Fischerdorf. Die Häuser sind nur aus Holz und winzig und ärmlich. Auch
die kleine Kirche ist aus Holz und hat keinen Turm. Dann ist da noch
das Haus, in dem der Kaufmann wohnt, und das Haus des Doktors und das
niedrige alte Pfarrhaus, und sonst nichts als Fischerhütten.
[Illustration]
Felder sind nicht vorhanden. Rings sieht man nur nackte Felsen und
dann den Fjord und dahinter das weite Meer. Am Strande sind die Boote
in der Regel aufs Land gezogen, damit die See sie nicht forttreibt.
Alle Bewohner des Dörfchens leben vom Fischfang, und wenn der Ertrag
ausbleibt, dann herrscht Jammer und Elend.
[Illustration]
In dem Jahre, in dem diese Geschichte beginnt, mußte man sehr lange auf
den Hering warten.
„Kommt der Hering nicht, dann müssen wir verhungern,“ sagte die älteste
Fischerfrau. „Ich bin nun zweiundsiebzig Jahre alt geworden, und noch
nie ist es passiert, daß der Sommerhering so spät im August noch nicht
da war. Niemand von uns hat ja noch Brot im Hause.“
[Illustration]
Der Kaufmann betrachtete traurig die vielen, vielen Tonnen Salz, die er
zum Einsalzen der Heringe gekauft hatte. Und er sah in seinen Büchern
noch, wieviel Kredit er den Fischern gegeben hatte, und wurde noch
trauriger.
„Kommt der Hering nicht, so mache ich Bankrott,“ sagte er.
„Kommt der Hering nicht, so reisen wir nach Amerika,“ sagten die jungen
Fischer.
[Illustration]
„Kommt der Hering nicht, so geschieht das um eurer Sünden willen,“
sagte der Pastor.
„Wenn der Hering in diesem Jahre nicht kommt, so liegt das daran, daß
das Wasser nicht salzig genug ist,“ sagte der Doktor. „Oder daß es
nicht warm genug ist; oder daß der Meeresboden nicht mehr für die Eier
geeignet ist.“
Die Fischer hörten das und schüttelten den Kopf. Am meisten Glauben
hatten sie zum Pastor und am wenigsten zum Doktor.
[Illustration]
Aber da war ein uralter Fischer, der sehr selten das Wort ergriff und
dem darum alle aufmerksam zuhörten, wenn er den Mund auftat.
„Ich will euch etwas sagen, Kinder,“ begann er. „Wenn der Hering nicht
kommt, so hängt das damit zusammen, daß die Wale und Möwen und Dorsche
ihn nicht hier hereintreiben.“
„Du bist selber ein Dorsch und ein Dummkopf, Ole,“ entgegnete der
Doktor. „Die Wale und Dorsche und Möwen rennen dem Hering nach, genau
so wie ~ihr~. Wo der Hering ist, da seid auch ihr.“
„Ja, wenn der Doktor mir sagen kann, ~wo~ der Hering ist, dann
werde ich sofort dorthin gehen,“ sagte Ole. „Soviel ich sehe, sind der
Hering und ich augenblicklich nicht beisammen.“
Da lachten alle. Auch der Doktor stimmte mit ein, und Ole war ganz
stolz darauf.
„Gebt acht auf das, was ich sage,“ fuhr er fort. „Sobald ihr die Wale
und Möwen draußen am Strande zu sehen bekommt, dann habt ihr auch den
Hering hier.“
Da stiegen alle auf den Gipfel des Felsens und starrten aufs Meer
hinaus. Aber sie sahen an diesem Tage nichts und am folgenden
ebensowenig, und so verging ein Tag nach dem anderen.
„Lasset uns zu Gott beten, daß er uns unsere Sünden vergibt!“ sagte der
Pfarrer.
„Laßt uns zu Gott beten, daß er das Wasser salzig und warm und den
Meeresboden geeignet macht, wie es dem Hering nottut,“ meinte der
Doktor.
„Laßt uns zu Gott beten, daß er die Wale und Möwen auf die Jagd gehen
läßt,“ sagte der Fischer Ole.
Und die einen beteten, während die anderen fluchten und schalten, und
wieder andere weinten und jammerten, ein jeder nach seiner Natur. Aber
Tag für Tag erstiegen die, die gehen und kriechen konnten, die Klippe,
um auf das Meer zu schauen.
[Illustration]
Und eines Tages gab der alte Ole, der dort oben ganz am Rande mit
seinem Fernrohr stand, ein entsetzliches Gebrüll von sich.
„Da ist er, da ist er!“ schrie er.
„Kannst du ihn auf ~die~ Entfernung hin sehen, Ole?“ fragte der
Doktor.
„Nein, aber ich sehe den Wal,“ erwiderte Ole. „Er stößt große
Wasserstrahlen aus den Nasenlöchern aus, sie spritzen wie Springbrunnen
hoch in die Luft. Ein Dutzend Strahlen habe ich zählen können. Nun
tut, was ihr wollt. Ich gehe an den Strand und bringe meine Netze in
Ordnung.“
„Warte ein wenig,“ sagte der Doktor. „Es eilt nicht so fürchterlich,
Ole. Wenn der Hering hier ist, so weißt du ja, daß er hierbleibt, bis
er seine Eier gelegt hat, und da auf jeden Hering mindestens 30000 Eier
kommen, haben wir Zeit in Hülle und Fülle.“
Jetzt sahen sie alle, wie die Wale draußen ihre Wasserstrahlen in die
Höhe stießen. Immer mehr und mehr sammelten sich zu einem gewaltigen
Kreise. Jetzt sah man auch die schwarzen Rücken der Tiere... und
Delphine und Thunfische sprangen hoch empor. In immer dichteren
Schwärmen fanden sich auch die Möwen ein. Alle Augenblicke stürzte
sich eine von ihnen ins Wasser und ergriff einen Hering, der der
Oberfläche zu nahe gekommen war.
„Ja, da sind sie,“ sagte der Doktor.
„Ganz recht,“ fiel Ole nicht ohne Stolz ein.
Und dann zeigte er ihnen, wie das Wasser so sonderbar gleichmäßig und
blank wurde und in seltsamen Farben glänzte. Das seien die Heringe,
erklärte er, die in dichten Schwärmen dicht unter der Meeresfläche
schwimmen.
Und die Leute sahen, wie an der Oberfläche beständig Luftblasen
aufstiegen.
„Der Hering steht heuer hoch im Wasser,“ sagte Ole.
„Warum?“ fragte der Doktor.
„Weil die Luftblasen nicht gleich zerspringen,“ erklärte Ole. „Wenn sie
das täten, sobald sie an die Oberfläche kommen, dann stände der Hering
tiefer.“
„Es müssen entsetzlich viele Heringe sein,“ sagte der Pfarrer.
„Allerdings,“ war Oles Antwort. „Wir nennen es ja auch
~Heringsberg~.“
„Wie groß mag der Berg denn sein, Ole?“ fragte der Doktor.
„Der Herr Doktor kann das ja selber ausrechnen. Der Schwarm reicht in
der einen Richtung wohl ein paar Meilen weit und in der anderen auch.
Und wenn wir fünf Faden in der Tiefe rechnen, dann sagen wir nicht
zuviel. Vielleicht können Sie nun herausbekommen, wie viele Heringe es
sind.“
Der Doktor rechnete eine Weile.
„Ich denke, es werden etwa 500 Millionen sein,“ sagte er dann.
„Nein, das glaube ich nicht,“ erklärte Ole entschieden.
„Dann würden wir ja alle in Heringen ertrinken,“ meinte der Pfarrer.
„Pah!“ entgegnete der Doktor. „Sehen Sie mal, wie die Möwen und Wale
und Haie dort fressen. Und niemand sieht, was die Dorsche unter dem
Wasser ausrichten; aber das sind gerade die allergefräßigsten von
allen. Nicht der hundertste Teil von allen diesen Heringen gelangt in
die Salztonnen des Kaufmanns.“
„Aber dann kommen ja neue,“ sagte der Pfarrer. „Sie sind ja so klug,
Herr Doktor. Ich denke, Sie sagten, jeder Hering lege 30000 Eier.
Wieviele davon werden denn groß?“
„Zwei,“ war die Antwort.
„Zweitausend?“ fragte der Pfarrer.
„Zwei,“ wiederholte der Doktor.
„I, das glaube ich nicht,“ sagte der Pfarrer. --
Dann ging man an den Strand. Die Boote wurden ins Wasser geschoben, und
der Fang begann.
Man konnte sich nicht erinnern, daß der Ertrag je so reich ausgefallen
war. Die Netze, die man aus dem Wasser zog, waren bis an den Rand
gefüllt, so daß die Boote fast kenterten. Die Frauen arbeiteten vom
Morgen bis zum Abend, um die Tiere aus den Maschen zu ziehen. Das ganze
Dorf glänzte wie Silber vor lauter Heringsschuppen. Man sah und roch
nichts als Heringe.
Aber das war gut, denn der Hering bedeutet Nahrung, Kleidung und
Reichtum.
[Illustration]
Es kamen Dampfer, bloß um die vielen tausend Tonnen mit gesalzenen
Heringen abzuholen. Der Kaufmann verbrauchte all das Salz, das er
hatte, und mußte sogar noch mehr holen lassen. Die Fischer bezahlten
ihm ihre Schulden und kauften sich Branntwein und Tabak und Garn für
neue Netze und Speck für den Winter und ein neues Tuch für ihre Frauen
und alles, was ihr Herz begehrte.
Über einen Monat dauerte der Heringsfang. Als er zu Ende war, da waren
alle fröhlich und guter Dinge.
„Gott hat euch eure Sünden vergeben!“ sagte der Pfarrer.
„Das Wasser hatte die richtige Wärme und war salzig genug, und der
Meeresboden hatte die richtige Beschaffenheit,“ sagte der Doktor.
Aber Ole meinte: „Die Wale und Möwen sind zur rechten Zeit gekommen.“
Während nun der Kaufmann des Fischerdorfes alle die Taler zählte, die
er verdient hatte, und während die Bewohner sich des guten Ertrages
freuten, hatten sich die Heringe, die mit dem Leben davongekommen
waren, wieder ins Meer begeben.
Doch vorher hatten sie auf dem Grunde des Fjords ihre Eier gelegt.
Es waren winzige Eierchen, die wie an Schnüren zusammengeklebt und an
Steinen und Wasserpflanzen und allem, was sich sonst auf dem Boden des
Fjords fand, befestigt waren.
Ihrer waren so viele, daß es ganz unmöglich gewesen wäre, sie zu
zählen. Eine große Anzahl von ihnen wurde auch von dem kleinen Getier
gefressen, das da unten umherschwamm. Aber es blieben dennoch genug
übrig, die in dem klaren stillen Wasser lagen und darauf warteten,
ausgebrütet zu werden.
Und allmählich kamen die Larven. Das waren drollige Fische, die kein
Maul hatten, aber zwei große Augen. An ihrem Bauch hing vom Ei her ein
großer Sack. Sie waren durchsichtig und hatten keine Schuppen, und
niemand, der sie kannte, wäre darauf verfallen, daß jemals Heringe
daraus werden könnten.
Sobald sie aus den Eiern heraus waren, schwammen sie weg. Zuletzt waren
nur noch zwei Eier übrig. Sie saßen aneinandergeklebt auf einem Stein,
wo sie schon länger als einen Monat saßen, ohne begreifen zu können,
was daraus werden sollte.
„Merkst du nichts?“ fragte das eine Ei.
„Doch,“ erwiderte das andere. „Es zieht an mir... es dauert nicht mehr
lange.“
„Es ist auch wirklich Zeit,“ meinte das erste Ei. „Alle anderen sind
schon weg, nur wir sind noch übrig.“
„Das kommt daher, weil wir am allertiefsten sitzen,“ entgegnete das
andere Ei. „Hier ist es zu kalt, darum dauert es so lange mit uns.“
Dann saßen sie noch eine Weile nebeneinander, bis die Eier sich
öffneten und zwei Heringslarven hervorkamen, die den anderen glichen,
aber größer waren, weil sie so lange Zeit gebraucht hatten.
„Was nun?“ fragte die erste.
„Ja, was nun?“ sagte die andere.
Sie blickten mit ihren großen Augen durch das klare Wasser hin, soweit
sie sehen konnten. Da glitten Dorsche vorüber und andere seltsame
Tiere, vor denen sie große Angst hatten. Sie wußten nicht, wohin sie
sich wenden sollten, und blieben dicht beisammen, genau so wie früher,
als sie noch im Ei gelegen hatten.
„Ich glaube, das Leben ist nicht so leicht für einen kleinen Hering,“
sagte der eine.
„Wir müssen zusammenhalten,“ erwiderte der andere. „Wir sind ja
Geschwister und wollen einander nie verlassen.“
„Es ist doch möglich, daß wir getrennt werden,“ sagte Nummer 1. „Ich
finde, hier ist ein entsetzlicher Wellenschlag.“
„Mag sein,“ entgegnete Nummer 2. „Aber wir könnten uns doch wohl
irgendwo in der Welt treffen.“
„Meinst du, daß wir uns erkennen würden? Alle Heringe der Welt gleichen
einander. Das sagte mir meine Mutter, als sie mich legte.“
„Richtig, das sagte sie. Ach, erinnerst du dich an all das, was Mutter
sagte? Sie erzählte von ihren langen Reisen und allen den Ängsten
und Gefahren, die sie hat durchmachen müssen. Sie erzählte von den
häßlichen Möwen und Haien und Walen und allen den anderen Tieren, die
Jagd auf sie gemacht hatten und auch ihren Kindern nachstellen würden.
Und von den Menschen, die den Heringen aufpaßten und sie in Netzen
einfingen.“
„Ja, aber erst, wenn wir groß geworden sind,“ sagte Nummer 1.
„Entsinnst du dich nicht auch, was sie von allen den Tieren erzählte,
die uns fressen würden, solange wir klein wären? Ich habe selber
gesehen, daß das richtig war, was sie berichtete. Ich sah, wie viele,
viele von unsern Schwestern gefressen wurden, sobald sie aus dem Ei
kamen.“
„Ja, viele sind gefressen worden, während sie noch im Ei lagen,“ sagte
Nummer 1.
„Wir wollen zusammenhalten,“ ermahnte Nummer 2. „Wenn unser nur mehr
wären. Das Meer ist zu groß für zwei kleine Heringe wie wir.“
„Wir wollen uns ruhig hinauswagen, dann werden wir schon Gesellschaft
finden,“ schlug Nummer 1 vor.
Da schwammen sie ins Meer hinaus, so gut sie es verstanden. Und so
klein und schwach waren sie, daß sie, als sie sich kaum eine Meile vom
Lande entfernt hatten, bereits glaubten, mitten im großen Weltmeer zu
sein. Sie trafen andere Heringe und schlossen sich ihnen an.
Während sie so dahinschwammen und fraßen, was sie erwischen konnten,
wuchsen alle die kleinen Geschöpfe und sahen immer mehr und mehr wie
richtige Heringe aus. Ein Maul hatten sie schon nach ein paar Tagen
bekommen, nachdem sie aus dem Ei geschlüpft waren. Sie waren auch nicht
mehr durchsichtig und hatten jetzt Flossen und ganz kleine silbern
glänzende Schuppen.
Doch die beiden, die im Ei zusammen auf demselben Stein gesessen
hatten, blieben die ganze Zeit über nahe beisammen.
„Laßt uns hinaufschwimmen,“ sagte Nummer 1. „Ich möchte an die
Oberfläche des Wassers, da sieht es so herrlich hell aus.“
Nun schwammen sie alle hinauf, kehrten aber schleunigst um, so sehr
stach ihnen das Licht in die Augen; und von diesem Tage an gingen sie
nie wieder an die Oberfläche, außer in dunkeln Nächten.
„Wohin schwimmen wir eigentlich?“ fragte Nummer 2.
„Ich folge der Wolke, die ich vor mir im Wasser sehe,“ erwiderte Nummer
1. „Das ist eine Nahrungswolke, wie du wohl merkst. Und ich mache mir
nur etwas aus dem Fressen, bis ich recht groß und stark und dick bin.“
Nun schwammen sie auf die Wolke zu, die aus einer riesigen Schar
winziger Tierchen bestand, die hin und her getrieben wurden vom Strom
und Wind. Der Doktor oben im Fischerdorf nannte die Wolke „Plankton“
und erzählte dem Pfarrer und Ole, wie die Schar Tierchen sich im
Mikroskop ausnehme.
„Das ist das beste Fressen für den Hering,“ sagte er.
Aber Ole wollte ihm das nicht glauben.
„Der Hering lebt vom Wasser,“ meinte er. „Wer hat je etwas anderes als
Wasser im Magen des Herings gefunden?“ --
„Nimm dich in acht vor dem Dorsch da,“ sagte Nummer 1 und entwischte
blitzschnell nach dem Grunde hin.
„Wo?“ rief Nummer 2. Aber da hatte ihn der Dorsch schon aufgefressen.
[Illustration]
Nun stand der kleine Hering allein in der Welt da. Das heißt, Kameraden
hatte er ja genug; denn während er wuchs und gedieh, wuchs auch der
Heringsschwarm an. Der bestand jetzt schon aus vielen Tausenden. Aber
dem kleinen Hering fehlte der, der von Anfang an sein Kamerad
gewesen war, und das sagte er auch den anderen.
[Illustration: Da ging man an den Strand. Die Boote wurden ins Wasser
geschoben, und der Fang begann]
„Es ist nicht gut für einen kleinen Hering, allein zu sein,“ sagte er.
Aber nun war da ein alter, großer, fetter Hering, der aus Versehen
unter alle die jungen geraten war.
[Illustration]
„Ein Hering, der allein ist, ist kein Hering,“ sagte der Alte. „Erst
wenn die Heringe sich zu einem ungeheueren Schwarm vereinigen,
können sie hoffen, respektiert zu werden. Dann machen die Haie und
Wale und Möwen und Dorsche Jagd auf sie, und die Menschen gehen auf
den Heringsfang. Und die, die nicht gefangen oder gefressen werden,
können hoffen, ihre Eier zu legen und zu entwischen und sich zu neuen
Schwärmen zu vereinigen, um das Leben von neuem zu beginnen.“
„Das ist ein böses Leben,“ meinte der kleine Hering.
„Das Leben ist niemals gut,“ erwiderte der Alte. „Die Dorsche machen
Jagd auf die Heringe und die Haie auf die Dorsche, und die Menschen
machen Jagd auf die Haie.“
„Wer macht Jagd auf die Menschen?“ fragte der kleine Hering.
„Das weiß ich nicht,“ erwiderte der Alte. „Ein kleiner Hering fragt oft
mehr, als zehn alte beantworten können. Aber du kannst ruhig sein: die
Menschen haben ebensogut ihre Feinde wie wir.“
Dann schwammen sie weiter, und mit jedem Tage vergrößerte sich der
Schwarm.
Bald zog er aufs offene Meer hinaus und fraß und fraß von dem Plankton,
das überall wie eine Wolke wogte. Bald hielten sie sich an der Küste
auf, wenn sich die Wolke dahin verzogen hatte.
Aber als auf diese Art ein halbes Jahr verstrichen war, da meinte der
kleine Hering, er sei nun so groß geworden, daß er etwas anderes tun
könne, als immer und immer fressen.
„Das Essen schmeckt mir nicht mehr recht,“ sagte er.
„Das kommt bloß daher, weil du satt bist,“ erklärte der Alte. „Ich
denke auch, daß du jetzt groß genug bist, um Eier zu legen.“
„Wo soll ich das tun?“ fragte der kleine Hering.
„Im Fjord, wo du selber gelegt worden bist,“ erwiderte der Alte. „Ja,
~ich~ bin fünfmal da gewesen, so daß ich Bescheid weiß. Aber wir
schwimmen erst dorthin, wenn wir dazu angepeitscht werden. Denn es ist
eine lebensgefährliche Tour, die man nicht zum Vergnügen macht.“
Sie schwammen und schwammen. Doch da erhob sich ein heftiger Sturm.
„Auf den Grund, auf den Grund und ins Meer hinaus!“ rief der alte
Hering. „Schließt euch um mich zusammen. Ich bin der stärkste und
schwimme an der Spitze, die größten von euch folgen dicht hinter mir...
so dicht ihr könnt, Seite an Seite und Kopf an Schwanz.... Dann sind
wir gewissermaßen ~ein~ ungeheuer großer Fisch und kommen im
Wasser rascher vorwärts.“
Sie taten, was der alte Hering sagte, und der ganze Schwarm zog ins
Meer hinaus. Er hielt sich auch möglichst nahe am Boden, solange der
Sturm dauerte. Als es aber wieder still wurde und sie emporstiegen,
sahen sie einen riesigen Bartenwal ganz ruhig auf dem Wasser liegen.
Da erschraken die Heringe furchtbar. Der kleine Hering befand sich
unmittelbar vor dem Schlunde des Wals und konnte sich nicht rühren, so
gelähmt war er vor Angst.
„Du brauchst keine Furcht zu haben, mein kleiner Freund,“ sagte der
Bartenwal. „Ich kann dich nicht fressen, wenn ich auch möchte. Ich
habe keine Zähne, und obwohl ich das größte Tier des Meeres bin, muß
ich mich von den allerkleinsten Geschöpfen ernähren, die im Plankton
umhertreiben.“
„Genau wie ich,“ rief da der kleine Hering fröhlich.
„Nimmst du mir mein Fressen fort, dann scher dich zum Teufel!“ sagte
der Bartenwal und schlug heftig mit dem Schwanz um sich, so daß der
Heringsschwarm nach allen Seiten zerstreut wurde.
Aber sie kamen bald wieder zusammen, und der kleine Hering konnte nicht
begreifen, warum der Bartenwal so böse gewesen war.
„Es frißt ja niemand von uns etwas,“ sagte er. „Ich habe schon lange
kein Fressen in meinem Maule gehabt. Ich weiß nicht, was das ist, aber
in mir reißt und jagt etwas. Ich will fort und will etwas erleben.“
„Du willst Eier legen, das willst du!“ sagte der alte Hering. „Und das
wollen wir alle. Laßt uns jetzt machen, daß wir fortkommen. In Reih und
Glied mit euch, Kinder, dann segeln wir nach dem Fjord.“
Von allen Seiten tauchten neue Heringe auf, und der Schwarm war fast
zwei Meilen lang und ebenso breit. Das Wasser wallte und rauschte, wo
er erschien.
Und hoch oben in der Luft kamen die Möwen schreiend von allen Seiten
herbei. Sobald ein Hering sich der Oberfläche des Wassers zu sehr
näherte, stürzten die weißen Vögel hinab und ergriffen und fraßen ihn.
„Es ist gut, wenn man recht tief unten schwimmt,“ sagte der kleine
Hering und drückte sich zwischen die anderen.
[Illustration]
In diesem Augenblick bekam er einen ungeheueren Stoß und flog beiseite.
Ein gewaltiger Dorsch segelte durch den Heringsschwarm hindurch,
ergriff einen nach dem anderen mit seinen spitzen Zähnen und verschlang
sie.
„Ja, dies ist hier kein Kinderspiel,“ sagte der alte Hering.
„Vielleicht möchtest du jetzt lieber nicht mit im Schwarm sein?“
„Nein, nein, ich muß vorwärts,“ erwiderte der kleine Hering. „Ich merke
es in mir, daß ich nicht mehr umkehren kann.“
„Du hast recht,“ sagte der alte Hering. „Du könntest es nicht, wenn
du auch Lust hättest. Hast du den Mut, die Nase über das Wasser zu
stecken, so wirst du es sehen.“
Der kleine Hering tat es, zog sich jedoch schleunigst wieder zurück.
Die ganze Luft war voll von kreischenden Möwen, und ringsum, soweit der
kleine Hering sehen konnte, sprangen Delphine und Thunfische, und die
großen Wale sandten ihre Wasserstrahlen hoch in die Luft.
„Wir sind ja ganz eingesperrt,“ sagte der Hering erschrocken.
„Allerdings,“ entgegnete der alte Geselle. „Und guck nach vorn! An
der Küste siehst du die Menschen mit ihren Netzen und Booten und den
garstigen Salztonnen stehen, in die wir hineingesteckt werden sollen,
wenn wir nicht entwischen.“
„Ich muß trotzdem vorwärts,“ erklärte der kleine Hering. „Ich weiß
nicht, was es ist, aber vorwärts muß ich.“
„Das ist die Bestimmung der Natur,“ sagte der Alte. „Ihr kann niemand
entrinnen, ob groß oder klein. Ein so mächtiges Tier gibt es in der
ganzen Welt nicht, das seinem eigenen Trieb Trotz bieten könnte.
Vorwärts mit euch Heringen... vorwärts, vorwärts!“
Und es ging vorwärts mit unwiderstehlicher Macht. Die Dorsche fraßen so
manchen Hering, und die Möwen desgleichen, aber die Reihen schlossen
sich immer wieder, und man sah gar nicht, daß es weniger geworden
waren. Niemand dachte mehr an seinen Nebenmann, sondern jeder schwamm
geradeswegs auf den Fjord zu.
„Das gibt heuer einen großartigen Fang,“ sagte Ole, der auf dem Felsen
stand und hinausspähte.
„Ja, dies ist eine glückliche Küste,“ meinte der Doktor.
„Gott segnet uns trotz unserer Sünden,“ sagte der Pfarrer.
Da liefen alle an den Strand hinunter und setzten die Boote ins Wasser
und warfen die Netze aus und taten einen schweren Zug nach dem anderen.
Aber der kleine Hering lag tief im Wasser, nahe am Grunde, und dachte
gar nicht an die Gefahr, der er sich aussetzte. Und er legte Eier,
zehn, zwanzig, hundert und tausend... bis er sie alle los war.
Und während des Eierlegens schwatzte er, genau so wie seine Mutter
geschwatzt hatte. Ganz verworrene Dinge erzählte er, ohne sich darum zu
kümmern, ob jemand ihn hörte:
„Ach, Kinderchen, Kinderchen... es ist so herrlich, in dem großen,
weiten Meere zu leben und umherzuschwimmen. Die Möwen sind hinter uns
her und die Haie und Dorsche und Thunfische und Menschen und viele
andere böse Geschöpfe. Und doch läßt sich nichts in der Welt mit dem
Leben eines Herings vergleichen. -- -- Ihr wißt nicht, wie schön es
ist, hinter dem Plankton herzuschwimmen und Tag und Nacht zu fressen.
Ihr wißt nicht, wie schön und still es da unten in den tiefen Gewässern
ist, wenn oben die Wogen dahinrollen, wie herrlich es ist, in einer
finstern, ruhigen Nacht an die Oberfläche zu schwimmen und seine
Schuppen in dem schwachen Licht glänzen zu lassen. -- Aber nichts war
so schön wie die Reise hierher, um euch in die Welt zu setzen. Ich kann
es euch gar nicht erklären, denn ich bekomme euch ja nie zu sehen und
würde euch auch nicht erkennen, selbst wenn ich euch sähe. Der eine
Hering gleicht dem andern.... Ihr wißt nichts von mir, und ich weiß
nichts von euch. Ich habe auch erfahren, daß nur ganz wenige von euch
am Leben bleiben. Wir waren bloß zwei von 30000 Geschwistern, und der
eine von uns wurde gefressen, ehe er noch richtig ausgewachsen war.
-- Aber das macht nichts. Das Leben ist so schön, und der Hering ist
das glücklichste Tier im ganzen Meere. Seht zu, daß möglichst viele
von euch mit dem Leben davonkommen, und werdet zu schönen, blanken
Heringen, die im Meere glänzen.“
Inzwischen hatte der kleine Hering alle Eier gelegt und war
sterbensmüde davon geworden.
Er sah sich um und bemerkte, daß der ganze Schwarm zerstreut war.
Viele waren gefangen, andere waren gefressen worden, und andere
waren fortgeschlichen, nachdem sie die Eier gelegt hatten. Der ganze
Meeresboden war mit Heringseiern bedeckt.
„Ja, ja,“ sagte der kleine Hering, „im nächsten Jahre gibt es wieder
Heringe. Dafür stehe ich ein. Aber jetzt muß ich wahrhaftig sehen, ob
ich nicht etwas zu essen kriegen kann.“
Er schwamm weg, ohne daß ihm jemand etwas zuleide tat.
Die Fischer hatten sich mit ihren Booten und Netzen zurückgezogen; die
Haie und Dorsche waren anderswohin geschwommen, und die Möwen saßen auf
den Felsen an der Küste und verdauten ihren Fraß.
„Ich bin entsetzlich müde,“ sagte der kleine Hering. „Aber es ist ja
eigentlich nicht sonderbar, daß es einen mitnimmt, wenn man 30000
Kinder in die Welt setzt.“
Immer weiter fort schwamm er. Hin und wieder traf er auch ein paar
Kameraden, aber er machte sich nichts daraus, mit ihnen zu schwatzen.
„Ich bin zu müde,“ sagte er.
„Ja, wir auch,“ riefen die Kameraden.
Länger als drei Monate hielt sich der Hering für sich und fraß und
fraß. Dann begann er wieder zu Kräften zu kommen, und er sehnte sich
nach Gesellschaft.