„Schade, daß der Buchfink nicht da ist,“ sagte die Nachtviole. „Er war

so neugierig... hier hätt’ er was erfahren können!“

In dieser Nacht sprachen die Nachtblumen nicht mehr miteinander,

sondern sie sangen ihre Lieder und besorgten ihre Honigläden; der

Dämmerungsfalter und der Nachtfalter flogen hin und her. Der Roggen

aber wogte und flüsterte.

Als der Morgen graute, schlossen die Nachtviole und die Lichtnelke ihre

Blüten und schützten sich, so gut sie konnten. Und die Sonne ging auf,

und ihre Strahlen pochten an die Türen der wilden Tagblumen.

„Heraus mit euch, ihr Siebenschläfer!“ riefen die Strahlen.

Und die wilde Rose an der Hecke und der Löwenzahn am Grabenrande,

das Leinkraut, die Butterblume, die wilde Möhre und alle die anderen

bekamen Tau in die Augen, und ihre Blüten entfalteten sich. Bienen,

Hummeln, Fliegen und Schmetterlinge kamen hervor und summten in der

Luft. Die Blumen dufteten und leuchteten, und der Markt war in vollem

Gange.

*

Es wurde Herbst, und an der Hecke, wo die wilde Rose stand, sah es ganz

anders aus als früher.

Es waren fast keine Blumen mehr da. Das heißt, sie waren da, aber

sie blühten nicht mehr. Statt der gelben, roten, blauen und weißen

Blumenblätter trugen sie jetzt graue und braune Früchte. Darin lagen

die Samen und warteten auf die Zeit, da sie ganz reif sein und in die

Welt hinaus wandern würden.

[Illustration]

Es gab auch keine Schmetterlinge mehr, keine Bienen und Hummeln und

nur sehr wenige Fliegen; diejenigen, die noch vorhanden waren, hatten

matte Beine und Flügel. Der Roggen auf dem Felde war gemäht und in die

Scheune eingebracht -- die ganze Million Roggenhalme war verschwunden.

Der Bauer war damit beschäftigt, das Stoppelfeld umzupflügen, und

seinem Pfluge folgten schwarze Saatkrähen und weiße Möwen, die schrien

und mit den Flügeln um sich schlugen, während sie die Larven aus der

Erde hervorzupften.

Da kamen eines Tages die drei Studenten wieder des Weges, aber diesmal

in umgekehrter Richtung, denn die Ferien waren vorbei, und es ging

wieder an die Arbeit.

Oben auf dem Hügel, wo die wilde Rose stand, machten sie halt wie

das letztemal. Sie bohrten die Stöcke in die Erde, hängten aber die

Mützen nicht daran, denn es war windig und kalt. Sie nahmen auch keinen

Schluck aus ihren Feldflaschen, denn sie waren leer.

Aber der, der damals die Rede gehalten hatte, sprach wieder ein paar

Worte, und dabei streckte er den Ringfinger seiner rechten Hand in die

Luft und hieß die Kameraden dasselbe tun.

Und an jedem der drei Finger saß ein schöner, glatter, goldener Ring.

Denn die drei Studenten hatten sich alle drei in den Ferien verlobt.

[Illustration]

„Es ist aus, Kameraden!“ sagte der erste. „Die gute Zeit ist vorüber,

der Student muß zu den dicken, greulichen Büchern zurück, muß ochsen

vom Morgen bis zum Abend. Die Blumen wissen’s und trauern mit uns. Seht

euch um... all das ist weg, worüber wir uns so freuten, als wir das

letztemal hier standen! Der Roggen ist vom Felde verschwunden, die Rose

von der Hecke und der Wein aus der Flasche. Die Blumen sind verwelkt,

der Sommer ist zu Ende! Habt Dank, ihr wilden Blumen, weil ihr’s dem

Studenten erleichtert, die Nase wieder in die Bücher zu stecken.

Ständest du noch duftend an der Hecke, du wilde Rose, so wäre es uns

ja ganz unmöglich, in die dumpfe Stadt zurückzukehren. Habt alle Dank,

weil ihr für den Studenten geblüht habt und für ihn verwelkt seid!...

Vorwärts, Marsch!“

Und die Studenten ergriffen ihre Stöcke und zogen weiter. Aus der Ferne

noch erscholl ihr Gesang herüber:

„Grüne Erbsen, grüne Erbsen,

grüne Erbsen und Lämmerbraten!

Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein --,

Lämmerbraten kriegst du nicht, Brüderlein!“

Die wilden Blumen lachten vergnügt hinter den Abziehenden her. Aber so

laut wie das vorigemal war das Gelächter nicht. Denn alle hatten ja den

Kopf voll von Samen, und sie mußten gut acht geben, daß die nicht zu

früh abfielen.

„Sie sind unglaublich komisch!“’ sagte die wilde Rose. „Als wir

blühten, da war’s um ihretwillen ... und jetzt verwelken wir auch um

ihretwillen. Der Wald ist natürlich nur dazu da, damit sie Schatten

finden und Brennholz und Spazierstöcke bekommen! Die Quelle rieselt,

damit sie etwas zu trinken haben, und die Sonne scheint, damit ihre

Verlobungsringe blitzen. Gott behüte, was für eingebildete Tröpfe doch

die Menschen sind!“

Die vier Fürsten.

Prolog.

Seht, nun ist die Erde weiß und grün, je nachdem der Winter gebietet

oder der Lenz. Die Drossel flötet im Hain und der Kanarienvogel in

seinem Käfig, der Rauch steigt vom Dach des Hauses auf, und die

Kirchenglocke läutet das Ave ein. Der Einsiedler geht nachdenklich über

die Wiese, und der Dichter macht Verse.

[Illustration]

Aber einst war das anders. Wenn einstmals jemand auf der Erde einen

Spaziergang unternahm, so kam nirgendwo ein Hund aus den Häusern, um

ihn anzubellen. Denn auf der ganzen Erde gab es keinen einzigen Hund

und kein einziges Haus.

Er hätte keinen Baum, keine Blume und keinen Grashalm angetroffen. Er

hätte keinen Tropfen Wasser gefunden, um seinen Durst zu löschen.

Denn es war niemand auf der Erde -- niemand und nichts. ~Wäre~

einer dagewesen, der einen Spaziergang hätte machen wollen, so hätte er

das einfach gar nicht gekonnt. Denn die Erde war nichts als Dunst und

Nebel, darum wäre er durch sie hindurchgeplumpst und in den Weltraum

hinausgetanzt, wo die Sterne schwimmen.

Und das hätte ihm ja nicht gerade besonderes Vergnügen bereitet. Denn

wenn er nicht rund gewesen wäre und schön geleuchtet hätte, würde er

unter den Sternen eine recht üble Figur gemacht haben.

So war es.

Aber die Erde konnte wohl begreifen, daß es unmöglich so bleiben

konnte. Es hatte keinen Sinn, daß nur Rauch bei der Sache herauskam.

Darum nahm sie sich zusammen und tat ihr möglichstes. Aber sie mußte

entsetzlich viel durchmachen, und es wurde eine strenge Zeit für sie,

die sie nie vergessen kann, und deren Spuren sie noch heute trägt.

Durch Feuer und Wasser mußte sie hindurch.

Jahrtausendelang flog sie im Weltraum als Feuerkugel umher, und als sie

schließlich von einer steinernen Rinde umgeben war, stürzte der Regen

auf sie herab und hörte nicht auf, bis sie als ungeheurer Wassertropfen

davonsegelte.

Währenddessen brach im Innern der Erde jeden Augenblick Feuer aus,

durchdrang die Rinde, sprengte und spaltete sie die kreuz und quer, so

daß die Stücke durcheinandergeworfen wurden.

„Meine arme, arme, liebe Erde!“ sagte die Sonne und warf ihr einen

milden Blick zu.

„Was willst du dich um den Klumpen da kümmern,“ sagte einer der großen

Sterne. „~Uns~ mußt du bescheinen, die wir dessen wert sind.“

„Für mich ist die Erde kein Klumpen,“ erwiderte die Sonne. „Sie ist

ebensogut mein Kind wie ihr alle. Und sie ist das jüngste und steht

darum meinem Herzen am nächsten. Es ist noch gar nicht so viele tausend

Jahre her, da riß sie sich von mir los und zog in die Welt hinaus,

um auf eigene Faust ihr Glück zu versuchen. Wenn sie sich nur wacker

hält und nicht die Laune verliert, dann werde ich gewiß Freude an ihr

erleben.“

Das hörte die Erde, und sie hielt aus.

Mit jedem Jahr, das verstrich, wurde die steinerne Rinde dicker, das

Wasser sank nach und nach in die Erde hinein, und das Land tauchte

auf. Aber die Rinde wurde so dick, daß das Feuer nicht hindurchbrechen

konnte, wann und wo es ihm gefiel, sondern sich gehörig zusammennehmen

mußte, wenn es Lärm machen wollte. Selbst da war die Drangsalszeit der

Erde noch nicht zu Ende.

Es war keine Ordnung in dem Ganzen.

[Illustration]

[Illustration]

In Grönland war es zum Beispiel ebenso warm wie in Italien. Es wuchsen

Pflanzen auf der Erde, aber wie seltsam waren sie! Da waren Farne und

Schachtelhalme, so groß wie jetzt die höchsten Bäume im Walde sind. Und

da waren auch Tiere, aber das waren sonderbare, unheimliche Bursche,

wie man ihnen heutzutage nie begegnet, außer in den alten Märchen. Es

gab Eidechsen, die waren 30 Ellen lang und schwammen im Wasser, und es

gab Drachen, die durch die Luft flogen und greulich anzusehen waren.

Und auf einmal wurde es auf dem größten Teil der Erde ganz unsinnig

kalt. Wohin man sah, lag Eis und Schnee, und Tiere und Pflanzen starben.

[Illustration]

Aber da brach das Feuer wieder hervor, so gewaltig wie noch nie, und

stürzte Berge und Täler um. Große neue Lande erhoben sich aus dem Meer,

und die breiten Wogen des Meeres überfluteten das alte Land.

Niemand verstand, welches Ende das nehmen würde.

„Meine arme, arme, liebe Erde!“ sagte die Sonne.

Aber wie schließlich Ordnung in alles kam -- das kann man in dem

Märchen von den vier Fürsten nachlesen.

[Illustration: Eine Zeitlang blieben sie so stehen]

Die erste Begegnung.

Auf der Erde reihum vier Fürsten regieren,

von Gottes Gnaden das Regiment sie führen,

ernten die Ehren, die ihnen gebühren.

Eines Tages geschah es, daß zwei Fürsten über die Erde wanderten; sie

gingen einander entgegen. Der eine kam von Norden, der andere von

Süden. Beide waren groß, größer, als Menschen sind, größer als die

Riesen in den Märchen. Ihre Häupter trugen sie königlich hoch, und ihre

Füße setzten sie fest auf die Erde, als ob sie ihnen gehörte.

Der aus dem Norden kam, war der älteste. Er war ein alter Mann mit

gewaltigem weißem Haar und Bart; zottig war seine nackte Brust, zottig

waren seine Beine und Hände. Stark und wild sah er aus, und seine Augen

waren kalt und streng.

Der von Süden kam, war jung, aber nicht weniger gewaltig als der

andere. Sein Gesicht und seine Hände waren von der Sonne gebräunt, und

seine Augen waren stark und mild wie die Sonne. Um die Schulter trug er

einen Purpurmantel, um die Lenden einen goldenen Gürtel, in dem eine

wunderbare rote Rose steckte.

Als die Fürsten einander aus weiter Ferne sahen, hielten sie einen

Augenblick an, und dann schritten sie kräftig aus, als ob sie sich

danach sehnten zusammenzutreffen. Aber als sie einander etwas näher

gekommen waren, standen sie wieder still. Den Jungen durchschauderte

es, als er dem Blick des Alten begegnete, und auf der Stirn des Alten

sprang der Schweiß hervor, als der Junge ihn ansah.

Eine Zeitlang blieben sie so stehen. Dann setzten sie sich jeder auf

einen Berg und starrten einander an.

Der Junge nahm zuerst das Wort.

„Du bist wohl der ~Winter~?“ fragte er.

Der Alte nickte.

„Ich bin der Winter, der Herr der Erde,“ erwiderte er.

Der Junge lachte, daß es in den Bergen widerhallte.

„Aha,“ sagte er. „Und ich bin der ~Sommer~, der Herr der Erde.“

Eine Weile saßen sie da und maßen einander mit zornigen Blicken.

„Ich bin ausgezogen, um dich zu treffen und mit dir zu reden,“ sagte

der Winter darauf. „Aber ich mag dich nicht leiden.“

„Meine Absicht war, dich zur Vernunft zu bringen,“ sagte der Sommer.

„Aber ich kann deinen Anblick kaum ertragen, so häßlich bist du.“

„Sollen wir die Erde unter uns teilen?“ fragte der Winter. „Überall

bist du zu finden mit deinem heißen Sonnenschein, du machst mein Eis

schmelzen und pflanzest deine garstigen Blumen. Ich übe Vergeltung, wie

du weißt. Ich ertränke deine Geschöpfe im Schnee und zerstöre deine

Freude. Wir sind gleich stark... Wollen wir Frieden schließen?“

„Wie sollte das wohl zugehen?“ fragte der Sommer mißtrauisch.

„Ein jeder muß sich auf sein Gebiet beschränken,“ entgegnete der

Winter. „Ich habe meine Eisburg im Norden, dahin kannst du niemals

kommen; und du hast dein Sonnenschloß im Süden, dahin reicht meine

Macht nicht. Da der eine den Anblick des andern nicht ertragen kann,

können wir ja einen breiten, öden Gürtel zwischen unsre Reiche legen.“

„Nichts soll öde sein,“ sagte der Sommer. „Alles soll grün sein,

soweit es in meiner Macht steht. Ich liebe es, von meinem Sonnenschloß

über die Erde hinzuwandern, und ich will mein Licht und meine Wärme

so weit in deine Eisfelder hineintragen, wie ich vermag. Ich kenne

keine größere Freude als die, einen grünen Fleck in deinem Schnee

hervorzuzaubern -- und sollte es auch nur für einen Tag sein.“

„Wie eingebildet du bist, weil du augenblicklich Glück hast,“ erwiderte

der Winter. „Aber du solltest bedenken, daß die Zeiten sich ändern

können. Ich ~war~ einmal der Mächtigste, und ich kann es wieder

werden. Vergiß nicht, daß ich aus der ewigen Kälte des Weltraums

geboren bin.“

„Und ich bin das Kind der Sonne und war vor dir mächtig,“ sagte der

Sommer stolz.

Der Winter ließ die Finger durch seinen Bart gleiten, und eine Lawine

stürzte an den Hängen des Berges hinab.

„Uha!“ rief der Sommer, sich fester in seinen Mantel hüllend.

„Willst du meine Macht sehen?“ fragte der Winter.

Er hob seine Arme, und in demselben Augenblick verwandelte sich der

Berg, auf dem er saß. Ein Sturm donnerte darüber hin, und der Schnee

stürzte aus der Luft herab. Ein Bach, der munter den Hang hinablief,

wurde plötzlich zu Eis; ein Wasserfall, der über dem Abgrund sang und

toste, schwieg sofort, und das Wasser gefror zu langen Eiszapfen. Als

es aufhörte zu schneien, war der Berg weiß vom Scheitel bis zur Sohle.

„Nun kommt die Reihe an mich,“ sagte der Sommer.

Er nahm die Rose aus dem Gürtel und warf sie auf den Berg, auf dem

er saß, und sogleich schossen die herrlichsten Rosen aus dem Boden

hervor. Sie nickten im Winde von den Felsenspitzen und füllten die

Täler mit ihrem Duft und ihren Farben. In jedem Strauch saßen muntere

Nachtigallen und sangen, und an den Stengeln der Blumen hingen schwere

Tautropfen, die in der Sonne glitzerten.

„Nun?“ sagte der Sommer.

Der Winter beugte sich vor und starrte unverwandt auf die schönste der

Rosen. Da gefror der Tautropfen, der unter der Blume hing. Der Vogel,

der auf ihren Zweigen saß und sang, fiel steif zur Erde, und die Rose

selber verwelkte.

„Nun?“ sagte der Winter.

Aber der Sommer erhob sich und sah mit seinen milden Augen den Berg

des Winters an, dort, wo der Schnee am tiefsten lag. Und wohin er

blickte, schmolz der Schnee, und aus der Erde brach eine große, schöne

Weihnachtsrose hervor.

So konnten die beiden Fürsten zu keiner Einigung kommen.

Der Tag verstrich, es wurde Abend und Nacht. Der Mond beschien den

prächtigen Schneeberg, der wie Diamanten glitzerte und glänzte. Drüben

vom Berg des Sommers her erscholl der Gesang der Nachtigall, und der

Duft der Rosen schwebte in den Raum hinaus.

*

Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, kamen zwei andere Fürsten just

auf die Stelle zu gewandert, wo der Winter und der Sommer saßen und

einander böse Blicke zuwarfen.

[Illustration]

Der eine kam von Osten, der andere von Westen. Sie waren von kleinerer

Gestalt als der Winter und der Sommer und nicht so stark und

ehrfurchterweckend anzusehen. Aber groß waren sie doch, und man sah

deutlich, daß es hohe, mächtige Herren waren. Denn sie gingen frei und

stolz über die Erde hin und schauten ohne Scheu und Angst um sich.

Der von Osten kam, war der jüngere, ein blutjunger Mann, ohne ein

Haar am Kinn. Sein Gesicht war weich und rund, der Mund lächelte

ununterbrochen, und seine Augen waren verträumt und betaut. Sein

langes Haar war mit einem Bande umwunden wie das eines Weibes. Er

war ganz grün gekleidet. Das Band um sein Haar war grün und ebenso

die Schleifen an seinem Fuß, und über der Schulter trug er an einem

breiten grünseidenen Band eine Laute. Er wanderte so heiter und leicht

dahin, als ob seine Füße die Erde nicht berührten, und die ganze Zeit

trällerte er vor sich hin und spielte auf der Laute.

[Illustration]

Der von Westen kam, war viel älter. Sein Haar und Bart waren

graugesprenkelt, und er hatte Runzeln auf der Stirn. Aber er war schön

anzusehen und prachtvoll gekleidet. Sein Mantel leuchtete rot, braun,

grün und gelb, und während er der Sonne entgegenlief, breitete sich

der Mantel aus und strahlte in allen seinen Farben. Er selbst starrte

vergnügt in den Sonnenglanz hinein, als könnte er nicht genug davon

bekommen. In der Hand trug er ein gewaltiges Horn. Als die beiden in

der Nähe der anderen waren, verneigten sie sich tief vor ihnen. Der von

Osten gekommen war, verbeugte sich besonders tief vor dem Sommer; der

andere aber erwies dem Winter besondere Ehrfurcht.

Darauf setzten sich beide einander gegenüber auf einen Berg, und alle

vier saßen eine Zeitlang schweigend im Kreise.

[Illustration]

„Was seid ihr für Leute?“ fragte dann der Winter.

„Ich bin der ~Herbst~,“ sagte der, der von Westen gekommen war.

„Ich bin der ~Frühling~,“ erklärte der andere.

Der Winter sah sie scharf an und schüttelte den Kopf.

„Ich kenne euch nicht,“ sagte er.

„Ich hab’ eure Namen nie nennen hören,“ sagte der Sommer.

„Wir sind gekommen, um über die Erde zu herrschen,“ sagte der Frühling.

Aber da ergrimmte der Winter. Er hüllte sein Haupt in den

furchtbarsten Schneesturm, der je über das Land gekommen war, und aus

dem Sturme erscholl seine Stimme wie Donner:

„Geht eurer Wege, dahin, woher ihr gekommen seid! Wir kennen euch nicht

und wollen nichts mit euch zu tun haben. Der Sommer und ich, wir sind

die Fürsten der Erde, und es ist bereits einer zu viel. Kommen noch

mehr hinzu, so wird es ewig Spektakel geben.“

„Wir sind nicht gekommen, um Spektakel zu machen, sondern um Frieden zu

stiften,“ wandte der Herbst sanft ein.

„Zwischen dem Winter und mir ist kein Friede möglich,“ sagte der Sommer.

„Darum wollen wir euch voneinander trennen,“ meinte der Frühling. „Wir

beide, die wir heute gekommen sind, wissen recht gut, daß wir nicht so

viel Macht haben wie ihr. Wir beugen uns ehrerbietig vor euch, weil

eure Gewalt größer, euer Reich stärker befestigt ist. Wir erkühnen uns

nicht zu Eingriffen in euer Herrschbereich. Aber wir wollen bei euch

bleiben und verhindern, daß ihr die Erde vernichtet.“

„Ja, könntet ihr ~das~!“ rief der Sommer aus.

„Ja, das hätte Sinn,“ brummte der Winter.

„Wir können’s,“ erklärte der Herbst. „Wir verstehen euch beide, weil

wir etwas von euch beiden in uns haben. Wenn ihr euch einander nähert,

wird der eine von uns beiden zwischen euch treten; und das Land, wo wir

sind, soll dann unser sein.“

„Ich lasse niemals von meiner Eisburg im Norden!“ rief der Winter.

„Ich dulde keinen fremden Fürsten in meinem Sonnenschloß im Süden!“

rief der Sommer.

„Das sollt ihr auch nicht,“ sagte der Herbst. „Dort, wo ihr in eurer

ganzen Macht herrscht, soll niemand euch stören. Aber nun hört, was ich

sagen will. Wenn ihr über die Erde hinzieht, werden der Frühling und

ich stets zwischen euch sein, die Spuren dessen, der fortzieht, mildern

und dem Kommenden den Weg bahnen. So wollen wir eine Weile herrschen,

jeder zu seiner Zeit und ein jeder den vierten Teil des Jahres lang.

Wir wollen einander folgen in einem Kreise, der nie durchbrochen, nie

verändert wird. So kommt Friede und Ordnung in die Angelegenheiten der

armen Erde.“

Als der Herbstfürst gesprochen hatte, schwiegen alle eine Weile und

schauten vor sich hin. Der Winter und der Sommer mißtrauten einander,

und keiner wollte das erste Wort sprechen. Aber der Frühling und der

Herbst erhoben sich bald und verneigten sich vor den beiden andern

Machthabern.

„Ich will das Tuch des Sommers ausbreiten,“ sagte der Frühling.

„Ich will das Ruhelager des Winters zurechtmachen!“ versprach der

Herbst.

„Ich will Erde und Wasser von den Fesseln des Eises befreien und für

deine Herrlichkeit vorbereiten, du holder Sommer,“ sagte der Frühling.

„Ich werd’ dich in die Ferse beißen,“ schrie der Winter.

„Und ich will deinem Sturm und Schnee Platz schaffen, gestrenger

Winter,“ sagte der Herbst. „Aber zuerst will ich den Ertrag des Sommers

unter Dach bringen.“

„Ich will dir meine letzten Sonnenstrahlen nachsenden und dir schöne

Tage geben,“ gelobte der Sommer.

Wieder saßen die vier Fürsten schweigend da und starrten über die Erde

hin.

Und wieder wurde es Abend und Nacht. Der Mond stieg auf den Schneeberg,

die Rosen des Sommers dufteten, der Frühling summte und griff in die

Saiten der Laute, der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde.

*

Am nächsten Morgen erhob sich der Winter und stand hoch und gewaltig

auf seinem Berge da. Da folgten die anderen Fürsten seinem Beispiel.

„Mag es denn so sein!“ verkündete der Winter. „Hunderttausend Jahre

lang soll es so sein und nicht anders. Wenn diese Zeit abgelaufen ist,

treffen wir uns wieder hier und reden miteinander darüber, wie es

gegangen ist.“

Da verneigten sich die vier Fürsten voreinander und schritten über die

Erde hin.

Der Frühling.

Nun wächst hervor aus des Nebels Grau

mein trautes Veilchen verschämt und blau,

ein Sonnenlächeln im Auge,

an der Wimper diamantenen Tau.

Der Winter saß auf den Bergen und starrte über das Tal hin.

[Illustration]

Er wußte, jetzt mußte der Frühling bald da sein; und er spähte

ängstlich nach ihm aus. Aber da war nichts anderes zu sehen als Schnee

und Schnee und noch mehr Schnee, und er fing an zu glauben, daß der

junge Frühling Angst bekommen habe.

Er lachte höhnisch und ließ seine Stürme die Zinnen der Berge umtosen.

Wild fuhren sie über die Höhen dahin, knickten große Bäume im Walde und

zerbrachen das Eis auf dem Flusse. Sie trieben die Eisschollen vor sich

her, warfen sie auf die Wiesen und peitschten das Wasser zu Schaum auf.

„Holla,“ sagte der Winter, „nur immer sachte, Kinder, immer sachte!“

Er hieß die Winde sich wieder legen, und knurrend krochen sie hinter

die Berge.

„Ich hatt’ euch gebeten, das Eis nicht zu zerschlagen,“ brummte der

Winter. „Nun muß ich sehen, eure Dummheit wiedergutzumachen. Denn Land

und Wasser sollen verrammelt sein, wenn der Windbeutel von Frühling mit

seinem Leierkasten getrippelt kommt.“

Als die Nacht anbrach und die Sterne erglänzten, starrte der Winter mit

seinen kalten Augen auf den Fluß, und im selben Augenblick legte sich

wieder Eis auf das Wasser. Aber die Wellen brachen es auf der Stelle

entzwei. Sie hüpften und tanzten und knickten die dünne Rinde, sooft

sie über ihnen eine Brücke schlug.

„Was ist ~das~?“ fragte der Winter erstaunt.

In diesem Augenblick ertönte unten im Tal ein leiser Gesang:

„Spielt auf, spielt auf,

haltet Tritt im Lauf,

ihr Wellen blau und sanft!“

Der Winter griff in seinen gewaltigen Bart und beugte sich vor, um zu

lauschen. Nun ertönte der Gesang wieder und lauter:

„Spielt auf, spielt auf,

haltet Tritt im Lauf,

ihr Wellen blau und sanft!

Gebt acht, gebt acht,

besiegt des Eises Macht!“

Da sprang der Winter auf und starrte hinaus, die Hand über den

Augenbrauen.

Dort unten im Tale stand der Fürst des Frühlings, jung und rank in

seiner grünen Tracht, die Laute über der Schulter. Sein langes Haar

flatterte im Winde, sein Gesicht war weich und rund, sein Mund lächelte

unaufhörlich, seine Augen waren verträumt und betaut.

„Du kommst zu früh!“ schrie der Winter.

Aber der Frühling verneigte sich tief und antwortete:

„Ich komme, wie’s verabredet war.“

„Du kommst zu früh!“ schrie der Winter wieder. „Ich bin noch lange

nicht fertig. Ich hab’ noch Tausende von Säcken mit Schnee, und meine

Stürme sind so stark und herb, wie sie im Januar waren.“

„Das ist deine Sache und geht mich nichts an,“ sagte der Frühling

ruhig. „Deine Zeit ist vorbei, und meine Herrschaft beginnt. Zieh in

Frieden fort nach deinen Bergen!“

Da faltete der Winter seine starken, harten Hände und blickte den

Frühling ängstlich an.

„Laß mir ein wenig Zeit!“ sagte er. „Ich bitte dich recht herzlich um

eine kleine Frist. Gib mir einen Monat... eine Woche Zeit... gib mir

bloß drei armselige Tage!“

Der Frühling antwortete nicht, sondern schaute über das Tal hin, als

hätte er kein Wort gehört; und er löste das grüne Seidenband, an dem er

die Laute trug.

Aber der Winter stampfte auf, daß die Berge erbebten, und ballte die

Fäuste in gewaltigem Zorn.

„Geh’ fort, dahin, woher du gekommen bist!“ sagte er. „Oder ich wälze

meinen Schnee über dich und begrabe dich so tief, daß du nie aus dem

Tale herausfindest. Ich werd’ meine Stürme entfesseln, so daß deine

jämmerlichen Töne in ihrem Brausen untergehen. Dein Gesang soll in

deinem Halse gefrieren. Wo du gehst und stehst, werd’ ich deinen Spuren

folgen. Alles, was du am Tage zum Leben erweckst, werde ich in der

Nacht töten.“

Der Frühling erhob das Haupt und schritt durch das Tal hin. Er griff

stärker in die Saiten der Laute, und jeder Baum im Walde beugte sich

vor, um zu lauschen. Die Erde seufzte unter dem Schnee, die Wellen des

Flusses standen still und horchten auf und sangen dann mit, während sie

dem Meere entgegensprangen. Selbst der Winter verbiß einen Augenblick

seinen Zorn in sich hinein und lauschte:

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 11 / 16 段