„Ich will weg... laß mich los!“ schrie das Stück.

„Das könnte ich gar nicht einmal, wenn ich auch wollte,“ erwiderte die

Sonne. „Nun bist du fertig, lieber Freund.“

„Hilfe! Hilfe!“ schrie das Stück.

„Unsinn,“ sagte die Sonne. „Hier kann niemand helfen. Hör’ jetzt zu und

tu, was ich sage; dann kommt das übrige von selbst.“

Jetzt war es dem Stück zumute, wie wenn die Sonne es an einer Schnur

herumschwenkte. Sosehr es sich auch wehren mochte, es konnte nicht

loskommen.

„Gar nicht so übel für den Anfang,“ sagte die Sonne.

„Es langweilt mich,“ meinte das Stück.

„Es ist niemals gar zu amüsant, vornehm zu sein,“ sagte die Sonne. „Und

vornehm wirst du. Du fährst jetzt einfach fort, genau in dem Abstand um

mich her zu laufen, den du jetzt hast, und der hunderttausend Meilen

beträgt, wenn du dich für Zahlen interessierst.“

„Nein, das tu’ ich nicht,“ sagte das Stück.

„Es wird schon kommen,“ sagte die Sonne. „Zahlen sind tatsächlich das

einzige, woran gebildete Sterne denken, und wovon sie reden. Es gibt

Sterne, die nie weniger als eine Billion in den Mund nehmen. Es gibt

Sterne, die mit so großen Zahlen rechnen, daß sie sie selbst nicht

aussprechen können.“

„Ich mache mir nichts aus Sternen,“ sagte das Stück.

Aber die Sonne ließ sich nicht stören.

„Das war recht,“ sagte sie ermunternd. „So... es geht ja sehr gut...

ho, ho... nicht zu hitzig ... immer gleichmäßig schnell.“

„Ich will los,“ schrie das Stück.

„Hör’ jetzt weiter,“ sagte die Sonne. „Du drehst dich nicht nur um

mich, sondern auch um dich selbst ... stets, unaufhörlich... verstehst

du?“

„Ich will nicht,“ schrie das Stück.

„Dann wirst du rund, mein Freund!“ erklärte die Sonne. „Du hast ja eine

gräßliche Figur. So... so ist’s recht. Wenn du nur fleißig bist, kommt

alles von selbst.“

Und nun war das Sternenstück so müde und verwirrt, daß es allen

Widerstand aufgab.

Es lief und lief und wirbelte herum. Als sieben Millionen Jahre

verstrichen waren, war es rund und niedlich, bloß an beiden Enden ein

bißchen flachgedrückt, weil es sich am Anfang zu schnell gedreht hatte.

„Schön!“ lobte die Sonne. „Nun hast du dein Gesellenstück gemacht, und

ich ernenne dich hiermit feierlich zu meinem Trabanten.“

„Vielen Dank!“ sagte das Sternenstück.

Und alle andern Sterne gratulierten. -- -- --

Aber da das Sonnenstück jetzt ein Stern geworden ist, so ist es

notwendig, daß es einen Namen bekommt.

Alle Sterne haben Namen. Wer einen neuen Stern ausfindig macht, hat das

Recht, ihm einen Namen zu geben; und da ich das Sternenkind ausfindig

gemacht habe, so will ich es auch taufen.

Ich will es Peter nennen.

Die andern Sterne haben alle so hochtrabende Namen, die man schwer

behalten oder jedenfalls nur aussprechen kann, wenn man tief Atem

holt. Oder sie heißen Der Große Bär oder Der Stier oder haben sonst

irgendeinen unverständlichen Namen.

Peter ist ein guter Name. Man kann auf einem Bein stehen und es mit

geschlossenen Augen sagen, sooft die Leute es hören mögen. Und dieser

Name ist auch sehr passend; denn alles in allem, sind die Sterne nichts

andres als wir, und warum sollen sie also feinere Namen haben?

Man kann das auch daran sehen, wie es Peter später in der Welt erging.

Als er sich mehrere Millionen Jahre gedreht und der Welt als ein gutes

Beispiel von Festigkeit und Frieden und allen sonstigen Tugenden

vorangeleuchtet hatte, da hatte er seine leichtfertige Jugend ganz

vergessen. Wenn ihn einer der andern Sterne daran erinnerte, so tat er,

als ob er das gar nicht verstände.

[Illustration]

Und als sich eines Tages ein andres Stück von einer Sonne loslöste und

am Himmel umherwankte, genau so wie Peter es seinerzeit gemacht hatte,

da war er genau so entsetzt und erbost, wie die andern es damals über

ihn gewesen waren...

Aber dann passierte ihm etwas Fürchterliches.

Als Stern, der ausgelernt hatte, war er ein paar hundert Millionen

Jahre lang gelaufen, als er plötzlich verschiedene sonderbare Flecke an

sich entdeckte. Es war, als bildete sich an den Stellen eine Rinde.

„Was ist denn das?“ rief er.

Und als er bemerkte, daß er nicht mehr so stark leuchtete wie vorher,

erschrak er ernstlich.

„Ich glaube, ich erlösche,“ sagte er.

Doch die Erde, die zu der Zeit gerade in seiner Nähe war, meinte:

„Im Gegenteil, lieber Kollege... du bist nur eingeschrumpft. Du bist

im Begriff, ein gereifter Mann zu werden, der das Feuer in seinem

Innern verbirgt. Du hast das ewige Scheinen satt, das sich ja ganz

gut ausnimmt, aber zu nichts führt und auf die Dauer auch keinen Spaß

macht.“

„Beileibe nicht!“ schrie Peter. „Meinst du, ich will so ein gräßlicher

schwarzer Klumpen werden wie du? Ich will ein Stern sein und bleiben

und als gutes Beispiel von Festigkeit und Frieden und allen sonstigen

Tugenden voranleuchten.“

„Sieh da!“ sagte die Erde. „Der Fleck dort an deinem einen Pol

wächst... und da kommt noch einer hinzu. In ein paar Millionen Jahren

bist du ganz schwarz auf der Oberfläche, genau wie ich, und mußt dich

damit begnügen, das Licht zurückzustrahlen.“

„Ich will nicht,“ schrie Peter.

„Daran läßt sich nichts ändern,“ sagte die Erde. „Was geschehen muß,

geschieht. Ich habe meinerzeit auch geschienen, hab’ es aber Gott sei

Dank überwunden.“

Peter fuhr fort zu schreien.

„Man wird vernünftiger mit den Jahren,“ sagte die Erde. „Laß die Jugend

sich austoben, dagegen hab’ ich nichts. Aber reife Männer, wie du und

ich, wir müssen doch sehen, etwas Ordentliches im Leben zuwege zu

bringen. Wenn du wirst wie ich, so wirst du schließlich auch voller

Tiere, Pflanzen und Menschen sein und dich als nützliches, geachtetes

Mitglied der Gesellschaft fühlen.“

„Nie,“ sagte Peter.

„Wir wollen sehen,“ sagte die Erde. „Ich gehe jetzt meiner Wege. Wenn

ich wiederkomme, bist du gewiß vernünftiger geworden. Lebe wohl so

lange.“

Damit verabschiedete sich die Erde. Und Peter bekam immer mehr und mehr

Flecken; er hörte schließlich auf zu protestieren.

[Illustration]

Dreihundert Millionen Jahre darauf trafen Peter und die Erde auf ihrer

Bahn wieder zusammen.

[Illustration: Dann beugte sie sich so weit, wie sie konnte, aus dem

Fenster und sang....]

„Sieh, sieh,“ sagte die Erde. „Es ist gekommen, wie ich sagte. Wie

schwarz du bist, und wie voll vom schönsten Gewürm! Das ist etwas

andres, als am Himmel umherzurennen und zu leuchten.“

„Ich weiß nicht, was du meinst,“ sagte Peter. „Ich habe nichts mit den

törichten Sternen zu schaffen. Ich bin sicherlich mehr wert als du. Ich

bin der Mittelpunkt der Welt.“

„Ah, aus dem Loch pfeifst du!“ sagte die Erde.

So zankten sie sich eine Weile, wer besser sei, und gingen dann jeder

seines Weges.

Die Jahre schwanden. Und als abermals dreihundert Millionen Jahre

vergangen waren, fröstelte es Peter so seltsam.

„Es ist wohl kein Feuer mehr in mir,“ sagte er.

Er guckte zu seiner Sonne auf.

„Du scheinst auch nicht mehr so warm wie früher,“ sagte er.

„Das weiß ich wohl,“ entgegnete die Sonne. „Aber ich bin hinreichend

entschuldigt; denn ich fange selber an, Flecke zu kriegen.“

„Was soll ich nur machen!“ seufzte Peter.

„Du sollst es machen wie ich,“ sagte der Mond, der gelb und grinsend

dahersegelte.

„Und was tust du?“ fragte Peter.

„Ich lache über das Ganze,“ sagte der Mond. „Ich bin längst fertig mit

all dem Unsinn von Mensch, Tier und Pflanze. Wozu führt das, möchte

ich fragen? -- Du bist auch mit allem fertig. Es wird nicht mehr lange

dauern, so läufst du wie ich als gewitzter alter Kahlkopf umher und

machst dich über all die Narrenpossen lustig.“

„Nie und nimmer!“ sagte Peter. „Nie werd’ ich so ein alter,

abgestorbener Kerl wie du. Ich will ein geachtetes, nützliches Mitglied

der Gesellschaft sein und bleiben.“

„Guten Morgen,“ sagte der Mond.

Aber es erging Peter, wie der Mond vorhergesagt hatte. Sosehr er sich

auch sträubte, er wurde kälter und kälter. Seine Bäume gingen ein,

seine Tiere starben, immer weniger Lebewesen gab es auf ihm.

Zuletzt war er fertig.

Er war voller Berge und Täler, und kein lebendes Wesen war mehr auf ihm

zu finden. Um ihn war keine Luft, und in seinen Seen und Gärten war

kein Wasser. Der letzte Funke in ihm war erloschen, das letzte Leben

erstorben. Wenn ein andrer Stern ihn beschien, so strahlte er das Licht

zurück -- das war alles.

Eines Tages begegnete er dem Mond.

„Verehrter Kollege,“ sagte dieser. „Es freut mich, daß du getan hast,

was ich dir damals sagte, und mit all dem Plunder ein Ende gemacht

hast.“

[Illustration]

„Ich weiß nicht, was du meinst,“ sagte Peter.

Aber er war gut gelaunt und fühlte sich so wohl wie vorhin.

Er legte seinen gewohnten Weg zurück... um die Sonne und um sich

selbst, grinste wie närrisch und sagte zu den andern Sternen:

„Daß es euch Spaß macht... daß es euch Spaß macht...!“

Er geht noch immer am Himmel dahin.

Wer ein gutes Fernglas hat, kann ihn sehen.

[Illustration]

Das Johanniswürmchen.

Es war Nacht, und der Himmel hing voller Sterne.

Der Hund schlief in seiner Hütte, die Katze auf dem Speicher und der

Mensch in seinem Bette. Der Wind hatte sich zurückgezogen; wohin, wußte

niemand. Wenn es sich in der Luft bewegte, so war es die Fledermaus,

die lautlos auf ihren weichen Flügeln vorübertanzte. Raschelte es im

Gebüsch, so war es die Maus oder der Igel, die zu nächtlicher Kurzweil

unterwegs waren.

Aber die großen schwarzen Linden, die als schöne Allee bis zum

Pförtchen standen, dufteten so süß und schwer, daß die Bienen in ihren

Körben vor Sehnsucht nicht schlafen konnten.

Nur in einem einzigen Fenster im ganzen Hause war Licht.

Das Fenster stand offen, und auf dem Fensterbrett saß das hübscheste

Mädchen der Welt und schaute in den dunkeln, stillen Garten hinaus.

Ganz ruhig saß sie, und rings um die Scheiben wanden sich grüne Ranken,

so daß sie einem Porträt glich, um das jemand einen Kranz gehängt hat.

Da begann die Nachtigall zu singen:

„Gitte... gitte... gitte... gitte... git.“

Es war bloß ein Triller, als wollte sie probieren, wie ihre Stimme in

der Stille klang.

[Illustration]

„Nun... Nachtigall?“ sagte das junge Mädchen.

Die Nachtigall erwiderte nichts. Da schlug das Mädchen in die Hände und

sang, daß es durch den Garten hallte:

„Nachtigall ... Nachtigall ...

deren Schlag das Herze heilt,

wenn es will vergehen.

Sag mir, wo mein Liebster weilt,

und wann wir uns wiedersehen.

Nachtigall ... Nachtigall ...

deren Sang das Herze heilt.

Sing ihn mir herbei

mit lieblicher Schalmei.“

Und die Nachtigall antwortete sofort:

„Gitte ... gitte ... gitte ... git ...

Da drüben hinter der grünen Wand

schläft mein Weibchen in Rosen fein.

Sie liegt auf fünf Eierchen wie gebannt,

und die Eierchen, die sind mein.

Gitte ... gitte ... gitte ... git ...

Wohl keiner den Schatz treuer hüten kann.

Ich aber will für sie singen.

Vielleicht wird der Tag uns dann

fünf hübsche Vögelchen bringen.“

„Ja, du hast dein Teil im Trocknen, liebe Nachtigall,“ sagte das junge

Mädchen. „Du denkst nur an dich.“

Dann beugte sie sich so weit, wie sie konnte, aus dem Fenster, sah mit

ihren blanken Augen zu den großen Linden auf und sang:

„Lindenblüte ... Lindenblüte ...

du starke und du süße,

dufte über Feld und Pfad

und bring dem Liebsten Grüße!

Sag ihm, hier sei gut zu gehn

Auf den dunkeln Gartenwegen.

Lindenblüte ... Lindenblüte ...

dufte dem Liebsten entgegen!“

Und kaum hatte sie ihr Liedchen zu Ende gesungen, als es in den Linden

rauschte und sang:

„Still ... still ... still ...

Ihr müßt hübsch ruhig sein,

Nachtigall und Mägdelein!

Weckt mir nicht meine Blüten auf!

Wenn sie duften, wenn sie träumen,

über sich die hehren Sterne,

reifen all der Früchte Kerne ...

und der Himmel blickt darauf.“

„Wie schön!“ sagte das junge Mädchen. „Ich höre das gern. Aber was

hilft es mir?“

[Illustration]

Und die Nachtigall sang wieder, glücklich und lange, und die Linden

dufteten süß und stark. Dem jungen Mädchen wurde schwer ums Herz.

Da fiel ihr Blick auf einen Rosenstrauch, der unter ihrem Fenster

stand, und sie bemerkte ein Lichtlein, das auf einem der Blätter

leuchtete. Vorsichtig umfaßte sie den Zweig und sah, daß das Licht von

einem kleinen seltsamen Tier ausging, einem Wurm mit langen Haaren am

ganzen Körper.

„Was bist du für eine?“ fragte sie.

„Ich bin das Johanniswürmchen,“ sagte das Tier. „Hast du meinen Schatz

nicht gesehen?“

„Nein, das nicht. -- Und du, hast du den meinen nicht gesehn?“

„Nein. Ich bin ja so unglücklich!“

Das Johanniswürmchen wand sich auf dem Blatte und leuchtete, daß einem

die Augen davon weh taten.

„Herrgott, meine liebe Freundin,“ sagte das junge Mädchen. „Dir scheint

es genau so zu gehn wie mir. Wenn du doch Flügel hättest und zu deinem

Geliebten hinfliegen könntest!“

„Wer weiß, was das beste ist!“ erwiderte das Johanniswürmchen. „Dann

würden wir vielleicht auseinander fliegen; -- denn ~er~ hat

Flügel, mußt du wissen. So sitze ich hier und leuchte, damit er mich

finden kann.“

„Ach, leuchtest du deswegen!“ rief das Mädchen vergnügt. „Das ist ja

dasselbe wie mit meinem Licht hinterm Fenster. Das steht auch da, damit

mein Verlobter es von weitem sehen kann, wenn er kommt.“

„Mit Verlaub,“ fragte das Johanniswürmchen mit einem tiefen Seufzer.

„Warum gehst ~du~ denn nicht zu deinem Bräutigam?“

„Gott behüte,“ sagte sie und bekam einen roten Kopf. „Das würde

sich wenig für ein junges Mädchen schicken, mitten in der Nacht dem

Verlobten nachzulaufen!“

„Soso,“ sagte das Würmchen, „ja, dann bist du eigentlich nicht besser

dran als ich.“

„Erzähl’ mir ein bißchen von deinem Bräutigam,“ bat das Mädchen. „Ich

habe Liebesgeschichten so gern. -- Wie sieht er aus?“

„Ich habe ihn nie gesehn,“ war die Antwort.

„Du hast ihn nie gesehn!“ rief das Mädchen und schlug die Hände

erschrocken zusammen.

„Nein, tatsächlich nicht. Und hast du den deinen denn gesehn?“

„Und ob!“ Das Mädchen lachte hell auf. „Das kannst du mir glauben. Er

ist das schönste, herrlichste Wesen der Welt!“

„Ja, das ist mein Geliebter auch,“ entgegnete das Johanniswürmchen.

„Wenn er ~mich~ nur wenigstens gesehen hätte!“

„Er hat dich auch noch nicht gesehn?“

„Nein, und darum leuchte, leuchte, leuchte ich, damit er mich ausfindig

machen soll.“

„Das ist das Traurigste, was ich je gehört habe,“ sagte das junge

Mädchen, und große Tränen rollten ihre Wangen hinab. „Arme, arme kleine

Freundin!“

„Ach ja! Wenn wir nur nicht zu so vielen wären! Schau einmal in den

Garten hinaus, dann wirst du sehn, wie es in allen Sträuchern leuchtet!“

„Ja,“ sagte sie, „nun seh’ ich es... fünf, sechs... sieben, acht,

neun... aber da sind ja über zwanzig Johanniswürmchen!“

„Das ist das Traurige. Doch das ist das Los des Weibes. Auch du kannst

doch nicht wissen, ob nicht andre ein Licht in ihr Fenster setzen und

deinen Liebsten einfangen.“

„Du kennst meinen Liebsten nicht.“

„Ach, wenn ich nur meinen eignen kennte!“

Und das Johanniswürmchen wand sich und leuchtete, daß es beinahe

entzweiging. Aber das junge Mädchen achtete gar nicht darauf. Sie

lehnte den Kopf an den Fensterrahmen und schaute mit glücklichen Augen

in den Garten hinaus.

„Mein Liebster denkt an niemand als an mich,“ sagte sie. „Kommt

er nicht heute, so kommt er morgen. Dann gehn wir aus und machen

Besuche... und ich nähe an meiner Aussteuer... Es dauert gar nicht mehr

so lange, bis wir heiraten. Dann fahre ich im weißen Kleide und mit

weißen Pferden vorm Wagen zur Kirche. Die Glocken läuten, die Orgel

spielt, und der Pfarrer hält eine schöne Predigt. Und hernach fahren

wir in unser Heim, in die reizendste kleine Wohnung, die du dir denken

kannst.“

„Ja,“ erwiderte das Johanniswürmchen. „Bei uns geht es allerdings nicht

so vornehm zu. Sobald mein Bräutigam kommt, heiraten wir, und dann ist

der Klimbim vorbei.“

„Ist der Klimbim vorbei, wenn man heiratet?“

„Ja, allerdings,“ sagte das Würmchen. „Dann ziehe ich noch einen Tag

umher, lege meine Eier und sterbe.“

„Ach, Herrgott!“ sagte das junge Mädchen und weinte bitterlich. „Es ist

so entsetzlich, das zu hören, wenn man selbst so froh ist. Könnte ich

doch nur etwas für dich tun, du armes, liebes Johanniswürmchen. Aber

nun muß ich zu Bett. Sonst hab’ ich morgen früh rote Augen, und das

kann mein Schatz nicht leiden.“

„Ach ja,“ seufzte das Johanniswürmchen.

Das Mädchen schloß das Fenster und ließ den Vorhang herunter.

Aber das Johanniswürmchen leuchtete und leuchtete, bis die Sonne

aufging und so hell erstrahlte, daß alles andre Licht auf der Erde

erlosch.

* *

*

Zwei Tage später ging das junge Mädchen am Abend mit ihrem Bräutigam im

Garten spazieren.

Vor dem Rosenstrauch unter ihrem Fenster blieb sie stehen, bückte sich

und nahm etwas auf.

Es war das Johanniswürmchen. Aber es lag tot in ihrer Hand mit seinen

starrenden Haaren.

Sie erzählte nun ihrem Verlobten alles, was in jener Nacht vorgefallen

war, als sie am Fenster saß und sich nach ihm sehnte. Und sie konnte

nicht anders, sie weinte über das Schicksal des Johanniswürmchens.

[Illustration]

„Das ist ganz richtig,“ sagte der Bräutigam. „So ist es dem

Johanniswürmchen ergangen. Der Bräutigam ist schließlich gekommen, die

beiden haben Hochzeit gehalten, und dann hat das Würmchen die Eier

gelegt und ist gestorben. Das war ein karges Glück, nach dem man kein

Verlangen zu haben braucht. Aber du und ich, wir haben etwas, wonach

wir uns sehnen; denn wir werden viele, viele Jahre miteinander leben.“

Sie hielt immer noch das tote Tierchen in der Hand und betrachtete es.

Sie dachte an die Nachtigall und die Lindenblüten, und ihr war, als

stände ihr das Johanniswürmchen am nächsten von allen.

„Ich weiß nicht, wie das ist,“ sagte sie. „Aber mich dünkt, die

Sehnsucht des Johanniswürmchens war genau so gut wie die meine.“

„Du bist ein liebes Mädchen,“ sagte er.

Das meint man ja immer von seiner Liebsten. Aber in diesem Falle

stimmte es wirklich.

Das Gold.

1. Kapitel:

Das böse Land.

Weit, weit von hier liegt ein böses Land.

Es hat keinen fruchtbaren Boden, darin Getreide wachsen könnte und

Gras und grüner Wald. In diesem Lande gibt es nur Steine, Steine und

wiederum Steine. Hier und da zwischen dem Gestein ein bißchen armselige

Erde und in der Erde verkrüppelte Weidenbüsche, dünne Halme, Moos und

dergleichen.

Sonst aber nur Steine, soweit das Auge reicht. Mächtige Felsen, die zu

den Wolken aufragen, und zwischen den Felsen tiefe, steile Klüfte und

öde Täler, darin Bäche zwischen den Steinen dahinrinnen.

Nur drei Monate lang ist es dort Sommer.

Dann brennt die Sonne so stark, daß die Steine glühend werden.

Armselige Blumen kommen aus der armseligen Erde hervor, und jämmerliche

Insekten schwirren zwischen den Blumen umher. Aber gar bald wird

es wieder Winter. Schnee stürzt herab, und Eis bedeckt die Bäche.

Der Sturm rast, und von der Sonne sieht man fast nichts. Blumen und

Insekten sind verschwunden.

[Illustration]

Oben auf einem Felsgipfel hat der Adler sein Nest. Er fliegt weit

umher, um Nahrung zu suchen; und manchesmal schreien seine Jungen

wild vor Hunger, wenn er ihnen gar zu lange ausbleibt. Denn in dem

bösen Lande ist nicht viel zu holen. In den Bächen schwimmen nur

wenige Fische, und hin und wieder springt eilends ein Hase fort, wenn

er sieht, daß kaum etwas Gras für ihn vorhanden ist, geschweige denn

ein Kohlblatt. Zuweilen kommt ein Fuchs herbeigeschlichen, oder ein

erschrockenes Mäuslein flieht von hinnen. Dann ist da der Bär, der den

größten Teil des Winters in seiner Höhle verschläft. Und im Winter

fliegen wilde weiße Seevögel schreiend übers Land hin, und reißende

Wölfe kommen heulend herbei, mit heraushängender Zunge, und machen Jagd

auf ein Renntier, das aus Leibeskräften läuft, bis es zu Boden stürzt.

Aber wenn es dort auch keine bunten Blumen und kein muntres Tierleben

wie in den guten Ländern gab, so bargen die Felsen in sich doch

seltsame Dinge.

Denn durch das Gestein gingen in die Kreuz und Quere so viele

Metalladern wie nur in wenigen Ländern der Welt.

Da lag das schwere, graue Blei und das starke Eisen, das weiße Silber,

das rote Kupfer und das schöne gelbe Gold. An manchen Stellen reichten

die Adern bis an die Oberfläche und glitzerten in der Sonne, -- falls

sie schien.

„Das sollten die Menschen bloß wissen!“ sagte der Adler.

„Wer ist das: die Menschen?“ fragte das Gold, das neugierigste der

Metalle, und kroch ganz aus dem Gestein hervor, um besser hören zu

können. „Und was sollten sie wissen?“

„Die Menschen regieren die Welt,“ erwiderte der Adler. „Sie erlegen

das stärkste Tier und sprengen den höchsten Berg, wenn es ihnen Spaß

macht oder Vorteil bringt. Wie die Ameisen wimmeln sie über die ganze

Erde hin; überall da sind sie zu finden, wo es ihnen gefällt. Und sind

sie nicht zufrieden mit der Erde, wie sie ist, so arbeiten sie sie um.“

„Was sollten denn nun die Menschen wissen?“ fragte das Gold wieder.

„Zum Beispiel, daß ~du~ hier bist, mein Schatz!“ entgegnete der

Adler. „Dann kämen sie gelaufen und nähmen dich fort.“

„Meinetwegen,“ sagte das Gold. „Ich habe ja gar nichts dagegen, ein

bißchen in die Welt hinauszukommen. Wenn ich so daliege und funkle, so

finde ich selber, daß ich schön bin, und daß sich viel aus mir machen

ließe.“

„Ganz richtig! Die Menschen lieben dich über alles in der Welt. Du bist

das Schönste, das sie kennen. Mit deiner Hilfe können sie bekommen, was

sie wollen. Um dich zu gewinnen, arbeiten sie sich alt und grau und

begehen die größten Verbrechen. Wer dich hat, ist reich und mächtig und

wird geehrt. Wer dich nicht hat, ist nur ein Haderlump.“

„Ich habe Sehnsucht nach den Menschen,“ sagte das Gold. „Das sind

offenbar Wesen, die etwas von den Dingen verstehen.“

„Und ich?“ fragte das Silber.

„Du hast auch deinen Wert,“ erwiderte der Adler. „Aber gegen das

Gold kannst du nicht an. Ihm kommt keiner gleich, weder Kupfer, noch

Eisen, noch Blei. Aber für euch alle haben die Menschen Verwendung;

tausenderlei Dinge können sie aus euch herstellen. Wie gesagt, sie

sollten nur wissen, daß ihr hier wäret!“

„Erzähl’ es ihnen,“ bat das Gold.

„Ja, sag’ es ihnen, sag’ es ihnen!“ riefen die andern.

„So töricht bin ich nicht,“ antwortete der Adler. „Wenn die Menschen

nur wüßten, daß hier halb so viel Gold wäre, wie ich von meinem Horst

aus schimmern sehe, so kämen sie zu Tausenden herbeigestürzt. Bevor

eine Woche um wäre, würde es hier schwarz von Menschen sein. Das ganze

Land würden sie umgraben und durchwühlen. Den Bären würden sie erlegen

und mich desgleichen, wenn sie uns nur treffen könnten. Wir müßten in

andere Gegenden entfliehen. Warum sollte ich all das Elend über uns

bringen?“

„Das, was ein Elend für dich wäre, würde ein Glück für mich sein,“

sagte das Gold. „Und ein Glück wäre es wohl auch für die Menschen,

da sie mich so hoch schätzen. Möchten sie doch nur kommen! Ich würde

leuchten und glänzen, daß sie ihre Freude daran hätten.“

„Schon möglich,“ meinte der Adler. „Aber die Freude, die du ihnen

bereiten könntest, wöge bei weitem nicht das Unglück auf, das du

anstiften würdest.“

„Ich glaube dir nicht,“ sagte das Gold.

„Tu, was du willst!“ Der Adler schlug mit seinen breiten Flügeln. „Es

spielt doch keine Rolle, denn hier sind keine Menschen, und es kommen

auch keine hierher. Viele Meilen weit erstreckt sich das böse Land nach

allen Seiten. Die Menschen würden vor Hunger und Durst umkommen, wenn

sie hierher zögen. Aber es fällt ihnen ja auch nicht ein; denn sie

wissen nichts von dem Schatze, der sich hier befindet.“

[Illustration]

„Könnte man ihnen doch eine Botschaft senden!“ rief das Gold.

Der Adler antwortete nicht mehr, er war hoch in den Wolken

entschwunden. --

Bald darauf stellten sich heftige Stürme und Regengüsse ein. Alle

Bäche traten über ihre Ufer, alle Felsenspalten standen voll Wasser.

Und als der Sturm sich legte, kam der Frost, härter als je. Das Wasser

in den Spalten gefror bis auf den Grund; und an vielen Stellen wurden

die Felsen gesprengt, so daß große Steine sich loslösten, ins Tal

hinabrollten und zerschmettert wurden.

An einer Stelle kam auf dem Erdboden ein großer Klumpen Gold neben

einen großen Klumpen Blei zu liegen. Als der Sommer anbrach, beschien

die Sonne sie beide.

„Wenn doch ein Mensch kommen und mich finden möchte!“ sagte der

Goldklumpen und glänzte mit der Sonne um die Wette.

„Auch ich will gefunden werden!“ rief der Bleiklumpen.

„Dich würde er nicht ansehen, wenn er hier wäre,“ sagte das Gold.

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 3 / 16 段