„Dir nützet nicht das Bitten, dir nützet nicht das Drohen,

Sieh hinter deinen Wolken die lachende Sonne lohen.“

In langen, starken, feierlichen Tönen klang es durch das Tal hin, und

von Hügeln und Bergen antwortete das Echo.

Aber der Winter schüttelte die gewaltigen Fäuste gen Himmel und schrie

überlaut:

„Heraus mit euch, all meine starken Stürme! Heraus mit euch, heraus!

Brecht herein über das Tal, schlagt alles nieder! Fegt über die Höhen

hin, und zerbrecht jeden Baum im Walde! Werft die Berge um, wenn ihr

könnt, und begrabt den grünen Gaukler unter ihnen!“

Und hervor brach der Sturm, und der Schnee kam. Es wurde ein

entsetzliches Wetter. Die Bäume krachten, zerbrachen und sanken zu

Boden, der Fluß trat über seine Ufer, der Schaum der Wellen spritzte

bis hoch zum Himmel auf, und gewaltige Lawinen stürzten den Hang hinab.

Aber der Frühling ging singend durch das Tal, sein Gesang ertönte immer

voller und stärker:

„Laß deine Stürme tosen, laß deine Winde brausen,

laß deine weißen Vögel nur durch die Lüfte sausen.

Dein Eis kann nicht bestehen, wo ich hinüberschreite.

Dein Reich ist hier zu Ende; flieh fort in öde Weite!“

„Packt besser zu!“ schrie der Winter. „Brause, Sturm! Stürze, Schnee!

Peitsche, Regen! Schlag’ nieder, Hagel!“

[Illustration]

Und der Sturm brüllte lauter, und der Schnee stürzte herab. Es wurde so

finster, als wären die Sonne und der Mond und Sterne erloschen. Große

Felsblöcke rollten in das Tal hinab; die Berge bebten und spalteten

sich. Es war, als ob die Welt untergehen wollte.

Aber durch das Dunkel leuchtete das grüne Gewand des Frühlings, und

gewaltiger als Sturm und Donner tönte sein Sang. Erde, Luft und Wasser

sangen mit; der elendeste Grashalm unterm Schnee, die Krähe im Walde,

der Regenwurm in der Erde -- sie alle nahmen nach besten Kräften daran

teil. Selbst die Bäume, die unter dem Griff des Sturmes im Walde

gestürzt waren, verkündigten in ihrer Todesstunde den Frühling:

„Du weißt, du mußt doch weichen und mußt dein Tun beenden.

Mein milder Sang auf Erden will Glück und Freude spenden.

Du weißt, ich bin gekommen, des Sommers Schloß zu bauen

auf deinen öden Stätten, auf Bergeshöh’n und Auen.“

Da ergab sich der Winter.

Der Sturm fuhr mit Geheul nach Norden über die Berge, und es hörte auf

zu schneien. Der Fluß trat in sein Bett zurück. Nur hin und wieder

hörte man noch ein Knacken im Walde, wenn ein Zweig, der vom Unwetter

getroffen war, zu Boden fiel. Sonst war es ganz still.

Und dann begann es zu tauen.

Oft hatte der Schnee in der Sonne geglitzert und war froh darüber

gewesen, aber das war eine andere Sonne als die, die jetzt auf ihn

herabstarrte. Die Sonne, die jetzt am Himmel dahinwanderte, konnte den

Schnee nicht leiden, und der Schnee war ihr nicht hold.

„Was in aller Welt willst ~du~ hier?“ fragte die Sonne, immer

neugieriger starrend.

Und dem Schnee wurde ganz wunderlich zumut, und er wünschte sich weit

fort. Er schmolz oben, so daß große Löcher entstanden, und er schmolz

unten, so daß er plötzlich zusammenfiel und fast zu einem Nichts wurde.

Überall unter ihm lief das Wasser in Bächen durch den Wald, den Abhang

hinab, über die Wiese, in den Fluß hinein, der unverdrossen damit zum

Meere strömte. Allerorten standen Wasserpfützen, große und kleine;

langsam sickerten sie in die Erde hinab, während der Frost schwand.

Aber manchmal mußten sie warten, denn die Erde konnte nicht so viel auf

einmal trinken.

[Illustration]

Und während es stärker und stärker taute und die Schneeschicht mit

jedem Tage dünner wurde, stand der Frühling oben am Waldesrande, beugte

sich zur Erde vor und sang:

„Schneeglöckchen keck,

starbst du aus Schreck

vorm Winter, dem Geck?

Leuchte ihm heim!“

Bei dem Gesang des Frühlings brachen hundert Schneeglöckchen aus

der Erde hervor und leuchteten weiß und grün. Sie nickten mit ihren

schweren Köpfen, und der Frühling nickte ihnen zu. Aber dann schritt er

weiter, bis er nach einem Weilchen wieder stehen blieb und sang:

„O Krokuskind,

ach, komm geschwind,

bring dein Angebind,

gelb, weiß, blau!“

Sofort öffneten sie ihre Kronen und reckten sich, so kurz sie auch

waren, denn sie waren ja stolz, weil sie sich unter den ersten

befanden. Aber während die Schneeglöckchen noch in Scharen hervorkamen,

stand der Frühling schon an einer andern Stelle und sang:

„Kätzchen am Weidenzweig,

andern die Wege zeig’!

Schnell aus dem Schlummer steig’,

bist doch sonst nicht so faul!“

Und alle Weidenzweige bedeckten sich mit gelben Kätzchenblüten, die

vergnügt hinübergrüßten zu Krokus und Schneeglöckchen. Und der Frühling

winkte dem Pfefferstrauch, und der war im Nu mit hellroten Blüten

bedeckt. Aber der Frühling bog die untersten Zweige beiseite und beugte

sich tiefer zur Erde vor als vorher und sang so mild wie noch nie. Und

das Veilchen entfaltete seine breiten grünen Blätter, um ihm zu zeigen,

daß es bereit war.

Da schwamm der Nebel über das Tal heran. Niemand konnte sehen, woher er

kam, aber er war nun einmal da und blieb viele Tage lang.

Das waren seltsame, stille Tage. Überall sickerte, rieselte, brodelte,

siedete es in der Erde, sonst war kein Laut zu hören. Stumm glitt der

Nebel die Hügel hinan, in den Wald hinein, und hängte schwere Tropfen

an alle Zweige. Und die Tropfen fielen herab vom Morgen bis zum Abend

und vom Abend bis zum Morgen.

So dicht war der Nebel, daß der Fluß ganz darin verschwand, so daß man

ihn nur strömen hörte. Und die Hügel verschwanden auch und der Wald, so

daß man nichts als die äußersten Bäume sah, und selbst sie erschienen

als Schatten auf der grauen Nebelwand.

Aber dort, wo der Nebel am dichtesten war, war der Frühling. Und je

dichter der Nebel wurde, desto stärker leuchtete das grüne Gewand des

Frühlings hervor. Und während das Wasser sickerte und die Tropfen

tropften und der Fluß dahinströmte, sang der Frühling:

„Stille, stille rinnen

traufende Tropfen von hinnen!“

Aber oben im Gebirge lag lauernd der Winterfürst. Er sah, wie der

Schnee schmolz und verschwand; er sah die Blumen kommen und konnte

nichts dagegen tun. Bis hoch in die Berge hinauf schmolz der Schnee,

und er dachte, es werde ganz toll werden, wenn er nicht etwas

unternähme.

Im Dunkel der Nacht schlich er ins Tal hinunter, am nächsten Morgen

war Eis auf den Pfützen, und der Nebel hatte sich auf der Wiese als

funkelnder Reif niedergeschlagen.

Aber als der junge Frühling das sah, lachte er bloß.

„Das hilft dir doch nichts,“ sagte er. Und er hob sein junges Antlitz

zum Himmel und rief:

„Sonne!“

Sofort teilten sich die Wolken, und vor der Sonne schmolzen das Eis

und der Reif. Dann versteckte die Sonne sich wieder hinter den Wolken,

der Nebel schwamm von neuem über den Höhen, und allerorten brodelte,

sickerte, rieselte und tropfte es. Schneeglöckchen, Krokus und Weide

blühten, daß es eine Lust war, und das Veilchen streckte vorsichtig

seine Knospen aus dem Erdreich hervor.

„Nun ist’s gut!“ sagte der Frühling.

Kaum war ihm das Wort entfahren, so kam ein munterer Wind über die

Hügel herbeigesprungen.

Der schüttelte die Tropfen von den Zweigen der Bäume, daß sie in

plätscherndem Regen zur Erde fielen. Dann fächelte er in dem alten,

welken Grase auf der Wiese, bewegte die Fluten in dem Flusse und

zerstreute den Nebel im Handumdrehen. Darauf machte er sich daran, die

feuchte Erde zu trocknen, und verjagte die Wolken über die Berge. Dort

oben blieben sie hängen und verbargen das zornige Gesicht des Winters.

Aber Tag um Tag glitt die Sonne an einem blanken, blauen Himmel dahin,

und es wurde warm im Tale:

„Nun wächst hervor aus des Nebels Grau

mein trautes Veilchen verschämt und blau,

ein Sonnenlächeln im Auge,

an der Wimper diamantenen Tau.“

Und als der Frühling dieses Liedlein gesungen hatte und es zum Gipfel

der Felsen, auf den Grund des Flusses und an die Grenze des Tales

tönte, da ereignete sich all das Folgende ungefähr gleichzeitig und mit

einer solchen Geschwindigkeit, daß man es fast gar nicht erzählen kann.

Des Nachts war das Tal voll leisen Getöns. Aber niemand konnte etwas

vernehmen, wenn er nicht das Herz voll grüner Triebe hatte.

Das waren die aufbrechenden Knospen. Winzige grüne Tüten rollten sich

auf, Zweige streckten, Blüten entfalteten sich, Düfte wogten, und

Gräser wuchsen.

Am Tage war manchmal Sonnenschein und manchmal Regen, aber immer war es

gut. Und ein jeder, der Augen hatte zu sehen, sah, was da vorging.

Zuerst wurde der Waldboden ganz weiß von Anemonen, so weiß, daß

der Winter, der durch eine Spalte in den Wolken herabspähte, einen

Augenblick glaubte, es sei Schnee. Er freute sich so unbändig wie seit

dem Februar nicht; aber als er seinen Irrtum gewahrte, schlich er sich

zum letztenmal in einer Nacht in den Wald hinein und biß so vielen

Blumen, wie er vermochte, die Kehle durch.

Aber für jede, die starb, kamen tausend neue hervor. Und mitten unter

den Anemonen standen Lerchensporn und Lungenkraut mit blauen und roten

Blüten -- ganz nach Belieben, Sauerklee, der so zart war, daß er

verwelkte, wenn man ihn nur anrührte, Schlüsselblume und Ehrenpreis,

der klein, aber sehr, sehr blau und gar stolz war.

Die Wiese bekam einen funkelnagelneuen Grasteppich, der mit gelben

Butterblumen- und Löwenzahntupfen geschmückt war. An den Gräben sah man

einen Saum von hübschem lila Wiesenschaumkraut, und nach dem Flusse hin

stand eine Schilfborte, die mit jedem Tage breiter und dicker wurde.

Vom Grunde des Sees her wuchsen die dicken Seerosenstengel um die Wette

nach der Oberfläche hin, und die Frösche, die den ganzen Winter über

im Morast gehockt hatten, krochen heraus, streckten die Hinterbeine,

schwammen an die Oberfläche und ließen ihr erstes Quorax! hören, so daß

einem unbedingt weich ums Herz werden mußte.

Aber die Krähen, Spatzen und Buchfinken, die den Winter über im Tale

ausgehalten hatten, veranstalteten einen Lärm, als hätten sie den

Verstand verloren.

Sie rannten auf der Wiese umher, hackten auf die weiche Erde ein und

nippten von dem Grase, obwohl sie recht gut wußten, daß sie sich den

Magen daran verderben würden. Sie schlugen mit den Flügeln und brachten

ein Hurra auf den Frühling aus, daß man hören konnte, sie meinten es

ehrlich. Auch die Kohlmeise war dabei und der Zaunschlüpfer, so klein

er auch war. Sie waren ja die ganze Zeit dagewesen wie die andern und

hatten schlimme Stunden erlebt.

Und die Krähe wußte ganz und gar nicht, auf welchem Bein sie stehen

sollte. Das Männchen fing an, mit dem Weibchen zu tändeln, mit dem es

im vorigen Jahr und den ganzen Winter hindurch zusammen gewesen war

und mit dem es sich noch im Februar tüchtig um einen toten Stichling

gezankt hatte. Der Spatz setzte sich neben die Spätzin, steckte die

Nase in die Luft und sang, als wäre er eine Nachtigall. Die Kohlmeise

hatte das reine Frühlingsfieber. Sie schloß die Augen und erzählte dem

Weibchen die abenteuerlichsten Märchen von leckeren Regenwürmern und

fetten Fliegen, die einem geradeswegs in den Hals hineinflogen, ohne

daß man einen Flügel zu rühren brauchte. Und der Herr Buchfink legte

sich eine neue, flotte rote Hemdenbrust zu, so daß seine Frau sich vor

Bewunderung nicht zu fassen wußte.

[Illustration]

Aber das Zaunschlüpferweibchen, dessen Mann Weihnachten Hungers

gestorben war, zupfte und putzte sich die Federn, damit es aussah wie

eine schmucke junge Witwe.

Und der Frühling lachte und nickte allen freundlich zu.

„Ihr seid tüchtige Gesellen,“ sagte er. „Ihr habt Böses durchgemacht

und verdient einen vergnügten Tag. Aber nun muß ich mein anderes

Vogelvolk herbeiholen.“

Er wandte sich nach Süden hin, klatschte in die Hände und sang:

„Drossel, Lerche, Mönch und Specht

und die ganze Bande,

Zeisig, Schwalbe, freu’n sich recht:

Lenz regiert im Lande!

Kommet alle, Storch und Star,

Winter kann nicht mehr töten.

Komme jeder, der hier war,

singen kann und flöten.“

Da rauschte es in der Luft von tausendfachem Flügelschlag, und

die Schar der Zugvögel fiel wie ein Heer in das Tal nieder. Jede

Nacht zitterte die Luft vom Zug der Vögel, und jeden Morgen war des

Gezwitschers kein Ende.

Da saß der Star und flötete in seinem schwarzen Frack, mit allen seinen

Orden auf der Brust. Dort jagte die Schwalbe durch die Luft, drüben

im Gesträuch hüpften Zeisig, Hänfling, Nachtigall und Mönch. Der

Rohrsänger schlug seine Triller im Schilf am Flußufer in so rührender

Weise, daß man darüber hätte weinen können. Die Drossel übernahm die

tiefen Töne und der Stieglitz die hohen; der Kuckuck wagte seinen

ersten Ruf, und der Kiebitz saß auf seinem Hügelchen und benahm sich

wie ein Geck.

[Illustration]

Aber der Storch schritt über die Wiese hin und ließ sich zu keinem

Lächeln herab. Inzwischen war der Wald ganz ergrünt, aber die Blätter

waren noch klein, so daß die Sonne zu den Anemonen hinabschauen

konnte. Die Maiglöckchen versandten ihren Duft für die vornehmen

Nasen und der Waldmeister für die andern. Die grünen Blüten der Buche

baumelten von den neuen, dünnen Zweigen herab, Kirsche und Schlehe

waren weiß vom Scheitel bis zur Sohle, Baldrian, Milchstern und

Läusekraut taten ihr bestes. Das Täschelkraut, das das ganze Jahr

blühte, ärgerte sich darüber, daß niemand ihm Beachtung schenkte,

das Knabenkraut aber sah unheimlich-geheimnisvoll drein, weil es so

sonderbare Knollen in der Erde hatte.

Tief im Buchengestrüpp, wo es am grünsten und schönsten war, saß ein

verliebter Zeisig und hielt um seine Herzallerliebste an, die auf einem

Zweige neben ihm herumhüpfte und ganz so aussah, als verstände sie

keine Silbe von dem, was er meinte.

Er flötete:

„Und willst du meine Herzliebste sein --

heisa, hopsa, gesungen!

Ich schaffe dir ein Nestchen fein

mit vier sauberen Jungen!

Wir bauen es mit Fleiß und Pein

im grünen Busch der Eichen.

Die gelbschnäbligen Kinderlein

sollen dem Vater gleichen.

Und ich verbleib’ dir gut und treu,

solang’ ich dich mag leiden,

fang’ Fliegen und Mücken dir immer aufs neu’

am Bächlein unter den Weiden.

Und früh flieg’ ich zur Arbeit aus,

das Nest mußt du besorgen,

sitz’ abends dann bei dir zu Haus,

froh trillernd wie am Morgen.“

Als er sein Lied zu Ende gesungen hatte, sah er das Weibchen an, und

als es ihm nicht sofort antwortete, hackte er sie tüchtig mit dem

Schnabel.

„Laß das!“ sagte sie da.

Als er sie dann aber nicht mehr hackte, sondern die Flügel hob, als

wolle er auf und davon fliegen, da beeilte sie sich zu singen:

„So will ich deine Liebste sein --

nicht oft hab’ ich’s gelitten.

Und wär’s nicht um die Kinderlein,

so würd’ ich mir’s verbitten.“

Nun flogen sie zusammen singend durch den Wald. Und kaum waren sie

fort, als zwei andere Vögel kamen, sich auf denselben Zweig setzten und

das gleiche Lied auf eine andere Art sangen.

Aber die Blätter der Buche wuchsen, und es kamen immer mehr und mehr.

Dichter und dichter legten sie sich über den Wald, und eines schönen

Tages war es der Sonne ganz unmöglich, ein Loch zu finden, durch das

sie hinabgucken konnte.

Da bekamen die Anemonen einen großen Schreck.

„Schein’ auf uns, Sonne, oder wir sterben!“ schrien sie.

Sie riefen dem Winde zu, er solle die garstigen Blätter aus dem Wege

fegen, damit die Sonne ihre lieben kleinen Anemonen sehen könne. Und

der Buche riefen sie zu, sie solle sich schämen, daß so ein großer,

starker Baum unschuldige Blumen töten wolle. Und den Frühling flehten

sie an, ob er ihnen nicht in ihrer Not helfen wolle.

Aber die Sonne sah sie nicht, und der Frühling hörte sie nicht, die

Buche schenkte ihnen keine Beachtung, und der Wind lachte sie aus. Ein

solcher Jubel war in dem Tale, daß ihre Stimme darin ertrank, und sie

starben, ohne daß es beachtet wurde.

[Illustration]

Jeden Tag kamen neue Blumen, leuchtende, duftende. Jeden Tag wußten

die Vögel ihrem Gesang noch einen Triller hinzuzufügen. Der Hirsch

brüllte, noch bevor die Sonne aufging, auf der Waldwiese, und die

Hindin antwortete und sprang dahin. Jede Sekunde schnellten die Fische

im Wasser empor, und das Quaken der Frösche im Graben fand kein Ende.

Die Schlange wand sich am Hügelrand hin und spielte mit ihrer Zunge;

auf jeder Hecke saßen braune Mäuslein und schauten einander verliebt

an. Selbst die Fliegen summten zärtlicher als gewöhnlich.

Als aber der Jubel auf seinem Höhepunkt war, da stand der junge

Frühlingsfürst oben im Tal, wo das Gebirge es nach Norden einschließt,

und er schaute über sein Reich hin. Seine Augen waren betaut und

verträumt, und sein Mund lächelte unaufhörlich. Er knüpfte das grüne

Seidenband, daran er seine Laute trug, über der Schulter, griff noch

einmal in die Saiten und summte dazu. Es war ein wunderschöner Tag, an

dem die Vögel ihren Gesang dämpften und die Blumen sich schlossen.

Und der Frühling beugte sich über ein blaues Blümlein hinab, das an

seinem Fuße keimte, und sang wehmütig:

„Vergißmeinnicht, blaues,

träumendes,

liebliches,

holdes Blümelein!“

Dann zog er fort -- nach Norden. Und wohin er seinen Fuß setzte, da

schmolz der Schnee, und die Blumen blühten auf.

Als er aber an den letzten Punkt gekommen war, von wo er noch das Tal

sehen konnte, wandte er sich um.

[Illustration]

Und ganz im Süden, wo das Tal in der Ebene ausmündete, stand der

Sommer, hoch und rank. Sein Gesicht und seine Hände waren von der Sonne

gebräunt, seine Augen mild und warm wie die Sonne. Über der Schulter

trug er einen Purpurmantel, um die Lende einen goldenen Gürtel. Darin

saß eine wunderbare rote Rose.

Da neigte der Frühling sich tief und ging über die Berge davon.

Der Sommer.

Nun dämmert’s im Gesträuch.

Die sternenhohe Sommernacht

zieht durch die weiten Lande sacht.

Niemand hatte das Lebewohl des Frühlings und das Kommen des Sommers

beachtet.

Die Vögel sangen, und die Fliegen summten. Die Mücken hopsten in der

Luft herum, bis die Schwalbe den Ball für beendet erklärte; die Blumen

dufteten, die Frösche quakten, der Hirsch brüllte auf der Waldwiese.

Des Jubels war kein Ende.

Und während die Berge noch ergrünten, wo der Frühling seinen Fuß

hingesetzt hatte, bis zu dem ewigen Schnee des Winters auf den Zinnen

hin, stand der Sommerfürst eine Weile da und schaute auf das Reich, das

der Frühling verlassen hatte.

Von seiner Gestalt ging ein so starker Sonnenglanz aus, daß es im Tale

wärmer wurde, als es je gewesen war. Seine Augen leuchteten, sein

Purpurmantel erstrahlte, der goldne Gürtel um seine Lenden flammte wie

Feuer, die rote Rose im Gürtel glühte.

Dann hob er seine Hand, als wollte er Ruhe gebieten. Aber niemand

beachtete ihn. Der Zeisig hüpfte mit seinem Schatz im Gebüsch umher,

sah sie verliebt an und hackte mit dem Schnabel nach ihr. Die Fische

spielten lustig im Wasser, die Wiese prangte in all ihrem Glanz, und

der Wald stand in grüne Träume versunken.

Der Sommer hob lächelnd von neuem die Hand. Da das nichts half,

runzelte er die Brauen, und sein Gesicht verfinsterte sich.

Und in demselben Augenblick trat ein Schleier vor die Sonne. Von

Osten und Westen her kamen schwere Wolken langsam über die Hügel

herauf, schwerer und schwärzer, als das Tal sie je gesehen hatte, mit

seltsamen, dicken Rändern. Aus den Wolken rollte der Donner, in weiter

Ferne und gedämpft, aber so, daß ein jeder seine Macht erkennen konnte.

Die Wolken kamen näher, und es wurde immer dunkler, blieb aber trotzdem

warm. Im Walde mußte man glauben, daß es Abend sei. Der Wind bekam

Angst, lief hinter die Hügel und legte sich. Die Luft wurde sonderbar

drückend und schwer. Die Blätter der Bäume hingen schlaff herab,

als wären sie krank, und die Blumen beeilten sich, ihre Kronen zu

schließen. Niemand wußte, wo die Fliegen blieben, aber fort waren sie.

Die braunen kleinen Mäuse vergaßen ihre verliebten Narrenspossen,

saßen in ihren Stuben und pfiffen. Der Hirsch legte sich hinter den

dichtesten Sträuchern nieder, die Frösche bekamen ihr Quorax in die

verkehrte Kehle und verzogen sich nach dem Grunde, als ob der Winter

vor der Tür stünde. Rings unterm Laube saßen die Vögel und starrten mit

bangen Augen.

[Illustration]

Und der Sommer war nicht länger Licht und Sonne. Während die Wolken

sich zusammenzogen, erlosch der Glanz, der ihn umwogte. Schließlich

stand er wie eine gewaltige schwarze Wolke in der Gestalt eines Riesen

am Ende des Tales.

Da erbrauste es plötzlich über den Hügeln, daß alle den Atem verloren.

Die Bäume neigten sich im größten Entsetzen, der Fluß hob sich und

sprang davon wie ein Roß, das sich bäumt und wild wird.

Da klang es, als liefen tausend leichte Füße über die Erde hin... das

waren die ersten Regentropfen. Im nächsten Augenblick stürzte der Regen

herab, und jeder Laut ging unter in seinem Geplätscher.

Ein sehr starker Blitz folgte, so daß man alles sehen konnte, aber

aller Augen wurden geblendet. Dann trat das tiefste Dunkel ein, und der

Donner rollte, daß die Berge bebten.

Aber durch den Donner hindurch tönte die Stimme des Sommers, und

niemand hatte je eine so starke Stimme vernommen:

„Ich bin es... der Sommer, der die Herrschaft über das Land übernimmt.

Mein ist der Donner, der überm Tale brüllt. Hört ihr... das Echo rollt

von den Bergen... die Erde dröhnt unter meinem Fuß... der Sommer kommt.“

Der Donner hörte auf, aber der Regen fuhr fort zu strömen. Aber durch

ihn hindurch sprach die Stimme des Sommers, und noch nie hatte jemand

eine so milde Stimme vernommen:

„Ich bin es... der Sommer, der die Herrschaft übernimmt. Was grün

ist, soll noch grüner werden, das Schöne noch tausendmal schöner. Der

Duft der Blumen soll süßer, der Klang des Vogelgetrillers tiefer und

voller werden. Der Tag soll früher im Osten aufstehen und heller und

wärmer sein, die Nacht kühl und still, und der Wonne am Morgen und des

Friedens am Abend soll kein Ende sein.“

Als der Sommer so gesprochen hatte, während alles im Tale sich

vorbeugte, lauschte und verstand, schwieg der Donner, und der Regen

ließ nach.

Hoch und strahlend durchschritt der Sommerfürst sein Reich.

Wohin er kam, da teilten sich die Wolken und schwanden nach Ost

und West hinter den Hügeln. Der Himmel wurde wieder klar, und die

Wassertropfen, die an jedem Zweige und jedem Halme hingen, glänzten

in der Sonne. Die Blüten öffneten sich, die Vögel kamen unterm Laub

hervor, der Hirsch verließ sein Versteck und tauchte das Maul in das

weiche Gras.

Aber als die letzte Wolke verschwunden war und die Sonne den letzten

Wassertropfen weggetrocknet hatte, als jede Spur des Unwetters getilgt

war, da war es doch nirgendwo so wie vor dem Gewitter im Tal.

Es kamen mehr Blumen und neue Blumen hervor, und ihr Duft war süßer und

ihr Glanz größer, wie der Fürst des Sommers es verkündet hatte. Aber

es war, als wären alle ernster geworden.

Sie wiegten sich nicht mehr so sorglos auf ihren Stengeln und

versandten ihren Duft nicht mehr so verschwenderisch in alle Winde.

Aber wenn eine Biene oder ein Schmetterling geflogen kam, reckten alle

Blumen den Hals und leuchteten und dufteten doppelt so stark und riefen

überlaut ihren Honig aus, damit die Insekten kommen und ihnen den

Blütenstaub abnehmen sollten.

Und die Bienen hatten auch nicht so viel Zeit wie in den grünen Tagen

des Frühlings. Ihre Königin zu Hause legte Hunderte von Eiern, und sie

mußten Wachs ausschwitzen, Kammern bauen und Honig und Blütenstaub

holen, daß sie beinahe dabei zugrunde gingen. Und es waren so viele

Blumen da, daß sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. Im

Walde berauschten sie sich an dem süßen Duft der Lindenblüte und

des Geißblatts, auf dem Hügelhang flatterten sie geradeswegs in die

rote Flamme des Mohns hinein. Keine von ihnen konnte die Blumenkörbe

verschmähen, die Distel und Klette, Kamille und Löwenzahn ihnen

hinreichten. Kamen sie an die Hecke, so rief der Holunder, wollten sie

im Grase ausruhen, so bot die Winde ihnen ihren Kelch mit frischen

Tautropfen auf dem Rande und Honig auf dem Grunde dar; flogen sie

über den See hin, so lag die Seerose mit ihren weißen und gelben

Blütenblättern da und nickte auf den stillen Wassern.

Und wie es den Blumen und Bienen ging, so ging es überall. Nirgendwo

war es wie früher.

So viele Triller der Zeisig auch seiner Liebsten vorsang, so zärtlich

er auch den Kopf auf die Seite legte, so hitzig er auch mit dem

Schnabel nach ihr hackte -- sie machte sich nicht das geringste daraus,

sondern starrte stumm und ernst vor sich hin.

„Ich denke an das Nest,“ sagte sie schließlich.

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 12 / 16 段