„Ja -- nun seid ihr also wieder hier!“ rief der Adler. „Geprägt und

gestempelt seid ihr, und doch hat das alles jetzt gar keinen Zweck

mehr. Ihr seid wieder den andern Metallen gleich -- liegt in der Erde

und wartet und sehnt euch. Aber ihr sehnt euch ~mehr~ als die

andern. Denn ihr habt euch draußen in der Welt umgesehen und habt

Geschmack bekommen an Gutem und Bösem.“

„Wir wollen wieder in die Welt hinaus!... Wir wollen fort!.... Wir

wollen nach Hause!“ schrien die fünf Dukaten wirr durcheinander.

„Pah!“ erwiderte der Adler. „Von hier holt euch niemand fort. Ihr seid

fertig, Kinderchen! Mit euch ist’s aus!“

„Erzählt uns ein wenig von der Welt, in der ihr wart!“ sagte das Eisen.

„Erzählt uns von den Menschen!“ bat das Blei.

„Glaubt ihr nicht, daß sie auch uns holen kommen?“ fragte das Kupfer.

„Ach, warum haben sie nicht an mich gedacht?“ rief das Silber. -- „Bin

ich nicht auch schön?“

„Die Menschen sind böse... die Menschen sind gut... Schweigt still und

laßt mich erzählen! Ich habe mehr erlebt als du.“

Die fünf Dukaten schrien durcheinander.

„Hört nicht auf sie!“ mahnte der Adler. „Sie können euch nichts

erzählen, was ihr nicht schon von mir wißt. Ich fliege hoch über der

Welt und sehe alles.... nichts entgeht meinem Blick.“

„Teufel auch!“ rief der erste Dukaten. „Was kannst du denn aus der Luft

sehen? Du kannst ja den Menschen nie nahekommen... du hast Angst vor

ihnen!“

„Bist du etwa in ihrer Tasche gewesen?“ fragte der zweite Dukaten.

„Hast du ihr Herz klopfen hören?“

„Hast du ihre Augen um deinetwillen strahlen sehen?“ fiel der dritte

Dukaten ein. „Hast du sie toll gemacht vor Glückseligkeit?“

„Bist du je schuld daran gewesen, daß sie bis zum Tode verzweifelt

waren?“ fragte der vierte Dukaten. „Haben sie je deinetwegen schlaflose

Nächte gehabt?“

„Bist du etwa bei ihnen in ihrem stillen Kämmerlein gewesen?“ rief der

fünfte Dukaten. „Hat ihre Hand dich gestreichelt, hat ihr Mund dich

geküßt? -- Nichts weißt du von den Menschen!“

„Erzählt!“ bat das Eisen flehentlich. „Erzählt doch alle, was ihr

wißt... einer nach dem andern. Wir können nie genug hören... Wir sehnen

uns so... Fangt an!“

„Ich mag das nicht mit anhören,“ rief der Adler.

Er lüftete die Flügel, blieb aber dennoch sitzen.

Und nun ergriff der erste Dukaten das Wort und erzählte:

„Ich bin einmal bei einem Gastwirt gewesen --“

„Nein, nein!“ rief das Eisen dazwischen. „Du sollst hübsch ordentlich

mit dem Anfang beginnen, wir wollen uns nicht das geringste entgehen

lassen. Du bist doch wohl mal ein Klumpen gewesen, hast mit im Berge

gelegen?“

„Allerdings,“ gab der Dukaten zur Antwort. „Das ist aber schon sehr,

sehr lange her. Mir ist seitdem so fürchterlich viel passiert, daß

meine Kindheit mir fast aus dem Gedächtnis entschwunden ist. Ja... wart

einmal... jetzt entsinne ich mich. Ich lag im Klumpen an einer wilden,

öden Stelle. Ungefähr wie hier sah es aus. Je mehr ich mich umschaue,

desto mehr scheint mir meine Heimat diesem Tale hier zu gleichen. Auch

dort saß ein Adler auf der Felsenspitze... und es gab dort gleichfalls

Silber und Blei und Eisen und Kupfer; nur lag es nicht so offen, der

Boden war nicht so aufgewühlt wie hier.“

„Früher war’s hier auch anders!“ sagte der Adler. „Aber erzähle nur

weiter!“

„Jetzt erinnere ich mich... neben dem Goldklumpen, der mich enthielt,

lag ein Bleiklumpen. Und dann kamen zwei Männer, die fanden mich...

ein alter und ein junger. Und der junge erschlug mit dem Bleiklumpen

den alten... und trug mich und den ganzen Goldklumpen, in dem ich war,

fort. Jetzt weiß ich wieder alles ganz deutlich... er hatte große Angst

und lief und versteckte sich vor jedem Laut in der Luft.“

„Wir haben ihn gesehen!“ sagte der Adler.

„Wir haben ihn gesehen!“ fielen auch die andern ein.

„Du bist hier aus dieser Gegend!“ erklärte der Adler. „Du warst in dem

ersten Goldklumpen enthalten, der von hier weggetragen wurde.“

„Herrgott!“ rief der erste Dukaten. „Dann sag’ ich auch allen guten

Tag! Seid mir nicht böse, weil ich euch nicht wiedererkannt habe.

Aber ihr wißt ja: wenn man so lange draußen in der weiten Welt gelebt

hat....“

„Dann wird man ein feiner, großer Herr,“ fiel der Adler ein. „Das

kennen wir. Aber weißt du auch, daß der Mann, der dich hierher getragen

und dich und deine vier Geschwister von sich geworfen hat, derselbe

war, der damals seinen Freund erschlug und den Goldklumpen aus diesem

Lande mit sich nahm?“

„Nein, wirklich!“ rief der Dukaten. „Die Sache wird ja immer

merkwürdiger. Ich hab’ ihn gar nicht erkannt.... die Menschen gleichen

sich alle, und ich bin in so vielen Händen gewesen.“

„Allerdings!“ bestätigte der Adler.

Doch das Eisen bat: „Erzähle! Erzähle!“ Und das Blei und das Kupfer

und das Silber stimmten mit ein.

„In der Stadt brachte der Mann den Klumpen auf die Bank,“ fuhr nun der

Dukaten in seiner Erzählung fort. „Da bekam er viel, viel Geld dafür

... es wurde auf dem Tische aufgezählt: Papiergeld, Gold und Silber.

Die Leute sagten, ein so großer Klumpen sei überhaupt noch nie gefunden

worden.“

„Sie hatten recht,“ unterbrach ihn der Adler. „Ich habe viel gesehen,

aber noch nie einen solchen Klumpen Gold. Er hat allerdings gleich, als

er gefunden wurde, ein Menschenleben gekostet!“

„Laß doch den Dukaten erzählen!“ rief das Eisen ungeduldig dazwischen.

„Dann kam der Klumpen in die Münze,“ fuhr der Dukaten fort. „Ein

gehöriger Haufe Goldstücke wurde aus uns... lauter funkelnagelneue

Dukaten mit dem Bilde des Königs. Wir wurden in Rollen zu zehn und zehn

gelegt und sorgfältig eingepackt. Dann wurden wir zur Bank getragen

... das heißt ~ich~ wurde von dem Mann, der mich trug, gestohlen.

Er nahm mich, weil ich zu oberst lag... ich glaube, er nahm ~ein~

Goldstück von jeder Rolle.“

[Illustration]

„Seht ihr!“ sagte der Adler. „Es kommt, wie ich prophezeit habe. Aus

dem Golde entsteht nichts als Unglück und Verbrechen.“

„Am Abend hat er mich im Wirtshaus verspielt,“ erzählte der Dukaten

weiter. „Gerade als er mich verloren hatte, kam die Polizei und

verhaftete ihn wegen seines Diebstahls. Der, der mich gewann, spielte

mit einer falschen Karte. Als die andern den Betrug entdeckten,

entstand eine große Schlägerei. Schließlich einigte man sich dahin,

mich in Branntwein umzusetzen. So gelangte ich in die Schublade des

Wirtes. Gegen Morgen kam wieder ein Dieb und stahl mich.“

„Grauenhaft!“ warf das Eisen ein.

„Hab’ ich es nicht prophezeit?“ rief der Adler. „Und ich bin überzeugt,

das ist noch nicht alles.“

„Gewiß nicht,“ fuhr der Dukaten fort. „Denn drei Tage darauf wurde der

Dieb ergriffen. Und niemand meldete sich als mein Eigentümer... Der

Wirt hatte wohl selber so viel auf dem Gewissen, daß er nichts mit der

Polizei zu tun haben, sondern lieber seinen Verlust schweigend ertragen

wollte. So wurde ich konfisziert und kam zusammen mit vielen andern

Kameraden in die Kasse eines Armenhauses.“

„Nun kommt Ordnung in die Dinge,“ sagte das Eisen.

„Wart es ab,“ meinte der Adler.

Und der Dukaten erzählte weiter: „Der Rechnungsführer des Armenhauses

stahl mich wieder und steckte mich in seine eigne Tasche. Aber da

blieb ich nicht lange, denn er war arm und hatte viele Kinder und

viele Rechnungen zu bezahlen. Darum weiß ich nicht, was später aus ihm

geworden ist.“

„Aber was ist denn aus ~dir~ geworden?“ fragte das Eisen.

„Ich ging von Hand zu Hand. Etwas besonders Merkwürdiges ist mir

dann nicht mehr widerfahren, bis ich hierher gelangte und auf die

Erde geworfen wurde. Aber daß ich wirklich wieder in das Land meiner

Kindheit zurückgekommen bin, das ist ja beinah das Merkwürdigste von

allem! Und damit endigt dann auch wohl meine Geschichte. Denn von hier

wird mich wohl niemand holen.“

„Sei froh, daß du Frieden gefunden hast,“ meinte der Adler. „Du hast

dich genug in der Welt herumgetrieben.“

„Findest du? Ich kann dir versichern, daß ich sehr gerne wieder hinaus

möchte. Ich bin rund und will rollen. Es ist so amüsant, etwas zu

erleben, von Hand zu Hand zu gehen. Und es kümmert mich ja nicht, was

die Menschen mit mir machen.“

„Dein Gewissen ist zusammen mit deinen Kanten abgeschliffen worden,“

sagte der Adler.

„Unsinn!“ rief das Goldstück. „Davon verstehst du nichts, du alter

Adler. Aber sei doch so gut und nimm mich in deinen Schnabel und trag’

mich in die Welt hinaus! Dann kannst du mich irgendwo fallen lassen, wo

Menschen sind... am liebsten mitten in eine Stadt... auf den Markt...

Dann bin ich wieder im Leben drin.“

Doch der Adler gab ihm zur Antwort: „Bleib du, wo du bist; und laß

sehen, ob Regen, Schnee und Eis nicht dein Gepräge verschleißen können,

damit du wieder gut und unschuldig wirst, wie du es früher warst.“

„Meine Sehnsucht können sie mir nicht verschleißen,“ sagte der Dukaten.

Und das Eisen und das Blei und das Silber und das Kupfer seufzten und

empfanden, wie wahr das sei.

6. Kapitel:

Der zweite Dukaten.

„Der nächste Dukaten soll erzählen!“ sagte das Eisen.

„Wart’ bis morgen, dann bin ich tot,“ rief der Schmetterling, der

zwischen den spärlichen Blumen umherflog. „Ich ertrag’ es nicht, noch

mehr zu hören von diesen greulichen, garstigen Dingen.“

„Ihr solltet einfach gar nicht zuhören!“ sagte der Adler. „Ich habe

euch ja schon erzählt, wie die Sache sich verhält... Was wollt ihr mit

all den Einzelheiten? Die Menschen sind sich in der ganzen Welt gleich,

darauf könnt ihr euch verlassen! Sind sie gut, so macht das Gold sie

schlecht. Sind sie schlecht, so macht es sie nur noch schlechter. Ihr

hättet euch damit begnügen können, was ich euch gesagt habe und was ihr

selbst in der Nacht, als der erste Goldklumpen gefunden wurde, gesehen

habt. Und froh solltet ihr sein, daß wir wieder unter uns sind, und

solltet bitten, daß der Regen und der Sturm und der Winter das Unglück

wieder gutmachen möchten, das die Menschen in der Zeit, als sie in

unserem Tale hausten, angerichtet haben!“

„Wie du schwatzest!“ rief das Blei. „Bist ~du~ denn eigentlich

so viel besser als die Menschen? Ich finde, du bist ein Räuber wie

sie, wenn auch auf andre Art. Und was haben wir von den Menschen zu

fürchten? ~Du~ hast allerdings allen Grund, Angst zu haben, trotz

deines hohen Standorts und deiner breiten Flügel -- aber ~wir~?

Laß uns in Ruhe und kümmre dich um deine Jagd und deine Fahrt durch die

Luft!“

„Hat man je so etwas gehört?“ sagte der Adler. „So ein Klumpen toten

Metalls will mitreden und den Adler zurechtweisen. Was ist das Blei,

und was bin ich? Ich will nicht länger bei euch sein. Erzählt euch,

soviel ihr Lust habt. Ich kann eure Geschichten auswendig und mag sie

nicht mehr hören.“

Damit breitete er seine gewaltigen Schwingen aus und stieg empor. Aber

als kurz darauf der zweite Dukaten zu erzählen anfing, saß er dennoch

wieder auf seiner Felsenspitze und hörte mit den andern zu.

„Ich kann nicht so amüsant erzählen wie mein Gefährte,“ begann der

zweite Dukaten. „Denn ich habe nicht so viel bunte Dinge erlebt, obwohl

das meiste traurig genug ist. Eigentlich habe ich ein recht trübes

Dasein geführt, denn ich habe fast die ganze Zeit über in einer Truhe

gelegen.“

„Höchst sonderbar,“ warf das Eisen ein. „Ich dachte, Dukaten müßten

rollen. Was für Freude kann es einem bereiten, sie daliegen zu haben,

wenn man sie nicht in Gebrauch nimmt?“

„Dahinter steckt irgend etwas,“ sagte der Adler. „Glaubt mir, es wird

alles an den Tag kommen.“

„Na, bist du wieder da, alter Adler?“ rief der Bleiklumpen und lachte.

„Aber laß uns hören, was uns der Dukaten zu erzählen hat!“

„Ich bin weder gestohlen noch geraubt noch durch falsches Spiel

gewonnen worden. Geradeswegs bin ich von Hand zu Hand gegangen in

Handel und Wandel, bis ich bei einem landete, der mich behielt. Ich

wurde einem Handwerker ausbezahlt als Lohn für seine Arbeit. Aber nur

einen einzigen Tag lang lag ich in seiner Schublade. Dann nahm er

mich heraus, betrachtete mich lange und seufzte tief. Seine Frau stand

weinend daneben, und sieben Kinder mit hungrigen Mündern waren um sie

herum. Aber es half nichts. Er mußte mich forttragen zu einem alten

Wucherer, der ihm Geld geliehen hatte. Die Möbel des Mannes bildeten

die Bürgschaft; und wenn er nicht zahlte, so nahm der Wucherer die

Möbel. Es war der letzte Termin, -- und doch konnte ich die Schuld

noch nicht ganz decken. Und der Mann mußte den Wucherer anbetteln,

ihm zur Bezahlung des kleinen Restes, der noch übrig blieb, Aufschub

zu geben. Der wurde ihm gewährt, wogegen er blutige Zinsen versprach.

Die Geschichte endigte damit, daß der unglückliche Mann nicht zahlen

konnte, alles verlor, was er besaß, und sich aus Kummer darüber, daß

er den Seinen kein Brot schaffen konnte, erhängte. Ich hörte es ihn zu

dem Wucherer sagen, daß er’s tun wollte, als er das letztemal bei ihm

war. Und am nächsten Tage las der Wucherer es in der Zeitung, ohne eine

Miene zu verziehen.“

[Illustration]

„Schrecklich!“ Der Adler sagte es. „Und das nennst du nicht ein ebenso

grauenhaftes Schicksal wie das deines Kollegen?“

„Ach was -- Schicksal! Ein Dukaten hat kein Schicksal. Ich war ja

nur ganz kurze Zeit bei dem Handwerker. Möchte man über alles gleich

heulen, so würde man sich aufreiben. Aber es ist allerdings mein

einziges großes Erlebnis, da ich von da an viele Jahre hindurch in der

Geldtruhe des Wucherers liegen blieb. Trotzdem hab’ ich ja mancherlei

vom Leben gesehen.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen.

„Erzähl’! Erzähl’!“ riefen auch das Blei und das Kupfer und das Silber.

„Ja... seht ihr... jeden Abend und im übrigen auch sonst oft am Tage

schloß er die Truhe auf .... sobald er allein war, versteht ihr, und

sicher war, daß niemand ihn belauern konnte. Dann nahm er uns alle

heraus und breitete uns auf seinem Tische aus. Viele, viele Dukaten

waren es, und Scheine und Papiere, die ebensoviel wert waren wie rotes

Gold.“

„Was?“ unterbrach das Blei den Dukaten. „Kann Papier ebensoviel wert

sein wie Gold?“

„Und ob!“ erklärte der Adler. „Das wollt’ ich meinen. Ein kleines

viereckiges Stück Papier kann ebensoviel wert sein wie tausend Dukaten.

Man geht einfach zur Bank damit, und die tausend Dukaten werden einem

sofort ausbezahlt. Das haben sich die Menschen so ausgedacht, damit

sie nicht immer so viele schwere Goldstücke mit sich herumzuschleppen

brauchen. Und wie behutsam gehen sie mit den Scheinen um! Gott gnade

dem, der sie nachzumachen versucht. Er wird streng bestraft.“

„Erzähle weiter, Dukaten!“ sagte das Eisen. „Kann denn niemand dem

Adler den Mund verbieten? Er muß fortwährend seinen Senf dazu geben,

obwohl niemand ihn nach seiner Meinung fragt.“

Und der Dukaten fuhr fort: „Es war ja ganz nett, so auf dem Tisch

liegen und sich ein wenig umsehen zu können. In guter Gesellschaft

waren wir ja; denn was der Adler von dem Papiergeld erzählt, das ist

ganz richtig. Es lag in Bündeln zusammengebunden, und wir Dukaten lagen

ordentlich abgezählt in Rollen. Aber denkt euch: immer wieder löste

der Wucherer uns auf und zählte uns nach. Es war ganz unglaublich, wie

oft er es tat. Er hatte nämlich Angst, es könne einer von uns abhanden

gekommen oder gestohlen worden sein. Und dann machte es ihm auch Spaß,

sich davon zu überzeugen, wie viele wir waren. Ihr hättet bloß sehen

sollen, wie seine Augen vor Freude strahlten, wenn er uns ansah. Und

seine Hände zitterten, wenn er uns anrührte; sein ganzer Körper bebte

wie im Fieber.“

[Illustration]

„Hat er nie einen von euch ausgegeben?“ fragte das Silber.

„Nie,“ erwiderte der Dukaten. „Es kamen nur immer neue hinzu; aber kein

einziger von uns gelangte wieder in die Welt hinaus, wenn wir erst

einmal in seiner Truhe gelandet waren. Mochte es draußen noch so kalt

sein, nie hatte er ein Scheit Brennholz im Ofen. Seine Kleider waren

zerlumpt und fettig, seine Stiefel durchlöchert, sein Hemd schmutzig.

Haar und Bart blieben ungeschoren und ungekämmt. Er gönnte sich kaum

mehr als trocknes Brot und Wasser. Im tollsten Schneesturm ging er

in seinem verschlissenen Rock bis ans andre Ende der Stadt, um einen

Schilling zu verdienen.“

„Welche Freude hatte er denn nun von all seinem Gold?“ fragte das Eisen.

„Ja, sag’ es mir, wenn du kannst,“ entgegnete der Dukaten. „Ich weiß

es nicht. Aber noch nie hab’ ich einen froheren Menschen als den alten

Geizhals und Wucherer gesehn. Ich habe viele Menschen gesehn, die

verzweifelt und unglücklich waren vor Hunger, Krankheit, Liebeskummer

oder aus andern Gründen. Aber dieser alte Mann wußte nichts von

Hunger; er hatte niemanden lieb, und er hatte keine Wünsche und keine

Sehnsucht. Wenn er nur über seinem Golde saß, dann war alles gut.“

„Geschah ihm nie etwas?“ sagte der Adler. „Er starb wohl schließlich,

da du ja doch von ihm fortkamst?“

„Ich erinnere mich, als ob es heute wäre, an etwas, was er erlebte,“

antwortete der Dukaten. „Allen andern Menschen wäre es nahe gegangen,

aber er machte sich nichts daraus. Er schloß sich einfach ein, nahm

seine lieben Dukaten vor und war gleich wieder froh wie immer.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen.

„Seine Tochter kam häufig zu ihm -- einmal wöchentlich wohl.“

„Also er hatte eine Tochter!“ rief der Adler. „Dann muß er doch einmal

Mensch gewesen sein.“

„Davon weiß ich nichts. Das war vor meiner Zeit. Aber, wie gesagt, die

Tochter besuchte ihn; und dann zankten sie sich, daß es grauenhaft

anzuhören war. Manchmal schrien sie beide, manchmal war nur der eine

von ihnen heftig, während der andere stöhnte und jammerte.“

„Hast du das mitangesehen?“ fragte der Adler.

„Das hab’ ich schön bleiben lassen. Ich habe niemanden gesehn, denn

niemand durfte mich ja sehn. Sobald das geringste Geräusch auf der

Treppe ertönte, wurden wir verwahrt, der Deckel wurde zugeschlagen

und der Schlüssel aus dem schloß gezogen. Aber ich hörte sie alle,

hörte sie klagen und um Aufschub bitten; und ich hörte auch drohen

und schelten; aber das half alles nichts. Und ich vernahm die dünne,

scharfe Stimme meines Herrn -- ich hörte ihr immer gleich an, was der,

mit dem er sprach, zu erwarten hatte.“

„Ich denke, du wolltest von der Tochter erzählen,“ sagte das Eisen.

„Ganz recht. Sie hatte sich gegen den Willen ihres Vaters mit einem

armen Manne verheiratet. Er war im Elend gestorben, und nun war sie

Witwe und hatte einen kleinen Sohn zu ernähren. Sie selber war auch

nicht gesund -- ich hörte sie oft hohl und heftig husten. Arbeiten

konnte sie nicht recht, und so kam sie also zum Vater. Aber da kam sie

an den rechten. Wenn sie bettelte und bat, schalt er sie in den ärgsten

Worten, weil sie einen solchen Bettlerprinzen geheiratet habe; nun

müsse sie selber sehen, wie sie fertig werde. Sie könne jeden Sonnabend

kommen und die Zimmer fegen und wischen, wenn sie Lust habe, und zwar

für denselben Lohn wie die Frau, die jetzt die Arbeit besorge, obwohl

sie’s ja eigentlich für die Hälfte tun müsse, da er ihr Vater sei und

sie ihm ihr Leben verdanke. Aber von dem Jungen wolle er nichts wissen.

Vergebens bat sie, ob er ihn denn nicht wenigstens sehen wolle; und

einmal brachte sie ihr Söhnchen auch mit, aber da wurde ihnen die Tür

vor der Nase zugeschlagen. Und sobald sie fort waren, schloß der Alte

seine Truhe auf und nahm uns hervor. Seine Greisenaugen glänzten vor

Gier; und niemand hätte ihm angesehen, was soeben geschehen war.“

[Illustration]

„Ist das nicht grauenhaft?“ rief der Adler. „Hab’ ich es nicht gesagt?

Überall, wo das Gold ist, entsteht Sünde und Verbrechen.“

„Weiter, weiter!“ rief das Eisen.

„Zuweilen war es auch anders,“ fuhr der Dukaten fort. „Dann war sie

ganz verzweifelt und drohte und schalt so sehr, daß der Alte Angst

bekam oder sich wenigstens den Anschein gab, als fürchte er sich.

Dann wurde seine Stimme ganz wehleidig, er schwur einen heiligen Eid,

daß er ein armer alter Mann sei, der kaum trocknes Brot zu essen

habe, und forderte sie auf, für ihn zu sorgen, sie, die jung und

stark sei. Mochte es sich nun aber so oder so abspielen, das Resultat

war immer das gleiche, daß sie nämlich nichts bekam. Und wenn sie

dann schließlich fortging, nachdem sie mit der Faust auf den Tisch

geschlagen und ihn verflucht hatte, dann war er außer sich vor Freude

darüber, daß er sie genarrt hatte. Er sprang im Zimmer umher, lachte

wie toll und schlug sich auf die Schenkel; und wenn er uns dann aus

der Truhe nahm und uns klirren und leuchten ließ, so wollte seine

Lustigkeit gar kein Ende nehmen.“

[Illustration]

„Was ist denn schließlich aus ihm geworden?“ fragte der Adler.

„Mit der Zeit wurde er älter und älter. Seine Tochter starb, und ihr

Sohn wuchs zu einem bösen Jungen heran. Von Zeit zu Zeit fand er sich

auch bei dem Großvater ein und sprang nicht schlecht mit ihm um. Aber

er bekam nicht mehr von ihm heraus als die Mutter. Der alte Geizhals

schwur, ihn enterben zu wollen; aber der junge Bursche erklärte, er

werde einst doch noch in den Besitz des Geldes gelangen; und dann werde

er schon dafür sorgen, daß es unter die Leute käme. Schließlich wagte

der Alte es gar nicht mehr, ihn hereinzulassen, seitdem er eines Tages

bemerkt hatte, wie der Bursche der großen Truhe einen verdächtigen

Blick zuwarf. Er hatte wohl Angst, ermordet oder beraubt zu werden; und

dem jungen Mann war eine solche Tat ja gewiß zuzutrauen. Der Wucherer

hielt denn auch oft Selbstgespräche, er wolle ein Testament aufsetzen

und all sein Geld einer Stiftung vermachen, damit nur der Enkel es

nicht bekäme. Aber er konnte sich dennoch nicht entschließen und dachte

auch immer, es eile wohl nicht; so gesund, wie er sei, könne er noch

viele Jahre leben.“

„Starb er denn?“ fragte der Adler.

„Gewiß. Die Menschen sterben alle. Aber ihn überkam der Tod auf

seltsame Art; er hätte sich kein glücklicheres Ende wünschen können.

Denn als er gerade eines Abends in uns wühlte, uns gegen den Tisch

klirren ließ, um sich an unserm guten Klange zu erfreuen, uns gegen

das Licht hielt, damit wir ordentlich funkelten, uns zählte und in

Häufchen aufstellte und vor Freude wie ein Kind lachte -- gerade in dem

Augenblick sank sein Kopf auf den Tisch, und er war sofort tot.“

[Illustration: Die, die Glück gehabt hatten, waren fortgezogen....]

„Grauenhaft!“ rief der Adler. „Er war ein schlechter Mensch!“

„Schon möglich,“ sagte der Dukaten. „Ich halte keine Moralpredigt. Ich

weiß nur, daß ich und meine Kameraden ihm Freude bereitet haben. Hätte

er seiner Tochter nur ein paar von uns gegeben, so hätte er auch sie

froh gemacht. Also Kummer brachten wir nur denen, die uns ~nicht~

hatten.“

„Wie grauenhaft du sprichst!“ sagte der Adler. „Wieviel Unglück hat der

alte Wucherer über andre Menschen gebracht, bloß um seine Goldstücke

einzusammeln!“

„Erzähle weiter!“ rief das Eisen dem Dukaten zu.

„Bei seinem Tode,“ fuhr dieser fort, „war kein Testament vorhanden,

darum erbte der Enkel die ganze Herrlichkeit. Er äußerte nicht den

geringsten Kummer über den Tod des Großvaters; und das tat auch

sonst niemand, denn alle haßten den alten Geizhals. Er wurde auf

dem Armenkirchhof begraben. Das passe am besten zu seiner ganzen

Lebensweise, meinte der Enkel, und dann könne er sich im Grabe

wenigstens nicht über unnütze Geldausgaben ärgern. Und nun kamen wir

wirklich unter die Leute. Es begann ein Leben in Saus und Braus, so daß

man in der ganzen Stadt darüber sprach. Ich meinerseits wurde an einen

Weinhändler ausgegeben, der mich auf die Bank brachte. Dann kam ich zu

einem Schneider und ging nun von Hand zu Hand, ohne etwas Besonderes zu

erleben. Jetzt bin ich hier. Und wie soll ich von hier wegkommen? Denn

hier ist es noch weniger amüsant als in der Truhe des alten Wucherers.

Ich will zu Menschen -- Menschen -- Menschen!“

„Der schlechte Umgang hat dich verdorben,“ sagte der Adler.

Aber das Blei, das Eisen, das Kupfer und das Silber seufzten und

dachten ebenso wie der Dukaten.

7. Kapitel:

Der dritte Dukaten.

„Lieber Gott!“ sagte der Adler. „Wollt ihr wirklich noch mehr hören?“

„Ich kann nie genug hören!“ rief das Eisen. „Ich sehne mich nach

der Welt und fürchte mich nicht vor ihr. Lieber möcht’ ich heute

hinaus als morgen. Auch kann ich nicht einsehen, was ich mit all der

Schlechtigkeit zu tun habe.“

„Du hast ja auch nichts damit zu tun,“ sagte der Dukaten, der seine

Erzählung soeben beendigt hatte. „Aber du warst doch mit dabei.“

„Wo?“ fragte das Eisen.

„Du warst überall,“ erwiderte der Dukaten.

„Erzähle, ach, erzähle!“ bat das Eisen. „Du weißt gar nicht, wie ich

mich sehne.“

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 5 / 16 段