einer hinzu. Nach kurzer Zeit war wieder ein ganzer Schwarm beisammen.
Eines schönen Tages trafen sie den alten Hering.
„Na, bist du auch gut davongekommen?“ fragte ihn der kleine Hering.
„So wie du,“ entgegnete der Alte. „Das Leben ist ein Lotteriespiel,
nichts anderes, und der Hering ist der Gewinn. Diesmal ist meine Nummer
nicht gezogen worden, aber das nächstemal werde ich kaum wieder so viel
Glück haben. -- Was nun? Wollt ihr schon wieder in den Fjord, um Eier
zu legen, Kinder?“
„Das eilt wohl nicht so sehr,“ sagte der kleine Hering. „Laßt uns erst
das Leben ein bißchen genießen und auf und ab schwimmen und fressen und
uns darin üben, einen Schwarm zu bilden.“
„Ja, das wollen wir,“ riefen die anderen.
Und nun schwammen sie umher und vereinigten sich zu einem Schwarm und
tauchten auf den Grund, um dem Sturm zu entgehen, und folgten dem
Plankton.
„Ich finde, mir wird wieder recht wunderlich zumute,“ sagte der kleine
Hering. „Das Essen schmeckt mir nicht mehr. Am meisten sehne ich mich
nach dem Fjord, wo ich neulich Eier gelegt habe und wo ich selber als
Ei gelegen habe.“
„Fort zum Fjord!“ kommandierte der alte Hering. „Richtet euch! Seite
an Seite, Kopf an Schwanz! Es ist Laichzeit, wir müssen fort.“
Und sie zogen zum Fjord hin.
Da waren schon die Möwen und die Haie und die Wale und Dorsche, und am
Strande standen der Pfarrer und der Doktor und Ole.
Aber ob der kleine Hering diesmal oder das nächste- oder übernächstemal
gefangen wurde, das weiß ich nicht; denn ein Hering gleicht dem anderen.
[Illustration]
Die Blumen.
Es war Frühsommer.
Mit den Anemonen und Veilchen war’s vorbei. Der wilde Rosenstrauch an
der Hecke stand in voller Blüte, und die Butterblume am Grabenrand
leuchtete über das ganze runde, gelbe Gesicht. Auch viele andere Blumen
waren schon aufgeblüht, und die übrigen wollten ihnen gerade folgen.
Das Getreide auf dem Felde stand hoch, und im Walde sangen die Vögel.
Die Landstraße entlang gingen drei Studenten.
Sie hatten die Mütze im Nacken, die Pfeife im Munde und den Stock in
der Hand. Über der einen Schulter hing die Reisetasche, über der andern
die Feldflasche. Sie marschierten im Takt und stampften auf, so daß
eine Staubwolke sie einhüllte. Denn sie waren ja so jung, so jung...
Und dann sangen sie:
„Vier Mark für ein Paar Sohlen,
acht Mark für Oberleder -- --
nein, nein, nein, nein, nein, nein,
Oberleder kriegst du nicht, Brüderlein!“
Als sie auf dem Hügel, just vor dem wilden Rosenstrauch, angelangt
waren, stand der eine von ihnen still.
„Halt!“ sagte er.
Die beiden andern gehorchten, und der erste nahm die Mütze vom Kopf,
bohrte den Stock in die Erde am Grabenrand und hängte die Mütze daran.
Die andern folgten seinem Beispiel. Dann zog er mit den Zähnen den Kork
aus seiner Feldflasche, schwenkte die Flasche hoch in der Luft und
hielt eine Rede.
„Ein Hurra dem Frühling!“ begann er. „Er ist grün, er ist gut, und er
gehört den fröhlichen Studenten. Im Frühling blühen die Schuljungen auf
und werden Füchse. Und die Knospen des Waldes springen auf. Und die
Rose, das Veilchen, die Nelke und das Maiglöckchen, sie alle blühen
auf, um vor den Augen des Studenten zu leuchten und ihm Wohlgeruch in
die Nase zu senden. Du wildes Röslein an der Hecke! Der Student weiß
recht gut, daß du vor ihm errötest, und dankt dir. Hab’ Dank, du gelbe
Butterblume, du tust, was in deinen Kräften steht! Und auch du hab’
Dank, du langsames Heidekraut, das noch nicht mitgekommen ist! Wir
wissen, daß auch deine Zeit kommt, und danken dir. Euch allen danken
wir. Hurra!“
[Illustration]
Die drei Studenten nahmen einen tüchtigen Schluck aus der Flasche, und
dann rief der, der die Rede gehalten hatte:
„Drei lange!“
Und alle schrien:
„Hur-ra-ah! Hur-ra-ah! Hur-ra-ah!“
„Drei kurze!“ lautete das nächste Kommando.
„Hurra! Hurra! Hurra!“ schrien sie.
„Allgemeiner Studenten-Frühlings-Jubel!“ befahl der erste.
Und nun veranstalteten alle ein solches Geschrei, daß die wilde Rose an
der Hecke ihre Blüten schloß und die Lerche, die trillernd hoch in der
Luft hing, vor Schreck in den Roggen hinabflog, wo sie ihr Nest hatte,
und mäuschenstill dort sitzen blieb.
Darauf nahmen die Studenten noch einen Schluck aus ihren Flaschen; der,
der vorher die Rede gehalten hatte, nahm zwei Schlücke, weil sein Hals
am trockensten war. Dann setzten sie die Mütze auf, nahmen den Stock in
die Hand und marschierten los, unter fröhlichem Gesang:
„Gurkensalat und Lämmerbraten --
Lämmerbraten und Gurkensalat ...
Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein,
Lämmerbraten kriegst du nicht, Brüderlein!“
Als aber die Studenten den Hügel hinabgestiegen und so weit weg waren,
daß man ihren Gesang nicht mehr hören und nichts als eine Staubwolke
von ihnen sehen konnte -- da scholl ihnen ein unbändiges Gelächter nach.
Es erklang von der Hecke und dem Graben bis übers Feld hin. Die wilde
Rose lachte, daß sie einen Haufen Blätter verlor. Die Butterblume
grinste übers ganze Gesicht, der Löwenzahn machte es ebenso, und die
Glockenblume bebte vor Lachen so, daß alle ihre Glocken läuteten. Die
vielen tausend Roggenhalme auf dem Felde schüttelten vor Heiterkeit die
Ähren, und eine junge Kornrade, die noch in der Knospe stand, gluckste
dermaßen vor Lachen, daß sie ihre Hülle sprengte und einen Tag zu früh
aufblühte.
„Ist es nicht unbegreiflich, wie die Leute so dumm sein können?“
sagte die Rose, nachdem sie so lange gelacht hatte, bis sie nicht mehr
konnte. „Da ziehn nun die drei Studenten hin und singen und schreien
und glauben felsenfest, daß wir hier um ihretwillen stehen und uns
putzen. Und dabei sind die Studenten noch die klügsten von allen
Menschen.“
„Ja, dann muß es um die andern allerdings schlimm bestellt sein,“
meinte der Löwenzahn.
„Ich kann wirklich in der Morgenstunde nicht so viel vertragen,“ begann
die Rose von neuem. „Lache ich noch einmal so stark, dann fallen alle
meine Blätter ab. Und das geht nicht, denn heute ist das Wetter danach,
Geschäfte zu machen.“
„Ja, ich bin bereit,“ sagte die Glockenblume und läutete mit ihren
Glöckchen „Honig hab’ ich genug, und meine Staubgefäße springen auf,
sobald ein Fliegenbein daran rührt.“
„Seht, wie ich all meine kleinen Blüten zusammengestellt habe!“ sagte
der Löwenzahn vergnügt. „Hat einer von euch jemals einen so niedlichen
Blumenkorb gesehen?“
„Den Kniff kennen wir,“ rief die wilde Möhre, die an der Hecke neben
der Rose stand, in stolzer Haltung... „Ich mach’s ebenso... Wollt ihr
einen Schirm sehen, der wert ist, daß man ihn anschaut? Ließe ich
meine Blüten einzeln sitzen, so könnten sie lange warten, bis man sie
entdeckte. Aber nun, denke ich, geht es. Ich bin auch auf den Einfall
gekommen, mitten in meinem weißen Schirm eine rote Blüte anzubringen.
Sie ist ganz unfruchtbar und nichts wert, es ist die reine Reklame. Die
Tiere kommen und betrachten sich die Sache. Ja, man muß sehn, wo man
bleibt, bei dieser gefährlichen Konkurrenz!“
„~Ich~ bin nicht für so einen offenen Laden,“ sagte das gelbe
Leinkraut, das seine Blütenkrone dicht geschlossen hielt. „Ich lege
keinen Wert darauf, daß Fliegen und dergleichen kleines Getier von
der Straße in mich hineinrennen. ~Mein~ Honig ist nur für eine
ordentliche Hummel feil, die die Kräfte hat, mich zu öffnen.“
„Zum Kuckuck mit all euren Kniffen!“ sagte die wilde Rose an der Hecke.
„Ich habe so etwas Gott sei Dank nicht nötig. Ich habe ein altes,
reelles Geschäft, das für jede anständige Person offen steht. Und meine
Blüten sind so groß und schön, daß die Biene, die sie nicht sehen kann,
auf allen ihren sechstausend Augen blind sein muß. Ich hab’ nicht
einmal Honig abzugeben.“
„Wie?“ rief der Löwenzahn.
„Was sagst du?“ fiel die Kornrade ein.
„Ist es möglich?“ schrien die Nelke, das Labkraut und die Kamille.
Und das Leinkraut gähnte ein klein wenig vor Verwunderung und fragte:
„Was hast du denn den Bienen zu bieten?“
„Ich hab’ meinen Blütenstaub,“ erwiderte die Rose. „Den brauchen sie
als Bienenbrot. Du weißt: für ihre Kinder. Und ich habe so reichlich
davon, daß es nichts ausmacht, ob ein ganz Teil in die Binsen geht.“
Die Sonne am Himmel stieg und trocknete den Tau weg.
„Jetzt läute ich zum Zeichen, daß der Markt beginnt,“ sagte die
Glockenblume.
Alle Blumen richteten sich auf und leuchteten und dufteten und gaben
sich Mühe, gut auszusehen. Und von allen Seiten summten und surrten
Fliegen, Bienen, Schmetterlinge und Hornissen, sowie eine Menge anderer
Insekten herbei, die während der Nacht versteckt in ihren Nestern,
unter großen Blättern oder an anderen Stellen gesessen hatten, wo es
trocken und warm war.
Sie breiteten sich aus über die Hecke und den Grabenrand, flogen von
einer Blüte zur andern und krochen in ihnen ein und aus. Und die Blüten
leuchteten und dufteten und schrien durcheinander.
Die Glockenblume sang:
„Kling, klang, Bienlein,
kriecht in meine Glöcklein,
schöner Honig winket hier,
junge Königin, reichlich dir.“
[Illustration]
„Wir kommen, wir kommen!“ riefen die Bienen, und einen Augenblick
darauf saß in jeder der Glockenblüten eine von ihnen. Sie tranken
so viel Honig, wie sie konnten, und der Staub rieselte von den
Staubgefäßen auf sie herab und blieb an den Haaren ihres Körpers hängen.
Und die wilde Rose an der Hecke sang:
„Komm, gelbes Bienchen gut!
Komm, Falter, zum Rosenhaus!
In meinem Schoße sanft ihr ruht
beim lieblichen Morgenschmaus.
Gefüllt sind all die Rosen rot
mit Mehl zu leckerm Madenbrot.“
Und das Leinkraut sang:
„Tief in meinem Kelch ist der Honig verwahrt,
nicht jedem er sich offenbart.
Den holt nur der schwarze Hummelchor;
er öffnet sich keck mein gelbes Tor.
Komm, Hummel, komm! Ich leb’ ja nur für dich!
Das andre Gewürm verachte ich!“
„Nur Geduld, Kinder!“ sagten die Hummeln. „Wir kommen der Reihe nach zu
euch allen!“
„Diesen Weg!“ schrie der Löwenzahn. „Den besten Honig am ganzen
Grabenrand gibt es bei mir. In dem gelben Laden hier unten im Grase --
schräg gegenüber der wilden Rose. Hochverehrte Fliegen, wollt ihr nicht
bei mir einkehren? Hier gibt es etwas für jeden... alle meine hundert
Blüten sind bis an den Rand gefüllt. Diesen Weg, diesen Weg!“
Und die wilde Möhre hob ihren Schirm über die andern empor und sang
ein- übers andremal denselben Vers:
„Ihr Bienen, Hornissen, Fliegen,
kommet her zum Honigvergnügen!
Bei der wilden gelben Möhre
gibt es Honig frisch aus der Röhre!“
„Hier ist mehr zu haben, als wir bewältigen können,“ sagte die Hornisse.
Und sie kroch in die eine Blüte hinein und aus der andern hinaus. Die
Bienen trugen Blütenstaub und Honig in ihre Körbe heim und eilten von
dannen, um noch mehr zu holen. Die Hummeln summten und brummten, die
Fliegen kletterten und krochen, die Falter tanzten durch die Luft vom
einen zum andern, breiteten ihre bunten Flügel aus und schlossen sie
wieder.
So ging es den ganzen Tag. Die Blumen lockten und sangen unaufhörlich,
und die Sonne schien munter auf das alles hernieder. Erst als sie
hinterm Walde sank, flogen die Insekten heim, jedes zu seiner
Zufluchtsstätte.
„Das war ein guter Tag,“ sagte die Rose. „Die Hälfte meiner Blüten ist
leer von Staub. Noch solch ein Tag, und ich bin zufrieden.“
Die Glockenblume nickte, denn auch sie hatte gute Geschäfte gemacht.
Der Löwenzahn beeilte sich, alle seine kleinen Blüten zu schließen, und
die Möhre stand noch da und hielt ihren Schirm bereit für den Fall, daß
eine verspätete Fliege vorbeikommen sollte.
Aber im Grase am Grabenrand lag eine große alte Hummel auf dem Rücken
und trat mit allen sechs Beinen in die Luft.
„Ist dir etwas zugestoßen, liebes Kind?“ fragte die wilde Rose an der
Hecke.
„Ach nein!“ sagte die Hummel. „Ich ersticke nur beinahe vor Lachen. Ich
mußte an die Studenten denken, die heut früh vorbeikamen. Hahaha! Sie
dachten, ihr leuchtetet und duftetet für ~sie~.“
„Ja, das waren lächerliche Gesellen,“ meinte die Rose.
„Hahaha!“ lachte die Hummel wieder. „Keine Ahnung hatten sie, daß
ihr es um ~meinet~willen tut... und um der Bienen, Fliegen und
Schmetterlinge willen. Der liebe Gott mag wissen, wie wir eure
Honigläden finden sollten, wenn uns nicht unser Geruch zurechtwiese und
ihr nicht ein ordentlich bemaltes Schild aufhängtet.“
Keine von den wilden Blumen sagte etwas, solange die Hummel am
Grabenrand lag und lachte. Sobald sie sich aber erhoben hatte und
heimgeflogen war, brachen alle in ein Gelächter aus, das ebenso heiter
und gewaltig war wie dasjenige, das sie den Studenten nachgesandt
hatten.
„Es ist ja nicht auszuhalten mit den Dummköpfen!“ meinte die Rose.
„Man sollte doch glauben, daß so ein Tier mehr Verstand hätte als
ein Studentlein, aber die Hummel bildet sich also auch ein, daß wir
ihretwegen hier stehen!“
„Verzeiht, daß ich mich in die Unterhaltung einmische!“ sagte der
Buchfink, der im Wipfel der wilden Rose saß. „Ich war auch heute morgen
dabei, als die Studenten vorübergingen. Und ich versteh’ das ganze
nicht recht. Wenn ihr euch nicht für die Studenten schmückt und nicht
für die Bienen und die Schmetterlinge, ja... für wen zum Kuckuck tut
ihr es denn?“
„Wir tun es natürlich um unser selbst willen, bester Fink!“ erwiderte
die Rose.
„Erklär’ es mir!“ bat der Buchfink.
„Ich mag nicht,“ sagte die Rose. „Der Tau fällt, und ich muß schließen.
Gut’ Nacht!“
Die Glockenblume läutete den Abend ein, der Löwenzahn schlief bereits
am Grabenrand, das Leinkraut kniff die Lippen so fest zusammen, daß
keine Hummel in der Welt sie voneinander trennen konnte, und die
Mohrrübe nickte im Schlaf und sang:
„Bei der wilden gelben Möhre
gibt es Honig frisch aus der Röhre!“
Der Buchfink wiegte sich auf seinem Rosenzweig und ärgerte sich. Er
grübelte und grübelte, konnte die Sache aber nicht herauskriegen, und
einschlafen konnte er auch nicht.
In diesem Augenblick kam ein großer grauer Dämmerungsfalter über
die Hecke angeschwirrt, nach dem Roggen hin, der mit dem Abendwind
flüsterte. Und gleichzeitig gewahrte der Buchfink eine große, schöne
Lichtnelke, die ihre Krone nach dem Dämmerungsfalter ausstreckte, und
sang:
„Lüft’ deine Flügel grau und weich,
einsamer Falter, komm zu mir!
Als Einzigwache im Blütenreich
schenk’ meinen kühlen Kelch ich dir.
Eile dich, Falter, noch ist es Zeit,
bin nur des Nachts für dich bereit.“
Nun sah der Buchfink, wie der Dämmerungsfalter sich auf die Blüte
setzte und seinen langen Fühler in ihren Kelch hinabsenkte. Und als
er all den Honig herausgesogen hatte, der vorhanden war, und mit den
Flügeln wippend dasaß, da erscholl von drüben her genau der gleiche
Gesang, den die Lichtnelke angestimmt hatte. Der Buchfink sah von
drüben eine große weiße Blüte schimmern, und nun flog der Schmetterling
hinüber und setzte sich auf sie.
[Illustration]
„Lichtnelke,“ sagte der Buchfink. „Erzähl’ mir, wie das eigentlich
zusammenhängt mit euch Blumen, Bienen und Schmetterlingen! Ich hab’
heute hier gesessen und alles mitangesehen und angehört, aber ich
versteh’ kein Sterbenswörtchen von allem. -- Was wollte denn der
Dämmerungsfalter von dir?“
„Er hat von mir Honig bekommen,“ erwiderte die Lichtnelke.
„Gut, aber was hat er dir denn dafür gegeben?“
„Er hat meinen Blütenstaub mitgenommen,“ erklärte die Lichtnelke.
Aber der Buchfink schüttelte den Kopf.
„Ja, das mag für den Dämmerungsfalter recht gut und schön sein,“ meinte
er. „Er hat das eine gekriegt und hat auch das andere gekriegt. Aber
welches Vergnügen hast du denn von der Geschichte?“
„Sieh mal,“ antwortete die Lichtnelke, „jede ordentliche Blume hat zwei
große Sorgen in ihrem Leben. Erstens muß sie ihre Samen bekommen, und
zweitens muß sie sie wieder loswerden. Das verstehst du doch?“
„Und ob!“ sagte der Buchfink erfreut. „Das ist ja genau so wie bei
uns. Zuerst kommt es darauf an, daß wir unsre Jungen kriegen, und
dann müssen wir sehen, daß wir sie gut erziehen und in die Welt
hinaussenden. Wir Vögel haben also dieselben Sorgen. Aber die dauern
an, von der Geburt bis zu unserm Tode, und man wird mitunter recht
mager davon!“
„Natürlich,“ erklärte die Lichtnelke. „Umsonst kriegt man in dieser
Welt nichts. Aber wir wollten von meinen Eiern und nicht von deinen
Jungen reden.“
„Also du hast auch Eier?“ fragte der Buchfink höflich.
„Allerdings,“ sagte die Lichtnelke. „Aus deinen Eiern entstehen
~Junge~, aus den meinen ~Samen~. Aber zuerst muß der Staub
aus den Staubgefäßen auf sie fallen. Sonst kommt nichts dabei heraus.
So ist’s mit mir, und so ist’s mit allen Blumen. Und die Bienen und
Schmetterlinge und alle die andern Insekten tragen den Staub zwischen
uns hin und her.“
„Aha!“ sagte der Buchfink mit einem Pfiff. „Nun fang’ ich an, die Sache
zu verstehen. Sie kommen zu euch, um Honig zu holen, und sie nehmen den
Blütenstaub mit!“
„Ganz recht!“ erwiderte die Lichtnelke. „Der Staub bleibt an den Haaren
ihres Körpers hängen, an Flügeln und Beinen. Wenn sie dann zu einer
andern Blüte kommen und in ihr nach Honig wühlen, so reiben sie den
Staub von sich ab, er fällt auf die Eier, und aus den Eiern werden
Samen.“
„Das ist famos eingerichtet,“ sagte der Buchfink. „Und alle die bunten
Farben habt ihr also nur, um die Insekten anzulocken?“
„So ist es,“ war die Antwort der Lichtnelke. „Ich für mein Teil bin
allerdings ganz weiß, wie du siehst. Ich spekuliere nur auf die
Insekten, die des Nachts ausfliegen, und dafür eignet sich die weiße
Farbe am besten, weil sie im Dunkeln am hellsten leuchtet. Am Tage
ist mir der Wettbewerb zu groß; aber jetzt ist mir das Feld ganz
überlassen.“
„Na -- na,“ sagte die Nachtviole, die nicht weit davon stand und alles
mitangehört hatte. „Ich zähle doch auch mit!“
„Ich kann dich nicht sehen,“ sagte die Lichtnelke. „Wo stehst du? Wie
heißt du? Was für Farben hat deine Blüte?“
„Ich heiße Nachtviole, und meine Blüte ist braun, klein und häßlich.“
„Dann bist du nicht gefährlich für mich,“ meinte die Lichtnelke.
„Nu--uun, ich komme schon durch! Vor einem Weilchen flog ein großer
Dämmerungsfalter geradeswegs in meinen Schoß. Ich hatte ihn mit meinem
~Duft~ angelockt, verstehst du... dem süßesten Duft der Nacht! So
süß ist er, daß die Menschen mich aus dem Süden, wo meine Heimat ist,
in ihre Gärten nach dem Norden verpflanzt haben. Ich hab’ mich aus dem
Garten des Müllers hierher verirrt, und nun bleibe ich hier bei dir!“
Die Lichtnelke wollte antworten, aber die Nachtviole stimmte ein Lied
an:
„Nachtfalter, der du im Tanz
schwebst durch die kühle Luft,
kannst du mich finden?
Mir fehlet der Lichtnelke Glanz.
Aber mein köstlicher Duft
wird dich doch binden.“
„Ja, wenn du mich nur wenigstens die Dämmerungsfalter behalten ließest,
und dich mit den Nachtfaltern begnügtest,“ sagte die Lichtnelke. „Die
meisten von ihnen verzehren nichts, sondern fliegen an dem schönsten
Honig vorbei, als ob es Dreck wäre.“
„Es ist genug für euch beide vorhanden,“ sagte der Buchfink. „Deswegen
keine Feindschaft. Ihr solltet bloß die Tagblumen sehen. ~Da~
herrscht Kampf ... das ist eine andere Sache, ihr könnt’s mir glauben!
-- -- Aber nun höre, Lichtnelke, da ist doch noch etwas, was ich nicht
verstehe. Warum laßt ihr nicht selber Staub auf eure Eier fallen? Ihr
habt ja genug Staub, und das wäre doch viel, viel einfacher!“
„Ja -- ich könnte das gar nicht, wenn ich auch wollte,“ erwiderte die
Lichtnelke. „Ich habe gar keine Staubgefäße in meiner Blüte, nur Eier.“
„Herrgott, bist du ein Invalide?“ rief der Buchfink erschrocken.
„Nein, ganz und gar nicht,“ erwiderte die Blüte. „Aber wir Lichtnelken
sind nun einmal so eingerichtet. Meiner Schwester drüben an der Hecke
geht es ebenso. Aber auf der andern Seite des Weges, da stehen meine
Brüder... siehst du das Weiße da drüben leuchten? Das sind sie. Die
haben bloß Staubgefäße und keine Eier. Nun verstehst du wohl, daß wir
genötigt sind, uns der Schmetterlinge zu bedienen.“
„Ja, aber die Rose und der Löwenzahn? Und die Butterblume und die
Glockenblume? Ist es bei ihnen denn ebenso?“
„Nein,“ erwiderte die Lichtnelke. „Sie haben gleichzeitig Eier und
Staub in ihren Blüten; sie könnten sich also allein behelfen, wenn sie
wollten. Aber sie wollen nicht. Denn fremder Staub ergibt die größten,
besten Samen, weißt du.“
„Wie merkwürdig das alles ist,“ sagte der Buchfink. „Da geht’s euch
ja im Grunde ebenso wie uns Tieren. Ihr kämpft miteinander, um
durchzukommen, kämpft für eure Nachkommen und so weiter.“
Die Lichtnelke nickte auf ihrem Stengel und sang ihr Liedchen, denn es
kam gerade ein großer, grauer Schmetterling vorübergeflogen. Aber er
flog weiter, und da sagte die Blume:
„O ja, so ist es. Aber ihr schreit und schlagt einander tot vom Morgen
bis zum Abend. Wir stehen still, wo wir stehen, leuchten und duften und
besorgen trotzdem unsern Kram. Also ein Unterschied ist doch vorhanden.“
Der Buchfink saß ein Weilchen schweigend da und dachte nach. Dann
entdeckte er, daß es spät geworden war, und beeilte sich, sein Nest im
Walde aufzusuchen.
Der Abend verstrich, und es wurde immer dunkler. Rings auf den Gehöften
wurden die Lichter ausgelöscht, und auf den Wegen war niemand mehr zu
sehen. Die Nachtviole duftete versteckt im Grase, der Roggen flüsterte
mit dem Nachtwinde, und die weißen Blumenblätter der Lichtnelke
leuchteten.
„Du... Roggen!“ rief die Lichtnelke. „Du bist so lang und reichst
so hoch hinauf... kannst du nicht sehen, ob ein Dämmerungsfalter im
Anmarsch ist?“
„Guck’ nicht aus nach dem Zeug... kenne nichts davon... kümmer’ mich
nicht drum,“ erwiderte der Roggen.
Es klang weit über das Feld hin, denn alle die Roggenhalme antworteten
gleichzeitig, und sie alle bogen ihre Ähren nach derselben Richtung;
sie hielten immer gute Kameradschaft und waren stets der gleichen
Meinung.
„Na, na,“ sagte die Lichtnelke. „Brauchst dich doch nicht so wichtig
zu machen! Der Tag kommt wohl auch noch, wo du Verwendung für ein paar
Bienen oder einen Schmetterling hast.“
„Nein, niemals... niemals... niemals!“ tönte es über das Roggenfeld hin.
„Sooooo?“ sagte die Lichtnelke verblüfft. „Dann versteh’ ich eigentlich
nicht, was ihr mit euren Eiern und eurem Staub anfangt, wo ihr doch so
viele seid. ... Ihr seid ja gewiß über hundert!“
„Wir sind eine Million!“ erwiderte der Roggen.
Und wieder klang es über das ganze Feld hin, so daß es im Walde
widerhallte:
„Eine Million... eine Million... eine Million!“
Es dauerte eine Weile, bis die Lichtnelke ihre Fassung wiedergewann. So
überwältigt war sie. Aber kurz darauf sagte sie demütig:
„Will mir nicht einer von euch erzählen, wie ihr es anfangt, wenn ihr
euch nicht der Bienen und Schmetterlinge bedient? Aber wenn’s geht,
nur einer! Ich bin eine einsame Lichtnelke, und mir wird immer ganz
unheimlich zumut, wenn ihr alle zugleich sprecht!“
Einen Augenblick war es ganz still im Roggen, und die Lichtnelke
wartete auf die Beantwortung ihrer Frage. Dann flüsterte einer von den
Roggenhalmen, die zunächst standen:
„Für euch ist’s eine Kleinigkeit, die Insekten zu bewegen, euern Staub
zu besorgen, denn ihr seid ja nur ein paar! Aber unser Geschäft ist zu
groß dazu. Bei uns wird das ganze an einem einzigen Tage abgemacht, ja
manchmal in ein paar Stunden! Wir bedienen uns der Kraft des Windes,
weißt du?“
„Soooooo?“
„Was tun sie?“ fragte die Nachtviole, die voll Interesse zugehört hatte.
Die Lichtnelke erzählte es ihr, und beide waren ebenso klug wie zuvor.
Aber dann flüsterte der Roggenhalm wieder:
„Wenn der Staub reif ist, wachsen alle unsere Staubgefäße aus der
Ähre hervor. Das geht mit der größten Geschwindigkeit vor sich. Die
Staubbeutel baumeln in der Luft, und es kommt darauf an, die Zeit zu
benutzen. Wenn die Sonne recht milde scheint und keine Regenwolken am
Himmel stehen, wenn es so gut wie ganz still ist, dann springen die
Staubbeutel auf, und der Staub fällt heraus, wogt über dem Felde hin
und her und fällt auf die Stempel.“
„Ihr seid ja die richtigen Großkaufleute,“ meinte die Lichtnelke.
„Da muß aber eine Menge Staub verlorengehen,“ sagte die Nachtviole.
„Allerdings,“ flüsterte der Roggenhalm. „Aber damit rechnen wir von
vornherein, wir haben genug Staub zur Verfügung. Morgen fängt die Sache
an... gebt acht, dann steht eine ganze Wolke über dem Felde.“
„Morgen ist unser Laden geschlossen,“ erklärte die Lichtnelke. „Wir
müssen dir also auf dein Wort glauben.“