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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert, abweichende Schreibweisen
wurden dagegen beibehalten.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: ~Tilden~
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Das Sternenkind
und andere Geschichten
Im Verlag der =Franckh’schen Verlagshandlung, Stuttgart=, sind
erschienen:
E. Thompson Seton
=Bingo= und andere Tiergeschichten.
=Prärietiere= und ihre Schicksale.
=Tierhelden=, die Geschichte einer Katze, zweier Wölfe usw.
=Rolf=, der Trapper.
~Preis~ jedes Bandes gebd. M =19.50=.
=Monarch=, der Riesenbär.
=Jochen Bär= und andere Tiergeschichten.
=Domino Reinhard=, Lebensgeschichte eines Silberfuchses.
~Preis~ jedes Bandes gebd. M =13.--=.
Karl Ewald
=Mutter Natur erzählt= (Naturwissenschaftliche Märchen).
=Der Zweifüßler= und andere Geschichten.
=Vier feine Freunde= und andere Geschichten.
=Meister Reineke= u. andere Geschichten.
=Das Sternenkind= und andere Geschichten.
A. Th. Sonnleitner
=Die Höhlenkinder im Heimlichen Grund.=
=Die Höhlenkinder im Pfahlbau.=
=Die Höhlenkinder im Steinhaus.=
Eine Robinsonade auf kulturgeschichtlicher Grundlage, in der sich der
Werdegang der Menschheit abspielt.
A. R. Bond
=Bei den Helden der Technik=
Ferienerlebnisse zweier Jungen in Neuyorks Wunderwelt der Technik.
~Preis~ jedes Bandes gebd. M =19.50=
Das Sternenkind
und andere Geschichten
Naturgeschichtliche Märchen
Von
Carl Ewald
Fünfter Band der autorisierten
deutschen Gesamtausgabe von
Hermann Kiy
Mit acht Tafeln und zahlreichen Abbildungen
von ~Willy Planck~
Siebzehnte Auflage
[Illustration]
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
1921
Alle Rechte, insbesondere auch das
Uebersetzungsrecht, vorbehalten.
Copyright 1921 by
Franckh’sche Verlagshandlung,
Stuttgart.
STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
HOLZINGER & CO, STUTTGART
Inhalt
Wald und Heide 5
Tante Eidergans 14
Grabwespe und Goldwespe 32
Irgendwo im Walde 47
Das Sternenkind 55
Das Johanniswürmchen 67
Das Gold 74
Sand 140
Der kleine Hering 166
Die Blumen 185
Die vier Fürsten 205
Die Blattlaus 284
Wald und Heide.
Es war einmal ein herrlicher Wald mit tausend ranken Stämmen und mit
Saus und Sang in den dunkeln Kronen.
Ringsum dehnten sich Wiesen und Felder, und drüben hatte der Bauer sein
Haus erbaut. Wiese und Feld boten einen guten Anblick dar in ihrem
vollen Grün, und der Bauer war fleißig und dankbar für den Ertrag, den
er heimbrachte. Der Wald aber stand wie ein großer Herr hoch über ihnen
allen.
Während des Winters lag das Feld flach und elend unterm Schnee, die
Wiese war ein einziger vereister See, und der Bauer verkroch sich in
der Ofenecke; aber der Wald stand gleich rank und ruhig da mit seinen
nackten Zweigen und ließ es stürmen und schneien, soviel es Lust hatte.
Wenn’s Frühling wurde, dann grünten freilich Feld und Wiese, und der
Bauer kam hervor und begann zu pflügen und zu säen. Der Wald aber
erwachte zu solcher Herrlichkeit, daß niemand es beschreiben konnte;
zu seinen Füßen standen Blumen, und auf seinen grünen Wipfeln lag die
Sonne; aus dem kleinsten Strauch erscholl Vogelgesang, und allerorten
duftete es und wogte es von festlichen Farben.
Da geschah es eines Sommertags, als der Wald mit seinen Zweigen um sich
fächelte, daß ihm ein spaßiges braunes Ding vor Augen kam, das sich
auf den Hügeln gegen Westen ausbreitete, und das er noch nie gesehen
hatte.
„Was bist du für ein Geselle?“ fragte der Wald.
„Ich bin die ~Heide~,“ erwiderte das braune Ding.
„Ich kenne dich nicht,“ entgegnete der Wald, „und ich mag dich nicht
leiden. Du bist so garstig und schwarz, gleichst weder Feld noch
Wiese noch sonst irgend etwas, das ich kenne. Hast du Knospen, die
aufspringen? Kannst du blühen? Kannst du singen?“
„Gewiß, gewiß,“ sagte die Heide. „Im August, wenn deine Blätter dunkel
und müde werden, dann springen meine Blütenknospen auf. Und dann bin
ich rot -- rot von einem Ende zum andern und schöner als alles, was du
je gesehen hast.“
„Prahlhans!“ sagte der Wald. Und dann sprachen sie nicht mehr zusammen.
Im nächsten Jahr war die Heide ein großes Stück den Hügel
hinabgekrochen, auf den Wald zu. Der Wald sah es zwar, sagte aber
nichts. Es schien ihm unter seiner Würde zu sein, sich mit solch
garstigem Burschen zu unterhalten. In seinem Innern aber hatte er
Angst. So machte er sich denn so grün und schön, wie er nur konnte, und
ließ sich nichts anmerken.
Mit jedem Jahr aber, das verstrich, kam ihm die Heide näher. Sie hatte
jetzt alle Hügel zugedeckt und lag dicht vor dem Bereich des Waldes.
„Scher dich weg!“ sagte der Wald. „Du bist mir im Wege. Gib acht, daß
du nicht an meine Hecke rührst!“
„Ich geh drüber weg,“ war die Antwort der Heide. „Ich geh hinein in
dich, ich fresse und zerstöre dich.“
Da lachte der Wald, daß alle seine Blätter bebten.
[Illustration]
„Soso, also das ist deine Absicht!“ sagte er. „Wenn du’s nur fertig
bringst! Ich fürchte, ich bin ein zu großer Happen für dich. Du glaubst
wohl, ich bin dasselbe wie so ein bißchen Wiese oder Feld, worüber man
im Nu hinwegspazieren kann. Aber ich bin der Mächtigste und Vornehmste
in der ganzen Gegend, mußt du wissen. Ich will dir einmal mein Liedlein
vorsingen, dann kommst du vielleicht auf andere Gedanken.“
[Illustration]
Und der Wald begann zu singen. Alle Vögel sangen, und die Blumen
erhoben ihre Köpfe und sangen mit. Das kleinste Blatt summte mit
den andern, der Fuchs hielt inne mitten im Genuß eines fetten Huhns
und schlug den Takt mit seinem buschigen Schwanz, und der Wind lief
zwischen den Zweigen umher und bildete die Orgelbegleitung zu dem Liede
des Waldes:
„Ein schöner’ Fest ich niemals sah,
als da der Wald zu Gaste lud:
Waldmeister duftet’, dem Veilchen ganz nah,
und die Rose leuchtet in wilder Glut.
Es flog das Vöglein auf und ab
und flog niemals allein.
Der Bauer den wehenden Buchenzweig gab
dem holden Liebchen sein.
Es freuten sich Hase, Fuchs und Reh,
der kleine Wurm unterm Blütengewimmel.
Es tanzte groß und klein im Klee,
es tanzte die Sonne am Himmel.“
„Was sagst du nun?“ fragte der Wald.
Die Heide antwortete nicht. Aber im nächsten Jahr überschritt sie die
Hecke.
„Bist du toll?“ rief der Wald. „Ich hab’ dir ja verboten,
herüberzukommen.“
„Du bist nicht mein Herr,“ erwiderte die Heide. „Ich tu’, wie ich
gesagt habe.“
Da rief der Wald den roten Fuchs und schüttelte die Zweige, so daß eine
Menge Bucheckern und Eicheln hinabfielen und in seinem Pelz hängen
blieben.
„Lauf in die Heide hinaus, lieber Fuchs, und leg die Samen dorthin!“
bat der Wald.
„Will sehn, was sich machen läßt!“ sagte der Fuchs und trabte davon.
Und es halfen Hase, Hirsch, Marder und Maus. Auch die Krähe
unterstützte aus alter Freundschaft die Sache, und der Wind faßte
ordentlich zu und rüttelte an den Zweigen, daß die Bucheckern und
Eicheln weit auf die Heide hin flogen.
„So,“ sagte der Wald, „nun wollen wir mal sehn, was draus wird!“
„Ja, das wollen wir!“ meinte die Heide.
Es verging eine Zeit, der Wald wurde grün und wieder welk, und die
Heide dehnte sich immer mehr aus. Man redete nicht mehr zusammen. An
einem schönen Frühlingstage aber guckten rings im Heidekraut ganz
winzige neugeborene Buchen und Eichen aus der Erde hervor.
„Was sagst du nun?“ fragte triumphierend der Wald. „Jahr auf Jahr
sollen meine Bäume wachsen, bis sie groß und stark werden. Dann sollen
sie ihre Kronen über dir zusammenschließen; keine Sonne soll scheinen,
kein Regen soll auf dich herabfallen, und um deines Übermuts willen
sollst du sterben.“
Aber die Heide schüttelte ernst ihre schwarzen Reiser. „Du kennst mich
nicht,“ sagte sie, „ich bin stärker, als du glaubst. Niemals werden
deine Bäume bei mir grünen. Ich habe die Erde unter mir fest wie Eisen
gebunden, und deine Wurzeln können nicht hindurch. Wart nur bis zum
nächsten Jahr! Dann sterben die kleinen Wichte, über die du jetzt so
froh bist.“
„Du lügst,“ entgegnete der Wald. Und doch war er in großer Angst.
Im nächsten Jahr kam es, wie die Heide gesagt hatte. Die kleinen
Buchen und Eichen gingen samt und sonders ein. Und nun folgte eine
entsetzliche Zeit für den Wald. Die Heide dehnte sich immer weiter
aus. Überall sah man Heidekraut statt der Veilchen und Anemonen. Kein
junger Baum wuchs, die Sträucher verwelkten, die alten Bäume begannen
am Wipfel abzusterben, daß es ein rechtes Unglück war.
„Hier im Walde ist’s nicht mehr gemütlich,“ sagte die Nachtigall. „Ich
glaube, ich baue anderswo mein Nest.“
„Hier ist ja kaum noch ein ordentlicher Baum, wo man wohnen könnte,“
sagte die Krähe.
„Die Erde ist so hart geworden, daß man sich keinen anständigen Gang
mehr bauen kann,“ murrte der Fuchs.
Der Wald wußte sich keinen Rat. Die Buche reckte ihre Zweige zum Himmel
auf und flehte um Hilfe, und die Eiche krümmte die ihren in stiller
Verzweiflung.
„Sing doch noch einmal dein Lied!“ sagte die Heide.
„Ich hab’ es vergessen,“ antwortete der Wald betrübt. „Meine Blumen
sind verwelkt, und meine Vögel sind fortgeflogen.“
„Dann will ~ich~ singen,“ sagte die Heide. Und sie sang:
„Es geht von der Heide ein Liedlein gut:
Wenn die Sonne im Osten steiget,
dann flammt die Heide wie Feuer und Blut,
während zum Herbst der Wald sich neiget.
Das Wollgras webt den langen Tag
im Moor sein weißes Linnen,
und die Natter gleitet mit ruhigem Schlag
unter Heidekrautwipfeln von hinnen.
Der Regenpfeifer jammert, die Lerche schlägt,
und der Kiebitz wippt auf der Erde.
Der krummrückige Bauer sich bewegt
im Heidehaus mit stiller Gebärde.“
Die Jahre vergingen, und um den Wald war es immer schlechter bestellt.
Die Heide dehnte sich weiter und weiter aus, bis sie das andere
Ende des Waldes erreichte. Die großen Bäume starben ab und stürzten
um, sobald der Sturm sie ordentlich anpackte. Dann lagen sie da und
verfaulten, und das Heidekraut wuchs über sie weg. Nun war nur noch ein
Dutzend von den ältesten und stärksten Bäumen übrig, aber sie waren
alle hohl und hatten ganz dünne Wipfel.
„Meine Zeit ist um, ich muß sterben,“ sagte der Wald.
„Habe ich es dir nicht vorhergesagt!“ rief ihm die Heide zu.
Aber nun bekamen die Menschen einen großen Schreck, weil die Heide so
ungestüm gegen den Wald vorging.
„Woher soll ich Bretter für meine Werkstatt nehmen?“ rief der Tischler.
„Woher soll ich kleines Holz bekommen, um mein Essen zu kochen?“ klagte
die Frau.
„Woher sollen wir Brennscheite holen für den Winter?“ seufzte der alte
Mann.
„Wohin soll ich im Frühling mit meiner Braut spazieren gehen?“ schalt
der junge Mann.
Und die Menschen betrachteten eine Weile die armen alten Bäume, mit
denen nichts mehr anzufangen war; und dann nahmen sie ihre Hacken und
Spaten und liefen auf die Hügel hinauf, dahin, wo die Heide begann.
[Illustration]
„Ihr könnt euch die Mühe sparen,“ rief die Heide, „in mir könnt ihr
nicht graben.“
„Ach nein!“ seufzte der Wald. Aber er war jetzt so schwach, daß niemand
mehr hören konnte, was er sagte.
Die Menschen kümmerten sich auch nicht darum. Sie hackten und hackten,
bis sie durch die harte Schale hindurch waren. Dann fuhren sie Erde und
Dünger herbei und füllten die Löcher damit aus, und dann pflanzten sie
junge Bäumchen. Die pflegten sie und freuten sich ihrer und hüteten
sie vor dem Winde, so gut sie vermochten.
Und Jahr auf Jahr wuchsen die kleinen Bäume. Wie helle, grüne Flecke
standen sie mitten in dem schwarzen Heidekraut; und als eine Zeit
vergangen war, kam ein Vögelchen und baute sein Nest in einem der
Bäumchen.
„Hurra! Nun haben wir wieder einen Wald!“ riefen die Menschen.
„Gegen die Menschen kommt niemand an,“ murrte die Heide. „Da ist nichts
zu machen. Also gehn wir weiter!“
Von dem alten Walde aber stand noch ein einziger Baum, der nur einen
einzigen grünen Zweig am Wipfel hatte. Auf den setzte sich ein kleiner
Vogel, und er erzählte von dem neuen Walde, der drüben auf dem Hügel
emporwuchs.
„Gott sei Dank!“ sagte der alte Wald. „Was man selbst nicht
fertigbringt, muß man den Kindern überlassen. Wenn sie nur tüchtig
sind! Sie sehen ein bißchen dünn aus!“
„Du bist selber auch einmal so dünn gewesen,“ erwiderte der Vogel.
Dazu sagte der alte Wald nichts mehr, denn er war gestorben, und damit
ist es auch mit unserer Geschichte aus.
[Illustration]
[Illustration]
Tante Eidergans.
Es war Winter.
Die Blätter waren verschwunden von den Bäumen und die Blumen von der
Hecke. Und auch die Vögel waren fort, das heißt, die vornehmsten, die
sämtlich nach dem Süden gereist waren.
Aber ein paar waren natürlich noch übrig.
Da war Freund Sperling und die flinke kleine Kohlmeise. Ferner der Rabe
und die Saatkrähe, die noch einmal so schwarz und hungrig aussahen auf
dem weißen Schnee. Und da waren auch noch einige andere, die lieber in
den sauren Apfel beißen und im Norden bleiben wollten, anstatt sich auf
die lange Reise zu begeben.
Unten am Strande war mehr Leben als im Sommer.
Da waren die Möwen, die sich überall in großen Scharen tummelten, wo
Löcher ins Eis geschlagen waren. Und da waren die wilden Enten, die
sich draußen im offenen Wasser aufhielten und schnatterten und tauchten
und aufflogen, wenn die Flinten der Fischer knallten.
„Wie viele es sind!“ sagte der Sperling.
„Sie kommen aus dem hohen Norden,“ erklärte die Möwe „Aus Norwegen
und von den Färöern. Da oben ist es viel kälter als hier. Sobald
die geringste Veränderung in der Luft eintritt, fliegen sie
wieder hinauf... Kennst du die beiden, die uns dort auf dem Eise
entgegenkommen?“
[Illustration]
„Woher sollte ich sie kennen?“ fragte der Sperling. „Ich bin in diesem
Sommer geboren und möchte nur wünschen, daß ich wieder im Neste läge.“
„Das sind Eidergänse,“ erzählte die Möwe. „Sieh, nun kommt noch einer.“
Und so war es auch. Und das war ein sehr feiner Vogel. Sein Nacken war
grün und Hals und Brust waren weiß mit einem rosigen Schimmer, seine
Beine aber wunderschön gelb.
„Das ist das Männchen,“ sagte die Möwe. „Die beiden anderen sind
Frauenzimmer und nicht so elegant, obwohl auch sie noch ganz gut
aussehen.“
Die drei Eidervögel waren jetzt so nahe bei dem Sperling und der Möwe,
daß diese hören konnten, wovon sie sprachen.
„Gnädige Frau,“ sagte der Kavalier, „ich verstehe nicht, was Sie hier
auf dem Eise wollen. Gehen Sie mit hinaus auf das offene Wasser und
amüsieren Sie sich mit uns.“
„Ich bleibe bei meiner Nichte,“ erwiderte die Eidergans.
„Und warum will das Fräulein nicht mit?“ fragte der Kavalier. „Im
Sommer waren Sie auf unseren lieben Färöern die Froheste unter den
Frohen.“
„Das war damals,“ entgegnete das Eidergansfräulein. „Jetzt bin ich auf
andere und ernstere Gedanken gekommen.“
Der Kavalier versuchte noch eine Weile, sie zu überreden, aber ohne
Erfolg. Dann flog er zurück über das Eis.
„Ist hier kein Felsen, Tante?“ fragte das Eidergansmädchen. „Ich sehne
mich danach, zu heiraten und ein Nest zu bauen.“
„Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, so ist es gerade kalt
genug,“ warf der Sperling ein. „Und Felsen haben wir hierzulande nicht.“
„Man kann im Sande brüten,“ sagte die Möwe.
„Vielen Dank für Ihre Auskunft, gute Frau,“ sagte die Eiderganstante.
„Aber es ist nur so ein Anfall, den meine Nichte hat. Sie ist jetzt
drei Jahre alt und heiratsfähig.“
„Jesses,“ rief der Spatz. „Und ich bin diesen Sommer geboren und könnte
mich schon auf der Stelle verheiraten, wenn es nur ein bißchen wärmer
wäre.“
„Manche sind ja früher reif zur Heirat,“ sagte die Tante.
„Laß uns nach Hause nach den Färöern fliegen, damit wir uns verheiraten
können, Tante,“ seufzte die junge Dame.
„In einem Monat, mein Kind,“ sagte die Tante. „Ich für mein Teil
bedanke mich allerdings schönstens. Ich war siebenmal verheiratet und
werde die Geschichte nicht mehr mitmachen. Aber ich will gern ein wenig
mit dir schwatzen. Das ist unheimlich interessant.“
„In einem Monat sind die Bäume noch nicht grün,“ sagte der Sperling.
„Wir sind ja erst im Januar.“
„Wir haben keine Bäume auf den Färöern, Mädchen,“ erwiderte die Tante.
„Und wir brauchen auch keine.“
„Hat das Fräulein denn schon einen Bräutigam?“ forschte die Möwe.
„Noch nicht. Aber das kommt schon. Einen Bräutigam kann man immer
bekommen. In den drei Jahren, seitdem sie am Leben ist, hat sie auf dem
Meere getanzt und sich vergnügt.“
„Wenn sie nur den rechten finden möchte,“ sagte die Möwe.
„Die Mannsleute sind alle gleich, gute Frau,“ verkündete die Tante.
„Sie machen einem den Hof und verheiraten sich; helfen vielleicht
ein bißchen beim Neste mit und machen sich dann aus dem Staube und
überlassen uns alles übrige.“
„Da bin ich nun anderer Meinung als die gnädige Frau,“ sagte die Möwe.
„Mein Mann hat mir getreulich geholfen.“
„Und ich habe auch viele Fliegen von meinem ~Vater~ bekommen, als
ich im Neste lag,“ erzählte der Sperling.
„Da seid ihr glücklicher daran gewesen als wir,“ sagte die Tante.
„Keiner von meinen sieben Männern hat seine eigenen Jungen auch nur
~gesehen~.“
„Jesses,“ rief der Sperling.
Doch das Eidergansfräulein fragte wieder: „Sollen wir nicht bald nach
Hause nach den Färöern reisen?“
„Gott, wie interessant ist die Jugend,“ sagte die Tante und schlug mit
den Flügeln.
Dann flogen sie aufs Wasser hinaus; aber am folgenden Tage kamen sie
wieder, und so ging es Tag für Tag, bis in den Februar hinein. Die
Sehnsucht des jungen Eidergansfräuleins, nach Hause zu kommen, wurde
immer größer, und die Tante wurde nie müde, mit ihr darüber zu plaudern.
„Jetzt geht es, jetzt geht es!“ sagte sie. „Hier ist es so warm, daß es
fast nicht auszuhalten ist.“
„Das ist ein wahres Wort,“ sagte der Sperling, den es fror, und der
sich nach dem Frühling sehnte.
Eines Tages kam ein schmucker junger Eidergänserich heran und setzte
sich aufs Eis neben die beiden Damen.
„Wenn er um dich anhält, so nimm ihn,“ flüsterte die Tante. „Er hat den
grünsten Nacken, den ich seit vielen Jahren gesehen habe.“
„Möcht’ er doch nur um mich anhalten!“ flüsterte die Junge.
Und er hielt um das Fräulein an.
Nachdem er ein Weilchen dagesessen und von gleichgültigen Dingen
geplaudert hatte, soweit der Anstand es erforderte -- und der Anstand
erfordert nicht so viel von Eidergänsen wie von Menschen --, fragte
er die junge Dame, ob sie seine Frau werden möchte. Er fing an
von Vogelfelsen zu sprechen und von niedlichen kleinen Eiern und
dergleichen: aber sie ließ ihn gar nicht ausreden, sondern sagte „Ja“.
Und nun waren sie verlobt.
[Illustration]
Er war furchtbar beredt und schwor, daß er ihr das ganze Leben lang
treu sein, ein Nest für sie bauen, auf den Eiern für sie liegen und die
Kinder von früh bis spät füttern wolle. Und sie nickte und konnte vor
lauter Glück nichts sagen.
„Lügen sind es, Wort für Wort! Und doch, wie schön ist das!“ rief die
Tante.
„Wie schrecklich,“ sagten der Sperling und die Möwe. „Die liebe junge
Dame!“
„Unsinn!“ erwiderte die Tante. „Das ist nun mal unser Los. Meine sieben
Männer haben ebenso gesprochen, und nicht einer von ihnen hat seine
Versprechungen gehalten. Aber entzückend waren sie doch. Nur nicht so
grün im Nacken wie der hier. Er ist wunderschön. Ich bin nahe daran,
mich selbst in ihn zu verlieben.“
„Wann reisen wir?“ fragte das Eidergansfräulein.
„Morgen früh, Geliebte, wenn wir günstigen Wind haben,“ erwiderte der
Bräutigam.
„Ich reise mit,“ sagte die Tante. „Erstens ist es passend so. Und dann
ist es so hübsch, solch junges Glück mitanzusehen.“
Am nächsten Morgen reisten sie fort.
Es war noch dunkel, als die Abreise der Vögel begann. Tausende von
Eidergänsen flogen in Scharen und Schwärmen, und immer neue Tausende
kamen von allen Himmelsgegenden hinzu. Die Möwe und der Sperling
erwachten von dem Gepiep und Gesang in der Luft.
„Nach Norden zu ziehen in so einer Kälte!“ rief der Sperling zitternd.
„Es friert ärger als je.“
„Es ist Frühling in der Luft, wenn man liebt,“ sagte die Möwe.
Tag und Nacht hindurch reisten die Eidergänse nach Norden.
Es waren so viele Vögel, daß sie sich gar nicht untereinander
auskannten; und je mehr Zeit verging und je näher sie dem Ziele kamen,
desto mehr wuchs ihre Sehnsucht; und sie flogen, wie wenn ihnen die
Flügel brannten. Die Tante wich nicht von der Seite der beiden jungen
Liebesleute und war ebenso flink im Fliegen wie sie und so glücklich,
als ob sie selbst zum achtenmal heiraten sollte.
Endlich erreichten sie dann die Färöerinseln, ihre Heimat.
Sie schrien und kreischten vor Freude, als sie die hohen Felsen aus dem
Meere aufsteigen sahen, und die Flügel bekamen neue Kraft, so müde sie
von dem langen Fluge auch waren. Sie stürzten sich auf die Klippen wie
auf eine Beute, und bald war kaum ein Fleck vorhanden, wo nicht ein
glücklicher Vogel saß und mit den Flügeln um sich schlug und aufschrie.
„Nun will ich euch ein gutes Brutplätzchen zeigen,“ sagte die Tante zu
den beiden Jungen, die dasaßen und sich verliebt ansahen. „Kommt mit
mir auf die andere Seite des Felsens.“
Da flogen sie mit ihr und kamen zu einer Stelle, wo der Mann, dem der
Felsen gehörte, kleine Holzhäuser für die Vögel angebracht hatte. Es
war gerade noch eines von ihnen frei, und das nahm der Bräutigam sofort
in Besitz.
„Hier drinnen kannst du wirklich schön warm und gut auf unseren Eiern
liegen, Geliebte,“ sagte er.
„Ja... und du,“ antwortete sie. „Du weißt doch, du versprachst mir, mir
die Hälfte der Arbeit abzunehmen.“
„Ob ich es weiß,“ sagte er und küßte sie.
„Gott, wie entzückend ist das,“ rief die Tante.
„Übrigens mag ich gar nicht in der ekelhaften Kiste wohnen,“ sagte die
Braut. „Ich hab’ mich so unbändig darauf gefreut, daß wir beiden Tang
und Stroh und Heidekraut zusammenschleppen würden, so wie du es mir von
dir und deiner vorigen Frau erzähltest. Und so will ich es auch haben.“
„Sei doch nur ruhig, liebes Kind,“ sagte er. „Wir werden natürlich die
Kiste ein wenig ausfüttern müssen, aber wir wollen nur froh sein, daß
ein Anfang da ist. Denk daran, wir haben ein langes Leben voller Arbeit
und Glück vor uns, und wir wollen uns nicht überanstrengen.“
„Gott, wie er lügt,“ sagte die Tante und hob ihre Augen gen Himmel.
„Aber wie schön hört es sich an!“
„Was sagst du?“ fragte das Fräulein.
„Ich sage, dein Bräutigam hat den wundervollsten grünen Nacken auf den
Färöern,“ sagte die Tante. „Ich hätte Lust, hineinzubeißen. Aber jetzt
will ich euch eurem Glücke überlassen.“
Dann flog sie schnatternd über den Felsen hernieder und plätscherte mit
den anderen im Wasser. Die beiden Jungen machten sich nun daran, die
Kiste mit allem, was sie auftreiben konnten, auszufüttern. Danach fand
die Hochzeit statt in Herrlichkeit und Freuden, und viele Tausende von
jungen Eidergänsen heirateten an demselben Tage.
„Gott behüte, wie lieblich ist es doch mit der Jugend,“ sagte die
Tante, die mit einer Schar anderer alter Damen herumtrippelte und
Hochzeitsvisiten machte.
Den jungen Leuten ging es gut, und sie waren sehr glücklich. Aber
als die junge Frau ihr erstes Ei ins Nest gelegt hatte, gab es einen
Wortwechsel.
Er wollte sie bestimmen, einen kleinen Ausflug mit ihm zu machen,
als das Ei schon dalag; und sie hatte auch an und für sich nichts
dagegen, obschon ihr schien, daß er sich ein wenig mehr über das schöne
graugrüne Ei hätte freuen können.
„Ich spare meine Gefühle,“ sagte er. „So ziemt es sich für einen Mann.
Komm nun.“
Doch da sagte sie, daß nicht die Rede davon sein könne, das Ei so offen
liegen zu lassen. Sie müßten es mit etwas zudecken. Und sie rupfte sich
ein paar feine Dunen unter dem Flügel aus und legte sie über das Ei.
Aber als sie ihn bat, dasselbe zu tun, da schüttelte er entschieden den
Kopf.
„Ich spare meine Federn,“ sagte er. „Du mußt noch vier Eier legen; und
wenn du keine Federn mehr hast, so fange ich an. Dann will ich mich
unseren Kindern zuliebe ganz kahl rupfen, wenn es sein muß.“
„Du himmlischer Vater, wie er dichtet!“ rief die Tante, die ein wenig
abseits stand und das ganze mitanhörte. „Ich kenne es von meinen
eigenen Männern. Sie sprechen kein wahres Wort; aber es erwärmt doch
ein altes Herz, so etwas mitanzuhören.“
Die junge Frau begleitete nun ihren Mann zum Strande hinunter, wo eine
beängstigende Lustigkeit herrschte.
Da waren alle Männer mit ihren Frauen und alle die alten Herren und
Damen, die kein Nest mehr hatten. Sie tauchten und schwatzten und
erzählten sich spaßige Geschichten. Die junge Frau hielt sich mehr für
sich oder sprach mit den anderen jungen Frauen, die alle ein bißchen
feierlich gestimmt waren. Und schon bald merkte sie, daß sie noch ein
Ei legen sollte.
„Lieber Mann,“ sagte sie. „Komm, laß uns nach Hause gehen. Nun ist da
wieder ein Ei.“
„Solch ein Unglück!“ sagte der Gemahl, der mitten in einer Quadrille
mit ein paar jungen Mädchen vom vorigen Sommer war, die noch nicht ans
Heiraten dachten.
Aber er folgte ihr doch zum Neste hinauf, und das Ei wurde gelegt. Sie
rupfte sich noch mehr Dunen aus, er sprach schöne und bewegte Worte zu
ihr; und dann mischten sie sich wieder unter das Leben draußen; denn er
konnte nun einmal nicht zu Hause beim Neste bleiben.
Kaum waren sie jedoch auf halbem Wege, als die junge Frau spürte, daß
es wieder schlecht ablief; und sie sagte es ihm.
„Dann mußt du lieber oben beim Neste bleiben,“ sagte er verdrießlich.
„Dieses Umherrennen hier ist nicht sehr angenehm für mich und schädlich
für die Gesundheit der Kinder.“
„Bleibst du denn bei mir?“ fragte sie.
„Ich werde nach dir sehen, sooft es mir möglich ist,“ sagte er.
„Wie? So hältst du deine Versprechungen mir gegenüber?“ rief sie und
weinte kläglich.
„Liebstes Frauchen!“ tröstete er. „Ich kann dir ja doch nicht im
geringsten behilflich sein beim Eierlegen. Meine Arbeit für unsere
geliebten Kinder und für dich fängt erst an, wenn alle Eier gelegt sind
und du ans Brüten kommst. Und dann natürlich später, wenn die lieben
kleinen Geschöpfe auskriechen und gefüttert werden und lernen sollen,
sich in der Welt zu benehmen. Für die Zeit sammle ich Kräfte, weißt
du. Und dann lege ich mich auf die Eier, während du fröhliche Ausflüge
machst und da unten mit den anderen spielst.“
„Hat man je so etwas gehört!“ rief die Tante. „Wie schön er zu sprechen
weiß. Da hast du wirklich einen entzückenden Mann erwischt.“
Die junge Frau kehrte allein zum Neste zurück und legte das dritte Ei.
Die Tante aber flog inzwischen mit dem Herrn Gemahl unten am Strande
umher.
„Ich werde schon auf ihn aufpassen, du kannst ganz ruhig sein,“ hatte
sie ihrer Nichte zugeflüstert.
Und dann kam das vierte Ei an die Reihe, und dann das fünfte.
Die Wöchnerin hatte sich alle Federn ausgerupft, die sie meinte
entbehren zu können; und sie lagen wie ein schöner mausgrauer Wall um
die Eier herum. Sie selbst aber lag über dem Ganzen und brütete und
brütete. Im Anfang ging sie von Zeit zu Zeit zum Klippenrande hin und
guckte zum Strande hinunter, wo der Mann sich mit den anderen Herren
und den Damen, die keine Eier zu versorgen hatten, tummelte. Aber sie
tat es seltener und seltener. Sie machte sich nichts mehr aus dem Essen
und magerte ab; aber sie brütete und brütete unermüdlich. Die Tante kam
täglich und hielt ein Plauderstündchen mit ihr.
Eines Tages kam auch ihr Mann und setzte sich ans Nest. Flott sah er
aus mit seinem grünen Nacken und seinen glänzenden Augen.
„Na, wie geht es?“ fragte er.
„Ich verachte dich. Geh deiner Wege und laß dich nicht mehr vor mir
sehen. Du hast mich mit den schönsten Versprechungen betört, und
nicht eine davon hast du gehalten. Ich selbst habe mir alle die Dunen
ausgerupft, die ich brauche. Tagaus, tagein liege ich hier allein,
während du dich mit dem losen Pack unten am Strande vergnügst. Und
keinen Bissen Essen hast du mir gebracht.“
[Illustration]
„Tja--a,“ sagte er und scharrte mit seinen feinen, gelben Füßen in der
Erde. „Ich würde dir gern hin und wieder eine kleine Muschel bringen,
wenn dir das Freude macht. Aber nimm es doch nicht so tragisch.
Glaubst du, ein Mann wägt seine Worte in der Verlobungszeit ab?“
„Pack’ dich!“ schrie sie. „Ich wünsche nicht, daß meine Kinder ihren
unnatürlichen Vater zu sehen bekommen.“
„Na, mir liegt wirklich auch nichts daran, die kahlen Kleinen zu sehen.
Und du bist wahrlich auch nicht mehr schön. So mager wie du bist und so
voller kahler Flecke. Du bist gar nicht mehr das schöne Mädchen, in das
ich mich verliebt hatte.“
Da wollte sie aus dem Neste auffahren und ihn Mores lehren, aber sie
blieb wie angenagelt liegen und starrte auf einen Menschen, der den
Kopf über den Rand des Felsens steckte. Ihr Gemahl flüchtete mit einem
lauten Schrei und die Tante desgleichen. Aber der Mann kümmerte sich
gar nicht um sie. Er kletterte ganz auf den Felsen hinauf und setzte
einen großen Korb, den er bei sich hatte, neben das Nest.
„So ein wunderschönes Nest,“ sagte er. „Da sind ja Dunen für ein ganzes
kleines Kissen.“
„Was willst du von mir?“ fragte die Eidergans.
„Ich will dir nichts Böses tun. Das wäre dumm von mir, wenn ich dir ein
Leid antäte; ich selbst habe ja das Häuschen für dich aufgestellt. Ich
will nur die Dunen aus deinem Neste haben.“
„Niemals!“ schrie die Eidergans und breitete die Flügel aus und klemmte
sich so fest über dem Neste ein, wie sie nur konnte. „Was soll ich denn
mit meinen Jungen anfangen?“
„Du kannst ja noch mehr Dunen aus deiner wundervollen Brust zupfen,
Freundchen,“ sagte der Mann freundlich. „Geh weg und laß mich ohne
Firlefanzen heran. Ich bin doch der stärkere, und das Nest gehört mir.“
Aber die junge Eidergans rührte sich nicht vom Fleck. Sie hackte mit
dem Schnabel nach seinen Händen und schrie:
„Geh an den Strand und nimm meinen Mann und rupf ihm alle Dunen aus! Er
verdient es wirklich nicht besser. Aber meine Dunen mußt du mir lassen.“
[Illustration]
„Schwatz’ du nur, mein Putchen!“ sagte der Mann. „Die besten Dunen sind
die, die eine Mutter sich aus der Brust rupft. Das wissen wir wohl.
Und haben deine Jungen darunter zu leiden, so kommt es anderen Jungen
zugute... kleinen Menschenkindern, deren Eltern die Mittel haben, ein
ganz weiches Kissen zu kaufen.“
„Warte wenigstens, bis meine Kinder ausgekrochen sind!“ schrie die
Eidergans verzweifelt.
„Ja gewiß!“ spottete der Mann. „Ich soll dich liegen und die Dunen
besudeln lassen? Weg mit dir, und zwar geschwind!“
Er puffte sie aus dem Nest, nahm alle Dunen, legte sie in seinen Korb
und ging weiter mit den Worten:
„Rupf’ dir nur mehr aus, wenn es für deine Jungen nötig ist. Was tut
eine Mutter nicht für ihre Kinder!“
Die Eidergans flog an den Rand des Felsens und sah hinunter.
Da unten tummelten sich lustig die Eidervögel. Sie konnte deutlich
ihren Mann und die Tante sehen, die sich ergötzten, wie wenn das Leben
nur zum Vergnügen da sei. Und alle anderen machten es ebenso; keiner
von ihnen hatte eine Ahnung davon, daß hier oben ein Mann umherging und
alle Nester der kostbaren Dunen beraubte.
„Komm herauf und rupf dich!“ schrie sie. „Jetzt ist die Zeit gekommen,
wo du deine Versprechungen einlösen kannst. Deine Eier liegen offen und
kalt da, während du dich da unten vergnügst, du Elender.“
Aber ihre Stimme verhallte in dem Lärm, den der Sturmwind und die
Brandung erzeugten. Niemand hörte ihren Schrei, und niemand sah ihre
Verzweiflung. Da fiel es ihr ein, daß die Eier wirklich kalt wurden,
während sie so dastand; und darum machte sie, daß sie zum Neste
zurückkam.
Ein Ei fing schon an, entzweizugehen... Nun guckte ein winziges
Schnäbelchen aus dem Loche in der Schale. Gleich war sie dabei, dem
Gänschen beim Ausschlüpfen zu helfen. Einen Augenblick stand sie da und
betrachtete es, so entzückend war es. Dann zupfte sie sich wie eine
Rasende die letzten Dunen von der Brust und dem Bauche und stopfte sie
darauf. Sie klagte nicht mehr, sondern dachte nur daran, ihren Kindern
wieder ein warmes Nest zu schaffen.
Ein paar Tage darauf waren alle fünf Jungen ausgeschlüpft.
Die junge Mutter sah mit Stolz, wie prächtig sie waren. Sie streckten
schon ihre Beine aus, die zwischen den Zehen wunderschöne Schwimmhäute
hatten, gähnten, lüfteten die kleinen Flügel und schnatterten sogar ein
klein wenig.
„Ihr sollt gleich an den Strand hinunter,“ sagte sie. „Ich bin
überzeugt, auf dem ganzen Felsen hier gibt es keine schöneren Kinder.
Aber trefft ihr euren gottvergessenen Vater, so seht nach der anderen
Seite!“
Dann fing sie an, den Felsen hinabzusteigen, und die fünf Jungen
folgten ihr so flink, daß es ein Vergnügen war, es anzusehen. Auf
halbem Wege traf sie die Tante.
„Ich wollte gerade hinauf, um nach dir zu sehen,“ sagte die alte Dame.
„Nein, was für fünf reizende Kinderchen du hast!“
„Ja -- nicht wahr?“ sagte die Mutter und vergaß über diesem Lob ganz
ihr Leid.
„Laß mich eins an mich nehmen, damit ich mit ihm herumspazieren kann,“
bat die Tante.
„Niemals!“ sagte die Mutter streng. „Ich weiß wohl, was du für ein
Herumtreiber bist, liebe Tante. Meine Kinder gehören mir und keinem
anderen, und sie bleiben bei mir.“
In diesem Augenblick fiel ein Schuß von oben her.
[Illustration]
Es war ein dummer Schuß, den ein dummer Junge aufs Geratewohl
abgefeuert hatte, weil er mit seines Vaters Flinte großtun wollte. Aber
die Flinte war geladen, die Schrotkörner schlugen rings umher ein, und
die Eidergansmutter fiel mit einem Schrei zu Boden.
„Meine Jungen! Meine Jungen!“ stöhnte sie.
„Denen geht es gut, allen fünfen,“ sagte die Tante. „Sei nur unbesorgt.
Aber was ist dir?“
„Ich sterbe,“ ächzte die Mutter. „Ich bin ganz voller Schrotkörner und
spüre deutlich, daß ich sterben muß. Ach, meine Kinder, meine Kinder!“
„Ihretwegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen,“ sagte die Tante.
„Ich werde ihnen eine zweite Mutter sein und so gut für sie sorgen, als
ob es meine eigenen Kinder wären.“
„Ach, Tante,“ rief die junge Mutter mit schwacher Stimme. „Du bist
so furchtbar leichtsinnig. Ich habe ja selbst da oben gesessen und
gesehen, wie du dich zwischen den Mannsleuten und den jungen Mädchen
unten umhergetummelt und mit ihnen gescherzt hast. Wie könnte eine
Mutter dir ihre Kinder anvertrauen?“
„Du irrst dich,“ sagte die Tante. „Wenn man Kinder hat, ist das anders.
Leg’ du dich nur ganz ruhig hin und stirb.“
Und das tat die Eidergans auch.
Sie fiel um und konnte gerade noch einmal einen Blick auf ihre Jungen
werfen. Aber die Tante wartete nicht einmal, bis sie ganz tot war. Sie
vergaß alles, nur nicht, daß sie plötzlich fünf prächtige Kinderchen
bekommen hatte, und machte sich auf der Stelle mit ihnen auf die
Wanderung an den Strand. Sie wußte den kürzesten Weg, denn sie war ihn
ja schon siebenmal mit ihren Jungen gegangen. Sie erleichterte den
Kleinen den Weg und streichelte sie mit dem Schnabel und lobte und
schalt sie, je nachdem sie es verdienten.
Als die Mutter ihre Augen schloß, waren ihre Kinder schon unten am
Strande.
[Illustration]
Rasch schwammen sie hinaus und begannen sofort zu tauchen, so daß es
eine Lust war, es anzusehen. Die Tante bewachte sie und war vor Stolz
ganz aus dem Häuschen. Ein alter Kavalier kam zu ihr hin und wollte
sie zu einer Tour aufs Meer auffordern; aber sie versetzte ihm einen
ordentlichen Hieb mit dem Schnabel.
„Sieht er nicht, daß ich Kinder habe, alter Flegel!“ rief sie. „Fort
mit ihm, oder ich will ihn lehren.“
Und sie blieb bei den Kindern, bis sie sich selbst helfen konnten.
Winter auf Winter reiste sie mit ihnen nach dem Süden und hörte mit an,
wie die Männer um sie freiten und ihnen alles mögliche vorschwatzten,
genau so, wie ihr Vater es bei ihrer Mutter getan hatte. Und dann wies
sie ihnen gute Brutgelegenheit, machte Hochzeitsvisite und genoß auf
dem ganzen Felsen Ehre und Ansehen, bis eines Tages ein Seeadler sie
ergriff und auf der Stelle verschlang.
[Illustration]
Grabwespe und Goldwespe.
Der alte Pfahl stand unten im Garten.
Es gab freilich viele, die oft im Garten gewesen waren und den Pfahl
nie gesehen hatten. Denn erstens war der Garten sehr groß. Es war so
ein richtiger Garten mit einem ganzen Wald von Stachelbeersträuchern,
mit grünen Rasenflächen und knorrigen Apfelbäumen, Kartoffeln und Kohl
in langen Reihen, Rhabarber mit dicken, roten Stengeln, Spargelkraut
mit wehenden grünen Spitzen, mit einem Gewirr von Blumen und einem
ungeheuer langen Haselnußgang. Der Haselnußgang war so lang, daß, wenn
ein großer Junge an dem einen Ende gegangen kam, er von dem andern
Ende aus ganz klein aussah. Und zweitens stand der alte Pfahl so gut
versteckt, daß Genie dazu gehörte, ihn zu finden.
[Illustration]
Er stand nämlich in der allerhintersten Ecke des Gartens auf einer
kleinen Anhöhe, dicht am Zaune des Nachbars.
Eigentlich war es allerdings gar keine Anhöhe ... Die Anhöhe lag drüben
an der andern Ecke, nach dem Weg hin, und auf ihr standen ein Tisch und
eine Bank und außerdem auch eine hohe weiße Flaggenstange. Aber der
alte Pfahl stand auf einem Haufen von welken Blättern und Schutt und
Steinen und andern Abfällen, die der Gärtner auf seiner Schiebkarre
hierher gefahren hatte.
Da lagen zerbrochene Blumentöpfe und geknickte Blumenstöcke, verwelkte
Pflanzen, die einmal vornehm gewesen, aber jetzt so vertrocknet und
eingeschrumpft waren, daß man sie gar nicht mehr wiedererkennen konnte.
Da lag ein alter Rechen, der nur noch einen Zahn hatte, und der war
entzwei; und da lagen ein Spatenstiel ohne Spaten und ein Scharreisen
ohne Schaft.
Und ringsum zwischen alledem wuchsen lange, dünne Grashalme, die
sofort umknicken mußten, wenn der Wind über sie hinstrich. Aber das
tat er nicht, denn die Büsche waren auf allen Seiten dicht miteinander
verschlungen, so daß der Wind keinen Zutritt fand. Die Bäume aus dem
Nachbargarten streckten ihre Zweige weit über den Zaun hin, so daß es
in dem kleinen Winkel immer dunkel war. Bloß gerade in der Mitte der
Anhöhe war ein Fleck, auf den die Sonne schien.
[Illustration]
Auf diesem Fleck stand der Pfahl.
Er war jetzt so häuslich, wie so ein alter Pfahl nur sein kann. Aber im
übrigen trat er niemandem zu nahe. Er sonnte seinen alten, runzligen
Körper und neigte sich müde nach der einen Seite. Es war ganz deutlich,
daß er fromm und gottergeben auf den Tag wartete, wo er umfallen und
verfaulen würde.
Aber die Sträucher und das Gras ringsum konnten ihn nicht leiden, weil
er mitten in der Sonne stand, während sie selbst im Schatten wuchsen.
„Das Leben hat doch gar keinen Sinn,“ sagte das Gras, das lang und
dünn und blaß in die Höhe schoß. „Hier stehe ich und wachse und wachse
und bedarf der Sonne und bekomme keine, während der abgestorbene,
vertrocknete Bursche es sich im lieblichsten Sonnenschein wohl sein
läßt!“
„Das alte Gespenst!“ rief der Fliederstrauch, dessen unterste Zweige
sämtlich verdorrt waren, weil die Sonne fehlte. „Wenn er nicht so viel
Takt gehabt hat, sich hinzulegen und zu sterben, dann sollte er seinen
Leichnam wenigstens nicht in der Sonne zur Schau stellen. Wozu ist er
zu gebrauchen? Was tut er? Treibt er Blätter und Blüten?“
Der Goldregen nickte mit allen seinen gelben Blüten, denn er war ganz
derselben Ansicht wie der Fliederstrauch. Und die Nachtigall, die im
Rotdorn wohnte, setzte sich nie auf den alten Pfahl. Sie hüpfte in den
Sträuchern umher und flüsterte ihnen allerlei Schönes ins Ohr. Sie
erzählte dem Goldregen, wie fein und anmutig seine Blüten herabhingen.
Sie sang von dem Duft des Flieders und des Jasmins und sagte zum
Rotdorn, nirgends in der Welt lasse es sich so warm und herrlich wohnen
wie in seinen Zweigen. Für den alten Pfahl aber hatte die Nachtigall
nie ein freundliches Wort übrig, hielt ihn vielmehr immer zum besten.
„Na, du alter, steifer Kerl!“ schrie sie. „Willst du nicht ein bißchen
mit deinen Blättern fächeln -- was? Oder sind deine Knospen vielleicht
noch nicht aufgesprungen? Oder feierst du schon Herbst?“
Da lachten die Sträucher, daß alle ihre Blätter sich bewegten. Denn sie
fanden die Nachtigall ungemein witzig. Und sie war auch der einzige
Vogel, der hier im Winkel sein Nest baute.
Aber der alte Pfahl machte sich nicht viel aus all dem Spektakel.
Er hörte jetzt auch nicht mehr besonders gut, so daß ihm vielleicht
manches entging. Außerdem war er ja in dem Alter, wo man sich um das
Gerede der Leute nicht bekümmert, wenn man nur seine behagliche Ruhe
hat. Wenn sie alle durcheinander schrien, so daß man in dem Winkel kein
Wort verstehen konnte, dann machte er ja allerdings eine bescheidene
kleine Bemerkung zu seiner Entschuldigung. Aber gewöhnlich hörte das
niemand außer dem Moos, das auf dem alten Pfahl wuchs.
„Herr Gott!“ murmelte er dann. „Laßt mich doch in Frieden hier stehen,
bis ich falle. Ich tue ja keiner Katze was zuleide.“
Und kurz darauf sagte er, aber noch leiser:
„Unsereins ist ja auch einmal jung gewesen. Ein richtiger, schöner Baum
war ich, jawohl! Damals hab’ ich Blätter und Blüten gehabt, und zwei
Buchfinkenfamilien haben in meinem Wipfel gewohnt. Aber dann sollte ein
Weg dahin, wo ich stand. Ich wurde gefällt, zugehauen und angestrichen
-- rot und weiß -- und um die Beine herum geteert. Acht lange Jahre
stand ich so im Zaune da. Das strengt an, jawohl!“
[Illustration]
Eines Morgens im Sommer hing der alte Pfahl seinen Gedanken nach.
Es hatte zwei Tage lang geregnet, und am Fuße des Pfahls hatte sich
eine kleine Pfütze gebildet. Große, schwere Tropfen fielen von den
Sträuchern auf die welken Blätter hinab. Jeder von den langen, dünnen
Grashalmen schleppte einen Tropfen und zerbrach fast vor Anstrengung.
Aber nun war in der Frühe die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen
und schien mild und warm gerade auf den Pfahl.
„Gott sei Dank!“ sagte der alte Pfahl. „Das war zu viel Feuchtigkeit
für so einen alten Herrn wie ich, der die Gicht und das Podagra hat.“
Im selben Augenblick spürte er etwas, das auf seinem Kopfe
herumkrabbelte, und gewahrte einen behenden kleinen Gesellen, der auf
ihm saß und in ein Loch hineinguckte, das der alte Pfahl noch aus der
Zeit hatte, als er im Zaune stand.
[Illustration]
Der Kleine hatte vier durchsichtige Flügel und sechs dünne Beine. Auf
dem Kopfe hatte er zwei Fühler, mit denen schnupperte er an dem Loch,
während er es umsprang und an allen Ecken und Kanten untersuchte.
„Mit Verlaub,“ sagte der Pfahl, „wonach gucken Sie?“
Der kleine Bursche antwortete nicht, sondern schnupperte weiter an dem
Loch.
„Wer sind Sie?“ fragte der Pfahl wieder.
„Ich bin die Grabwespe,“ entgegnete der Kleine.
„Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ sagte der Pfahl.
„Vielleicht darf ich mich auch vorstellen: Ich bin der alte Pfahl!“
„Das bist du,“ erwiderte die Grabwespe. „Und zwar ein wunderschöner
alter Pfahl!“
„Tausend Dank!“ rief der Pfahl vergnügt. „Ich bekomme wirklich recht
selten etwas so Angenehmes zu hören. Alle meine Nachbarn schelten mich
aus von früh bis spät.“
Hierzu hatte die Grabwespe nichts zu bemerken, sie kroch vielmehr ganz
in das Loch hinein.
„Was suchen Sie eigentlich?“ fragte der Pfahl.
„Ich beabsichtige, mein Ei in dir zu legen,“ antwortete die Grabwespe.
Der alte Pfahl strahlte vor Vergnügen.
„Aha!“ sagte er. „Und dann kommen Sie mit Ihrem Gemahl, und während Sie
brüten, singt er..“
„Dummes Zeug!“ schrie die Grabwespe.
„Entschuldigen Sie!“ sagte der Pfahl. „Ich dachte, es wäre so wie bei
der Nachtigall.“
„Ist hier eine Nachtigall?“ rief die Grabwespe erschrocken und
versteckte sich tief im Loche.
„Ja... im Rotdorn drüben,“ entgegnete der Pfahl. „Aber sie geruht nie,
auf mir zu sitzen, darum brauchen Sie keine Angst zu haben. -- Gefällt
die Wohnung sonst der gnädigen Frau?“
„Ja, ich danke. Ich nehme sie. In fünf Minuten bin ich wieder hier.“
Damit flog sie fort, und der alte Pfahl war so vergnügt wie lange nicht.
„Wenn es auch keine Nachtigall ist, so ist es doch etwas ähnliches,“
sagte er zu sich selbst. „Ei ist Ei, und ich weiß nur so viel, daß ich
jetzt ebensoviel wert bin wie der Rotdorn.“
Gleich darauf kehrte die Grabwespe mit einer Marienkäferlarve zurück,
die sie mit vieler Mühe auf den Pfahl hinaufschleppte und in das Loch
hineinsteckte. Der alte Pfahl sah ihr verwundert zu.
„Mich geht es ja zwar nichts an,“ sagte er. „Aber ich finde, Sie
möblieren die Wohnung auf eine sonderbare Art.“
„Das ist für mein Junges,“ erklärte die Grabwespe. „Ich muß dafür
sorgen, daß es etwas zu fressen hat, wenn es aus dem Ei schlüpft. Wenn
ich eine Marienkäferlarve gefangen habe, so steche ich sie mit meinem
Stachel, so daß sie ohnmächtig wird, und trage sie in das Loch hinein.“
„Wäre es nicht schöner, Sie stächen sie ganz tot?“ fragte der Pfahl.
„Wohl möglich. Aber dann würde sie verfaulen, siehst du. Und meine
Kinder sollen frisches, gutes Fleisch bekommen.“
„Ich halte mich nicht darüber auf, daß Sie für die Familie sorgen,“
sagte der Pfahl, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte. „Ich weiß
ja auch, daß alle Tiere die reinen Straßenräuber und Banditen sind.
Fressen sie nicht einander, dann fressen sie uns unschuldige Bäume und
Pflanzen. Aber wenn Sie einem alten, einfachen Pfahl gestatten wollen,
Sie noch mit einer Frage zu belästigen: Warum warten Sie nicht mit der
Fütterung Ihrer Kinder, bis sie aus dem Ei kommen?“
„Dann bin ich tot und verschwunden,“ erwiderte die Grabwespe.
„Wie meinen Sie?“ fragte der Pfahl, der glaubte, falsch verstanden zu
haben.
„Ich bekomme mein Kind nie zu sehen,“ sagte die Grabwespe. „Wenn ich
das Haus mit Marienkäferlarven gefüllt habe, lege ich das Ei, und dann
muß ich sterben. Das ist nun mal mein Schicksal.“
„Herrje!“ rief der Pfahl.
Die Grabwespe flog davon, und die Nachtigall, die auf dem Rande ihres
Nestes saß, wollte sie wegschnappen. Aber da wurde sie von einem ihrer
Kinder am Bein gezwickt.
„Ach, laß sie fliegen, Mütterchen, dann bist du lieb,“ bat das Junge.
„Ich habe das ganze hier mitangehört. Denke dir, das arme Wesen bekommt
sein Junges nie zu sehen. Laß sie fliegen, dann dürfen die andern meine
nächste Fliege kriegen.“
„Du bist ein gutmütiger kleiner Dummkopf,“ sagte die Nachtigall, „und
in zehn Minuten bereust du es. Aber eine sonderbare Geschichte ist es
doch.“
Dasselbe meinten die Sträucher rings um den kleinen Hügel herum.
Sie beugten sich über den Pfahl und guckten in das Loch hinein, wo
die ohnmächtige Marienkäferlarve auf dem Rücken lag. Die Grashalme
richteten sich auf und wünschten, noch länger zu sein, damit sie
auch etwas zu sehen bekämen. Am allermeisten erstaunt waren sie alle
darüber, daß so etwas Merkwürdiges gerade dem alten, morschen Pfahl
passieren sollte.
Aber der stand mitten auf dem Hügel und hielt sich aufrecht, so gut er
konnte, und war unsäglich stolz.
„Wäre ich eine vernünftige Nachtigall, so zupfte ich die
Marienkäferlarve heraus und fräße sie,“ sagte die Nachtigall. „Aber es
mag hingehn. Vorläufig ist ja genug Futter im Garten, und sie läuft mir
nicht weg. Wollen sehen, was draus wird.“
Der Fliederstrauch nickte, und der Goldregen nickte, und der Rotdorn
und der Jasmin auch. Denn sie waren alle derselben Ansicht wie die
Nachtigall.
Und nun schleppte die Grabwespe noch eine ohnmächtige Marienkäferlarve
herbei und steckte sie in das Loch hinein. Und so fuhr sie fort, den
ganzen Nachmittag über, bis das Loch voll war.
„Jetzt flieg’ ich ein bißchen im Sonnenschein umher,“ sagte sie dann zu
dem alten Pfahl. „Gleich bin ich wieder da und lege mein Ei, und dann
leg’ ich mich selber hin und sterbe.“
Weg war sie, und die Sträucher flüsterten von ihr.
Doch da kam ein über die Maßen elegantes Bürschchen herbeigeflogen
und setzte sich auf den alten Pfahl neben das Loch hin. Er hatte vier
durchsichtige Flügel, sechs Beine und zwei Fühler, genau so wie die
Grabwespe, aber sein ganzer Körper glänzte wie Gold und Silber. Der
Pfahl betrachtete ihn vergnügt; er dachte, daß das nun schon der zweite
vornehme Besuch an einem und demselben Tage sei, und meinte, nun seien
bessere Zeiten angebrochen.
„Sie sind wohl im Sonntagsanzug?“ fragte er freundlich. „Womit kann ich
Ihnen dienen?“
„Ich sehe mich nach einer Wohnung um,“ erwiderte der Fremde. „Du hast
da ein nettes kleines Loch.“
„Allerdings,“ sagte der Pfahl bescheiden. „Es hat lange leer
gestanden, und wenn Sie heut morgen gekommen wären, hätten Sie’s mit
Vergnügen bekommen können. Aber jetzt hab’ ich es gerade vermietet,
darum kann ich Ihnen leider nicht damit dienen.“
[Illustration]