„Er sieht keinen von euch an, denn er kommt überhaupt nicht hierher,“

erklärte der Adler. „Ihr müßt euch damit begnügen, zu euerm eigenen

Vergnügen zu glänzen.“

[Illustration: Da wurde es ganz schwarz vor den Augen des Jüngeren]

2. Kapitel:

Die beiden Freunde.

Und doch kamen Menschen.

Eines Tages zogen zwei Menschen in das böse Land ein. Sie hatten große,

wirre Bärte und eine Flinte über der Schulter, hohe Stiefel und alte,

verschlissene Kleider. Man konnte sehen, daß sie von weit her kamen und

eilig marschiert waren; und von Zeit zu Zeit drehten sie sich um,

als fürchteten sie, daß jemand sie verfolgen werde.

Es waren zwei Freunde, die sich auf der Flucht befanden.

[Illustration]

Der ältere von ihnen hatte ein Verbrechen begangen und darum im

Gefängnis gesessen. Dort sollte er noch viele Jahre bleiben. Aber der

jüngere liebte ihn und konnte es nicht ertragen, daß es dem andern so

schlecht gehen sollte. Er begann daher, darüber nachzusinnen, wie er

den Freund befreien könne; und schließlich fand er einen Ausweg. Mit

seiner Hilfe brach der Gefangene aus, und im Dunkel der Nacht flohen

sie beide, um ein Land zu suchen, wo niemand sie kannte, und wo sie in

Frieden zusammen leben konnten.

„Jetzt sind wir außer Gefahr,“ sagte der Jüngere und blickte sich in

dem bösen Lande um. „Hier sieht es aus, als hätte noch keines Menschen

Fuß dieses Land je betreten; und sicherlich wohnt hier niemand. Unsers

Bleibens ist hier nicht, denn hier ist nicht gut sein. Aber ausruhen

wollen wir heut nacht und Kräfte sammeln und morgen weiterziehen.“

Sie ließen sich in dem Tale, in dem sie gerade waren, nieder und

blickten vor sich hin. Der Jüngere sammelte Moos und machte davon ein

Kopfkissen für seinen Bruder.

„Leg’ dich schlafen!“ sagte er.

„Du bist ja gleichfalls müde,“ erwiderte der andre.

„Schlafe du zuerst,“ sagte nun der Jüngere. „Ich will inzwischen

wachen.“

Der Ältere dankte ihm und legte sich zum Schlafe nieder. Doch kaum

hatte er seine müden Augen geschlossen, als der andere einen lauten

Schrei ausstieß. Der Ältere fuhr empor und griff nach seiner Büchse,

in dem Glauben, daß die Verfolger ihnen auf den Fersen seien. Aber der

Jüngere zeigte nur sprachlos auf eine Stelle dicht in der Nähe.

Dort lag der Goldklumpen.

Er war ja ziemlich groß und hatte einen schönen Glanz! Aber in den

Augen der beiden Männer wurde er doch noch hundertmal größer und bekam

einen viel, viel stärkeren Glanz. Eine Weile saßen sie schweigend

da und starrten den Klumpen an. Dann sprangen sie auf und setzten

sich jeder auf eine Seite des Goldklumpens. Sie rührten ihn mit den

Händen an und versuchten, ihn in die Höhe zu heben; sie brachten es

kaum fertig. Um zu sehen, ob nicht vielleicht eine Sinnestäuschung,

ein Traumbild sie narrte, schlossen sie die Augen und öffneten sie

dann wieder. Alle Müdigkeit war von ihnen gewichen, und ihre Gesichter

leuchteten mit dem Gold um die Wette.

„Jetzt sind wir reiche Leute!“ sagte schließlich der Ältere.

Der andere lachte vergnügt.

„Zuerst wollen wir mein Verbrechen mit Gold büßen,“ fuhr jener fort.

„Sonst werd’ ich nicht wieder froh werden. Und es wird doch noch genug

übrig bleiben.... ein ungeheures Kapital. Wenn wir es vernünftig

anwenden, können wir noch mehr verdienen... Wir werden die reichsten

Leute der Welt, bevor wir sterben.“

„Ja,“ sagte der andre.

„Glaubst du, daß es in der Welt einen größeren Goldklumpen gibt als

diesen?“ fragte der Ältere.

„Nein,“ erwiderte der Freund.

So redeten sie weiter miteinander. Meistens sprach der Ältere... der

Jüngere gab nur einsilbige Antworten; er konnte die Augen nicht von dem

Goldklumpen abwenden. Es wurde Nacht, und die kalten Sterne blickten

auf sie herab.

„Einer von uns muß wachen,“ sagte der Ältere. „Hier ist’s öde und leer,

aber jetzt steht mehr als das Leben, jetzt steht unser Glück auf dem

Spiel. Und man kann nie wissen, ob nicht jemand kommen und uns unsern

Schatz rauben will.“

„Schlaf du,“ entgegnete der Jüngere.

Da legte sich der Ältere nieder und schlief bald ein.

In den andern Nächten auf ihrer Flucht hatte der Jüngere stets seinen

Mantel über ihn ausgebreitet. Heute tat er das nicht. Er sah gar

nicht nach ihm hin, dachte nicht an ihn, sondern starrte bloß auf den

Goldklumpen, der im Sternenschimmer noch größer und seltsamer aussah.

„Seht ihr, was ich gesagt habe?“ rief der Adler.

„Ich leuchte,“ fiel der Goldklumpen ein.

„Nach mir sieht niemand,“ jammerte der Bleiklumpen verzagt.

Und als die Nacht vorschritt und die Sterne immer heller strahlten und

das Gold leuchtete und leuchtete, da ereignete sich etwas Seltsames und

Furchtbares zugleich.

Der jüngere der beiden Männer erlebte eine innere Umwandlung. Niemand

kann erklären, wie es zuging; er selber am allerwenigsten. Bis zu

seinem Tode blieb es ihm ein fürchterliches Rätsel. Aber wie er da

so saß und auf den Goldklumpen starrte, und wie er dann den Kopf

wandte und seinen schlafenden Freund betrachtete, da erfüllte sich das

Geschick an ihm von Minute zu Minute und von Stunde zu Stunde.

Er hatte seinen Freund ehrlich geliebt; und weil er ihn liebte, hatte

er ihm vergeben, daß er ein Verbrecher geworden war. Er selber hielt

seinen Pfad rein. So leid es ihm tat, als er die Tat des Freundes

erfuhr -- seine Liebe hatte alles überwunden. Um des andern willen

hatte er ja selbst ein Verbrechen begangen, indem er ihm zur Flucht

verhalf. Und er hatte alles geopfert, um dem Freund zu folgen. Auf der

Wanderung hatte er ihn gestützt, wenn er müde war, bei ihm gewacht,

wenn er schlief, ihn mit seinem Mantel bedeckt, wenn ihn fror.

Aber als er jetzt da so saß und den Freund und den Goldklumpen

betrachtete, da entwich das alles, Stück für Stück, seinem Gedächtnis.

Er wußte nichts mehr von seiner Liebe. Der, der da schlafend neben ihm

lag, kam ihm auf einmal wie ein Fremder vor.... wie ein Fremder, mit

dem er das Gold teilen sollte.

Wäre dieser Fremde nicht gewesen, so hätte der ganze Klumpen ihm ganz

allein gehört.

[Illustration]

„Seht ihr’s?... Seht ihn an!“ rief der Adler. „Das Gold verwüstet seine

Seele.“

„Ich glänze,“ sagte der Goldklumpen.

Und immer verwirrter wurden die Gedanken des Mannes, während das Gold

leuchtete, wie es noch nie geleuchtet hatte.

Er starrte auf seinen schlafenden Freund; und ein Gefühl des Hasses

beschlich ihn. Wenn er auf das Gold sah, erschien ihm die Welt groß,

hell und reich. Und wenn er den Freund ansah, dann wurde das Leben

schwer und bitter und elend.

„Wie hübsch ich bin!“ sagte das Gold. „Ich liebe es, wenn mein Glanz

sich in seinen Augen widerspiegelt.“

„Du bist entsetzlich,“ sagte der Adler.

„An mich denkt niemand,“ murrte der Bleiklumpen.

Da wurde es ganz schwarz vor den Augen des Jüngern.

Er stöhnte leise, griff sich an den Kopf und zitterte. Dann sprang

er auf, setzte sich aber sofort wieder. Er tastete mit den Händen

auf der Erde herum und bekam den Bleiklumpen zu fassen; schaudernd

ließ er ihn wieder los, ergriff ihn von neuem, hob ihn hoch empor und

zerschmetterte den Kopf seines schlafenden Freundes damit.

„Seht.... seht!“ schrie der Adler.

Dann erhob sich der Mann, nahm den Goldklumpen auf die Arme und verließ

das Tal auf dem Wege, den er gekommen war. Schweren Schrittes ging

er dahin, hin und her schwankend wie im Rausche. Das Gold lud er auf

die Schulter; und die Sterne schienen darauf, so daß es fortfuhr zu

leuchten, während er es forttrug.

Neben dem Toten lag der Bleiklumpen.

„Nun spielst du mit!“ rief der Adler. „So sind die Menschen.“

Aber er bekam keine Antwort; so entsetzt waren alle über das Geschehene.

Die Nacht verrann, und im Osten dämmerte der Tag.

Der Bär fand sich ein und fraß von dem Leichnam, und der Adler

desgleichen. Nachher kam auch der Rabe herbei und fand eine

Herrenmahlzeit an dem, was die andern übriggelassen hatten.

Der Regen peitschte, und der Sturm schlug das Gestein los, und es

zerschmetterte und begrub die Gebeine des Toten. Bald war jede Spur von

ihm verwischt, und das Land war böse und öde wie zuvor. Zwischen den

Steinen aber lag der Bleiklumpen mit einem großen roten Fleck auf der

einen Seite.

3. Kapitel:

Die Goldgräber.

Einen Monat später kam ein Trupp Goldgräber in das böse Land. Es waren

sieben Mann, die recht wunderlich aussahen. Sechs davon waren große,

wilde Burschen mit mächtigen Bärten und einer Flinte auf der Schulter

und mit Dolch und Pistole im Gürtel. Der siebente war ein kleiner

armseliger Gesell; er war ihr Koch, Diener und Schuhputzer und stets

bereit, alles zu tun, wenn er nur einen kleinen Anteil an dem Golde

bekam.

[Illustration]

Denn des Goldes wegen waren sie gekommen. Sie hatten den ungeheuren

Goldklumpen gesehen, der in dem bösen Lande gefunden worden war; und

jener Mann, der ihn mitgebracht hatte, verplapperte sich eines Tages

in der Trunkenheit, so daß sie die Spur leicht finden konnten: Gleich

am Tage ihrer Ankunft begannen sie mit der Arbeit. Sie schlugen ein

Zelt auf und zündeten mehrere Feuer an; und dann zerstreuten sie sich

im Tale; und ihre Hacken erklangen, während ihre Augen gierig zu Boden

starrten.

„Hier!“ rief einer von ihnen.

Da liefen die andern hinzu; und sie sahen, daß da wirklich Gold war.

Aber der, der es zuerst entdeckt hatte, wählte sich eine Stelle aus,

die sein eigen war. Die andern suchten in einiger Entfernung, und alle

fanden Gold.

Schwieg aber einer, während seine Hacke sich eifrig bewegte, so geschah

das, weil er mehr gefunden hatte als die andern und Angst hatte, daß

sie es ihm wegnehmen möchten.

„Seht ihr’s!.... Seht ihr’s!“ rief der Adler.

Und bald war noch mehr zu sehen. Denn Tag für Tag kamen neue Scharen.

Niemand konnte sagen, wie die Kunde von dem Golde verbreitet worden

war; aber sie flog mit Blitzesschnelle über die Welt hin.

Aus allen Teilen der Erde kamen immer mehr und mehr Menschen in einem

endlosen Aufzuge herbei. Alte und Junge, Männer und Frauen, Kranke und

Gesunde, Reiche und Arme. Einige sprangen über Stock und Steine, und

andre schleppten sich auf Krücken herbei. Manche kamen mit Pferd und

Wagen, Vorräten und gedungener Mannschaft; andre hatten nichts als ihre

Fäuste. Wie groß aber auch der Unterschied war -- der Ausdruck ihrer

Augen war der gleiche. In ihnen allen flackerte der Hunger nach dem

Golde.

Sie hatten die Heimat verlassen und alles, was ihnen lieb war, und

waren bereit, die größten Mühen und Gefahren zu überwinden, wenn sie

nur Gold fanden. Der eine hatte eine Schuldenlast zurückgelassen und

der andre ein einträgliches Geschäft. Der eine hatte alles verkauft,

was er besaß, um sich das Reisegeld zu verschaffen; ein andrer hatte

seinen Bruder bestohlen, um in das Goldland ziehen zu können.

Durch unwegsames Gebiet waren sie gezogen... durch dichte Wälder,

Moore und Steppen, über Meer und Land. Viele blieben vor Erschöpfung

und Entbehrung unterwegs liegen und kamen um, weil keine Hand sich

regte, um ihnen zu helfen. Jeder der Gesunden fürchtete ja, er könne

vielleicht eine Stunde zu spät kommen, und ein andrer könne den

Goldklumpen finden, auf den man selber hoffte. So blieben die Kranken

und Toten am Wege liegen; und keinem drückte Freundeshand die Augen zu.

Und als die Schar der Goldsucher das böse Land erreichte, da teilten

sie es unter sich. Im Tale und auf den Felsen war bald ein Gewimmel

wie in einem Ameisenhaufen. Den langen Tag hindurch hackten und gruben

und wühlten die Leute mit zusammengebissenen Zähnen und stieren Augen.

Unter ihnen waren solche, die an die Arbeit in Feld und Wald gewöhnt

waren; sie ermüdeten nicht. Aber auch solche, die nie mit den Händen

gearbeitet hatten: Lehrer, Priester und Gelehrte; denen erging es nicht

so gut. Sie brachen bei der Arbeit zusammen und mußten dann als die

Diener der andern ihr Dasein fristen.

Einige -- und das waren die Klügsten -- ließen die Goldgräber sich

abrackern, soviel sie Lust hatten, und eröffneten selber eine

Wirtschaft, eine Spielbank oder einen Laden. Sie meinten, das Gold

werde dann schließlich doch zu ihnen kommen, und das tat es auch. Wenn

einer Gold fand, so glaubte er, auf sein Glück trinken zu müssen; und

oft vertrank er den ganzen Gewinn. Hatte aber einer keinen Erfolg

gehabt, so mußte auch er trinken und verbrachte alle Habe, die er aus

der Heimat mitgenommen hatte, oder trank auf Borg, solange der Wirt ihm

Kredit gab.

Machte jedoch einer einen großen Fund und begann er dann nicht zu

schlemmen und zu schwelgen, so hatte er weder Ruh noch Rast, sondern

war wie ein gehetztes Tier im Walde.

Denn er kannte ja die andern Goldgräber und wußte, daß nur wenige von

ihnen davor zurückschrecken würden, zum Dieb oder Mörder zu werden,

bloß um den Goldklumpen zu bekommen. Darum wagte der glückliche

Finder nicht einzuschlafen und seinen Schatz einen Moment aus den

Augen zu verlieren. Wie ein Verbrecher mußte er des Nachts mit seinem

rechtmäßigen Eigentum fortschleichen, um die nächste Stadt zu erreichen

und den Klumpen in der Bank gegen gute Goldstücke umzutauschen. Und

hinter ihm her schlichen Leute mit Revolvern in der Tasche und mit

Mordgedanken im Sinne.... um ihm in einsamer Gegend aufzulauern und ihm

das Gold zu entreißen.

[Illustration]

Kein Tag verging ohne Revolverschüsse und Todesgeschrei, kein Tag, ohne

daß ein Dieb gehängt wurde.

„Seht ihr’s!.... Seht ihr’s!“ rief der Adler. „Es ist gekommen, wie ich

prophezeit habe. Überall, wo das rote Gold schimmert, erwächst Unheil

und Verbrechen. Wer nichts findet, wird schlecht und mißgünstig. Und

wer etwas findet, wagt nicht froh zu sein, aus Furcht, das Gefundene

wieder einzubüßen.“

„Ich glänze!.... Ich glänze!“ rief das Gold.

„Wann kommt die Reihe an uns?“ fragte das Eisen. „Wir liegen hier,

gewaltig und groß, und niemand schenkt uns Beachtung.“

„Wer wird euch beachten, wenn ich hier bin!“ erwiderte das Gold.

Der Adler sagte nichts, denn eine Kugel pfiff an seinem Kopfe vorbei.

Er lüftete die Flügel und schwebte in großen Kreisen hoch über

Schußweite empor. Erst als es Abend wurde, wagte er es, zu seiner

Felsenspitze zurückzukehren.

Dort saß er und sah melancholisch über das Tal hin.

Als der kurze Sommer vorüber war, wurde es nicht besser. Die, die Glück

gehabt hatten, waren fortgezogen, und auch der Gastwirt packte sein

Zelt auf den Wagen und fuhr von dannen, reicher als alle andern. Aber

viele blieben zurück.

Sie konnten die Hoffnung nicht aufgeben.

Der eine hatte etwas gefunden und meinte, es müsse noch mehr folgen.

Der andre hatte nichts gefunden und hoffte dennoch. Ein andrer hatte

seinen glücklich eroberten Schatz verpraßt und dann sein Tun bitter

bereut und sich gelobt, verständiger zu sein, wenn das Glück ihm noch

einmal hold wäre.

So gruben und gruben sie in der gefrorenen Erde, bis der Schnee sie

eines Tages überraschte.

Doch noch ließen sie den Mut nicht sinken. Große Feuer flammten

allerorten im Tale auf. Aber sie reichten nicht aus, um die

Unglücklichen zu erwärmen. Der Schneesturm brauste, -- aber sie fanden

den Weg nicht mehr, der sie aus dem bösen Lande hinausführte.

[Illustration]

Rings starben sie wie Fliegen, und die Leichen blieben unbegraben,

während die Überlebenden wie wilde Tiere um einen Bissen Brot oder

einen Schluck Branntwein kämpften. Und die wilden Tiere selber kamen

und fraßen die Leichen vor den Augen der Lebenden... Wölfe und Füchse,

Geier und Bären. Die Sperlinge kamen, wie sie immer dahin kommen, wo

Menschen sind, sahen sich aber bitter enttäuscht. Denn sie fanden keine

freundlichen Gärten vor, in denen sie Obst hätten stehlen können...

keine Getreidefelder... keine Hausfrau, die der Vöglein gedachte, wenn

sie mit den Ihren warm und wohlgeborgen im Hause saß.

Und wieder wurde es Sommer, und neue Scharen trafen ein aus allen

Teilen der Welt.

Dieselbe Geschichte begann von neuem, nur grauenhafter und

schrecklicher war alles. Denn jetzt war nicht mehr so viel Gold

vorhanden; und das, was da war, war so in die Felsen eingekeilt und so

gut verborgen, daß es ungeheure Mühe kostete, es zutage zu fördern.

Die Folge davon war, daß die Goldgräber noch mehr Enttäuschungen und

Kummer erlebten als im vorigen Jahre. Viele gaben sich selbst den Tod

und verwünschten sterbend diejenigen, die ihnen das böse Land als

einen so glücklichen Ort geschildert hatten, wo sie sich nur zu bücken

brauchten, um reich zu werden.

Als der Winter kam, lag das Land voller Leichen. Ein Einsamer

schleppte sich mühsam über die Berge fort und kehrte in die Heimat

zurück, wo er erzählte, daß kein Gold mehr zu finden sei.

Der Adler aber saß hoch auf seiner Felsenspitze und überschaute das

ganze.

4. Kapitel.

Der Jüngere.

„Wo bleiben die Menschen?“ fragte das Eisen, als der Sommer

wiederkehrte und das Land öde und leer war wie früher, bevor das Gold

entdeckt wurde. „Adler in hoher Luft.... siehst du sie?“

„Gewiß!“ erwiderte der Adler. „Die, deren Leichen nicht hier im Tale

verfault sind, wohnen in Ländern, wo es sich besser sein läßt als

hier. Die, die durch das gefundene Gold reich geworden sind, haben

sich in den schönsten Gegenden der Erde niedergelassen. Die, die arm

geworden sind, schlagen sich durch, so gut es geht. Weit, weit von hier

hab’ ich neulich auf meinem Fluge ein Land gesehen, wo man auch Gold

gefunden hat. Dahin geht jetzt der Strom.... dort herrscht jetzt jenes

grauenhafte Treiben, das ihr bei uns kennengelernt habt.“

[Illustration]

Das böse Land sah aus, als wäre es von einem Erdbeben verwüstet.

Die Erde war aufgerissen, die Felsen waren zerschmettert, Werkzeug

und menschliche Gebeine lagen überall zerstreut, die Hütten waren

eingesunken. Es konnte keinen häßlicheren Anblick geben als diese

Ruinen der Goldgräberstadt. Das Moos, das auf den Steinen wuchs, und

das armselige Gras, das sich wieder hervorwagte, jetzt, wo kein Fuß es

niedertrat, die spärlichen Blumen und die Schmetterlinge, die einen

Tag lang umherflogen und dann starben -- sie alle sprachen davon, eine

wie böse Zeit es gewesen.

„Ja.... das Land ist nicht wiederzuerkennen!“ schalt der Adler.

Und das Blei, das Eisen, das Kupfer und das Silber, die rings wirr

umherlagen, seufzten und gaben dem Adler recht. Bei der wilden Jagd

nach dem Golde waren sie hervorgewühlt und ausgegraben worden. Sie

sehnten sich nach jener Welt, in die das Gold gewandert war, und wußten

ihrer Sehnsucht keinen Rat.

„Wann kommt unsre Zeit?“ fragte das Blei.

„Was weiß ich davon?“ erwiderte der Adler. „Aber sie kommt einmal. Die

Vernunft siegt immer erst zuletzt.“

„Ich sehne mich so sehr!“ rief das Blei.

„Du hast doch jetzt einen Vorgeschmack von den Menschen bekommen,“

sagte der Adler. „Mit dir hat jener erste Mann seinen Freund

erschlagen, um den großen Goldklumpen für sich allein zu haben.“

„Ich sehne mich,“ rief auch das Eisen.

„Und was du gesehen hast, erschreckt dich nicht?“ fragte der Adler.

„Nicht im geringsten. Ich bin nicht wie das Gold. Ich mache die

Menschen nicht verrückt, sondern ich mache sie stark. Ich bin selber

stark und gar nicht eitel auf meinen Glanz; ich möchte nur Nutzen

stiften. Als die Menschen hier waren, habe ich ja selber gesehen, was

ich für sie bedeute. Überall war ich... in dem Spaten, mit dem sie nach

dem Golde gruben, in der Büchse, in dem Topf, in dem sie ihr Essen

kochten, in dem Messer, mit dem sie ihr Brot schnitten... ja selbst in

ihren Stiefelsohlen, mit denen sie auf dem Felsen umhertraten. Ich bin

gut, ich stifte Nutzen, ich darf mich in die Welt hinaus wünschen.“

„Das darfst du,“ sagte der Adler, „und du kommst auch hinaus. Das Gold

wird dich holen. Für Gold bauen sie Bergwerke, um dich aus dem Felsen

zu gewinnen, für Gold legen sie Eisenbahnen an, um dich dorthin zu

fahren, wo du gebraucht werden sollst. Für Gold gewinnen die Menschen

Eisen wie alles andere in der Welt. Warte nur... deine Zeit wird schon

kommen. Als sie hier waren, da waren sie blind vor Goldhunger. Wenn sie

einmal wiederkommen und mit ruhigen Augen dreinsehen, dann werden sie

begreifen, daß auch du Reichtum für sie bedeutest, obschon du nicht

leicht zu erringen bist.“

Dann schwiegen sie beide, und alles war still im Lande, Tag auf Tag,

wie früher. Der Adler flog seinen Weg oder saß auf seiner Felsenspitze,

die Gebeine im Tale verfaulten, und die Metalle brüteten über ihren

Zukunftsträumen. Ein kurzer Sommer folgte auf den langen Winter, und

ein Jahr löste das andere ab.

„Da kommt wahrhaftig ein Mensch!“ rief eines Tages der Adler.

„Er kommt, um mich zu holen!“ schrie das Eisen vergnügt.

„Und mich! Und mich! Und mich!“ riefen das Silber, das Blei und das

Kupfer.

„Er sieht nicht danach aus, als ob er irgend etwas holen wollte,“

meinte der Adler. „Es ist ein uralter Mann... nur mühsam kommt er

vorwärts, Schritt für Schritt... und er stützt sich auf einen Stock...

er kann ja kaum die Beine vorwärtsbewegen.“

Und so war es wirklich.

Haupt- und Barthaar des Mannes waren weiß. Seine Augen waren tief

eingesunken, und der Blick schweifte unstet umher. Sein Mund war müde

und betrübt, seine Beine zitterten.

„Mich dünkt, ich habe diesen Mann schon einmal gesehen!“ sagte der

Adler.

Langsam schritt der Mann im Tale vorwärts; schwer stützte er sich

auf seinen Stock. Es sah aus, als suchte er etwas; denn er sah sich

zwischen den Felsen um, berührte mit seinem Stock die Steine, blieb

stehen und dachte nach.

„Hier muß es gewesen sein,“ sagte er vor sich hin. „Ich kenne ja die

Stelle so gut... wachend und träumend hab’ ich sie vor mir gesehen.“

Nun setzte er sich auf einen Felsblock und sank ganz in sich zusammen.

Der Adler reckte den Hals vor, starrte und lauschte. Und auch der Bach

lauschte und das Metall im Felsen.

„Sieh! Sieh! Da ist ja der Bleiklumpen! Er ist noch immer rot von

seinem Blute!“ sagte der Mann.

Da erkannte ihn der Adler, und er rief: „Es ist der jüngere von jenen

beiden, die als die ersten Menschen unser Land betraten.“

Und nun wußten auf einmal alle im Lande, daß dieser alte Mann derjenige

war, der vor vielen Jahren seinen Freund erschlagen hatte, um den

großen Goldklumpen allein für sich zu behalten.

Aber der Mann erhob sich und starrte den Bleiklumpen mit verzerrtem

Gesicht an.

„Keine ruhige Stunde habe ich seit jener furchtbaren Nacht gehabt,“

murmelte er. „Wachend und träumend habe ich mein Opfer vor mir gesehen.

Das Gold hat mich nicht froh gemacht... das Essen hat mir nicht

gemundet... kein Mensch hat mich zu trösten vermocht. Weder Arbeit noch

Genuß haben mich das Geschehene vergessen lassen.“

Mit zitternder Hand streckte er seinen Stock vor und berührte den

Bleiklumpen.

„Mit dem da hab’ ich’s vollbracht. Ich muß von Sinnen gewesen sein...

das grauenhafte Gold hat in der einen Nacht einen andern, entsetzlichen

Menschen aus mir gemacht. Im Augenblick war geschehen, was nie wieder

gutzumachen war.“

Nun warf der Mann seinen Stock fort und suchte in seinen Taschen. Er

nahm ein paar Goldstücke hervor und warf sie auf die Erde. Es waren

fünf Dukaten, und jetzt leuchteten sie zwischen den Steinen.

[Illustration]

„Ich habe alles mit mir genommen, was von meinem Reichtum

übriggeblieben ist. Das andre habe ich verpraßt und verschenkt. Diese

Goldstücke hier werfe ich wieder in das böse Land, aus dem sie gekommen

sind... Verfluchtes Gold! Verfluchtes Gold!“

Dann warf er sich vornüber gegen den Bleiklumpen und zerschmetterte

sein Haupt. Das Echo seines Schreies aber hallte durch das öde Tal hin:

„Verfluchtes Gold!.... Verfluchtes Gold!“

„Habt ihr’s gesehen? Habt ihr’s gehört?“ rief der Adler.

5. Kapitel:

Der erste Dukaten.

Die Sonne schien wieder auf das böse Land.

Eisen, Blei und Kupfer brüteten träumend vor sich hin, das Silber

leuchtete matt und betrübt. Auf der Felsenspitze saß der Adler und

blickte in die Welt hinaus. Das Moos grünte, der Bach war blau, und

die Blumen waren so schön, wie sie es in ihrer Armseligkeit nur sein

konnten. Der Fuchs schlich im Tale umher, ohne Nahrung zu finden.

Die Gebeine der Goldgräber waren zerfallen und durch herabgefallene

Felsstücke zerschmettert worden. Und den letzten Toten -- den Jüngeren,

der so alt geworden war -- hatte der Fuchs selber mit verspeisen helfen.

Mitten in dem Tale lagen die fünf Dukaten.

Sie waren mit Erde bedeckt gewesen, aber der Regen hatte sie wieder

reingewaschen. Nun glänzten sie und warfen die Sonnenstrahlen zurück,

so daß man es fast nicht ertragen konnte, sie anzusehen.

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 4 / 16 段