Als er so nachsinnend in der Stube herumlief, bemerkte er mich. ‚Bei

dir kann ich mich für die Entdeckung bedanken,‘ rief er. ‚Dich werd’

ich aufbewahren und dem Erben geben, sobald wir ihn finden. Er soll

dich in Ehren halten, weil er dir seinen Rang und sein Vermögen

schuldet.‘ -- Damit steckte er mich in seine Westentasche und fing von

neuem an, darüber nachzudenken, was er tun sollte, um den jungen Grafen

zu finden.“

„Hat er ihn gefunden... und hat der junge Graf dich in Ehren gehalten?“

Die Fragen regneten von allen Seiten auf den Dukaten nieder, der dann

nach einer Weile fortfuhr:

„Es kam doch ein bißchen anders. Ich lag also in der Westentasche

des Doktors und wartete auf die Ehre, die mir widerfahren sollte. Am

nächsten Tage aber gab er mich aus Versehen einem seiner Patienten,

einem armen Schreinergesellen.“

„Aach,“ rief der Adler. „Dann hören wir ja nicht das Ende der

Geschichte.“

„Doch, das kriegt ihr trotzdem zu hören,“ sagte der Dukaten. „Der

Schreinergeselle gab mich natürlich gleich aus, und so ging ich lange

von Hand zu Hand, wie in alten Tagen, und wie es nun mal das Schicksal

eines Dukaten ist. Ich erlebte nichts Besonderes bis zu dem Tage, wo

der Mann, der mich gerade vor kurzem verdient hatte, am Tische saß

und mit mir spielte, während seine Frau ihm etwas Merkwürdiges aus

der Zeitung vorlas. Und was las sie vor? Die Geschichte des jungen

Grafensohnes, die zugleich meine eigene Geschichte war. Wie die Papiere

von dem alten Doktor gefunden worden waren, und wie er jahrelang

die ganze Welt durchsucht hatte, bis er schließlich den Erben fand.

Ausdrücklich stand dabei, daß die Entdeckung des Geheimfaches und der

Papiere dadurch erfolgt sei, daß in der Truhe ein Dukaten klirrend

aus einer Ritze hinabgefallen sei; dadurch sei der Doktor aufmerksam

geworden, und er habe die Truhe zerschlagen. Und es stand auch da,

daß man den jungen Grafen in einem fremden Lande als fleißigen,

ordentlichen Mann gefunden habe, der sein Glück vollauf verdiente. Das

erste, was er tat, war die Errichtung eines Grabdenkmals für seine

Mutter. -- Was die beiden Leutchen wohl gesagt hätten, wenn sie gewußt

hätten, daß der Dukaten, der die Hauptrolle in dieser Geschichte

spielte, vor ihnen auf dem Tische lag!“

„Das war eine großartige Geschichte!“ rief das Blei, und alle andern

stimmten mit ein. Nur der Adler konnte sich nicht enthalten zu sagen:

„Gewiß, die Geschichte ist schön -- jedenfalls schöner als die der

andern Dukaten. Aber Gerechtigkeit ist selten in der Welt; sonst

hättest du jetzt an der Uhrkette eines Grafen hängen müssen.“

„Man tröstet sich mit seinem guten Gewissen,“ erwiderte der Dukaten.

8. Kapitel:

Menschen.

So ungeduldig sie auch alle darauf waren, zu hören, was die beiden

letzten Dukaten zu berichten hatten, mußten sie doch lange warten.

Denn jetzt war der Winter in das öde Land eingezogen.

Es kamen Stürme und Schnee und Eis, und zwar diesmal ärger als je

zuvor. Fuchs und Bär fror es in ihrem Winterversteck, die Vorräte

der Maus gingen zur Neige, und auch der Adler litt unter der Kälte.

Der Frost ging so tief in die Erde hinab, daß die Wurzeln der Gräser

erfroren; und die Samen, die dalagen und auf den nächsten Sommer

warteten, nahmen Schaden an ihren Keimen. Eisen, Blei, Silber und

Kupfer lagen tief versteckt unter fußhohem Schnee... Die fünf Dukaten

waren ganz verschwunden. Man hätte glauben sollen, daß sie nie wieder

zum Vorschein kommen würden. Denn wenn der Sturm wütete, lösten sich

oft große Felsblöcke, die auf das Tal herabstürzten, so daß mehr unter

ihnen begraben werden konnte als fünf kleine Goldstücke. Aber eine

Geschichte mag so lang sein, wie sie will, sie nimmt schließlich doch

ein Ende. Und der Winter mag noch so streng sein, es folgt doch ein

Sommer darauf.

Die Sonne kam wieder hervor, der Schnee schmolz, die Bäche tauten auf;

und die Keime, die der Frost in der armseligen Erde verschont hatte,

schossen auf und grünten, so gut sie konnten. Die Metalle kamen wieder

zum Vorschein, rostig und mit Kies und Sand bedeckt. Und auch die fünf

Dukaten lagen wieder da; und man konnte ihnen nicht ansehen, was über

ihre Köpfe dahingegangen war. Ihr Glanz war unvermindert.

„Gold bleibt Gold!“ sagte der Adler. „Alles Echte hat Bestand. Darum

ist das Gold das vornehmste von allen Metallen, weil es nie rostet und

sich nicht abnutzt.“

„Das tue ich auch nicht,“ sagte das Silber.

„Du bist ja an den Kanten ganz angelaufen. Schlecht bist du nicht, aber

vor dem Golde mußt du zurückstehen.“

„Ich bin der stärkste von uns allen,“ sagte das Eisen.

„Du Ärmster!“ rief der Adler. „Du bist schwächer als alle andern.

Keinen beißt der Rost so wie dich. Im Handumdrehen bist du weg.“

„Warum zanken wir uns?“ warf das Blei ein. „Wie im vorigen Jahre liegen

wir hier immer noch nutzlos da, während sich draußen die Welt schön und

reich entfaltet. Laßt uns hören, was die Dukaten uns zu erzählen haben.

Zwei sind noch übrig, die uns nichts berichtet haben. Schaut uns an,

wie mitgenommen und mit Grünspan überzogen wir sind. Und dann schaut

die Dukaten an, die draußen in der Welt gewesen sind, die der Adler

schlecht nennt. Sie glänzen aufs schönste.“

„Ja ja, erzählt!“ rief das Eisen.

„Meine Geschichte will ich euch gern berichten,“ sagte der vierte

Dukaten. „Obwohl ich mein Geschick mit vielen andern gemein habe.“

„Ist die Geschichte schön?“ fragte ein kleines, kümmerliches

Stiefmütterchen, das sich gerade geöffnet hatte. „Sonst fürchte ich

mich. Wißt ihr: als ich im vorigen Jahr als winziger Samen im Kopfe

meiner Mutter lag, da habe ich den zweiten Dukaten so etwas Greuliches

erzählen hören. Das habe ich nie verwinden können. Darum sind meine

Stengel so dünn und meine Blätter so klein.“

„Ja, die Geschichten der Dukaten eignen sich nicht für Kinder,“ sagte

der Adler.

„Verschont uns doch um des Himmels willen mit dem dummen Geschwätz!“

rief das Eisen ungeduldig. „Wir wollen die Dukaten erzählen hören. Wenn

hier einer diese Geschichten aus der Welt und dem Leben nicht vertragen

kann, so mag er gefälligst weggehen. Wir sind doch Männer, sollt’ ich

meinen.“

„Ich rechne mich allerdings zu den Damen,“ erwiderte das

Stiefmütterchen. „Aber ich werde den Herren Metallen nicht zur Last

fallen.“

„Danke, sehr freundlich!“ sagte das Eisen spöttisch. „Dann kann der

Dukaten also beginnen.“

„Wenn ich nur wüßte, was ich erzählen soll!“ sagte der Dukaten.

„Wir sind hier im Tale nicht verwöhnt,“ meinte das Eisen. „Hier

geschieht nie etwas Besonderes. Erzähl’ nur darauf los!“

„Auch ich,“ begann der vierte Dukaten, „habe natürlich viele Besitzer

gehabt. Es ist nun mal unser Los, von Hand zu Hand zu gehen, wie schon

meine verehrten Kollegen ganz richtig bemerkten. Wir können keinen

Widerstand leisten; und wir können natürlich nicht im geringsten die

Verantwortung übernehmen für das, was unsre Besitzer mit uns beginnen.

Heute können wir in der Tasche eines ehrlichen Mannes liegen, und

morgen in der eines Diebes. Das einemal kauft man Branntwein für

uns, das andremal Rosen. Man fügt sich in sein Schicksal, ohne darum

schlechter zu sein. Der Dukaten verliert seinen Wert nie, durch wessen

Hände er auch gehen mag. Aber wenn sich das auch so verhält, so müßt

ihr darum nicht glauben, daß ich ohne Gefühl bin. Auch ein Dukaten

hat ein Herz wie andere Leute, und nicht alle unsre Herren sind uns

gleich lieb. Von dem einen trennen wir uns betrübt, von dem andern mit

Freuden. Die einen vergessen wir nie, die andern beachten wir kaum.“

„Das wäre also die Einleitung,“ rief das Silber. „Nun laß uns die

Geschichte hören!“

„Unter allen meinen Besitzern,“ begann der vierte Dukaten, „war mir der

liebste --“. Weiter aber sollte er nicht kommen in seiner Geschichte,

denn der Adler unterbrach ihn von seiner Zinne mit dem Rufe:

„Da kommen Menschen!“

Ein Beben ging durch das öde Land.

Was für Menschen waren das, die da kamen? Und was wollten sie... Würde

es gehen wie das letztemal, wo sie alles aufwühlten und niedertraten

und dann wieder fortzogen und das Land öder und trauriger zurückließen,

als es je gewesen? Oder kamen sie, um hier zu bleiben und im Lande zu

wohnen und bessere Zeiten zu schaffen? Die Menschen könnten ja alles,

pflegte der Adler zu sagen.

Jedenfalls war es vorbei mit dem Geschichtenerzählen der Dukaten. Weder

die Schicksale des vierten noch des fünften Dukaten kamen je zu Ohren

der andern Metalle und des Adlers und des Stiefmütterchens. Sie hatten

ja nun alle andere Dinge im Kopfe.

„Die Menschen kommen natürlich, um die fünf Dukaten zu holen,“ sagte

der Adler höhnisch. „Sie laufen bis ans Ende der Welt, um ein Stück

Gold zu bekommen.“

Aber diesmal irrte sich der Adler.

Die Menschen, die jetzt kamen, sahen ganz anders aus wie der

ungeordnete Haufe der Goldgräber, die vor Jahren im Lande gehaust

hatten. Sie waren kräftig und arbeitstüchtig und kamen in geordnetem

Trupp. An ihrer Spitze stand ein junger Ingenieur, der mit ruhiger

Stimme Befehle erteilte, und dem die Leute ohne Murren gehorchten.

Er sah sich im Tale um, beklopfte die Steine, steckte seinen Spaten

hier und da hinab, prüfte die Metalle in einem kleinen Tiegel,

den er mitgebracht hatte. Mit dem Resultat seiner Untersuchungen

schien er außerordentlich zufrieden zu sein. Nachdem die Leute Zelte

aufgeschlagen und sich mit den mitgebrachten Gegenständen so gut wie

möglich eingerichtet hatten, rief er den ganzen Trupp zusammen und

sagte:

„Wir sind hier an sehr, sehr reiche Eisenminen gekommen. Früher ist

hier Gold gewesen, aber das ist weg. Jetzt ist hier noch Silber, Kupfer

und Blei. Doch am reichlichsten ist Eisen vorhanden, und zwar so gutes

Eisen wie an wenigen Stellen in der Welt. Der Mann, der dieses Land

gekauft und uns hierher gesandt hat, wird steinreich. Und auch wir

können ein schönes Stück Geld mit unserer Arbeit verdienen. Wir wollen

gutes Muts sein und gleichmäßigen Fleiß anwenden, dann sollt ihr sehen,

welch ungeheure Menge Eisen wir gewinnen werden.“

Die Leute riefen Hurra! und gingen an die Arbeit. Nach kurzer Zeit aber

stieß einer von ihnen einen lauten Schrei aus:

„Gold! Gold! Gold!“

Alle zuckten zusammen, auch der junge Ingenieur, der soeben so ruhig

und vernünftig gesprochen hatte, und alle liefen herzu. Aber der Adler

schlug mit den Flügeln und rief höhnisch:

„Seht ihr... es kommt, wie ich gesagt habe! Jetzt sind sie wieder ganz

aus dem Häuschen.“

Das Gold, das der Mann gefunden hatte, war nichts anderes als die fünf

Dukaten. Der junge Ingenieur hielt sie in der Hand und betrachtete sie:

„Es sind nur fünf. Wahrscheinlich hat sie einer der Goldgräber früher

hier verloren. Wer weiß: vielleicht ist er hier gestorben oder

verunglückt. Das Gold regiert die Welt, im guten wie im bösen. Wir

können es nicht entbehren. Das Gold setzt unser Minenwerk in Gang. Aber

glücklich der, der sein Gold durch ehrliche, redliche Arbeit erwirbt...

Glücklicher ist er als der, der es auf der Erde findet. Diese fünf

Dukaten sollen den Grundstock zu einer Krankenkasse für diejenigen von

uns bilden, die bei der Arbeit zu Schaden kommen.“

Hiermit waren alle einverstanden, und nun wurde der Minenbetrieb in

Gang gesetzt. Die Hacken erklangen, und es trafen Maschinen ein, die

vom Morgen bis zum Abend stampften und arbeiteten. Ein ganzes Dorf mit

hohen Schornsteinen wurde gebaut; Eisenbahnen wurden angelegt, und

niemand konnte das böse Land wiedererkennen.

„Nun geht es,“ rief das Eisen. „Hurra! Nun kommen wir in die Welt

hinaus!... nun sind wir ebenso gut wie das Gold!“

„Das werdet ihr nie,“ sagte der Adler. „Mit einem kleinen Stück Gold

kann man einen Berg Eisen bezahlen. Die Männer, die euch aus der

Erde gewinnen, werden jeden Sonnabend von dem Ingenieur mit Goldgeld

bezahlt. Aber jetzt will ich fortfliegen, denn hier wird es mir zu

lebhaft.“

Damit flog er auf seinen breiten Schwingen in ödere Gegenden.

[Illustration]

[Illustration]

Sand.

Die schwarze Erde und der weiße Sand kommen nicht so leicht ins

Gespräch miteinander. Sie wohnen an verschiedenen Orten und sprechen

verschiedene Sprachen. Nicht einmal im Traume begegnen sie sich; denn

das Erdreich träumt von grünen Wäldern, roten Rosen und gutem, goldenem

Getreide, der Sand aber träumt nur vom Sandhaargras und den wilden

Wellen.

Zuweilen kommen sie einander nahe, ohne daß aber jemals eine rechte

Gemeinschaft zwischen ihnen entstünde. Denn der Wind weht viel Sand

über das Erdreich hin, und Fuchs, Hase, Buchfink und Maikäfer tragen

an ihren Füßen, ohne darüber nachzudenken, Erde in den Sand hinaus. So

vermischen sie sich, und mitten zwischen der richtigen Erde und dem

richtigen Sande entsteht ein Stück, das weder das eine noch das andere

ist. ~Magere~ Erde nennt es der Bauer, weil es ihm nicht so viel

Ertrag bringt wie die Ackererde. ~Gute~ Erde nennt es der Fischer,

weil es ihm mehr gibt als der Sand.

Aber da war einmal eine Stelle, wo das schwarze Erdreich und der weiße

Sand sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, so daß sie sich

unbedingt in die Augen sehen mußten. Da lernten sie auch zusammen

sprechen, und es kam zu einem grauenhaften Spektakel zwischen ihnen.

Es ging so zu, daß da ein Mann war, der einst ein glückliches Leben auf

der schwarzen Erde geführt hatte, dort, wo die Wälder und das Getreide

und die Rosen wachsen. Doch dann war ihm etwas Böses widerfahren,

so daß er es in seiner Heimat nicht mehr aushielt. Er meinte, den

Rest seines Lebens da zubringen zu müssen, wo es wild und öde und

unheimlich war. Darum erbaute er sich ein kleines niedriges Haus, so

nahe am Strande, wie nur möglich, zwischen zwei Dünen, auf denen nur

Sandhaargras und kleine Weidenbüsche und dergleichen armselige Pflanzen

wuchsen. Vom Fenster aus konnte man über das weite Meer blicken, das

manchmal ein ohrenbetäubendes Gebrüll erhob. Man konnte ein weites

Stück am Strande entlanggehen, ohne ein Haus oder einen Garten zu sehen.

Nun war es so um den Mann bestellt, daß er sich trotzdem nach dem,

was er verloren, sehnte. Darum hatte er sich einen kleinen Garten

angelegt, der ihn viel Geld und Arbeit kostete. Von weit her ließ er

schwere Fuhren Erde kommen, die die Pferde kaum durch den Sand ziehen

konnten. Er pflanzte, säte und schützte die jungen Keime vor dem

Sturm und der Kälte, die vom Meere herüberkamen. Nachdem viele Jahre

verstrichen waren, hatte er das Ziel seiner Wünsche erreicht und konnte

an schönen Sommertagen im Schatten seiner grünen Bäume sitzen, seine

Rosen pflücken und an die großen Wälder von einst denken. Jetzt war

er allerdings ein alter Mann. Aber das hat nichts mit der Geschichte

zu tun. Der ganze Mann hat nur insofern etwas für die Geschichte zu

bedeuten, als er den Garten angelegt und dadurch das Erdreich und den

Sand einander so nahegebracht hatte, daß sie sich gegenseitig ihre

Komplimente machen konnten.

Das geschah an der Südseite des Gartens, wo ein Bretterzaun stand, der

aus den Planken gestrandeter Schiffe hergestellt war. Der Zaun war mit

starken Pfählen eingerammt, doch unter den Brettern war eine kleine

Öffnung, aus der das Erdreich hervorschaute und dem Sand in sein weißes

Gesicht starrte.

Hier beginnt die Geschichte. Der, der sie erzählt, hat sie mit

seinen eigenen Ohren mitangehört; denn er hat sowohl innerhalb des

Bretterzauns im Schatten der Bäume gesessen, als auch draußen gelegen,

wo der weiße Sand regiert. Und er hat selber das Loch unter dem

Zaune gesehen und alle die seltsamen Wesen, die in dieser Geschichte

auftreten.

Sobald am Morgen die Sonne aufging, begann die Erde allerhand

anzügliche Reden, die den Sand ärgern sollten und es auch taten.

Wenn der Sand diesen Morgengruß hörte, gebärdete er sich wie verrückt

und rief:

„Lieber Wind, lieber Wind! Nimm mich, heb’ mich, feg’ mich!“

„Mit Vergnügen!“ erwiderte der Wind.

Und dann fuhr der Sand wie ein Rasender gegen den Zaun; aber das half

ihm nichts, denn der Zaun stand fest und wich keinen Finger breit; und

wenn auch etwas Sand in den Garten hinabwehte, so lachte die Erde doch

bloß darüber. Denn sie wußte, daß nach einem Weilchen der alte Mann

mit seiner Schaufel kommen und den naseweisen Sand dahin zurückwerfen

würde, von wo er gekommen.

Es dauerte nicht lange, so lief der Wind weiter, an andere Stellen,

wo er auch zu tun hatte, oder legte sich in das Sandhaargras und

flüsterte. Der Sand beruhigte sich dann auch wieder, lag mit

sonderbaren, ärgerlichen Streifen und Runzeln da und dachte über die

Dinge nach.

„Eigentlich weiß ich nicht, worauf du dir so viel einbildest,“ sagte

er. „Warum sind deine Rosen und dein Gras besser als mein Sandhaargras?

Hast du nicht meine kleinen Weidenbüsche gesehen? Und mein Mannstreu

und meinen Strandkohl?“

„Singe mir etwas davon vor,“ erwiderte die Erde. „Warum singst du nicht

ein Liedchen von deinem Reichtum?“

„Das kann ich nicht,“ sagte der Sand sehr traurig.

„Siehst du, das kannst du nicht!“ triumphierte das schwarze Erdreich

und dehnte sich fett und üppig. „Das ist es eben. Vom Mannstreu und

vom Sandhaargras kann man kein Liedchen singen. Es liegt keine Poesie

darin. Von Rosen aber und grünen Bäumen, davon kann man singen. Die

Vögel -- --“

„Ich habe auch Vögel!“ rief der Sand. „Möwen und Seeschwalben und viele

andere.“

„Das sind mir nette Kerle! Die ~singen~ doch nicht... die

kreischen und schreien ja, daß sich ein anständiger Mensch die Ohren

zuhalten muß. Und was für ein Leben führen sie? Die Eier schmeißen sie

auf den nackten Sand, und dann legen sie sich selbst darauf. Keine Spur

von einem Nest oder von irgendwelcher Gemütlichkeit! Die Jungen müssen,

wenn sie kaum ausgewachsen sind, sich selber ihr Futter verschaffen.

Das sind schöne Verhältnisse, muß ich sagen! Aber Gott behüte... arme

Leute müssen ja mit allem zufrieden sein.“

„Sind deine Vögel denn besser?“

„Was faselst du da? Hier draußen ist freilich nicht viel los. Aber

dort, woher ich stamme... da kannst du Vögel sehen, verehrter Freund!

Sie singen, daß die Menschen stehenbleiben und lauschen ... Da gibt es

Nachtigallen und Hänflinge, Zeisige, Drosseln und Finken. Sie bauen

sich die niedlichsten Nester in den Büschen, füttern sie mit Daunen,

Haaren und schönem Heu von der Wiese aus, so daß ihre Jungen wie

Prinzen und Prinzessinnen darin leben können. Es geht ihnen sehr gut,

verstehst du. Ich versorge sie ausgezeichnet, trage Beeren und Getreide

für die, die es gerne fressen, und sie bekommen Fliegen und Würmer,

soviel sie nur wollen.“

Der Sand lag da und dachte sich immer mehr und mehr in Wut und Ärger

hinein. Als es Abend wurde, wehte und stob er zu seinem Privatvergnügen

umher, häufte kleine Dünen auf und trug die Hügel an andere Stellen ab

und benahm sich überhaupt, wie Sand sich zu benehmen pflegt. Dadurch

besserte sich seine Laune allmählich.

„Wie du dich aufführst!“ rief die Erde. „Fliegst und stiebst umher.

Eine ordentliche Pflanze könnte nie auf den Gedanken kommen, Wurzel in

dir zu fassen, selbst wenn du ihr Nahrung bötest. Du würdest ja bald

ihre Wurzeln bloßlegen und bald die ganze Pflanze begraben. Das gute

Wasser läßt du durchsickern, als wäre es Schmutz... Du bist ein ganz

leichtsinniger, unmöglicher Patron. Ich bin überzeugt, daß du selbst an

deiner Armut schuld bist.“

„Ich bin, wie ich bin!“ erwiderte der Sand. „Ich liege still und fege

umher, ganz wie es mir gefällt. Ich bin Herr über mein Gebiet wie du

über deinen kleinen Fleck. Soweit du sehen kannst, herrsche ~ich~

längs des Meeres. Die Wellen spülen mich herauf, und die Wellen nehmen

mich wieder. Der Wind trägt mich, und der Wind läßt mich fahren. Ich

bin naß und bin trocken, wie es kommt.“

„Du solltest werden wie ich,“ sagte die Erde. „Schwer und fett und

ruhig. Dann würden die Pflanzen in dir wurzeln, und du würdest reich

werden.“

* *

*

Es war Mai, und es war wunderschön in den Dünen. Vom Strande aus war

nichts anderes zu sehen als Sandhaargras und dann das Häuschen des

alten Mannes mit dem Garten; die bunten Krokus standen in Blüte, und

alle Bäume und Sträucher trugen dicke Knospen. Aber auf der Seite der

Dünen, die gegen den Wind geschützt war, glänzte und leuchtete es so

von Stiefmütterchen, daß selbst die schwarze Erde ordentlich neidisch

wurde.

„Ei,“ sagte sie, „ich glaube wirklich, du willst mir nachäffen. Die

Blumen hast du wohl gestohlen? Wie in aller Welt sollte deinem dürren

Schoße all die Pracht entsprießen?“

„Ja... da siehst du es!“ rief der Sand stolz. „So sehe ich aus, wenn

ich blühe.“

„Recht nett,“ meinte die Erde. „Aber das ist ja nicht echt. Bevor der

Monat um ist, ist der dünne Staat längst abgeblüht.“

Und so kam es auch. Die Stiefmütterchen waren bald wieder weg, und der

Sand war von neuem betrübt. Er hatte ja freilich seine Weidenbüsche

und das Sandhaargras und das Sandrohr, das seine Ähren trug, so gut es

konnte, und das wirklich ein Halbvetter des gelben Getreides war. Aber

das Erdreich lachte bloß über sie alle und sagte, sie wären nicht des

Anschauens wert und täten für keinen Pfifferling Nutzen hier in der

Welt.

[Illustration]

„Was für häßliche Blätter sie haben!“ spottete die Erde. „Wie garstig

blaugrau und steif die sind! Kann man den Leuten so etwas bieten?“

Und als der Sand dann die wunderliche Mannstreupflanze präsentierte,

die wie ein ganzer kleiner Strauch dastand, steif wie eine Distel,

blaugrau von oben bis unten mit hellblauen Blüten -- da war nicht ein

Baum im Garten, der nicht lachte, daß die Blätter zitterten.

„Soll das eine Blume sein?“ fragte die Erde.

Es half nicht einmal, als die Knospen der Strandrose aufsprangen, so

klein und niedlich sie auch war mit ihren feinen Blüten. Sie wie auch

unsrer lieben Frau Bettstroh wurden als erbärmliche, garstige Geschöpfe

verworfen. Und während sie sich nach Kräften abmühten, um schön

auszusehen, prangte der Garten so im Schmucke herrlicher Blumen, daß

alle Bienen und Schmetterlinge, die in die Nähe kamen, ohne weiteres zu

diesen Gartenblüten flogen und die armseligen Sandblumen sich selbst

überließen.

„Laßt sie fliegen, laßt sie fahren!“ sagte der Sand. „Ich habe meine

Tiere, und die sind gut.“

„So -- --?“ erwiderte die Erde. „Darf man, ohne indiskret zu sein, nach

dem Namen fragen?“

„Mit Vergnügen. Wenn wir auch arm sind, so sind wir doch ehrlich und

haben den Mut, uns zu unseren Ansichten und Namen zu bekennen. Da ist

zum Beispiel -- --“

„Entschuldige, wenn ich dich unterbreche,“ sagte die Erde. „Aber vergiß

nicht den toten Goldbutt, den ich da unten sehe.“

„Ich werde an ihn denken,“ entgegnete der Sand, „und ich kann recht

gut mit ihm anfangen, wenn es dir Spaß macht. Er gehört ja nicht mir

an, sondern dem Meere. Aber darunter liegen hundert Fliegenlarven, die

ihr Morgen-, Mittags- und Abendfutter von ihm bekommen und gut dabei

gedeihen.“

„Das ist ja eine sehr hübsche Geschichte,“ sagte die Erde, „ich glaube

bloß nicht, daß sie wahr ist.“

„Lieber Wind,“ rief der Sand, „sei so freundlich, den Goldbutt da unten

einen Augenblick umzudrehen.“

„Stets zu Diensten,“ antwortete der Wind, und -- eins, zwei, drei! war

der Goldbutt umgedreht.

Mit den Fliegenlarven hatte es seine Richtigkeit, denn da wimmelten

dicke, weiße Maden in Scharen, und sie sahen aus, als wären sie sehr

ärgerlich darüber, daß ihnen ihr fauliger Goldbutt fortgenommen war.

„Na,“ sagte die Erde, „die Maden sind also wirklich da. -- Was weiter?“

„Dann sind da die Rüsselkäfer auf dem Sandhaargras; an denen ist auch

kaum etwas auszusetzen. Und dort unten am Strande läuft meine Spinne;

ihr Hinterkörper ist so groß wie eine Nuß. Du hast gewiß keine größeren

in deinen grünen Wäldern, deren du dich so rühmst.“

„Gut,“ sagte die Erde. „Die Spinne mag passieren. Aber es ist mehr

nötig, wenn du daran denken willst, es mit mir aufzunehmen.“

„Daran denke ich durchaus nicht,“ erwiderte der Sand. „Ich nenne dir

bloß das, was ich habe. -- Hast du schon meine Grabwespe gesehen und

meine schwarzen Schmetterlinge mit den roten Flecken auf den Flügeln?

Und ich habe auch einen kleinen Maikäfer, wenn dir der besser gefallen

sollte. Ich bin durchaus nicht so arm, wie ich aussehe.“

„Das ist hübsch, daß du vergnügt bist. Genügsamkeit ist auch sehr nötig

in deiner Lage, und ein paar Tiere hast du ja wirklich. Nur mußt du

entschuldigen, wenn ich finde, daß sie sehr unansehnlich sind.. gelb

und grau und weiß. Selbst deine Möwen, auf die du so stolz bist, haben

keine Farbe.“

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 7 / 16 段