„Ich denke, sie sehen aus, wie es am besten für sie ist. Es mag ganz

richtig von deinen Vögeln sein, daß sie grün und gelb und rot leuchten,

da sie ja zwischen Bäumen und Blumen umherfliegen. Die meinen sind

gezwungen, sich anders zu kleiden, wenn sie sich vor ihren Feinden

schützen sollen. Sie müssen aussehen wie das Meer und der Strand, über

den sie hinfliegen. Und meine Insekten müssen mir ähnlich sehen, wenn

sie denen, von denen ihnen Gefahr droht, entgehen wollen. Ich finde,

du, da du so klug bist, müßtest das begreifen können.“

„Das sage ich ja eben,“ sagte die Erde. „Du und die Deinen, ihr seid

arm und klein und müßt euch danach einrichten. Unsereins ist besser

gestellt und kann darum flotter leben.“

Da stob der Sand wütend auf.

„Was ficht dich das an?“ sagte das Mannstreu und hob seine steifen

hellblauen Blüten. „Wir freuen uns des Lebens und wünschen uns kein

besseres Los.“

„Laß die Erde nur reden!“ sagte die Möwe und flog auf ihren langen

Flügeln daher. „Der Strand ist schön, und das Meer ist groß, und in den

grünen Wäldern ist es drückend schwül.“

„Verlaß dich auf mich, verlaß dich auf mich!“ flüsterte das

Sandhaargras. „Ich gehöre dir und niemand anderem.“

„Ich liebe dich, du gelber Sand,“ sagte das Sandrohr und nickte mit

seiner Spitze. „Ich würde sterben, wenn ich nicht in dir wohnen könnte.“

Und der Wind fächelte, die Wogen erbrausten, und der Sand tröstete

sich, so gut er konnte. Aber die Erde lag fett und eingebildet in dem

kleinen Garten und wußte recht gut, daß die anderen sich im stillen

doch ärgerten.

* *

*

[Illustration]

Es war Hochsommer und entsetzlich warm. Der alte Mann hatte seinen

Brunnen geleert, um seinen geliebten Garten zu wässern. Müde und

bekümmert saß er mit gebeugtem Rücken auf der Bank und sah, wie die

Blumen ihre Blätter hängen ließen und wie bestaubt und durstig die

Bäume waren.

„Ich kann nicht mehr tun, als ich tue,“ seufzte er. „Wir müssen auf den

Regen hoffen. Kommt der nicht, bevor die Woche um ist, dann sterben wir

alle.“

„Wie geht es?“ fragte der Sand. „Wie wunderschön warm es ist! Das ist

das richtige für mich und die Meinen.“

„Das will ich glauben,“ sagte die Erde. „Ihr Bettler seid an alles

gewöhnt. Wir, die wir ein ordentliches Leben führen, haben natürlich zu

leiden.“

Da lachten der Sand und das Mannstreu, das Stiefmütterchen, die Spinne,

die Möwe und alle die anderen.

„Nun ist die Reihe an mir,“ erklärte der Sand.

„Mag sein,“ entgegnete die Erde. „Wenn auch alles, was mein ist,

verdursten und verdorren soll, so möchte ich doch nicht in deiner Haut

stecken, du armer Schlucker. Ich habe doch wenigstens gelebt!“

„Sehr lebendig sehen die hängenden Blätter nicht gerade aus,“ spottete

der Sand. „Du bist jetzt beinahe ebenso trocken wie ich... und du

fängst an, ganz grau zu werden.... Wer weiß, vielleicht erlebe ich es

noch, dich ebenso arm zu sehen wie die, die du immer verhöhnst.“

„Du verstehst es nicht besser,“ sagte das Erdreich. „Du hast nicht

genug Poesie, um es zu begreifen. Ich aber bin sogar in diesen

trockenen Zeiten voll Melodien und voll der merkwürdigsten Märchen.

Du hast gar keine Ahnung von all der Herrlichkeit und Schönheit, die

aus mir quillt. In mir spielen sich große Dramen ab, erschütternde,

entsetzliche Begebenheiten, die mir genug zu denken geben, während ich

auf den Regen warte, wohingegen du beständig grau und gleichförmig und

weiß und gelb und langweilig bist. Dein Sandhaargras würde noch einmal

so starr zu Berge stehen, wenn ich es dir erzählte.“

„Erzähle!“ bat der Sand.

„Was könnte es nützen? Du verstehst es ja doch nicht. Ich könnte dir

von allen den seltsamen Blumen erzählen, die in mir wachsen, da drüben

in meiner Heimat. Könnte dir erzählen, wie listig sie es anfangen,

Bienen und Fliegen anzulocken und ihnen ihren Staub mit auf den Weg zu

geben bis zur nächsten Blüte. Ich könnte erzählen von dem Duft, der

meine Wälder erfüllt... von meinen Feldern mit dem Getreide, das sich

golden und schwer zu Boden neigt, und mit den blauen Kornblumen und dem

roten Mohn dazwischen... von dem Aufspringen der Knospen und davon, wie

im Lenz alles empordrängt zum Licht und wie alle ganz außer sich sind

vor Freude: Menschen und Tiere, Blumen und Bäume. Erzählen könnte ich

von den Ameisen... Hast du auch Ameisen?“

„Ein paar im Sandhaargras,“ flüsterte der Sand ganz verschämt.

„Ha! Aber ich habe sie zu Millionen, siehst du. Sie bauen gewaltige

Hügel unter den Bäumen und rennen Tag und Nacht umher... Die Ameisen

führen ein so merkwürdiges Leben! Aber das weiß ja jedes Kind, so daß

ich gar nicht davon reden mag.“

„Das ist alles recht gut und schön,“ sagte der Sand, „aber wo bleibt

das Fürchterliche, das Erschütternde?“

„Was hältst du zum Beispiel vom Kuckuck?“ fragte die Erde. „Kennst du

den?“

„Nein,“ war die Antwort.

„Natürlich -- woher solltest du ihn auch kennen! Das ist ein überaus

vornehmer und verwöhnter Vogel, der jährlich nur ganz kurze Zeit hier

im Lande wohnt... nur die schönsten Sommermonate über. So vornehm ist

er, daß er selbst gar kein Nest baut, sondern seine Eier in die Nester

anderer Vögel legt. Und die fremden Vögel brüten die Eier aus, in dem

Glauben, es wären ihre eigenen. Der junge Kuckuck stößt die anderen

Jungen dann zum Neste hinaus und frißt und frißt, und die Pflegeeltern

sterben manchmal schließlich vor Hunger und Kummer.... Ach, das ist

eine grauenhafte Geschichte, die einen in einer Sommernacht wach halten

kann. Und der Kuckuck ist ~mein~, verstehst du, und das alles sind

~meine~ Vögel und ~meine~ grünen Wälder...“

„Ja, die Geschichte ist wirklich schrecklich. Gott sei Dank, daß ich

keinen Anteil daran habe!“

„Aus dir spricht der bloße Neid. Du bist alles andere als interessant.

Das weißt du, und das quält dich.“

Der Sand stob und wehte, als bekäme er es bezahlt; denn er fühlte, daß

die Erde recht hatte, und das ärgerte ihn.

„Ist denn von euch niemand interessant?“ fragte er mürrisch und

sah sich zwischen den Seinen um. „Ist von euch wirklich niemand

interessant?“

„Darf ich...“ begann das Sandrohr.

[Illustration]

Die Erde lachte laut auf, und der Sand blickte mißtrauisch auf die

Pflanze, deren Wipfel sich ganz leise hin und her wiegten, und die

recht grau und langweilig aussah.

„Das wird gewiß eine schöne Geschichte werden,“ höhnte die Erde.

„Hast du wirklich etwas zu erzählen, liebes Sandrohr,“ mahnte der Sand,

„dann erzähle! Aber vergiß nicht, wie sie uns auslachen, wenn wir nicht

interessant sind.“

„Die Geschichte ist sehr traurig,“ sagte das Sandrohr. „Aber wenn ihr

sie hören wollt, so stehe ich zu Diensten.“

„Darf ich fragen, was für Personen darin auftreten?“ forschte die Erde.

„Nur eine Person.“

„Und wer ist das?“

„Das bin ich.“

„Hahaha!“ lachte die Erde. Und alle Blumen und Bäume im Garten vergaßen

ihren Durst und lachten mit.

„Erzähle!“ sagte der Sand zornig. „Aber ist die Geschichte nicht gut,

so fege ich über dich hin und begrabe dich.“

„Das wäre keine Strafe für mich,“ entgegnete das Sandrohr. „Im

Gegenteil. Ich fühle mich sogar am allerwohlsten, wenn du über mich

hinwehst. Aber nun hört zu!“

Der Sand lag ganz still da mit seinen feinen Runzeln und Falten, und

auch die Erde lauschte. Die Spinne blieb auf ihren langen zottigen

Beinen stehen, die Fliegenmaden krochen unter dem toten Goldbutt

hervor, die Möwe stand auf einem Stein dicht am Ufer, und der Wind und

das Sandhaargras hörten auf zu flüstern. Sie waren alle so gespannt

darauf, ob das Sandrohr etwas zu erzählen wüßte, das die prahlerische

Erde zum Schweigen bringen könnte.

Und dann begann das Sandrohr:

„Ihr müßt wissen, daß es eigentlich eine große Schande ist, wenn das

Sandhaargras in dem Rufe steht, den Sand in den Dünen zu binden; denn

das besorge ~ich~ weit mehr.“

„Da sehen wir es!“ rief das Sandhaargras verletzt.

„Ich finde, ihr habt keinen Grund zum Zanken,“ sagte die Erde. „Aber

wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde.“

„Es ist so, wie ich sage,“ fuhr das Sandrohr fort, „und ich finde,

ihr sollt es wissen, weil mein Schicksal so unglücklich ist. Wenn ich

aus meinem Samen hervorwachse, dann versende ich meine feinen Wurzeln

weit und tief durch den Sand hin. Da, wo ich heraufkomme, treibe ich

einen kleinen Büschel von Blättern, und von ihm aus kriechen meine

Wurzelstöcke weit, weit über den Sand hin, schlagen wieder feine

Wurzeln, bauen neue Blattbüschel usw., solange ich lebe.“

„Das ist ja gewiß sehr interessant,“ sagte das Sandhaargras höhnisch.

„Aber diese Geschichte hätte ich ebensogut erzählen können, denn ich

mache es genau so.“

„Interessant kann man es nicht nennen,“ verkündete die Erde. „Aber es

ist rührend. Die Vorstellung, daß das Sandrohr in dem kläglichen Sande

wachsen und wachsen soll, ist geradezu herzzerreißend.“

Aber das Sandrohr fuhr fort, ohne sich um das Gerede der anderen zu

kümmern:

„Ich liebe den Sand wie keiner von den anderen, die hier wohnen; und

alles, was ich besitze und habe, ist für den schönen fliegenden,

stiebenden Sand eingerichtet. Die Blätter in meinen Knospen sind so

zusammengerollt, daß die Knospen steif und stechend scharf sind und den

Sand leicht durchbrechen können. Meine Blätter sind stark und fest,

und ich lasse sie stets zusammengerollt, damit ich den Saft in ihnen

bewahren kann. Alle meine Atemlöcher sitzen auf der oberen Seite, und

ich drehe dem Winde stets die untere Seite zu, damit er mir keinen

Verdruß bereitet.“

„Gott behüte, wie die Person prahlt!“ rief das Sandhaargras.

„Ich finde, sie hat nichts zu prahlen,“ sagte die Erde. „Das alles ist

ja so unendlich ärmlich, trist und kläglich.“

„Jetzt kommt das Traurige,“ begann das Sandrohr von neuem. „Seht,

ich habe es nun schon so lange mit angehört, wie das Erdreich meinen

wunderschönen Sand verhöhnt und zum besten hat, und ich weiß, daß

der Sand am liebsten gute, tüchtige Erde sein und Blumen und Bäume

hervorbringen möchte. Ich benutze daher mein ganzes Leben dazu, dem

Sande zur Erreichung dieses Zieles zu verhelfen. Ich binde ihn mit

meinen Wurzeln und Wurzelstöcken, wenn er auffliegen will; ich banne

und binde ihn, obwohl das mein Unglück ist.“

„Warum?“ fragte die Erde. „Es müßte doch auch für dich ganz hübsch

sein, wenn der Sand ruhig und fest wäre. Dann könntest du in aller

Stille wachsen und gedeihen, und deine Blätter würden eine bessere,

grüne Farbe bekommen.“

„Nein,“ sagte das Sandrohr, „gerade das kann ich nicht. Ich lebe und

sterbe mit dem fliegenden Sand. Ich kann gar nicht gedeihen, wenn

der Sand nicht über mich hinfegt. Sooft einer von meinen kleinen

Blattbüscheln vom Sande bedeckt wird, durchfließt mich ein Strom von

Mut und Lebenslust und Freude. Ich fühle mich doppelt stark und doppelt

froh, versende neue Triebe und wachse, wachse, bis ich durch den Sand

emporgekommen bin.“

„Und dann?“ fragte die Erde.

„Dann bleibe ich wieder stecken,“ erwiderte das Sandrohr. „Es ist, als

würde meine Kraft gelähmt, nachdem ich mein Ziel erreicht habe. Still

und verzagt warte ich darauf, daß der Sand wieder über mich hinfegt und

mir neuen Lebensmut gibt.“

„Seltsam, höchst seltsam!“ rief das Sandhaargras.

„Ja,“ fuhr das Sandrohr fort, „so ist es nun einmal mit mir. Darum sage

ich, daß mein Los so unendlich traurig ist. Unermüdlich arbeite ich

daran, meinen geliebten Sand zu binden, und wenn das geschehen ist,

muß ich sterben. Ich arbeite an meinem eigenen Tode. Ich arbeite für

andere. Sandhaargras, Mannstreu und das bunte Stiefmütterchen treten

an meine Stelle. Wenn die Düne fest wird, so daß man sich auf ihr

ansiedeln kann, dann ist das in erster Linie mir zu verdanken. Darum

säen die Menschen mich auch überall in den Sand, und ich tue meinen

Nutzen und sterbe. Das ist meine traurige Geschichte. Es schneidet mir

ins Herz, sie zu erzählen, aber ich habe es getan, damit die dumme

fette Ackererde sieht, wie wir in der Düne leben und daß es jemand

gibt, der den armen weißen Flugsand mehr liebt als sein Leben.“

„Mein liebes, liebes Sandrohr!“ rief der Sand und bedeckte im Nu alle

seine Büschel.

„Vielen Dank!“ sagte das Sandrohr. „Nun bin ich glücklich.“

„Das ist wirklich eine rührende Geschichte,“ sagte die Erde. „Eine

niedliche Geschichte für junge Mädchen von Liebe und Aufopferung. Aber

wo bleibt das Grauenhafte, Spannende, Dramatische?“

Da vergaß der Sand das liebevolle Sandrohr, über das er eben erst so

gerührt gewesen, und stob und flog wie ein Rasender.

„Wie böse du bist!“ sagte er. „Ich bin froh, daß ich dir nicht gleiche.“

„Hahaha!“ lachte die Erde. „Die Trauben waren dem Fuchs zu sauer.“

Der Sand sagte nichts, grämte sich aber entsetzlich. Und das Sandrohr

hörte nichts, sondern wuchs unter dem Sande weiter.

Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kroch eine kleine, unansehnliche

Fliege dicht an der Stelle umher, wo das schwarze Erdreich unter dem

Zaune hervorkam und wo der Sand in seinem Gram und seiner Bitterkeit

lag.

„Ich will dir einen Gefallen erweisen, du lieber weißer Sand,“ sagte

die Fliege.

„Du?“ fragte der Sand.

Und die Erde spottete:

„Herr Gott, ist es schon so weit mit dir gekommen, daß du dir von den

Fliegen Dienste erweisen lassen mußt?“

„Kümmere dich um dich selbst!“ sagte die Fliege. „Ich weiß, was ich

weiß. Du denkst darüber nach, ob sich denn nicht auch in dir etwas

Interessantes abspielen sollte... etwas recht, recht Grauenerregendes,

Unheimliches, um das dich die schwarze Erde beneiden könnte.“

„So ist es!“ seufzte der Sand.

„Gut. Ich werde dir helfen. Ich werde dir etwas zeigen, das ärger

ist als das ärgste, worauf die Erde verfallen kann. Und es ist keine

Geschichte, sondern etwas, das vor deinen Augen passiert. Aber du mußt

gut acht geben und Geduld haben, denn es dauert eine Weile.“

„Ich will aufpassen wie ein Schießhund und bis zum Jüngsten Tage

warten.“

„Kennst du die Grabwespe?“

„Und ob ich sie kenne! Wo sie so in mir wühlt!“

„Gib auf sie acht. Und gib auf mich acht.... Da kommt sie! Nun mache

ich mich aus dem Staube. Sie kennt mich ja allerdings nicht, aber man

kann nie wissen...“

Wupps! -- war die Fliege verschwunden.

„Es mag so lange hingehen, bis es regnet,“ bemerkte die Erde. „Möglich,

daß es noch interessant wird, obwohl das Gerede der Fliege nicht gerade

vielversprechend war.“

Da kam die Grabwespe geflogen. Sie glich aufs Haar einer Hornisse mit

den schwarzen Ringen auf ihrem gelben Rumpf und ihren klaren Flügeln.

Sie setzte sich auf den Sand, kroch ein wenig umher, schnüffelte, bis

sie eine Stelle gefunden hatte, die ihr gefiel, und fing dann an zu

graben. Sie spreizte ihre vier Hinterbeine gewaltig und grub mit den

beiden Vorderbeinen. Der Sand flog ihr in einem Strahl unter dem Bauche

hervor. Und sie fuhr fort, bis sie ganz tief hinabgekommen war, wo der

Sand fester wurde.

[Illustration]

Alle Augenblicke kam die Wespe, mit einem kleinen Klumpen beladen,

wieder an die Oberfläche, und dann grub sie weiter, und so fort, bis

sie fertig war.

„Mit Verlaub, was tust du da?“ fragte das Sandhaargras.

„Ich baue eine Haustür für meine Jungen,“ erwiderte die Grabwespe.

„Jetzt bin ich fertig. Da unten ist ein Loch, so groß wie eine Walnuß.

Nun will ich etwas Futter holen, und dann lege ich das Ei.“

„Warte mal,“ rief das Mannstreu. „Der Gang fällt ein.“

„Das ist nur der äußerste lose Sand,“ sagte die Grabwespe. „Da grabe

ich mich leicht hindurch, und die Stelle erkenne ich an der Senkung. Es

ist recht gut, daß der Sand einfällt, dann weiß niemand, wo mein liebes

Kind wohnt, und niemand kann ihm Schaden zufügen.“

„Ein Kind?“ rief die Erde höhnisch. „Das ist gerade der Rede wert. Bei

mir haben die Tiere stets viele Kinder.“

„Ich lege sechs Eier,“ erwiderte die Grabwespe. „Ein jedes in sein

Nest. Vierzehn Tage lang muß ich umherfliegen und Futter für alle sechs

Jungen holen. Das ist alles, was ich fertigbringe.“

„Da siehst du es, du eingebildete schwarze Erde,“ sagte der Sand und

legte sich in die untersten Runzeln. „Sechs Junge, und jedes von ihnen

hat sein eigenes Haus. Das ist fein -- was?“

„Ich warte auf das Grauenerregende,“ entgegnete die Erde.

Die Grabwespe war bereits fort, und nun kam die Fliege zurück.

„Da ist es!“ rief sie sogleich und lief zu der Stelle hin, wo das Nest

war.

Aber sie ging nicht ganz bis dorthin, sondern beschrieb einen großen

Bogen.

„Hat sie das Ei gelegt?“ fragte sie.

„Nein,“ sagte das Sandhaargras. „Aber gleich kommt sie wieder, und dann

tut sie es. Und sie bringt dem Jungen auch Futter mit. Sie scheint eine

ausgezeichnete Mutter zu sein.“

„Jeder sorgt für seine Kinder, so gut er kann,“ erklärte die Fliege.

„Ich sorge für die meinen. -- -- Niemand darf übrigens erzählen, daß

ich hiergewesen bin.“

Weg war sie schon wieder, denn die Grabwespe kam zurück und brachte

eine gewaltige Spinne herbeigeschleppt. Sie setzte sich vor das Nest,

holte ein wenig Atem, stach und biß noch einmal in die Spinne, um

sicher zu sein, daß sie auch wirklich tot war, und fing dann an, sie

in die Höhlung einzugraben. Als das erledigt war, kam sie wieder

herauf. Das Mannstreu und das Sandhaargras, der Sand und die Erde, das

Stiefmütterchen und die Möwe, die draußen auf dem Stein saß, starrten

sie gespannt an.

„Nun habe ich mein Ei gelegt,“ sagte sie. „Und Futter für das Kind ist

auch da, wenn es auskriecht, was es wohl bald tun wird, da die Sonne so

schön auf das gesegnete Land herniederschaut. Mehr kann ich vorläufig

nicht tun. Morgen bringe ich neues Futter. Ich bitte euch: Sagt niemand

etwas davon, wo mein Kind liegt.“

„Nein!“ riefen sie alle.

Dann flog die Grabwespe wieder fort, und die Fliege kam zurück.

„Ich rieche, daß sie hier war,“ sagte die Fliege. „Nun heißt es

arbeiten, solange es Zeit ist.“

Damit grub sie sich in die Höhle hinab und blieb lange unten. Als sie

wieder heraufkam, glänzte sie vor Vergnügen.

„Was hast du getan?“ rief das Sandhaargras.

„Ich habe getan, was ich für meine Kinder tun konnte,“ erwiderte die

Fliege. „Ich habe da unten sieben Eier gelegt.“

„Was, glaubst du, wird die Grabwespe dazu sagen?“ fragte das Mannstreu.

„Wie soll sie es erfahren?“ sagte die Fliege. „Da unten ist es

kohlrabenschwarz wie die Nacht; man kann keine Hand vor Augen sehen.“

„Aber wenn nun die Jungen der Grabwespe ausschlüpfen, dann fressen sie

deine Eier auf,“ warf das Sandhaargras ein.

„Die meinen kommen zuerst heraus,“ erwiderte die Fliege und rieb sich

vergnügt die Fühler. „Dann fressen sie die Kinder der Grabwespe auf und

tun sich gütlich an all dem schönen Futter... Ja, vorläufig liegt ja

nur eine Spinne da unten, aber sie bringt wohl noch mehr.“

„Sie sagte es wenigstens“ erklärte das Sandhaargras.

„Das ist recht. Ihr glaubt nicht, wie gut es für Fliegenkinder ist, mit

Spinnen großgefüttert zu werden. Es gibt doch noch Gerechtigkeit in der

Welt.“

Die Fliege flog fort, und die anderen starrten einander an.

„Es ist eigentlich ein widerwärtiger Anblick,“ begann die Erde.

„Du solltest an deinen Kuckuck denken,“ erwiderte der Sand voller Hohn.

„Wolltest du nicht das Grauenhafte, das spannende haben?... Ich finde,

die Sache fängt sehr vielversprechend an.“

Und dann ermahnte der Sand die anderen, es möge sich keiner

hineinmischen, was auch immer geschehen möge. Denn ihre Ehre stehe auf

dem Spiele; es komme darauf an, sich gegenüber der eingebildeten Erde

zu behaupten. Das versprachen sie denn auch feierlich, aber in der

Nacht konnten sie alle vor Spannung nicht schlafen.

[Illustration]

Erst am Mittag des folgenden Tages zeigte sich die Grabwespe. Diesmal

hatte sie eine Schmetterlingslarve bei sich.

„Man hat so viel zu tun,“ sagte sie. „Das Ei hier in dem Loch ist mein

jüngstes. Meine anderen Jungen sind schon ausgeschlüpft, darum gehen

sie vor.“

„Du arbeitest dich ja ganz ab,“ sagte das Sandhaargras.

„Oh, man bringt eine ganze Menge zustande, wenn man muß. Wenn man nur

die Beute erwischen kann. Aber hier hat man ja nicht viel Auswahl.“

„Ja, hier ist es grauenhaft ärmlich,“ zeterte die Erde.

„Ich will ja nicht klagen,“ sagte die Grabwespe. „Ich brauche etwa

hundert Stück während dieser Zeit: Fliegen, Spinnen und Larven, wie es

kommt; und die finde ich auch. Wenn nur niemand meine Nester ausfindig

macht und den Kindern das Futter wegnimmt.“

„Wer sollte das tun?“ fragte das Sandhaargras. „Hast du viele Feinde?“

„Feinde haben ja alle ordentlichen Leute. Da ist zum Beispiel die

Goldwespe, die faule Person. Die mag nicht selber Futter einsammeln und

legt ihre Eier in meine Nester. Aber vor der habe ich in dieser Gegend

allerdings weniger Angst. Die wird meiner Familie in den fruchtbaren

Gegenden gefährlich. Aber dann ist da eine Fliege, die sich ebenso

schändlich benimmt. Doch ich denke, ich habe das Nest so gut versteckt,

daß sie es nicht findet.“

„Aha... das ist ja eine Art Kuckuck!“ warf die Erde ein.

„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es ein garstiges Geschöpf ist.

Und wenn ich sie erwischen könnte, würde ich ihr schleunigst den Garaus

machen.“

Dann grub die Grabwespe sich mit der Larve hinab, kam wieder herauf

und flog davon. Bald darauf ließ sich die Fliege sehen, kletterte

gleichfalls hinab und kehrte vergnügt an die Oberfläche zurück.

„Alles in Ordnung,“ erzählte sie. „Es geht ausgezeichnet.“

Über vierzehn Tage lang brachte die Grabwespe täglich Futter

herbeigeschleppt.

„Gott sei Dank!“ sagte sie. „Das Kind hat Appetit. Es ist fast das

gefräßigste von den sechsen. Ihr könnt euch keinen Begriff davon

machen, wie es frißt.“

„Wie sieht es denn aus?“ fragte das Sandhaargras.

„Woher sollte ich das wissen? Da unten ist es ja kohlrabenschwarz. Ich

bekomme meine Kinder nie zu sehen; aber ich kann wenigstens mit gutem

Gewissen sterben, wenn ich sie so gut füttere. Und es ist klar, daß es

tüchtige Geschöpfe sind, wenn sie so fressen.“

„Entsetzlich!“ rief das Mannstreu, als die Grabwespe fort war.

„Eine unheimliche Geschichte -- was?“ sagte der Sand.

„Hm,“ erklärte die Erde, „ich leugne nicht, daß die Sache anfängt,

spannend zu werden. Aber noch haben wir ja nicht das Ende gehört. Wir

wollen erst einmal sehen, wie ~das~ sein wird. Niemand von uns

weiß ja, was da unten in der Höhle vorgeht.“

Am fünfzehnten Tage kam die Grabwespe ohne Futter und auf sehr matten

Flügeln geflogen.

„Nun kann ich nicht mehr,“ seufzte sie. „Und ich will hoffen, daß ich

genug getan habe. Ich fühle deutlich, daß ich sterben muß.“

„Warte doch noch ein wenig, und sieh dir dein Kind einmal an,“ sagte

das Sandhaargras.

„Das erlebe ich nicht mehr,“ erwiderte die Grabwespe. „Auch ich habe

meine Eltern nie gesehen.“

Ein Weilchen saß sie noch da und betrachtete den Eingang zu der Höhle,

glättete mit ihren letzten Kräften den Sand, um das Nest zu verstecken,

streckte dann die Beine von sich und war tot.

„Es war eine gute Seele!“ predigte das Sandhaargras.

Doch das Mannstreu rief: „Da kommt die Fliege!“

„Nun werden wir den letzten Akt des Dramas erleben,“ sagte die Erde,

die fürchterlich neugierig war, aber es ungern zeigen wollte.

„Ungeheuer spannend!“ meinte der Sand. „Viel, viel fürchterlicher als

die Geschichte vom Kuckuck. Und dann ist es eben gar keine Geschichte,

die man glauben oder nicht glauben kann, sondern es spielt sich alles

unmittelbar vor unseren Augen ab.“

Als die Fliege die Grabwespe sah, fuhr sie erschrocken zurück.

„Habe keine Angst!“ sagte das Sandhaargras. „Sie ist tot. Und von

deinen Schurkenstreichen hat sie nie etwas erfahren.“

„Spare deine Schimpfworte!“ entgegnete die Fliege. „Ich sorge für meine

Kinder, wie wir alle es tun. Das ist das ganze. -- Aber ich glaube,

jetzt müssen sie bald zum Vorschein kommen.“

Alle starrten gespannt nach der Stelle, wo der Eingang zu der Höhle

war, und nach kurzer Zeit begann es im Sande zu rascheln. Ein dünnes

Beinchen tauchte auf... und noch eins... und noch vier, und dann stand

eine neugebackene Fliege da, die niesen mußte und sich den Sand aus den

Augen wischte und auf und davon flog, ohne ihrer Mutter auch nur guten

Tag zu sagen.

„Das ist mein Sprößling!“ sagte die Fliege.

„Unverkennbar,“ sagte das Mannstreu. „Dieselben niedlichen Manieren.“

Und dann kam noch eine junge Fliege zum Vorschein und dann nacheinander

noch fünf.

„Na,“ fragte der Sand, „was sagst du nun, meine liebe Erde?“

„Ich?“ erwiderte die Erde, als ginge das ganze sie nichts an. „Ich sage

nur soviel: jetzt regnet es.“

Und so war es. Der Regen machte der Geschichte schnell ein Ende.

Der kleine Hering.

[Illustration]

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 8 / 16 段