„Du warst überall im Hause,“ sagte der Dukaten. „Die Menschen können

gar kein Haus bauen ohne Eisen, Nägel, Schlösser, Riegel und Schlüssel.

Das Messer, mit dem der alte Wucherer sein Brot schnitt, war aus Eisen.

Und aus Eisen waren auch die Apparate, mit denen der Schneider des

Geizhalses elende Kleider zugeschnitten und genäht hatte. Eisen war

unter seinen Stiefeln und an der Spitze seines Stockes. Auch die Truhe,

in der er uns aufbewahrte, war mit Eisen beschlagen... Überall, wo

Menschen sind, ist das Eisen im Gebrauch.“

„Da seht ihr’s! Da seht ihr’s!“ rief das Eisen vergnügt. „Ich bin

ebensoviel wert wie das Gold und tue nichts Böses.“

„Nicht?“ meinte der Adler. „Nun, dann laß dir sagen, daß auch die

Pistole, mit der sie einander erschießen, und die Messer, womit sie

einander totstechen, aus Eisen sind. Der Dietrich, mit dem der Dieb das

Schloß aufbricht, ist gleichfalls aus Eisen.“

„Was kümmert das mich?“ rief das Eisen. „Mögen sie Gutes in Böses

verkehren -- bleibe ich nicht, der ich bin?“

„Was kümmert es uns?“ sagten die Dukaten.

„Die Menschen sind böse und gut. Was können wir dafür, was sie mit uns

anfangen? Wir sind, wie wir sind, und sie nehmen uns alle. Das Gold ist

am schönsten und kostbarsten, darum stiftet es am meisten Gutes und

Böses. Das kann nicht anders sein. Der verdrossenste Adler der Welt

kann nichts daran ändern.“

„Hörtest du nichts über mich?“ fragte das Blei.

„War ~ich~ denn gar nicht vorhanden?“ sagte das Kupfer.

„Und ich?“ fiel das Silber ein. „Ich glänze doch auch und bin fast

ebenso schön wie das Gold.“

„Ihr wart alle da,“ erwiderte der Dukaten, „aber vom Eisen war am

allermeisten vorhanden, und am angesehensten war das Gold.“

„Nun soll der nächste Dukaten uns etwas erzählen,“ schlug das Eisen

vor. „Gott sei Dank, es sind noch drei übrig, da können wir uns noch

auf drei ordentliche Geschichten gefaßt machen. Aber wir müssen uns

sputen! Der Sommer geht zur Neige; und im Winter ist an Zuhörer nicht

zu denken vor Sturm und Unwetter.“

„Ich will nichts davon wissen,“ sagte der Adler. Natürlich blieb er

trotzdem und reckte den Hals, um besser hören zu können.

„Ich kann es nicht ertragen, noch mehr zu hören,“ sagte der

Schmetterling, schloß seine Flügel und starb. Das hätte er allerdings

auch sowieso getan, denn seine Zeit war um.

„Wie schrecklich!“ riefen die Blumen. „Gott sei Dank, daß wir bald

verwelken und diese böse Welt verlassen werden!“

„Dummes Zeug!“ sagte das Eisen. „Mag verwelken, was verwelken will! Wir

sind stark, und wir halten aus. Erzähle, Dukaten!“

„Was ich zu sagen habe, wird auch empfindsame Seelen nicht schrecken,“

begann nun der dritte Dukaten. „Denn das größte, was ich in meinem

Leben erlebt habe, war so schön und rührend wie das schönste Gedicht.“

„Sollte man so was für möglich halten?“ unterbrach ihn der Adler.

„Soweit ich die Welt durchsegelt habe, nie habe ich bemerkt, daß das

Gold Gutes im Gefolge gehabt hätte.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen zu dem Dukaten.

„Ja, wie die andern bin ich aus der Münze gekommen,“ fuhr der dritte

Dukaten fort. „Wo ich früher, als ich noch Teil eines Goldklumpens

war, gelegen habe, weiß ich nicht mehr, denn ich bin ungewöhnlich viel

in der Welt umhergeworfen worden. Und wenn einem das passiert und man

erlebt nichts Rechtes dabei, dann verliert man leicht das Gedächtnis.

Jeden Tag sieht man neue Gesichter und bekommt einen neuen Herrn; und

bevor man sich an ihn gewöhnt und Zeit gefunden hat, auf sein Leben

und seine Gewohnheiten zu achten, ist man schon wieder weg und in der

Tasche eines neuen. So ist es mir mehrere Jahre hindurch gegangen.

Ich wanderte von Schublade zu Schublade und von Tasche zu Tasche. Gar

nichts Merkwürdiges widerfuhr mir, bis das große Erlebnis meines Lebens

kam.“

„Und das war?“ fragte das Eisen. „Handelte es sich um blutigen Mord?“

„Von all den Geschichten bist du schon ganz demoralisiert und denkst

nur noch an Mord und Totschlag!“ salbaderte der Adler.

„In meiner Geschichte kommt kein Mord und auch sonst kein andres

Verbrechen vor,“ sagte der dritte Dukaten. „Und die Tränen, die darin

geweint werden, sind von anderer Art als die, die die Tochter des alten

Wucherers weinte. Aber ihr könnt ja selber urteilen.“

Und alle hörten zu. Der Adler setzte sein mißtrauischstes Gesicht auf,

und die Blumen hörten für eine Weile auf zu welken. Aber keiner war so

interessiert wie das Eisen, das seine Neugier kaum bezähmen konnte.

„Auf meinem Wege aus einer Hand in die andere,“ erzählte der Dukaten,

„war ich auch aufs Land gelangt, zu einem.... einem Pächter... ja,

nun entsinn’ ich mich: der Geflügelhändler gab mich dem Pächter als

Kaufgeld für mehrere fette Enten, die ganz grauenhaft schnatterten, als

sie auf seinen Wagen geladen wurden. Der Pächter legte mich in seine

Schublade, wo schon vierundzwanzig andre Dukaten lagen. Er zählte uns

nach, und dann sagte er zu seiner Frau:

‚Nun sind die fünfundzwanzig beisammen. Da kann ich ja gleich in die

Stadt fahren und dem alten Grafen meinen Zins entrichten. Morgen früh

fahre ich zur Stadt.‘

[Illustration]

Das tat er auch. Und in der Stadt ging er in ein vornehmes Haus zu

einem vornehmen alten Herrn. Er verbeugte sich tief vor ihm, und der

Herr gab ihm freundlich die Hand. Es war ein überaus schöner alter

Mann mit weißem Haupt- und Barthaar; das Stehen fiel ihm schwer, darum

saß er meist in seinem Lehnstuhl. Der Pächter zählte uns fünfundzwanzig

Dukaten auf den Tisch, gab dem Herrn auf seine freundliche Frage

Antwort, verbeugte sich wieder und verließ das Zimmer.

Sobald er draußen war, las der alte Herr weiter in dem Buche, das er

vor sich liegen hatte; und erst als es Abend wurde, nahm er uns und

legte uns in eine alte große Truhe, in der er sein Geld und seine

Papiere aufbewahrte, und zwar in ein geheimes Fach. Während aber

die andern gleich auf den Boden fielen, wurde ich in eine Spalte

eingeklemmt, so daß ich fast ganz versteckt war. Und nun beginnt

eigentlich erst meine Geschichte.“

„Du kamst wohl bald wieder heraus aus deinem Versteck?“ fragte das

Eisen.

„Nein, eben nicht!“ war die Antwort. „Ich lag gut versteckt -- ich

glaube, ich habe nicht weniger als hundert Jahre so gelegen.“

„I du Barmherziger!“ rief das Blei. „Wie in aller Welt hast du denn

dann überhaupt etwas erleben können? Wenn du hundert Jahre lang in

einer Spalte eingeklemmt warst?“

„Wenigstens konntest du währenddessen nicht sündigen,“ meinte der

Adler. „Ich fange an zu verstehen, daß deine Geschichte wirklich hübsch

werden wird.“

„Ja, was ich hier erzähle, hab’ ich ja eigentlich erst hinterher

erfahren,“ sagte der Dukaten. „Aber ich erzähle es so, wie es wirklich

passiert ist. Denn weil ich da so versteckt lag, konnte ich ja weder

hören noch sehen, falls nicht gerade Geld aus der Schublade genommen

oder hineingelegt wurde, und das kam oft genug vor. Und dann merkte ich

es natürlich auch, wenn die Truhe von einer Stelle zur andern bewegt

wurde, ohne freilich zu wissen, was es zu bedeuten hatte. Ich verstand

eigentlich erst alles an dem Abend.... Na, nun will ich aber das ganze

erzählen, wie es sich zugetragen hat.“

„Erzähle!“ bat das Eisen.

„Der Graf, von dem ich schon erzählt habe, war sehr reich, sehr vornehm

und hochbetagt. Seit langer Zeit nahm er nicht mehr teil am Leben,

sondern saß in seinem Stuhl, las und erwartete ganz ruhig den Tod,

denn er hatte ja längst seine Rechnung abgeschlossen. Und schließlich

suchte ihn denn der Tod auch wirklich heim, und das Begräbnis war sehr

groß. Alle Vornehmen im Lande nahmen daran teil, die Pferde waren mit

schwarzem Tuch behangen und trugen silbernen Schmuck. Als das Begräbnis

vorüber war, wurde das Testament in Gegenwart aller Erben geöffnet. Der

Haupterbe der Güter und des großen Vermögens war der einzige Sohn des

Verstorbenen, ein hochmütiger junger Herr, den niemand leiden mochte.

Es nahmen denn auch alle alten Dienstboten sofort ihren Abschied, als

der alte Herr in der Erde lag. Aber außerdem hatte der alte Graf allen

denen, die seinem Herzen nahe gestanden hatten, Geschenke und Legate

vermacht.“

„Was wurde aus der alten Truhe?“ fragte der Adler.

„Sieh mal an, wie genau du aufpaßt,“ sagte das Eisen spöttisch. „Du

bist ebenso neugierig wie wir.“

„Die Truhe bekam eine junge Dame, die niemand von der Familie kannte,“

erzählte der Dukaten weiter. „Das heißt, der junge Graf kannte sie sehr

gut. Sein Gesicht verfinsterte sich, als der Notar, der das Testament

vorlas, ihren Namen nannte. Außerdem hatte ihr der alte Herr für jedes

Jahr eine kleine Summe ausgesetzt. Der junge Graf hatte sie nämlich

einmal betrogen. Er hatte ihr vorgeredet, er werde sie heiraten, und

hatte sie aus dem Hause ihrer Eltern entführt, die brave, aber ganz

einfache Leute weit unter seinem Stande waren. Dann hatte er sie

verlassen. Der alte Graf aber hatte Wind von der Geschichte bekommen

und seinen Sohn gezwungen, das Mädchen zu heiraten. Er hatte ihn auch

dazu zwingen wollen, sie der Welt als Gräfin vorzustellen, doch das

wollte sie nicht. Da er sie nicht mehr liebe, so sagte sie, und da

er sie so schändlich betrogen habe, so wolle sie auch nicht Gräfin

sein. Die Heirat wünschte sie nur um des kleinen Kindes willen, das

sie erwartete. Und so wurde es auch. Gleich nach der Hochzeit trennten

sie sich und sahen sich niemals wieder. Der alte Graf bot ihr Geld an,

aber das wollte sie nicht nehmen. Sie werde schon für sich und ihr Kind

sorgen, sagte sie. Oftmals schrieb er an sie oder ließ bei ihr fragen,

ob sie etwas brauche. Einmal ließ er sich sogar, so krank und alt er

war, zu ihrer Wohnung fahren. Aber sie war in eine andere Stadtgegend

verzogen; und es glückte ihm nicht, sie wieder aufzuspüren. Nun bekam

sie also die Truhe und etwas Geld, falls sie sie nur finden konnten.“

„Die Sache ist wirklich spannend!“ sagte das Blei. „Hat man sie

gefunden? Schnell. Du siehst, wie ungeduldig wir sind.“

„Laß mich doch erst mal zu Atem kommen, es eilt doch gar nicht so. Wir

werden ja wohl hundert Jahre hier liegen können, ehe ein Mensch kommt

und uns findet.“

„Kann sein,“ sagte das Eisen. „Aber vielleicht kommt auch schon morgen

ein Mensch hierher.“

[Illustration]

„Allerdings hat man sie gefunden,“ erzählte nun der Dukaten weiter.

„Die Polizei suchte in allen Winkeln der Stadt und entdeckte sie

schließlich ganz draußen in einem Vorort. Dort lebte sie mit ihrem

kleinen Knaben und ernährte ihn und sich durch Musikunterricht. Der

Knabe war jetzt zwölf Jahre alt und sah wie ein richtiges Grafenkind

aus. Aber er kannte seine Herkunft nicht. Sie meinte, es sei früh

genug, wenn er es als erwachsener Mensch erführe, wer sein Vater sei.

Nun, das Geld schlug sie wiederum ab, wie sie es schon immer getan

hatte. Die alte Truhe aber nahm sie an, weil der alte Graf ja immer

gut zu ihr gewesen war und getan hatte, was er konnte, um das Unrecht

seines Sohnes wieder gutzumachen.“

„Und in der Truhe warst du?“ fragte das Eisen.

„Allerdings,“ erwiderte der Dukaten. „Aber das wußte niemand. Ich lag

ja in meiner Spalte, wo ich die ganze Zeit über gelegen hatte. Alle

die andern Dukaten, die vorher in derselben Schublade gewesen waren,

waren jetzt fort, draußen in der Welt, ich aber saß gut fest. Es wurden

Papiere in die Schublade hineingelegt, sie wurde auf- und zugemacht,

und die Klappen wurden gleichfalls geöffnet und geschlossen; doch

an mich dachte niemand, weil niemand etwas von mir wußte. Manchmal

dachte ich selber, daß ich nie mehr ans Tageslicht kommen werde oder

wenigstens erst, wenn die alte Truhe auseinanderfallen würde. Und das

hatte noch gute Weile; denn sie war aus starkem Eichenholz gemacht.“

„Du langweiltest dich also?“ fragte das Silber.

„Gewissermaßen ja. Manchmal ärgerte es mich natürlich, wenn ich daran

dachte, wie meine Kameraden in der Welt herumrollten. Aber das war

immer nur ein vorübergehendes Gefühl. Denn es war so gemütlich bei den

beiden Menschenkindern. Alle Abend saßen sie zusammen in der Stube; und

da die Klappe der Truhe immer heruntergeschlagen war, so konnte ich

jedes Wort hören, das sie sagten; und durch die Spalte, in der ich lag,

konnte ich ja auch ein wenig sehen. Oft, wenn das Licht auf die Truhe

fiel, kam es mir wunderlich vor, daß sie mich nie an meinem Glanze

entdeckten. Aber das war nicht der Fall. Jahr auf Jahr verging, der

Knabe wuchs heran, und alles verlief gut.“

„Ich finde deine Geschichte sehr einförmig,“ sagte der Adler gähnend.

„Alles in allem, bist du der schlimmste von uns,“ entgegnete ihm das

Silber. „Du kannst nie Spannung und Unglück genug kriegen.“

„Herrgott!“ rief das Eisen. „Laß doch den alten Adler sein, wie er

will, und laß den Dukaten erzählen!“

„Jetzt kommt es,“ sagte der Dukaten. „Die Mutter des Jungen wurde

nämlich krank. Sie hatte wohl zu viel gearbeitet, denke ich. Ich habe

sie ja so oft husten hören, besonders des Abends, wenn sie im Bett lag.

Denn die Truhe, in der ich mich befand, stand in derselben Stube, wo

sie auf einem kleinen alten Sofa schlief. Sie hatten natürlich nicht

die Mittel, um eine große Wohnung zu mieten. Es überraschte mich daher

gar nicht, als sie eines schönen Tages auf dem Sofa liegen blieb, weil

sie nicht die Kraft hatte aufzustehen. Für sie selbst aber war es

eine unglückliche Überraschung und ebenso für ihren Sohn, der damals

sechzehn Jahre alt war und sich noch nicht zu viele Gedanken über das

Leben machte. So sind ja nun mal die Kinder.“

„Ach Gott ja!“ seufzte der Adler. „Es ist wahr! Wer von seinen Kindern

Dankbarkeit erwartet, sieht sich arg enttäuscht.“

„Erzähle! Erzähle!“ rief das Eisen.

„Na,“ fuhr der Dukaten fort. „Die Verzweiflung war natürlich groß.

Denn Geld hatten sie ja nicht im Hause; und als der Arzt kam, machte

er ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte, sie könne sich auf den Tod

gefaßt machen; ein andrer Ausgang sei nicht zu erwarten. Es war ein

schlimmer Anblick für mich, wie es ihr immer schlechter und schlechter

erging. Denn ich hatte sie allmählich liebgewonnen. Oft wünschte ich,

daß ich die Macht besäße, mich loszumachen und hinauszurollen und ihnen

zu sagen: Hier bin ich, ich kann euch für eine kleine Weile helfen.

Aber wie hätte ich das anfangen sollen? Ich mußte alles aus meinem

unfreiwilligen Versteck mitansehen.“

„Nun weiß ich schon den Rest der Geschichte,“ sagte der Adler. „Eines

Tages kamst du los und rolltest hervor; und dann wurde Wein gekauft,

und die Frau erholte sich, und die Geschichte endigte in Herrlichkeit

und Freude.“

„Nicht so ganz,“ erwiderte der Dukaten. „Die Frau starb vielmehr. Das

ließ sich leider nicht verhindern. Und nun stand ihr Junge ganz allein

in der Welt. Aber das ärgste war, daß sie ganz plötzlich bei einem

heftigen Hustenanfall verschied, noch bevor sie ihrem Sohn etwas von

seiner vornehmen Geburt erzählt hatte.“

„Waren denn keine Papiere vorhanden?“ fragte der Adler.

„Nun kommt es ja,“ sagte der Dukaten. „Gewiß waren Papiere da. Sie

lagen in der alten Truhe, aber in einem geheimen Fach, von dem niemand

außer der Verstorbenen und dem alten Grafen, der ja doch auch tot war,

etwas wußte.... Es lag ja ganz dicht bei der Stelle, wo ich eingeklemmt

war. Da lag ihr Trauschein und der Taufschein des Jungen mit seinem

vollen Namen und dem Grafentitel und allem. Wenn sie früher das Fach

öffnete und die Papiere herausnahm, so dachte ich gar oft in meinem

Sinn, sie solle sie doch lieber an einen andern Ort legen, wo die Leute

sie finden könnten. Denn man konnte ja nie wissen, was geschehen würde.

Und sie hat wohl etwas ähnliches gedacht, denn sie schüttelte den Kopf

und legte die Papiere wieder hinein, wobei sie vor sich hinmurmelte:

‚Nein nein nein! Wenn nicht sein Vater in sich geht und ihn aus freien

Stücken aufsucht, dann ist es besser, daß sie einander nie treffen.

Mein Junge wird schon durchkommen, wenn ich nur aushalte und für ihn

sorgen kann, bis er für sich selbst zu sorgen vermag. Geld stiftet

Gutes und Böses, dem Vater meines Jungen hat es Böses gebracht. Wäre er

nicht als reicher Mann geboren worden, so wäre er vielleicht ein guter,

tüchtiger Mensch geworden. Nun will ich dem Schicksal seinen Lauf

lassen!‘

Vielleicht war das vernünftig von ihr gedacht, darüber möchte ich mich

nicht weiter auslassen. Aber ich bin überzeugt, daß sie sich zuletzt

eines andern besonnen hatte. Denn als sie sterben sollte und nicht

mehr sprechen konnte, hob sie den Arm und wies auf die alte Truhe hin.

Da ging ihr Sohn, der in ihrer letzten Stunde allein bei ihr war, zu

der Truhe hin, nahm die Klappe herunter und zog die Schubladen heraus.

Er reichte ihr verschiedene Gegenstände, die darin lagen; aber sie

schüttelte den Kopf; denn das war es ja nicht, was sie haben wollte.

Sprechen konnte sie nicht mehr. Und dann starb sie. -- Es war hart für

einen ehrlichen Dukaten wie ich, ganz in der Nähe sitzen zu müssen und

doch nichts tun zu können. --

Aber nun hört weiter! Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.

Die Frau bekam ein sehr ärmliches Begräbnis; denn es war ja kein Geld

vorhanden außer dem Erlös aus dem Verkauf der Einrichtung, und der

war sehr gering, außerdem waren auch noch Schulden aus der Zeit der

Krankheit da. Der Arzt, der der einzige war, der die beiden etwas näher

kannte, rief den jungen Mann zu sich und sagte ihm, fünfundzwanzig

Goldstücke seien sein ganzer Besitz, wenn das Begräbnis und die

Schulden bezahlt seien. Und so viel war nur deshalb übrig geblieben,

weil der Arzt die alte Truhe für fünfzig Dukaten gekauft hatte, obwohl

das alte Möbel bei weitem nicht so viel wert war, und er eigentlich gar

keine Verwendung dafür hatte. Mit diesem Bescheide ging der junge Mann

in die Welt hinaus. Der Doktor fragte ihn, ob er denn gar nichts von

seiner Familie und seinen Vorfahren wisse, aber er konnte nur den Kopf

schütteln. So mußte er eben versuchen, sich sein Leben zu zimmern.“

„Wohin kamst du denn nun?“ fragte das Eisen.

„Ich blieb, wo ich war. Ich saß immer noch eingeklemmt in dem

Geheimfach, in dem die wichtigen Papiere lagen. Die Truhe wurde jetzt

in dem Arbeitszimmer des Doktors aufgestellt und mit seinen Papieren

gefüllt. Da stand sie ein, zwei, fünf Jahre lang; und ich saß fest, und

die wichtigen Papiere waren schon ganz vergilbt.“

„Kommt denn nun nicht endlich die Hauptsache?“ rief der Adler.

„Gewiß, gewiß! Eines Abends wollte der Doktor etwas in der Truhe

suchen. Er konnte es nicht finden und wurde sehr ärgerlich darüber;

denn er war ein alter Hitzkopf, obwohl er ein gutes Herz hatte.

Schließlich nahm er alles, was in der Truhe war, in Bausch und Bogen

heraus und legte es auf Tische und Stühle rings in der Stube. Er zog

alle Schubladen heraus, öffnete alle Klappen, leerte alle Fächer, und

konnte trotzdem nicht finden, was er suchte.

‚Bin ich verrückt geworden? Oder blind? Oder was ist los?‘ rief er

und gab im Eifer der Truhe einen tüchtigen Stoß. Hierbei aber geschah

nichts mehr und nichts weniger, als daß ich mich aus der Ritze, in

der ich so viele Jahre lang gesteckt hatte, loslöste. Ich fiel auf den

Boden des Geheimfaches, und zwar fiel ich ein ziemliches Stück, denn

das Fach war hoch. Bei dem Klange stutzte der Doktor und starrte die

Truhe an.“

„Bei Gott! Das ist eine spannende Geschichte!“ sagte der Adler. „Spute

dich, und erzähle weiter!“

[Illustration]

Und das Silber, das Kupfer und das Eisen stimmten mit ein, und auch die

vier andern Dukaten spitzten die Ohren nicht schlecht.

„Er fing nun an, in allen Schubladen und Fächern nachzusuchen,“

erzählte der Dukaten weiter, „fand aber natürlich nichts. Dann

versetzte er der Truhe wieder einen ordentlichen Stoß, und da klirrte

ich ja wieder in meinem Versteck, so daß er es deutlich hören konnte.

Er fand auch ungefähr die Stelle heraus, wo ich saß, und drückte und

zog und versuchte auf alle mögliche Weise, Eingang zu dem geheimen

Fache zu finden; denn daß ein solches Fach vorhanden sein müsse,

verstand er ja nun. Aber er fand nichts. Er stieß immer wieder an die

Truhe, und jedesmal rollte und klirrte ich, so gut ich konnte; denn,

offen gestanden, hatte ich nichts dagegen, wieder einmal in die Welt

hinauszukommen und in Umlauf gesetzt zu werden. Und einmal fiel ich,

als ich herumgerollt war, oben auf die geheimen Papiere... Ich hatte

gleich daran gedacht, denn es mußte ja von nicht geringer Bedeutung

sein, wenn sie an den Tag kämen; und wenn ich zu ihrer Entdeckung

beitragen konnte, so hatte ich wenigstens alles getan, was man mit Fug

und Recht von einem Dukaten verlangen konnte.

[Illustration: Da ging ihr Sohn, der in ihrer letzten Stunde allein bei

ihr war, zur Truhe hin, nahm die Klappe herunter und zog die Schubladen

heraus]

Auch der Doktor hatte den sonderbar gedämpften Laut gehört, womit ich

das letztemal fiel; und da er kein dummer Kerl war, kam er auf einmal

auf den Gedanken, daß Papiere vorhanden sein müßten. Er versuchte von

neuem, ob er nicht eine Feder finden könnte; aber es gelang ihm nicht.

Da setzte er sich auf einen Stuhl und dachte nach, wobei er die Truhe

unausgesetzt betrachtete.

[Illustration]

Es fiel ihm ein, wer sie vor ihm besessen hatte; und er kam auf den

Gedanken, daß in dem Geheimfach vielleicht Dokumente lägen, die für

den jungen Mann, den Sohn der ehemaligen Besitzerin, von Wichtigkeit

sein konnten. Und der Doktor vergegenwärtigte sich den jungen Mann,

der schon damals sein Interesse wachgerufen hatte. Stolz hatte der

Jüngling des Doktors Anerbieten, eine Dienerstelle bei ihm anzunehmen,

abgeschlagen; und der Doktor hatte schon damals daran gedacht, ob nicht

vielleicht ein Geheimnis über der Geburt des Jünglings schwebe.

Unser Doktor fackelte nicht lange, sondern holte Hammer und Brecheisen.

Und ohne sich daran zu kehren, daß er die Truhe, die er einst für

fünfzig Goldstücke erstanden hatte, zerstörte, schlug er sie so weit in

Stücke, bis das Geheimfach zutage kam. Da lag ich nun, und da lagen ja

nun auch die Papiere.“

„Höchst interessant!“ rief der Adler. „Ich habe wirklich schon lange

nichts so Spannendes gehört.“

„Nahm er dich denn nun und gab er dich wieder in die Welt hinaus?“

fragte das Eisen.

„~Mich~ beachtete er zunächst überhaupt nicht,“ antwortete der

Dukaten. „Er nahm vielmehr die Papiere, setzte sich an den Tisch

und las sie durch; und dann las er sie zum zweiten und dritten Male.

Ich lag inzwischen da und glänzte und freute mich, glücklich meinem

Versteck entronnen zu sein. Ich hatte auch gar keine Angst, übersehen

zu werden; denn das passiert einem Dukaten nie. Und ich kann auch nicht

sagen, daß ich mich gelangweilt hätte. Denn der Doktor las laut aus

den Papieren vor, hielt laute Selbstgespräche und machte überhaupt

kein Geheimnis aus den Dingen, die er da so auf einmal entdeckt hatte.

Es waren ja auch durchaus keine unwichtigen Papiere, die er in Händen

hatte. Da war der Trauschein, ein Beweis dafür, daß die verstorbene

Musiklehrerin eine wirkliche Gräfin war, gesetzlich getraut mit einem

der reichsten Adligen des Landes. Und da war auch der Taufschein,

durch den offenbar wurde, daß ihr Sohn -- jener junge Mann, der das

Anerbieten des Doktors, Diener bei ihm zu sein, so stolz zurückgewiesen

hatte -- daß dieser junge Mann der rechtmäßige Erbe dieses Adligen war.

Der alte Armenarzt lachte hell auf bei dem Gedanken, daß er beinahe

einen wirklichen Grafen zum Diener bekommen hätte.

[Illustration]

Aber es kam noch etwas ganz andres dazu, wodurch das Interesse des

Doktors noch viel mehr gesteigert wurde. Es war ihm so, als hätte

er gerade heute in der Zeitung etwas von jenem Grafen, also dem

Vater des jungen Mannes, gelesen. Er sprang auf, um die Zeitung zu

suchen. Wie eine Fliege in einer Flasche, so schwirrte er im Zimmer

umher, konnte aber die Zeitungsnummer nicht finden. Da lief er, wie

er ging und stand, auf die Straße hinunter und kaufte die Nummer

der Zeitung. Atemlos kehrte er auf sein Zimmer zurück, faltete die

Zeitung auseinander -- und richtig: der Graf, der einst mit der

armen Musiklehrerin vermählt gewesen war, war soeben, plötzlich und

unerwartet, in Paris gestorben. Unverheiratet, so stand in der Zeitung.

Und da stand auch, daß der Titel und die großen Besitzungen auf eine

Nebenlinie übergingen.

[Illustration]

Der Doktor sprang auf, lief im Zimmer umher und rieb sich vergnügt

die Hände. Der Nebenlinie werden wir was pusten! dachte er. Hier ist

ein rechtmäßiger Erbe. Der wird eines schönen Tages hervortreten und

seine Ansprüche erheben. Aber auf einmal fiel ihm ein, daß er ja in

Wirklichkeit gar nicht wußte, wo dieser Erbe steckte.

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 6 / 16 段