schönheitsseife! Werden alle

garstigen Dirndln, die sich damit waschen, engelsauber und alle alten

Weiber blutjung!«

»Das ist Schwindel vom Krainer!« rief der Maischel, »bei mir

zu bekommen die ganz neu erfundene, blütelweiße und rosenrote

Schönheitsseife, aber +nur für die Jungen und Schönen+ zu

gebrauchen, daß sie nicht werden alt. Echt und billig. Meine Herren und

Damen, geht nicht vorbei an Eurem Glück!«

Selbstverständlich wählte jede die Seife des Juden.

Nun hub der Maischel an und schellte mit einem Sack Nummern und ließ

ziehen. Er spielte seine Waren aus; mit einem Groschen Einsatz konnte

man goldene Ringe und Uhren, ganze Fläschchen von Liebestränken und die

unglaublichsten Schätze gewinnen.

Die Thresel hatte den lärmenden Juden lange beobachtet -- Zeit hatte

sie dazu -- und nun sagte sie kopfschüttelnd: »Der ist vom Teufel

besessen.«

Der Markt war schon im vollsten Gange, es wurde gefeilscht

und gekauft, es wurden Späße getrieben beim Lebzelter und beim

Schnapsschenker, und man hörte singen:

»In Ratten, da ist alles frei,

Da giebt's ka +Polizei+!«

Weiber gingen umher von Stand zu Stand und füllten ihre Handbündelchen

mit Äpfeln, Nüssen, Lebzelten und Spielwaren für ihre Kinder zum

»Nikolo«. Ich hielt die Hände in den Hosentaschen und zappelte

mit den Füßen hin und her und klöpfelte die hartgefrornen Schuhe

aneinander. Von den Zehen wußte ich ohnehin nichts mehr, sie gaben kein

Lebenszeichen von sich, was übrigens in jenen Zeiten bei mir nichts

Neues war -- die Zehen hielten ihren Winterschlaf, und die Kälte fing

mir in ihnen allemal erst an weh zu thun, wenn es warm wurde. Nun so

trippelte ich an unserem vergessenen Standl, und wir hatten immer noch

nicht ein Stück verkauft. Mir war zum Verzagen.

»Ich möchte in den Erdboden sinken,« flüsterte ich der Thresel zu.

»Dazu ist er viel zu hart gefroren,« war ihre Antwort, »aber das muß

ich schon sagen, ein solcher Kirchtag ist mir was Neues.«

Das Wort hat mich ins Herz getroffen. Vielleicht war ich die Schuld!

Ich hatte keinen Schick, gar keinen, konnte die Sache nicht betreiben,

stand da »wie der Damerl beim Thor« und schaute blitzdumm drein. -- Ein

solcher Kirchtag ist ihr was Neues!

Jetzt sah ich am Rande unseres Standels einen guten Bekannten von

meiner Gegend, es war des Grabenbergers Geißbub, das Natzelein. Das

lugte so auf die bleiernen Taschenuhren her und auf die Ludelpfeifen

und auf die blinkenden Federmesserlein und auf mich, wohl erwägend,

wieso ich bei diesen Schätzen stehe, die er mit gierigen Augen

angriff, nachdem ihm früher die Thresel mit den Worten: »Schau, das

gehört nicht Dein, das laß stehen!« seine Finger von einem zinnernen

Streichholzbüchslein losgelöst hatte. Zu diesem Natzelein strich ich

nun hin, und ihm heimlich meine zwei Sechser in die Hand drückend,

flüsterte ich ihm hastig ins Ohr: »Kauf was! Kauf Dir was!«

Alsbald stand ich wieder an meinem Platze und schaute mutiger auf die

ergebene Thresel hin, mit Herzklopfen die Herrlichkeit erwartend, da ja

jetzt bald ein Käufer anrücken würde.

Das Natzelein lugte in seine hohle Hand, und als es sah, es wären

zwei silberne Sechser drin, machte es ein grinsendes Gesicht zu mir

herüber, dann drehte es sich flugs um und kaufte drüben beim Juden ein

Tabakrauchzeug.

Jetzt vergaß ich meiner Würde, hin schoß ich zwischen den Beinen der

Leute wie ein gereizter Tiger auf das Natzelein zu und warf es zu

Boden. Ein Gebalge entstand, daß der Schnee stäubte und die Leute mit

hellem Gelächter einen Kreis um uns bildeten. Ich wollte dem Natzelein

für seinen Hochverrat die neue Pfeife entwinden und sie zu Scherben

machen, aber der Rattner Gemeindediener ließ mir keine Zeit dazu.

Dieser Mensch faßte mich auf einmal beim Rockkragen an und zog mich

hübsch kräftig in die Höhe; und weil alles rief, ich hätte ohne allen

Anlaß den arglosen Jungen überfallen, so war nun vom Gemeindekotter die

Rede.

Da kam ich drauf, daß der Ausspruch der Thresel auch auf mich passe:

»Ein solcher Kirchtag ist mir was Neues.« Aber ich biß in die Lippen

hinein, und wie sie mich auch verhörten: warum ich wäre raufend worden?

das wäre sauber, wenn es an Kirchtagen die kleinen Buben den Großen

nachmachen wollten! -- ich sagte kein Wort. Ich konnte keins sagen und

wollte auch nicht, weil ich mir dachte, sie könnten dann glauben, das,

was geschah, wäre aus Geschäftsneid geschehen.

So wurde ich nun befragt, ob ich der Kramer-Thresel ein Sohn sei; da

schrie meine Prinzipalin vom Standel her, ich wäre nichts weniger als

ihr Sohn, ich wäre der Waldbauernbub, sonst ein gutes Kind, aber ich

müsse vor Kälte wahnsinnig geworden sein.

Der Gemeindediener von Ratten konnte nichts Besseres thun, als stark

in seinen riesigen Schnurrbart hineinzupfauchen und mich dann an der

Hand durch die Leute, die ganz grauenhaft bereitwillig uns eine Gasse

bildeten, vom Marktplatze wegzuführen. Vom Markte weg und hinaus vor

das Dorf, wo er mich mit dem wohlgemeinten Rate, ich solle schauen, daß

ich heimkäme, auf der freien Straße stehen ließ.

Von rechtswegen hätte ich jetzt wimmern sollen, allein ich konnte

nicht, meine Entrüstung war zu groß. Ich beschloß, nicht zu schauen,

daß ich heimkäme, sondern auf der Straße zu warten, um über den

Grabenberger Buben, wenn er des Weges ginge, ein gerechtes Gericht

zu halten und auch die Kramer-Thresel abzupassen, um ihr den ganzen

Sachverhalt mitzuteilen, wie ich dem Natzelein mein Geld gegeben,

daß er ehrenhalber bei uns was für sich kaufe, und wie diese falsche

Kreatur die Silberlinge zum lärmenden Juden getragen habe.

Spät am Nachmittage, als schon das Volk der ganzen Gegend mit

seinen verschiedenen Einkäufen und Räuschen zu Fuß und zu Schlitten

vorübergezogen war, kam die Thresel mit ihrer schweren Trage

herangeschnauft, und neben ihr watschelte die Kreatur daher mit

verbundenem Kopf, liebreich von der Alten an der Hand geführt und

gezärtelt, als wollte sie es gut machen, was ihr Bursche an diesem

Natzelein verbrochen. Unter solchen Umständen verbarg ich mich rasch

hinter einen Fichtenstamm und ließ sie vorbeiziehen. Und dann ging ich

ihnen langsam nach, voll der tiefsten Betrübnis.

Ich war noch nicht auf halbem Wege, als eine solche Müdigkeit über mich

kam, daß ich mich an den Schnee hinlehnte um zu rasten. Auf diesem

Pfade gingen keine Menschen mehr. Es war im Hausteiner Walde, die Häher

und Krähen stäubten Schnee herab von den Bäumen. -- Ich mußte schon

recht gut geschlafen haben, da wurde ich plötzlich aufgerüttelt, und

vor mir in der Abenddämmerung stand der Hausierer Maischel mit seinem

Bündel.

»Was ist's denn mit Dir, Würmlein,« sagte er, »das Erfrieren ist ja

nicht gesund! Da müssen wir noch beizeiten einheizen!« Er hielt mir

ein Holzplützerchen an den Mund, und als ich daraus ein paar Schlucke

that, da wurde mir so warm inwendig, so warm ums Herz, daß es mir zu

Sinn kam: der Maischel ist doch kein schlechter Mensch. Da er fand, daß

es nicht ratsam sei mich allein zu lassen, so ging er mit mir bis zum

Hause meines Vaters. Also ist es geschehen, daß ich mit der Thresel

ausging und mit dem Maischel heimkam.

[Illustration]

[Illustration]

Als ich das Ofenbückerl war.

Warum es so frostig wird heutzutage? Warum wir gefroren sind? Weil

wir keinen ordentlichen Ofen mehr bauen können. Allen Respekt vor den

schwedischen und russischen Öfen, vor den Berliner und Meißner Öfen,

gar zierlich sind sie und ein Zimmerschmuck und alles mögliche, aber

so recht gemütlich? -- So recht gemütlich ist nur der große, breite,

behäbige Kachelofen mit seinen grünen oder braunen Augenreihen, mit

seinem Holzgeländer und seiner Ofenbank. Die Ofenbank, wo die Kindheit

und das Alter hocken, das Enkelein und die Großmutter -- und die alten

Märchen!

Daheim in meinem Vaterhause, da stand so einer! Ganz hinten in der

linken Stubenecke, wo es immer etwas dunkel war. Über der breiten

Ofenbank, die sich um ihn herumzog, war eine Reihe viereckiger

Plattkacheln und darüber in weißem Lehm eingefügt die runden Kacheln

mit hervorquellenden Bäuchen, in welchen sich die lichten Stubenfenster

mit ihren Kreuzen spiegelten. Der Ofen strebte breit auf und wölbte

sich oben in Kacheln sachte zusammen. Wenn man fragte, wie alt er

sei, so antwortete der Vater: »Mein Ähndl wird ihn haben setzen

lassen, oder der Urähndl.« Freilich wurde jeder kleine Schaden an

ihm sofort verkleistert und mit weißem Lehm übertüncht, freilich

wurden ihm fast alle Samstage die großen Augen gewaschen, so daß er

immer jung und frisch in die Stube schaute. Umfriedet war er von dem

leiterartigen Geländer, an das die Mutter unsere frischgewaschenen

Hemden zum Trocknen hing. Denn warm war es bei diesem Ofen immer,

selbst im Sommer, wo sonst der Brunnentrog warm und der Ofen kalt zu

sein pflegt. Er wurde überhaupt nie kalt, und es mochte sein, wie es

wollte, es mochte regnen oder schneien oder winden -- auf der Ofenbank

war's immer gut. Und wenn draußen der Sturm toste in den alten Fichten

und der hölzerne Hirsch an der Wand klapperte, und wenn die Blitze

bleckten, daß die ganzen Berge über dem Graben drüben grün und gelb

waren, und wenn der Donner schmetterte, als breche schon der Dachstuhl

nieder mitsamt dem Giebel und seinen Schwalbennestern, da dünkte mich

die Ofenbank der sicherste Ort, wohin das Verderben so leicht nicht

reichen könne. Kurz, die Ofenbank war mir der trautsamste Mittelpunkt

des heimatlichen Nestes. Lange Zeit hatte ich mein Bett auf derselben.

Ich lag auf der Ofenbank, als ich so klein war, daß im Munde noch der

»Zutzel« und zwischen den Beinen noch die Windel stak; ich lag auf der

Ofenbank, als ich so krank war, daß die Mutter mich dem Himmel gelobte,

wenn er mich nicht zu zeitlich nähme (das wurde später rückgängig, weil

das Geistlichwerden Geld kostete). Ich lag auf der Ofenbank, als ich so

dumm war, allmorgentlich die Oberlippe mit Seife einzureiben, damit der

Schnurrbart endlich wachse. Ich lag auf der Ofenbank viel später, als

der Bruder Jakob mir den Bart wegkratzte, weil er mir zuwider war. Und

wenn ich in früheren Zeiten dort so lag, da hörte ich manchmal hinter

den Kacheln drin leise das Feuer knistern, wenn die Mutter morgens

eingeheizt hatte; es wurde wärmer, aber es wurde nicht schwül um mich.

Es wurde nie kalt, und es wurde nie heiß, und wenn mir einer so einen

alten Kachelofen plump und unförmig schimpft, so stelle ich seinem

Leben nach. Denn über den besten Freund unseres Hauses lasse ich nichts

kommen.

Er gab uns nicht allein Wärme, er gab uns auch Brot. Alle zwei

Wochen einmal war Backtag. Man kennt die Stattlichkeit der Brotlaibe

bäuerlicher Abkunft; solcher Laibe ihrer vierzehn hatten nebeneinander

Raum auf dem glühheißen Steinboden drinnen.

Während der Ofen also das Brot buk, hatte unsere Mutter ein besonderes

Heil mit ihm. Da durfte kein feuchter Lappen in seiner Nähe hängen,

da durfte in der Stube keine Thür und kein Fenster aufgemacht werden,

damit kein ungeschaffenes Lüftchen den braven Ofen anwehe und seine

Frucht etwa beeinträchtige. Zwei Stunden lang dauerte die Backzeit,

und da war es in der Stube allerdings so, daß nicht bloß die Heiligen

schwitzten auf dem Hausaltare, sondern auch alle Fenster -- selbst

im hohen Sommer. Die Fenster sind sonst nicht so wie unsereiner, der

im Sommer schwitzt; die Fenster schwitzen im Winter, wenn's drinnen

wärmer ist als draußen. Aber beim Backen gab's eine Ausnahme. Einmal

stieß in solch heikler Stunde des Backens der Wind ein Fenster auf; was

geschah? Die Brotlaibe, die schon angefangen hatten aufzuschwellen,

fielen in sich zusammen und blieben spickig wie ein Klumpen Schmer.

Nicht +ein+ so großes Löchelchen im Innern des Laibes, daß man ein

Haferkorn, geschweige eine Erbse drin hätte verstecken können! Damals

hat die Mutter geweint. Wir aßen das Brot in der Suppe wie sonst.

»Wenn's den Laib im Ofen nicht auftreibt, so treibt's den Magen auf,«

heißt es, und so war's auch.

Am Backtag gab's für mich kleinen Buben allemal eine säuerliche

Freude. Denn bevor das Brot in den Ofen kam, mußte ich hinein. Aber

zum Glücke nicht nach dem Feuer, sondern vor demselben. Da war's

etwas staubig drinnen und rußig und ganz finster. Mit einem Besen aus

Tannenreisig hatte ich den Steinboden des Ofens auszufegen, Kohlen,

Asche fortzuschaffen und dann die großen Holzscheiter übereinander

zu schichten, die mir die Magd zum Ofenloch hineinsteckte. Ich weiß

nicht, ob die Spanier im Mittelalter auch so geschichtet haben:

zuerst eine Brücke gerade aus, darüber eine Brücke in die Quere, dann

wieder eine gerade aus und eine in die Quere u. s. w. So baute ich

den Scheiterhaufen, und so brennt's am besten. Die Scheiter waren

anderthalb Ellen lang, und als das Gebäude aufgeführt war bis fast zur

Wölbung, da engte es sich arg, und da kroch ich ringsherum, zu sehen,

oder vielmehr zu tasten, ob es gut war -- und dann zum Loch hinaus.

Zum Lohn für solch finstere Thaten bekamen wir Kinder jedes ein

frischgebackenes Brotstritzlein, welches wir gleich in noch dampfendem

Zustande verzehrten.

Wie die Scheiter gebaut wurden, ist schon gesagt worden. Alsdann

den Stoß anzünden, brennen lassen, ausgluten lassen, die Glut mit

einem Krückel auseinanderstieren, dann herauskratzen und mit der

Ofenschüssel, einer langbestielten Holzscheibe, die kugelrunden

Teigklumpen hineinschießen.

»Einschießen«, ja, das war der Ausdruck dafür. Ich vermute, die Mutter

hat während des Einschießens allemal ein heiliges Gelöbnis gemacht:

Einen Rosenkranz extra will sie beten, oder einem Bettler besonders

will sie ein großes Stück Brot schenken, wenn's gelingt. Denn wie ich

schon angedeutet -- allemal gelang es nicht.

Einigemal lieferte uns der Ofen etwas besonders Gutes. Ein

strudelartig breit und dünn ausgewalzter Teig wurde in den heißen

Ofen geschossen; nach einiger Zeit kam die Platte heraus, hatte

eine bräunliche Farbe und war hart und spröde wie Glas. Schon das

war fein zu knuspern. Nun kam aber die Mutter, zerkleinerte mit dem

Nudelwalzer knatternd diese Scheibe aus Mehl, that die Splitter in

eine Pfanne, wo sie geschmort und geschmälzt wurden. Das war hernach

ein Essen! Scharlbrot wurde es genannt. Ich habe diese ganz eigenartig

wohlschmeckende Speise sonst nirgends wieder gefunden, möchte aber

gerne ihren und ihres Namens Ursprung wissen.

Der Ofen hatte auch noch andere Verpflichtungen: er dörrte das Korn,

bevor es in die Mühle kam. Denn da oben im Gebirge will's nicht

recht trocknen, und so mußte das Korn auf den heißen Boden hinein,

wo es mit dem langstieligen Krücklein fortwährend umgerührt ward.

Desgleichen dörrten wir im Ofen auch das »Hablam« (trockene Blüten-

und Samenabfälle des Heues), aus welchem ein sehr geschätztes Mehl

für Mastvieh bereitet wurde. Auch Kirschen, Heidelbeeren und Schwämme

machte uns die Ofenhitze solchermaßen tauglich zum Aufbewahren für

den Winter. »Die ausgetrockneten Früchte halten länger als die

vollsaftigen!« sagte das steinalte und spindeldürre Everl, als die

junge Martel auf der Bahre lag. Das Everl dachte dabei vielleicht an

die schwere heiße Lebenszeit, die es selber ausgetrocknet und gedörrt

hatte, wie der Ofen die Pflaume.

Einmal -- und das ist's, was ich eigentlich erzählen will -- spielte es

sich, als sollte in unserem großen Ofen auch Fleisch gebraten werden.

So um Allerheiligen herum war ein junger, schlank gewachsener Vagabund

zu uns gekommen. Ich weiß nur noch, daß er sehr lange Beine hatte und

im Gesicht eine platte Nase und darunter eine Hasenscharte. Er schien

soviel als erwachsen, hatte aber das Stimmlein wie ein Knabe. Und mit

diesem Stimmlein fragte er ganz hell und grell meinen Vater, ob er über

den Winter dableiben dürfe?

»Das ledige Herumzigeunern ist halt nur im Sommer lustig,« antwortete

ihm mein Vater. »Nun, wenn Du dreschen willst, so kannst bleiben. Kost

und Liegerstatt wirst Dir doch verdienen.«

Der Bursche war nicht blöde, that gleich, als ob er bei uns zu Hause

wäre, und beim Nachtmahl erzählte er laut, daß er vor kurzem in einer

Gegend gewesen sei, wo es ein sehr gutes Essen gab: das Kraut wäre

gezuckert gewesen, der Sterz mit Wein geschmalzen, und die Knödeln

wären durch und durch schwarz gewesen vor lauter Weinbeerln.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 2 Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. · 第 3 / 8 段