„Soso!“ erwiderte der Fremde. „Das ist ja recht ärgerlich. Wie heißt

denn dein Mieter, wenn ich fragen darf?“

„Die Grabwespe ist’s. ~Frau~ Grabwespe. Den ganzen Tag über

hat sie Nahrung für ihr Kind gesammelt. Wollen Sie so freundlich

sein, hineinzuschauen, so werden Sie sehen, daß das Loch ganz mit

ohnmächtigen Marienkäferlarven gefüllt ist.“

„Ja -- wahrhaftig!“ rief der Fremde und lachte so unheimlich, daß der

alte Pfahl einen Todesschreck bekam.

„Kennen Sie die Grabwespe?“ fragte er.

„Na, das ist ja einer meiner besten Freunde. Wir besuchen einander sehr

oft.“

Als der Fremde das gesagt hatte, schlüpfte er ganz in das Loch hinein.

Er blieb nur einen Augenblick darin; und als er wieder herauskam,

glänzte er so, daß dem Pfahl die Augen ganz weh taten, und er lachte

boshaft wie vorher.

„Wollen Sie nicht warten, bis die Grabwespe nach Hause kommt?“ fragte

der Pfahl. „Sie erzählte, sie wolle nur ein bißchen ausfliegen, und muß

gleich wieder hier sein.“

„Nein, danke,“ erwiderte der Fremde.

„Nicht? Darf ich dann fragen, von wem ich einen Gruß bestellen soll? Es

wird der gnädigen Frau sicherlich leid tun, daß ihr der Besuch eines so

vornehmen Herrn entgangen ist.“

„Ich bin kein Herr. Ich bin eine Frau. Und du brauchst der Grabwespe

nichts zu sagen. Morgen früh komme ich wieder und werde sie dann

sicherlich treffen.“

Damit flog sie weg. Und die Sträucher besprachen flüsternd all das

Merkwürdige, das der alte Pfahl erlebte, und fanden ihn plötzlich

interessant und nett.

„Er ist eigentlich ganz schön,“ sagte der Fliederstrauch. „Seht, wie

großartig ihn das grüne Moos kleidet.“

„Ganz schön?“ unterbrach ihn der Goldregen. „Er ist wirklich hübsch,

kannst du ruhig sagen.“

„Er hält sich wunderbar gerade, er sieht vornehm aus,“ sagte der Jasmin.

„Ehrwürdig ist er,“ fiel der Rotdorn ein. „Er hat gewiß eine Menge

Seltsames erlebt, wovon er erzählen könnte, wenn er wollte.“

„Es sitzt sich herrlich auf ihm,“ rief die Nachtigall, die auf seiner

Spitze saß und mit den Flügeln schlug. „Er ist viel, viel solider als

die dünnen, schwankenden Zweige.“

Der alte Pfahl nahm sich diese Komplimente nicht weiter zu Herzen. Er

dachte über den Besuch nach, den er gehabt hatte, und ein unbestimmtes

Gefühl sagte ihm, daß etwas Arges im Gange sei.

Da kam die Grabwespe nach Hause.

Mit großer Mühe schleppte sie sich in das Loch hinein und legte ihr Ei.

Als sie wieder herauskam, zitterte sie an allen Gliedern und konnte

kaum sprechen.

„Sind Sie krank?“ fragte der Pfahl teilnehmend.

„Ich muß sterben,“ erwiderte die Grabwespe. „Und hör’ nun gut zu,

was ich dir sage! Du bist ja ein guter alter Pfahl, der seinen

Mitgeschöpfen kein Leid antun will. Ich habe in der ganzen Welt nur

eine Feindin. Die dringt in mein Haus ein, wenn ich nicht da bin...“

„Halt!“ rief der Pfahl und zitterte vor Schreck, so daß die Hälfte

seines Mooses auf die Erde hinabfiel und er auf der einen Seite einen

großen Riß bekam.

Aber die Grabwespe ließ ihn nicht ausreden.

„Schweig still!“ sagte sie. „Ich hab nur noch einen winzigen Augenblick

zu leben, und du mußt auf das hören, was ich dir erzähle. Die

Goldwespe heißt mein Feind, und sie ist recht schön anzusehen -- viel

schöner als ich. Sie glänzt, als wäre sie aus Gold und Silber gemacht.

Aber böse und träge ist sie. Sie selbst hat keine Lust, für ihre Jungen

Nahrung zu suchen. Darum sucht sie sich das Loch, in das ich meine Eier

gelegt habe, und legt die ihren daneben. Und dann fressen ihre Kinder

all die Nahrung, die ich gesammelt habe, und mein Kind obendrein. -- Du

mußt mir versprechen, auf sie achtzugeben, wenn sie kommt. Und nun lebe

wohl und vielen Dank für deine Freundlichkeit!“

Der alte Pfahl bekam noch einen Riß und konnte vor Schreck die Sprache

nicht wiederfinden. In diesem Augenblick kam die Nachtigall und

erwischte die Grabwespe. Die Sträucher schrien entsetzt auf, aber die

Nachtigall entschuldigte sich aufs beste.

„Sie mußte ja sowieso sterben,“ meinte sie. „Sie ~war~ bereits

tot. Aber ich gebe zu, es ärgert mich, daß ich den Schlingel von

Goldwespe nicht erwischt habe.“

„I du mein Gott, i du mein Gott!“ jammerte der Pfahl. „Das war also die

Goldwespe, die hier war. Und ich elender Pfahl habe sie hereingelassen!

Dann ist das Unglück ja bereits geschehn... was soll ich nur anfangen,

was soll ich nur anfangen!“

„Herr Gott!“ rief die Nachtigall, die noch an der Grabwespe schmatzte.

Und „Herr Gott!“ sagten der Fliederstrauch, der Goldregen, der Jasmin

und der Rotdorn, denn sie fanden alle, daß sie noch nie etwas so

Fürchterliches erlebt hätten.

Der alte Pfahl war ganz gelähmt vor Kummer und neigte sich mehr und

mehr. Mit jedem Tag bekam er einen neuen kleinen Riß, und es war leicht

zu sehen, daß es zu Ende mit ihm ging. Die Sträucher und die Nachtigall

sprachen freundlich auf ihn ein und trösteten ihn, so gut sie konnten;

denn sie meinten alle, es sei ein so lieber alter Pfahl. Einer von

ihnen erdachte sich einen Plan, wie man sich an der Goldwespe rächen

könnte. Die Nachtigall wurde dazu auserkoren, aufzupassen, wenn die

Jungen des Räubers aus dem Ei gekommen sein könnten; dann sollte sie

sie mit dem Schnabel herausziehen und fressen.

„Das werd’ ich tun!“ versprach die Nachtigall feierlich. „Ihr könnt

euch auf mein Wort verlassen!“

Aber am Tage darauf, nachdem dieser Beschluß gefaßt worden war,

entdeckte die Nachtigall plötzlich, daß es Herbst geworden sei.

Keiner der Sträucher und der andern Vögel konnte es verstehen. Sie

alle fanden, daß es noch der schönste Sommer sei. Aber die Nachtigall

erklärte, man habe keine Insekten mehr zur Verfügung, die zu fressen

sich lohnte. Noch vor dem Abend war sie mit ihren Jungen nach Süden

geflogen, und die Sträucher hatten nichts anderes zu tun, als dazustehn

und den Pfahl anzustarren und von dem Fürchterlichen zu schwatzen, das

sich in seinem Innern vollzog.

Im nächsten Frühjahr flogen eine Menge niedlicher kleiner Goldwespen

aus dem Loch hervor. Sie tummelten sich im hellen Sonnenschein und

verschwanden dann in der Luft.

Der alte Pfahl stand noch eine Weile und wartete darauf, ob nicht doch

auch das Junge der Grabwespe hervorkommen würde. Aber es kam nicht.

Da stürzte der Pfahl auf den kleinen Hügel hin und zerfiel in lauter

morsche Stücke. Die Sträucher ließen ihre Blüten auf ihn herabrieseln,

damit er ein anständiges Begräbnis bekam.

„Ein merkwürdiger alter Pfahl!“ sagten sie zueinander.

Und als die Nachtigall von ihrer Reise ins Ausland zurückkehrte und das

Ende der Geschichte erfuhr, sang sie ein Liedchen auf dem Grabe des

alten Pfahls.

[Illustration]

Irgendwo im Walde.

Irgendwo im Walde lebte eine kleine Gesellschaft von guten Freunden

ganz nahe beieinander.

Da war die ~Kornblume~, die so stolz aussah, ohne es zu sein, und

die ~Glockenblume~, die so blau und bescheiden war. Da war die

~Nelke~, mild und rot und fromm wie kein andrer, und ein Büschel

~Grashalme~, die zwar grün waren, aber recht ärmlich und dankbar,

wenn man sie überhaupt beachtete. Ferner war da ein wenig ~Moos~,

das auf einem alten Baumstumpf wuchs und für sich selbst sorgte, und

dann der ~Haselnußstrauch~, der der vornehmste von allen war, weil

er so groß war, und vor allem weil der Hänfling sein Nest darin gebaut

hatte.

Niemals kam es zu Streitigkeiten zwischen den Freunden.

Ein jeder kümmerte sich nur um sich und stand dem andern nicht im Wege.

Am Abend, wenn das Tagewerk beendet war, lauschten sie dem Gesang des

Hänflings. Oder es knarrte und knackte in den Zweigen des Nußstrauchs,

was ebenso unheimlich war wie eine richtige Gespenstergeschichte. Oder

die Grashalme flüsterten etwas ganz leise und ohne Sinn, aber auch das

hört sich ganz schön an, wenn man müde ist und ein gutes Gewissen hat.

Erlebte einer der Freunde etwas Frohes, so freuten sich alle. Als

die Knospen der Nelke und der Kornblume aufsprangen, gratulierte der

Nußstrauch, der Hänfling schlug seinen längsten Triller, und die

Grashalme verneigten sich ehrerbietig wie eine Deputation und vergossen

jeder einen Tautropfen vor Rührung. Als die Hänflingsjungen aus dem

Ei krochen, da waren alle Freunde so glücklich, als hätten sie selber

Familienzuwachs bekommen.

[Illustration]

Aus dem Walde erscholl das Rauschen der Kronen und der Gesang vieler

Vögel, aber das ging die Freunde nichts an. Es geschah, daß ein Reh

gesprungen kam oder ein Fuchs heranschlich, und einmal versteckte sich

ein furchtsamer Hase unter dem Nußstrauch, während ringsum die Schüsse

knallten und die Hunde bellten. Von solch einem Ereignis redeten sie

viele Tage lang. Aber dann beruhigten sie sich wieder, und der Sommer

ging hin.

Stengel und Blätter waren schlaff, und die Wurzeln taten ihr weh. Die

Blüten saßen so sonderbar lose, wie ihr schien.

Eines Morgens fühlte die Nelke sich nicht recht wohl.

[Illustration: „Morgen wird’s auch wieder nicht regnen,“ sagte der

Förster. „Meine kleinen Bäume gehen alle ein.“]

Als sie den andern ihr Leid klagte, erzählten die Kornblume und die

Glockenblume, daß es ihnen genau so ginge. Auch die Grashalme sagten

dasselbe; das konnte man freilich nicht recht mitrechnen, denn die

waren immer derselben Meinung wie der, mit dem sie gerade sprachen. Das

Moos sagte gar nichts, doch das hatte nichts zu bedeuten, denn es war

auch niemand da, der es fragte.

„Wir brauchen Regen,“ sagte der Nußstrauch. „Sonst fehlt uns nichts.

Mich stört es noch nicht, aber es kann noch kommen. Ihr seid so klein

und zart; darum merkt ihr es zuerst.“

Die Grashalme nickten und fanden, das sei ausgezeichnet gesagt von dem

Nußstrauch. Die andern ließen den Kopf hängen. Der Hänfling sang, so

schön er konnte, um die kranken Freunde aufzuheitern.

Aber krank waren sie, und krank blieben sie; und mit jedem Tage wurde

es schlimmer.

„Ich glaube, ich sterbe,“ sagte die Nelke.

Die Grashalme erwiderten ihr höflich, sie ~seien~ schon halb

gestorben. Auch dem Nußstrauch ging es nicht gut, und dem Hänfling kam

die Luft so schwül vor, daß er gar keine Lust zu singen verspürte.

Als sie sich am Abend unterhielten, hörten sie die gleiche Klage in dem

Rauschen des großen Waldes, in dem Gebrüll des Hirsches, dem Bellen

des Fuchses, dem Quaken des Frosches und dem Pfeifen der Maus in ihrem

Loch. Auch der Förster und der Bauer, die vorübergingen, sprachen

davon. Sie schauten zu dem blanken Himmel auf und schüttelten die Köpfe.

„Morgen wird’s auch wieder nicht regnen,“ sagte der Förster. „Meine

kleinen Bäume gehen alle ein.“

„Und mein Korn wird versengt,“ seufzte der Bauer.

Am nächsten Morgen erschraken die Freunde ernstlich, als sie einander

betrachteten.

Sie waren überhaupt nicht wiederzuerkennen, so sahen sie aus. Gelbe,

hängende Blätter, welke Blüten und trockne Wurzeln. Nur das Moos sah

noch aus wie sonst.

„Merkst du nichts?“ fragte der Haselstrauch.

„Gewiß merk ich was,“ erwiderte das Moos. „Aber man kann es mir nicht

ansehn. Ich kann stehn und schon einen ganzen Monat tot sein und dabei

aussehen, als ob ich noch ganz lebendig wäre. Ich kann nichts dafür.“

„Ich will doch mal hinauf und nach einer Wolke ausschauen,“ sagte der

Hänfling.

Und er flog empor, so hoch hinauf, daß er für die andern vollkommen

verschwand. Als er zurückkam, erzählte er, es stehe eine Wolke weit,

weit im Westen.

„Bitt sie, daß sie herkommt!“ flehte die Glockenblume mit matter Stimme.

Und der Hänfling flog wieder fort und kehrte nach einer Weile mit dem

traurigen Bescheid zurück, daß die Wolke nicht kommen könne.

„Sie möchte wohl,“ sagte der Hänfling. „Es gefällt ihr gar nicht, da

oben mit all dem Regen zu hängen. Aber sie muß warten, bis der Wind sie

holt.“

„Lebt wohl!“ rief die Nelke müde. „Es war eine schöne Zeit, die wir

miteinander verlebt haben. Nun kann ich nicht mehr.“

Und damit starb sie. Alle die Freunde sahen einander entsetzt an.

„Wir müssen dem Wind ein gutes Wort geben,“ sagte der Nußstrauch, in

dem noch am meisten Leben war. „Sonst ist es aus mit uns allen.“

Am nächsten Morgen in der Frühe kam der Wind herbeigeschlichen. Er kam

ganz sacht, denn auch er war der unleidlichen trocknen Wärme müde; aber

seine Runde mußte er ja machen.

„Lieber Wind,“ sagte die Kornblume. „Bring uns eine kleine Wolke, sonst

sterben wir allesamt.“

„Es ist keine Wolke da,“ erwiderte der Wind.

„Du lügst, Wind,“ sagte der Hänfling. „Weit drüben im Westen steht eine

wunderschöne graue Wolke.“

„So--oo!“ sagte der Wind. „Ich bin augenblicklich Ostwind, da kann ich

auch nicht helfen.“

„Dreh dich, lieber Wind, und bring uns die Wolke!“ bat die Glockenblume

sehr beweglich. „Du kannst ja laufen, wohin du willst, und wir werden

dir dankbar sein, solange wir leben.“

„Du kannst dich um die ganze Gesellschaft verdient machen,“ fiel der

Nußstrauch ein.

„Um die ganze Gesellschaft,“ flüsterten die Grashalme.

„Schon möglich,“ sagte der Wind. „Aber ich bin nicht derjenige, für

den ihr mich haltet. Ihr glaubt, ich sei mein eigner Herr, weil ich

gesprungen komme und mich drehe und manchmal langsam laufe und manchmal

schnell und manchmal mild bin und manchmal streng. Und doch bin ich nur

ein Hund, der kommt, wenn sein Herr ruft.“

„Wer ist denn dein Herr?“ fragte der Hänfling. „Ich will zu ihm gehn,

und wenn er am Ende der Welt wohnt.“

„Ja... wenn das so ginge!“ antwortete der Wind. „Mein Herr ist die

~Sonne~. Auf ihren Befehl lauf’ ich meinen Weg. Wenn sie irgendwo

so richtig scheint, dann laufe ich mit der warmen Luft in die Höhe und

hole anderswo kalte Luft und fliege mit ihr längs der Erde hin. Ob im

Osten oder Westen, kümmert mich nicht.“

„Das versteh’ ich nicht,“ sagte der Hänfling.

„Ich versteh’ es selbst nicht,“ entgegnete der Wind. „Aber ich tu es.“

Dann legte er sich. Und die Freunde ließen ihre Köpfe hängen und wußten

keinen Rat.

„Da ist nichts zu machen, wir müssen sterben,“ rief die Kornblume.

„Habe ich den Winter hindurch hier gestanden, so werd’ ich doch wohl

auch das aushalten,“ sagte der Nußstrauch. „Aber streng ist es.“

Und die Glockenblume und die Kornblume, die noch keinen Winter

überstanden hatten, fragten sich erstaunt, ob er denn wohl noch

schlimmer sein könne als das, was sie jetzt durchzumachen hatten. Und

der Hänfling träumte vom Süden, wo er sich im Winter aufhielt, und die

Grashalme hatten die Sache ganz aufgegeben.

„Reichen deine Zweige nicht bis zur Sonne?“ fragte die Kornblume den

Nußstrauch.

„Kannst du nicht zur Sonne fliegen?“ fragte die Glockenblume den

Hänfling.

Aber das konnten sie nicht, und die Tage verstrichen, und das Elend

wuchs. Es war ganz still im Walde. Kein Vogel piepte, der Fuchs hielt

sich in seiner Höhle, der Hirsch lag im Schatten und ließ ächzend

die Zunge zum Halse heraushängen; und die Zweige der Bäume hingen

gleichfalls herab, wie wenn ein Begräbnis im Gange wäre.

Die Glockenblume aber läutete mit all ihren Glocken, als wollte sie den

Tod einläuten im Walde.

[Illustration]

Wer es hörte, weiß man nicht recht; und keiner der Freunde sagte etwas.

Aber dann hörten alle deutlich jemanden sprechen, und alle wußten

sofort, daß es die Sonne war, die der Nußstrauch mit seinen Zweigen

nicht erreichen und zu der der Hänfling nicht hinfliegen konnte, die

aber die Klage der Glockenblume gehört hatte:

„Ich scheine, wie ich muß, und nicht, wie ich will; und ich kann euch

nicht helfen. Keinen Fußbreit kann ich von meinem Wege abweichen,

keinen Strahl kann ich nach meinem eignen Willen versenden.“

„Ich versteh’ es nicht,“ sagte der Haselnußstrauch.

„Ich ebensowenig wie du,“ erklärte die Sonne. „Aber so ist es nun

einmal.“

„Und ich verstehe so viel, daß es mit der armen Kornblume aus ist,“

sagte die Kornblume, und im nächsten Augenblick war sie tot.

Dann kam die Nacht, und alle glaubten, daß dies ihre letzte sein würde.

Aber plötzlich hob die Glockenblume ihr krankes Köpfchen und lauschte.

Ihr war, als hörte sie einen Laut, wie wenn ein Tropfen fällt... jetzt

fiel noch einer... er schlug gegen ein Blatt auf... und noch einer...

und noch einer...

Alle erwachten, als der Regen herabströmte.

Die armseligen Grashalme erhoben sich, das elende Moos bekam neuen

Mut. Der Hänfling begann zu singen, obschon es finstre Nacht war. Der

Haselnußstrauch bebte vor Freude, daß die jungen Hänflinge beinahe aus

dem Nest gefallen wären.

Rings im Walde lebte alles auf. Die Nacht war voller Glück. Der Förster

und der Bauer standen aus ihren Betten auf und trafen sich im Regen und

drückten einander die Hand mit frohen Augen.

Es regnete die ganze Nacht und den folgenden Tag und die folgende Nacht

und noch einen Tag. Manchmal regnete es ganz sacht und manchmal heftig.

Die Erde trank mit durstigem Mund all das Wasser, und die Wurzeln sogen

es begierig aus der Erde auf, und Blätter und Blüten entfalteten sich

und standen aufrecht und munter da auf aufrechtem Stengel.

Dann kam der dritte Tag mit Sonne am blauen Himmel und mit Leben und

Lustigkeit im Walde.

„Nun?“ rief der Wind und kam gesprungen, als wäre er noch nie in seinem

Leben müde gewesen. „Seht ihr, ich hab’ euch den Regen gebracht!“

„Nun,“ sagte die Wolke, die hoch oben dahintrieb in weißem leichtem

Gewand. „Seht ihr, ich hab’ euch Regen verschafft!“

„Nun?“ sagte die Sonne, und sie lachte dabei so mild und rund wie noch

nie zuvor. „Habt ihr nun euren Willen?“

Die Freunde sahen einander verwundert an. Aber drüben saß der rote

Fuchs mit seinem garstigen klugen Gesicht.

„So sind sie!“ sagte er. „Bittet man sie um etwas, so sind sie nie zu

Hause. Aber sich den Dank zu holen, das vergessen sie nicht.“

[Illustration]

Das Sternenkind.

Jedermann weiß, daß die Sterne am Himmel schwimmen wie die Fische im

Wasser.

Ein Unterschied ist ja allerdings vorhanden.

Die Sterne fängt niemand. Auch schwimmen sie nicht hierhin und

dorthin und auf und nieder wie die dummen Fische; sie folgen ihrer

unveränderlichen Bahn bis in alle Ewigkeit.

Einem Stern fällt es im Leben nicht ein, eine kleine

Sonntagsnachmittagstour zu unternehmen. Sonnen und Monde, Planeten

und wie sie sonst heißen, Sterne ersten Ranges und Sterne, die nichts

als Narrenpossen sind -- bis auf unsre eigene, erbärmliche Erde

herab... sie alle spazieren ordentlich und nett umher, wie es ihnen

vorgeschrieben ist, ohne Extratouren.

Der Komet saust plötzlich heran und ist wieder verschwunden, ehe man

sich vom Schrecken erholt hat; aber auch er tut nur das, was er muß,

und weicht nicht einen Zoll breit aus seiner Bahn.

Darum ist es vielleicht ein wenig langweilig, ein Stern zu sein. Aber

es ist auch wiederum sehr hübsch. Und außerordentlich feierlich. Und

mancher muntre Dorsch könnte sich wünschen, nur halb so artig zu sein.

Obwohl so am Himmel alles schön ordentlich zugeht, passieren doch

mitunter Dinge, die die Sterne in große Gemütsbewegung versetzen und

sie ganz aus dem Konzept bringen würden, wenn dies Konzept nicht so

ausgezeichnet wäre.

Da kann ich zum Beispiel hier etwas erzählen.

Es ist schon ungeheuer lange her. Aber was in alten Zeiten geschah, war

ja viel unterhaltender als das, was heute geschieht. Und dann ist das

Angenehme dabei, daß man darüber reden kann, ohne jemand zu kränken.

Eine ~Sonne~ spielte eine Rolle dabei. Nicht unsre eigne Sonne,

die uns bescheint... wenn auch bei weitem nicht so oft, wie wir’s wohl

wünschen möchten. Sondern eine andre Sonne in großer Entfernung. Denn

ebenso wie es auch noch andre rote Kühe gibt als die des Pfarrers, so

gibt es ja auch eine Menge Sonnen, die uns nie in die Augen stechen,

und an die wir darum für gewöhnlich nicht denken.

Diese Sonne verlor eines Morgens ein Stück.

Sie war zwar so groß, daß sie den Verlust verschmerzen konnte. Aber

ein jeder will ja gern behalten, was er hat. Außerdem entstand da, wo

das Stück gesessen hatte, ein Loch. Und das ärgerte die Sonne, die

sonst in jeder Beziehung eine tadellose Sonne war und sich nicht gern

am Himmel blamieren wollte.

Darum drehte sie sich wie besessen um ihre Achse. Auf die Art werden

die Sterne rund, während andre Leute bekanntlich am leichtesten durch

Stillsitzen und Faulenzen dick und rund werden. Und als sie sich ein

paar tausend Jahre gedreht hatte, war der Schaden ausgebessert, und

damit scheidet diese Sonne aus unsrer Geschichte aus.

Aber das Stück, das sich abgetrennt hatte, tanzte am Himmel hin, und

von ihm handelt die Geschichte.

Es war kein dickes, hartes, eckiges Stück, wie es zum Beispiel von

einem Teller abbricht, der verunglückt. Vielmehr war es ganz locker,

luftig und leicht und wogte auf eine so muntere, leichtsinnige Art

dahin, daß die artigen Sterne vor Schreck ganz außer sich gerieten.

„Gott erbarme sich!“ sagte einer.

„Was in aller Welt ist das?“ rief ein andrer.

„Hab ich den Verstand verloren?“ schrie ein dritter.

Doch das Stück tanzte weiter, ohne nach rechts oder links zu schauen,

und hörte gar nicht auf ihre Worte.

„Er rennt gegen mich,“ sagte ein vierter Stern.

„Er bringt uns alle durcheinander,“ sagte ein fünfter.

„Er ist vollkommen ungesetzlich,“ fiel ein sechster ein.

Zuletzt faßte sich ein siebenter ein Herz und rief das Stück an.

„He... du da!“ rief er. „Wer bist du? Woher kommst du? Wohin willst du?

Was denkst du dir denn dabei, hier so ohne Anstand umherzuschlendern?“

„Du fragst viel auf einmal,“ erwiderte das Stück.

„Wer bist du?“ fragte der Stern wieder. „Ich frage dich im Namen

sämtlicher Sterne.“

„Ich weiß es wirklich nicht,“ sagte das Stück. „Ich bin gewiß nichts.

Ich bin abgefallen und fühle mich so frei und froh, und das Leben

erscheint mir so wunderschön. Es ist mir ganz gleichgültig, wohin ich

komme, wenn ich nur immer weiter dahinsausen kann.“

„Habt ihr je so etwas gehört?“ rief der siebente Stern.

Nein, das hatten sie nicht.

Sprachlos starrten sie einander an. Eine solche Rede hatte man am

Himmel noch nie vernommen, solange er bestand.

Als sie sich wieder ein wenig erholt hatten, begannen sie zu

besprechen, was wohl dabei zu tun sei. Ihre Beratung dauerte lange.

Es war ja nicht nur eine ernste, ungewöhnliche Sache, sondern es kam

hinzu, daß jeder von ihnen auf seine Bahn achten mußte, und manchmal

verstrichen mehrere hundert Jahre, bis sie sich wieder trafen.

Schließlich wurden sie sich darüber einig, was sie mit dem Frechdachs

tun wollten. Eine große, ernste Sonne nahm das Wort und sagte:

[Illustration]

„Hör’ mal, mein Kind. Wir haben folgendes beschlossen: Da du nun einmal

am Himmel bist, wollen wir versuchen, einen ordentlichen, braven Stern

aus dir zu machen. Du wirst natürlich selber einsehen, daß es besser

für dich ist, eine feste, anständige Stellung zu bekommen, als dich so

ins blaue hinein umherzutreiben.“

„Ich weiß nicht,“ sagte das Stück. „Was ist das: ein Stern?“

„Ein Stern ist das Größte in der Welt,“ sagte die Sonne. „Die Sterne

wandeln vornehm und unabänderlich am Himmel dahin; sie sind erhaben

über alles Gezänk und allen Lärm. Sie leuchten allen voran als gutes

Beispiel von Festigkeit und Frieden und andern Tugenden. Ein solcher

Stern kannst du werden, wenn du artig bist. Was bist du jetzt? Ein ganz

unordentliches Geschöpf.“

„Das will ich auch bleiben,“ sagte das Stück. „Es geht mir gut, und ich

amüsiere mich viel besser als ihr alle. Ich mache mir nichts daraus,

jemandem zu leuchten, und habe keine Lust, ein gutes Beispiel zu sein.“

„Hat man je so etwas gehört!“ sagten die Sterne zueinander.

Nein, so etwas hatte man noch nicht gehört. Aber die Sonne sagte,

der arme Kerl sei noch so jung und habe sich so lange frei und ledig

umhergetrieben, daß man Nachsicht mit ihm haben müsse. Sie wolle darum

nochmals den Versuch machen, ihn zur Vernunft zu bringen.

„Du wirst es bereuen, wenn du meinen Rat nicht befolgst. Ich will mich

deiner Erziehung selber annehmen und rechne auf deine Dankbarkeit.

Wenn du dich gut aufführst, mache ich dich vielleicht zu meinem

Trabanten.“

Das Stück hörte nicht einmal zu. Es segelte lustig weiter und sang vor

sich hin:

„Wogen und gleiten

luftig und leicht,

niemals gebeugt,

auf den himmlischen Weiten ...

Frei und keck,

ohn Ziel und Zweck ...

den Sternen ich eins auf die Nase will geben!“

In diesem Augenblick kam es der Sonne zu nahe.

„Au... was ist das?“ rief das Stück.

Es fühlte sich von einer unwiderstehlichen, unbekannten Macht

ergriffen. Es war, wie wenn eine gewaltige Hand es im Nacken packte und

schüttelte.

„Was ist das... was ist das nur?“ schrie es erschrocken.

„Das ist die Schwerkraft,“ sagte die Sonne.

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 2 / 16 段