ganze Zeit über an nichts anderes gedacht.
„Ja, aber es hat ~Eile~!“ sagte sie. „Bevor die Woche um ist,
haben wir die Eier.“
Da suchten sie sich einen Fleck, wo sie gern wohnen wollten, und
machten sich einträchtig an die Arbeit.
[Illustration]
Aber wenn sie nach einem Reis hinhüpften, für das sie Verwendung
hatten, so hüpften bereits andere Vögel in derselben Absicht hin,
und wenn sie einer Feder in der Luft nachflogen, so mußten sie sich
beeilen, damit kein anderer sie ihnen wegschnappte. Erwischte der
Zeisig ein wunderschönes langes Pferdehaar, so war es nie zu vermeiden,
daß auch am anderen Ende einer zog, und flog die Frau Zeisig auf
prächtig aussehendes Moos zu, das sie gestern erspäht hatte, so konnte
sie sicher sein, daß die Nachbarin es schon am Morgen geholt hatte.
Denn alle Pärchen des Waldes waren ausgezogen, um ihre Aussteuer
einzusammeln.
[Illustration]
Schließlich hatten die beiden Zeisige glücklich ihr Haus gebaut, und
die andern Vögel desgleichen. Im ganzen Walde war kein Strauch so arm,
daß er nicht ein Nest in seinem Schoße trug. In jedem Nest lagen Eier,
und auf den Eiern saß ein braves Vogelweibchen, das mit den schwarzen
Augen wachsam um sich schaute und sich ganz fürchterlich langweilte.
Von Zeit zu Zeit kam ihr Mann nach Hause mit einer Fliege, einem
Regenwurm oder anderm guten Kindbettessen, wie er’s versprochen hatte,
und wie es seine Pflicht und Schuldigkeit war. Und am Abend saßen alle
Vogelmännchen getreulich am Rande des Nestes und sangen -- jedes mit
seinem Schnabel, rührend und hübsch, und die Weibchen meinten, es sei
herrlich zu leben.
Aber oben in den hohen Bäumen lagen die Krähenweibchen auf den Eiern,
und im Gebirge brüteten die Adlerfrauen.
[Illustration]
Allerorten rüstete man sich auf den Empfang der Kinder, aber nicht
überall gab es ein so trautes Familienleben wie im Gesträuch im Walde.
Zwar hatte der Fuchs seine Höhle tief im Hügel, wo seine Jungen so
ruhig lagen wie in der Truhe der Großmutter. Aber die ängstliche Häsin
warf ihre Häslein in den Graben und hatte keine Ahnung davon, wo in der
Welt der unnatürliche Vater seinen Abendkohl verzehrte.
Und der Kuckuck flog unruhig hin und her und brachte seine Eier
heimlich in den Nestern der andern Vögel unter, und er weinte
bitterlich, weil er sich nie ein eigenes Heim bauen konnte. Der
Schnecke ging es nicht viel besser; denn sie konnte nichts anderes tun
als ein Loch in die Erde zu bohren, ihre Eier da hineinzustecken und
sie dem lieben Gott zu überlassen.
Die braunen Mäuslein hatten ihre Stube voll von winzigen blinden
Kinderchen, die sich keine zärtlicheren und fürsorglicheren Eltern
wünschen konnten. Aber die Maulwurfsmadam unten in der Erde mußte
ihren eigenen Schurken von Mann auffressen, sobald sie aus dem
Wochenbett aufgestanden war, damit ~er~ die unschuldigen Kleinen
nicht zur Vesper verspeisen sollte. Und die Mücken-Herren tanzten
ungeniert in der Abendluft, als ob sie nichts Besseres zu tun hätten,
während die ihnen angetrauten Frauen jede für sich und in großer
Betrübnis Eier ins Wasser legten.
Aber der braune Frosch saß auf dem Grabenrande und rang die Hände in
sprachlosem Entsetzen über die seltsamen Kaulquappen-Kinder, die er in
die Welt gesetzt hatte.
Und die Sonne schien, und der Regen tropfte auf diejenigen herab, die
behaglich unter Dach saßen, und auf die, die alles hinnehmen mußten,
wie es kam. Die Frau Maulwurf rackerte sich als ehrenhafte Witwe ab
für zwei, und die Häsin säugte ihre Jungen, damit sie möglichst bald
zu Kräften kämen und dem Fuchs und Adler nicht in die Hände fielen.
Der Kuckuck rief seinen Kummer zwischen die Stämme des Hochwaldes aus,
die Mückenmutter ließ die Eier von hinnen segeln, da sie doch nichts
mehr für sie tun konnte, worauf sie sich auf dem Ohre des Hirsches
niederließ und sich nach der Anstrengung an einem Tropfen Blut ergötzte.
Aber der Sommerfürst war bei ihnen allen. Er wußte um die kleinste
Mücke, und er vergaß keine Blume auf der Wiese.
„Es ist alles gut!“ sagte er.
Und mit jedem Tage, der verstrich, erstrahlte sein Purpurmantel
herrlicher, der goldene Gürtel um seine Lende flammte, und die rote
Rose im Gürtel erglühte.
*
Auf einmal ertönte ein gräßlicher Schrei im Walde. So gellend klang es,
daß es ringsum ganz still wurde und alle lauschten.
Es war eine alte knorrige Eiche, die den Schrei ausgestoßen hatte. Sie
stand mitten in einer Schar junger Buchen.
„Sommer, Fürst, komm mir zu Hilfe!“ schrie sie. „Siehst du denn nicht,
daß die Buchen mich erwürgen? Eh’ du noch zweimal deinen Einzug im Tale
gehalten hast, werde ich unter ihrem Schatten tot und begraben sein.“
„Ich sehe es,“ sagte der Sommer ruhig.
„Du siehst es?“ schrie die Eiche und rang verzweifelt ihre alten Zweige.
„Du siehst es und hilfst mir nicht? Weh mir, was für ein Fürst bist
du?! Da war der Frühling wahrlich ein anderer, gnädigerer Herr. Im
Walde war kein trockenes Holz, dem er nicht ein paar grüne Blätter
gewünscht hätte.“
Aber der Sommerfürst sah gleichgültig auf die sterbende alte Eiche hin.
„Hab’ nie die Verantwortung übernommen für die grünen Versprechungen
des Frühlings,“ erwiderte er. „Ich herrsche nach meinem eigenen Gesetz,
und das Gesetz gebietet, daß du sterben mußt. Was soll ich mit so
welkem Holz in meinen frischen Wäldern?“
Dann wandte er sich zu den Buchen und sagte: „Ich hab’ euch Kraft zu
wachsen gegeben. Ich geb’ euch doppelte, geb’ euch zehnfache Kraft.
Beeilt euch und legt den alten Herrn zur Ruhe!“
Und die Buchen schossen empor und überschatteten die Eiche, so daß sie
starb.
Aber auch andere brachten ihre Klage vor den Sommer. Jeden Tag, jede
Stunde kam einer, der um Hilfe schrie.
Da war das Gras, das weinte, weil der Hirsch es fraß.
„Ich habe dich zahlreich gemacht wie der Sand am Meere,“ sagte der
Sommer. „Ich habe dir Zähigkeit und rasches Wachstum, habe dir den Wind
gegeben, auf daß er deinen Staub über die Wiese hinträgt. Für dich habe
ich genug getan.“
Und da war der Hirsch, der brüllte, weil das beste Gras weg war. Zu ihm
sagte der Sommer:
„Ich habe dir flinke Beine gegeben, daß du dahin springen kannst, wo
das Gras im Walde am grünsten ist. Sind deine Beine müde geworden,
so leg’ dich hin und stirb, und das Kalb der Hindin wird in deine
Fußspuren treten.“
Da waren die Fische im Fluß, die untereinander die Eier und Jungen
auffraßen und dem Sommer die Schuld gaben.
„Was wollt ihr von mir?“ fragte der Sommer. „Ich habe euch die Macht
gegeben, Tausende von Eiern zu legen und abermals und abermals
Tausende. Wie viele auch sterben, es werden immer Fische im Flusse
sein.“ Und die Blumen kamen und seufzten, weil nicht genug Bienen da
seien, ihren Staub zu tragen. Aber der Sommer sprach:
„Ich habe euch Honig geschenkt, den ihr den Bienen als Botenlohn geben
sollt, und habe euch gelehrt, ihn so anzubringen, daß sie den Staub
als Zugabe nehmen müssen. Ich habe euch starken Duft und schöne Farben
gegeben, womit ihr sie locken könnt. Ihr rufet sie, und sie kommen, und
dem, der am meisten verspricht und am meisten hält, gehorchen sie am
schnellsten.“
Aber sooft der Sommer gesprochen hatte, stets stellte sich wieder
jemand ein mit Klagen und Beschwerden.
„Es gibt zu wenig Regenwürmer!“ schrie der Zeisig, der jetzt vier Junge
im Nest hatte und ganz mager geworden war von all der Mühe und Arbeit,
um Nahrung, herbeizuschaffen. „Wir hungern. Wir halten’s nicht aus!“
„Es gibt zu viele Vögel!“ jammerte der Regenwurm in der Erde. „Wenn
man nur einen Augenblick zum Vorschein kommt, auf der Stelle wird man
gefressen.“
„Befrei’ uns von dem Storch!“ baten die Frösche.
„Schaff’ mehr Frösche herbei, oder ich reise ab,“ schrie der Storch.
Und die Buche klagte, weil die Maikäfer ihre Blätter fraßen, und die
Krähen konnten nicht genug Maikäfer kriegen. Die Bienen jammerten über
die Blüten, wie die Blüten über die Bienen... sie meinten, es sei zu
beschwerlich, des Honigs habhaft zu werden. Der Hase entrann dem Fuchs
und fiel dem Adler in die Klauen. Die junge Esche an der Hecke rief
den Himmel an um Beistand gegen das Geißblatt, das sie bis zum Wipfel
umschlang.
Aber der Sommerfürst stand hoch und strahlend da und überschaute sein
Reich. Sein Lächeln war hell, und in seinen starken Augen war kein
Mitleid. Er hob die Hand, wie um ihnen Schweigen zu gebieten, aber
niemand achtete seiner; der Lärm stieg an mit jeder Stunde, und das
Land war voll von Geschrei und Jammer.
Da runzelte er die Brauen und rief die schweren, schwarzen Wolken
hinter den Hügeln hervor. Sie kamen auf seinen Wink, die Angst lag
wieder über dem Tal, und die Schreie verstummten. Der Donner rollte,
daß die Berge erbebten, die Blitze flammten, und der Regen fiel.
Und durch das Unwetter tönte seine gewaltige Stimme:
„Wißt ihr nicht, daß auch ich ein Herr bin, streng wie der Winter, den
ihr haßt? Er herrscht über den Tod, wie ich über das Leben. Wie er,
verlange ich Gehorsam. Wie er zerschmettere ich den, der sich mir in
den Weg stellt.
„Ihr habt mich für einen Spielmann gehalten wie den Frühling, der euch
zum Leben und zur Sehnsucht erweckte und über die Berge davonging. Aber
ich bin größer als der Frühling, denn ich habe eurer Sehnsucht Brot
gegeben und euch dem Gesetz des Lebens unterworfen.
„Aber das Gesetz besteht darin, daß das Gesunde bestehen bleiben, das
Kranke aber sterben soll.
„Darum habe ich meine Tage so lang gemacht, daß ihr grünen und wachsen
sollt. Darum hab’ ich euch Macht und tausendfältige Kräfte gegeben,
der kleinsten Mücke, wie dem größten Baum im Walde, damit ihr kämpfen
und wachsen sollt. Und darum habe ich euch Kinder gegeben, damit ihr
niemals sterben sollt.
„Und auf den, der dem Gesetz gehorcht und den Tag ausnutzt, liegt die
Sonne meines Auges. Seine Kraft soll herrschen, und seine Kinder sollen
seinen Namen durch die Zeiten tragen.
„Aber der, der versagt, muß sterben.“
Der Sommer schwieg, und der Donner rollte langsam über die Berge hin.
Die Wolken trennten sich voneinander und schwanden; freundlich und klar
leuchteten die Sterne, und von den Bäumen tropfte es herab, sonst war
alles still.
Aber am nächsten Morgen erwachte das Tal zu wilderem Kampf und
stärkerem Geschrei als zuvor.
Denn es war kein Vogel im Wald und keine Blume auf der Wiese, die nicht
gehört und verstanden hatten, was der Fürst des Sommers sagte. Sie alle
wußten, worauf es ankam, und rüsteten sich, bevor die Sonne aufging,
zum Kampf ums Dasein.
Doppelt eifrig jagten der Zeisig und seine Frau im Gebüsch, doppelt
fleißig gruben die braunen Mäuslein, doppelt stark leuchteten und
dufteten die Blumen. Frau Maulwurf durchwühlte die Erde die kreuz und
quer. Der Hirsch fand eine Wiese, auf der das Gras hoch und grün war.
Die Buche trieb neue Zweige an Stelle derer, die die Maikäfer gefressen
hatten, und die Esche streckte ihre Zweige durch das Geißblatt
hindurch, um dem Sommer zu zeigen, daß sie am Leben sei.
Tausende starben, aber niemand hörte ihren Todesseufzer bei dem Lärm,
den der Kampf der Lebenden mit sich brachte. Und es war, als ob immer
mehr Leben entstände, sobald ein Leben erlosch.
Die jungen Zeisige hüpften aus dem Nest, fielen vom Zweig herab und
flatterten wieder hinauf. Die Krähenkinder schrien in den Wipfeln,
und die jungen Adler flogen vom Felsen herab, um ihre Flügel
auszuprobieren. Der Star jagte die erste Brut aus dem Nest und legte
nochmals Eier, der Frosch erlebte es, seine mißgestalteten Jungen in
anständiger Verfassung zu sehen, bevor er vom Storch verspeist wurde.
Nie waren die Fische im Fluß so zahlreich, die Blätter der Buche so
breit, das Gesträuch so dicht gewesen, nie hatten so viele Blumen an
der Hecke gestanden.
Und der Sommer stand mitten in seinem Reich, groß, rank und strahlend.
„So ist es gut!“ sagte er.
Da wurde es Abend.
Die Krähen flogen von ihrem Klub in der alten, abgestorbenen Eiche
nach Hause, die Vöglein im Gebüsch stimmten ihr Abendlied an, machten
es aber kurz, denn sie waren müde. Die Blumen schlossen sich, und die
Bienen verrammelten das Haus. Der Nachtfalter flog auf weichen grauen
Flügeln dahin. Die Sterne glitzerten; immer mehr, immer größere kamen
zum Vorschein.
Vorsichtig steckte der Nebel seinen Kopf heraus, spähend und lauschend.
Und da es ganz still war, quoll er hervor, weiß und grau, wogend,
lautlos. Bald lag er ruhig träumend da, bald tanzte er auf seine
eigentümliche Art über die Wiese dahin. Er guckte in den Wald hinein,
wo die Linde duftete, er glitt den Fluß hinab, der dahinrann und im
Dunkel verschwand.
Aber vom Waldessaume her erscholl plötzlich ein langer, jubelnder
Triller über das Tal:
„Gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitt!“
Der Nebel stand still und lauschte. Der Hirsch hob den Kopf, die Vögel
öffneten verschlafen die Augen und antworteten mit leisem Gepiep.
„Gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitt!“
Die Nachtigall sang:
„Nun dämmert’s im Gesträuch.
Die sternenhohe Sommernacht
zieht durch die weiten Lande sacht.
Und alles schläft, vom Mond bewacht,
und weilt in Traumes Reich.
Gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitt!
Nur die Nachtigall schlägt,
Wenn nichts sich regt:
Gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitt!“
[Illustration]
[Illustration]
Der Herbst.
Die schönsten Dinge von der Welt
rings auszustreu’n dem Herbst gefällt:
Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.
Farben bunt und wunderfein
schmücken sein gewaltig Zelt.
Ganz oben auf einem der Hügel im Westen stand der Herbstfürst und
schaute mit seinen ernsten Augen über das Land hin.
Sein Haar und sein Bart waren graugesprenkelt, und seine Stirn hatte
Falten. Aber schön war er doch, aufrecht und stark. Sein prächtiger
Mantel leuchtete rot, grün, gelb, braun und flatterte im Winde. In der
Hand hielt er sein Horn.
Er lächelte wehmütig und stand eine Weile da und lauschte dem Kampf,
dem Gesang und dem Geschrei. Dann hob er das Haupt, setzte das Horn an
den Mund und blies eine lustige Fanfare:
„Der Sommer von hinnen zieht,
das Herbsthorn erschallt,
und üppig die Heide blüht.
Der Wind mit der Peitsche knallt,
das Laub fällt im Wald.“
Alle Bäume im Walde erbebten von der Wurzel bis zum Wipfel; sie
wußten selbst nicht, warum. Ein Frösteln überlief alle Vögel, und sie
verstummten. Der Hirsch auf der Wiese hob erstaunt sein Geweih und
lauschte. Die roten Blätter des Mohns flogen im Winde dahin.
Aber auf den Bergen, auf den kahlen Hügeln und tief im Moor erblühte
das Heidekraut und leuchtete rot und schön in der Sonne. Und die Bienen
flogen von den verblichenen Wiesenblumen fort und verbargen sich in den
Erikafeldern.
Aber der Herbst setzte wieder sein Horn an den Mund und blies:
„Seht, nun herrscht der Herbst mit Macht
in der schönsten bunten Pracht --
endet des Sommers ewigen Streit,
kündet des Winters eiserne Zeit,
ruft den Weidmann zu fröhlicher Jagd.“
Der Sommerfürst stand still und hob die Augen nach Westen hin. Und der
Herbst setzte das Horn ab und verneigte sich tief vor ihm.
„Sei mir willkommen!“ sagte der Sommer.
Er ging ihm einen Schritt entgegen, einen und nicht mehr, wie es sich
für den Größeren ziemt. Aber der Herbstfürst kam über die Hügel hinab
und verneigte sich abermals tief.
Hand in Hand gingen sie durch das Tal. Und von dem Sommer ging ein so
strahlender Glanz aus, daß niemand des Herbstes gewahr wurde. Die Töne
seines Hornes erstarben in der Luft, und alle hatten den Schauder, der
sie vorher überlief, verwunden. Die Bäume, Vögel und Blumen waren
wieder zu sich gekommen, und sie rauschten, sangen und zankten.
Der Fluß rann dahin, das Schilfrohr flüsterte, und die Bienen holten
sich im Heidekraut einen Sommerrausch.
Aber dort, wo die Fürsten auf ihrer Wanderung durch das Tal
stillstanden, geschah es, daß das Laub auf der Seite, wo der Herbst
stand, gelb wurde. Ein kleines Blatt löste sich von seinem Stengel,
flatterte weg und fiel ihm zu Füßen nieder. Die Nachtigall sang nicht
mehr, obwohl es Abend war, der Kuckuck schwieg und flatterte unruhig
im Walde umher, der Storch streckte sich auf dem Nest aus und starrte
gegen Süden.
Aber die Fürsten achteten dessen nicht.
„Sei mir willkommen!“ sagte der Sommer wieder. „Entsinnst du dich
deines Versprechens?“
„Ich entsinn’ mich wohl,“ erwiderte der Herbst.
Der Sommer blickte über das Reich hin, wo der Lärm allgemach nachließ.
„Hörst du sie?“ fragte er. „Sie müssen sterben, und sie wissen es
nicht. Nun nimm du sie milde auf.“
„Ich werd’ das Deine bergen,“ erwiderte der Herbst. „Behutsam will
ich die Träumenden wecken, behutsam die zudecken, die unter der Erde
schlafen. Dreimal werde ich sie vor dem Winter warnen.“
„Das ist gut,“ sagte der Sommer.
Eine Weile gingen sie schweigend einher, während die Nacht hervorquoll.
„Die Blütenblätter des Mohns sind abgefallen, als du dein Horn geblasen
hast,“ sagte der Sommer. „Viele von meinen Kindern werden sterben,
sobald ich das Tal verlasse. Aber Nachtigall, Kuckuck und Storch nehme
ich mit mir.“
Wieder gingen die beiden Fürsten schweigend dahin. Es war ganz still,
nur die Eule schrie in der alten, abgestorbenen Eiche.
„Meine Vögel sendest du mir nach,“ bat der Sommer.
„Ich werd’ keinen vergessen,“ erwiderte der Herbst.
Da hob der Sommer seine Hand zum Lebewohl und hieß den Herbst von dem
Reiche Besitz ergreifen.
„Heute nacht gehe ich fort,“ sagte er. „Und niemand außer dir soll
es wissen. Mein Glanz soll noch eine Weile im Tale zurückbleiben,
damit das Schicksal derer, denen du den Tod bringst, gemildert wird.
Und später, wenn ich in weiter Ferne bin und meine Herrschaft in
Vergessenheit zu geraten droht, dann soll die Erinnerung an mich und
die Sonne und die schönen Tage wach werden.“
Damit schritt er in die Nacht hinein.
Aber hoch vom Wipfel des Baumes flog der Storch auf langen Flügeln
dahin, und der Kuckuck flatterte vom Hochwalde herbei, und die
Nachtigall verließ das Gesträuch mit ihren ausgewachsenen Jungen.
Leises Flügelrauschen erfüllte die Luft.
[Illustration]
Das Zeisigpärchen plauderte am Rande des leeren Nestes.
„Erinnerst du dich noch an den Tag, als ich um deine Hand anhielt?“
fragte er. „Ich hatte mich geputzt und hübsch gemacht, so gut ich
konnte, und auch du warst lieb und schön. Die Buche war eben grün
geworden... nie in meinem Leben habe ich den Wald so wunderbar grün
gesehen!“
„Oh, wie du gesungen hast!“ rief sie aus. „Sing wieder so, dann nehm’
ich dich vielleicht wieder.“
Aber der Zeisig schüttelte den Kopf.
„Meine Stimme ist weg,“ sagte er.
„Weißt du noch -- wie wir das Nest bauten?“ fragte sie bald darauf.
„Wie warm und gemütlich es war! Nie wieder bekomm’ ich ein so hübsches
Heim. Sieh nur, wie garstig es jetzt aussieht!“
„Das haben die Jungen getan,“ entgegnete er.
„Ja -- aber entsinnst du dich noch des Morgens, als sie aus dem Ei
schlüpften?“ fragte sie, und ihre kleinen schwarzen Augen strahlten.
„Wie waren sie süß und nackt und braun! Keine Minute konnte ich sie
verlassen, ohne daß sie schrien.“
„Und dann bekamen sie Federn!“ sagte er und richtete sich auf. „Stolze
Zeisige waren sie alle vier. Erinnerst du dich noch an den Tag, als sie
zum erstenmal aus dem Nest hüpften?“
Sie erinnerte sich. Sie gedachte noch anderer Dinge, und sie erinnerte
ihn an alles. Und dann rückten sie näher aneinander und saßen
schweigend da und gedachten alter Zeiten.
Und all den andern ging es ebenso wie dem Zeisigpärchen.
Die Blumen neigten sich zueinander und flüsterten von der goldenen
Zeit, als jeder Kelch eine Biene beherbergte. So eifrig waren sie, daß
der eine kaum abwarten konnte, bis der andere mit seiner Geschichte
fertig war. Über die ganze Wiese tönte es hin:
„Weißt du noch? Weißt du noch?“
Die Fliegen und Bienen saßen den halben Tag schläfrig da und hatten
vertrauliche Gespräche über die schönen Sommertage, an denen sie
summend und brummend auf der Wiese regierten. Die Bäume schlugen
mit den Zweigen gegeneinander und erzählten sich Märchen aus ihrer
grünen Jugend. Die Schilfhalme streckten die braunen Kolben zusammen
und erlebten das ganze noch einmal im Traum. Die braunen Mäuslein
saßen in der Abendsonne an der Hecke und erzählten den Kindern ihre
Liebesgeschichte.
„Weißt du noch? Weißt du noch?“
Mitten im Tale stand der Herbstfürst, das Horn in der Hand. Aber
niemand sah ihn.
[Illustration]
Da flog die Krähe mit heftigem Flügelschlag aus dem Walde und schrie:
„Vorbei -- vorbei! Wie mögt ihr von den alten Dingen reden! Es ist ja
doch alles vorbei -- vorbei -- vorbei!“
Das Echo klang von den Hügeln:
„Vorbei -- vorbei -- vorbei!“
Und das Echo flüsterte im Schilf und summte im Fluß. Alle verstanden
es, daß der Sommer zu Ende war. Sie schwiegen; mitten in ihren
Geschichten verstummten sie, lauschten und sprachen es nach:
„Vorbei -- vorbei -- vorbei!“
Und plötzlich sahen sie alle den Herbst, wie er in seinem bunten
Mantel mitten unter ihnen stand. Mit bangen Augen starrten sie ihn und
einander an.
Aber er setzte das Horn an den Mund und blies, daß es über das Tal
hinklang:
„In Berg und Tal
zum erstenmal --
zum erstenmal
erschallen meine Klänge:
Septemberzeit
im Bronzekleid
zeugt Pilze bunt
auf weitem Rund
in seltsamem Gedränge.“
Mit seinen ernsten Augen schaute der Herbst über das Tal. Aber als das
letzte Echo der Töne verklungen war, hob er den bunten Mantel in der
Sonne, nickend und lachend.
Und während der Himmel so hoch war wie nie zuvor und die Luft leicht
und die See blau, während die Berge sich klar vom Horizont abhoben,
unterwarf sich das Land gehorsam der Herrschaft des Herbstes.
Begonnen hatte es in der Nacht, als der Sommer fortzog. Ein gelbes
Blatt hier, ein braunes Blatt dort, aber niemand hatte es beachtet.
Jetzt ging es schneller, und während der Tag verstrich, kamen immer
mehr Farben hervor und ein immer schärferer Glanz.
Die Linde wurde hell und die Buche bronzefarben, aber der Holunder
wurde noch schwärzer als vorher. Die Glockenblumen läuteten mit weißen
Glocken wie vorher mit blauen, und der Kastanienbaum segnete alle Welt
mit seinen fünf gelben Fingern. Der Vogelbeerbaum warf die Blätter ab,
damit alle die wunderschönen Beeren bewundern sollten, von der wilden
Rose her nickten Hunderte von Hagebutten, und der wilde Wein loderte
über der Hecke in hellen Flammen.
[Illustration]
Weich und grün wuchs das Moos, und die Pilze schossen in einer Nacht
hervor. Sonderbare, weiche, blasse Burschen waren es, und giftig
und neidisch sahen sie aus. Aber einige von ihnen hatten einen
scharlachroten Hut auf dem Kopfe, und alle waren des Lebens von Herzen
froh.
Aber der Zeisig konnte keine Fliege finden und beklagte sich jämmerlich
darüber.
„So reise denn!“ sagte der Herbst. „Deine Zeit ist abgelaufen, und ich
habe Vögel genug.“
Und fort zogen Zeisig, Hänfling und viele andere. Der Herbst aber
setzte das Horn an den Mund und blies:
„Die schönsten Dinge von der Welt
rings auszustreu’n dem Herbst gefällt:
Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.
Farben bunt und wunderfein
schmücken sein gewaltig’ Zelt.“
Und Amsel und Drossel schnatterten lustig im Gebüsch, das von Beeren
leuchtete, und tausend Spatzen fielen mit ein.
[Illustration]
In der Nacht war es ganz still. Der Hirsch ging lautlos über die Wiese
und spähte mit erhobenem Geweih. Der Vogel saß irgendwo und schlief,
das Köpfchen unter dem Flügel; der Wind getraute sich kaum, in dem
vergilbten Laube zu flüstern. In ferner Ruhe funkelten die Sterne. Und
dann fielen die Blätter.
Während sie sich von den Zweigen lösten, während sie die Luft
durchschwirrten und zu Boden fielen, seufzten sie leise und erfüllten
den Wald mit seltsamen Klagelauten. Aber niemand konnte sie hören, der
nicht seine eigene Hoffnung hatte sterben sehen.
Aber am nächsten Morgen leuchteten die, die übrig geblieben waren,
noch stärker, und sie lachten in der Sonne, als hätten sie sich nie so
wohl gefühlt. Die Birke kokettierte im Moor, und die kleinen, kleinen
Pflanzen an der Hecke bildeten sich viel ein auf ihre roten Blätter.
Buche und Eiche änderten jeden Tag irgend etwas an ihrem Gewand, so
daß es noch phantastischer wurde. Die fallenden Blätter flogen von
dem einen Baum zum andern und blieben dort liegen, so daß das ganze
schließlich ein einziger Wirrwarr war.