Der Bruder

Peter Scheibel blieb nach dem Tode seiner Eltern zurück als ganz verarmter

Siebzehnjähriger und mit einer kleinen Schwester, die niemand hatte, als

nur ihn. Er sagte sich, daß er auf der Schule und später auf der Hochschule

wohl sich selbst noch würde durchbringen können, unmöglich aber ein

heranwachsendes Mädchen; und ohne Säumen ging er auf die Suche nach einer

bezahlten Arbeit. Er fand sie bei Fülle und Sohn, Häute, zuerst als

Ausgeher, aber bald ließen sie ihn Briefe schreiben. Nach acht Jahren war

er Buchhalter und hatte ein Zimmerchen für sich allein, auf einen Hof

hinaus, der nicht hell war, außer im Hochsommer mußte man immer das Gas

brennen. Luft und Licht fand er zu Hause; ihm dünkte es oft, kein Mensch

könne zu Hause, die kurzen Stunden, in denen dies erlaubt ist, so viel

Sonne und frohes Herz finden. Sie wohnten hoch über einem weiten Platz, mit

elektrischen Bahnen, Obstkarren, Soldaten. Ihr kleiner Balkon trug Blumen

und Änne drinnen sang. Andere hörten sie nicht von draußen, ihre Stimme war

nicht stark; der Bruder aber blieb auf der Treppe stehen und hörte sie.

Sie war erwachsen in den acht Jahren unter seiner Pflege, seinen steten

Gedanken, als Lohn für alle seine Mühen; aber noch blieb sie zart und

unsicher, nicht nur von Gesundheit, auch in ihren Formen, Farben und in

ihrer Art, das Leben zu nehmen oder es vorauszuahnen. Bei ihren wenigen

Bekannten galt sie für langweilig oder hochmütig, manchmal argwöhnten sie

Bosheit. Nur ihr Bruder kannte sie wirklich, er war stolz darauf, wie auf

eine treu erworbene Vertrauensstellung. Ihr ward es nur leicht bei ihm. Nur

bei ihr war er glücklich. Am Abend mitunter und dann, wenn sie ihm

Gutenacht wünschte, sah er auf zu ihr, staunte eine Weile und nannte sie

Beatrix. So hatte eine Prinzessin geheißen, in einem Buche mit bunten

Bildern, das sie zusammen lasen, als er zwölf und sie fünf Jahre alt war.

Damals schnitt er Ihr aus Papier den goldenen Gürtel, wie er von den Hüften

der Prinzessin fiel. Wenn sie über ihrem langen Hemdchen den Gürtel hatte,

hieß sie Beatrix. Ob sie ihn überzeugte? Ob er es entdeckte? Ihr

eigentlicher Name und ihr Wesen, das nur er sah, waren Beatrix. Ihm blieb

nichts übrig, als ihr die Rechte zu erobern, die ihr natürlich waren.

Aber noch wollte sie nichts; sie lächelte schwach und wegwerfend zu seinen

Versprechungen von Kleidern und Schmuck, für künftig, wenn sie reich sein

würden, wenn seine Ersparnisse den Nutzen getragen haben würden, auf den er

sann. Es kam unbemerkt, sie war damals zwanzig -- und als er es dann doch

sah, wie gern sie jetzt ihren bescheidenen Tand trug, begriff er noch immer

nicht, daß etwas vorging. Ihre Kopfhaltung machte ihn aufmerksam, das

freiere Auftreten, die erwachte Anmut und dann dies Lächeln, das stolz

einlud: »Sieh doch!« Was er aber sah, ward dem Bruder nicht früher klar,

als bis er Fremde es nennen hörte. Sie sagten: »Die Änne Scheibel ist aber

schön geworden.« Er hörte es und ward von einer solchen Freude erfaßt, daß

er in der winterlichen Straße plötzlich eine laue Luft spürte und Rosen

roch. Beim Betreten des Hauses fand er endlich Worte. »Jetzt haben sie es

heraus!« sagte er. Jetzt sahen alle ihre wahre Natur, und nicht mehr nur

für ihn war sie eine Prinzessin. Freilich verlor er dadurch einen Vorzug

und einen großen geheimen Stolz. Ihr aber tat die Bestätigung so wohl!

Unter den Blicken, die sie bewunderten, entfaltete sich ihre Schönheit, ihm

schien, ins Ungemessene. Ihn blendete sie nur noch. Hiervon hatte er trotz

allem keinen Begriff gehabt: ein Gesicht, so klar, als sei er Fleisch

gewordener Edelstein! Und aufgeblüht das Gold der Haare, in den

herangereiften Gliedern irgendein ungeahnter Saft -- die Hand aber, man

konnte sie unmöglich noch nehmen ohne Demut, sie konnte sie unmöglich

anders geben als mit Herablassung. Sie spürte es selbst, denn sie lachte

manchmal auf dabei, übermütig und wie zum Spott auf ihn und sich, weil

alles sich nun auf diese theatralische Art gewendet hatte. Er zahlte ihre

Kleider, die teuerer wurden, aber nicht sie hatte jetzt zu danken, sondern

er. Dazwischen zeigte sie ihm unversehens ein ernstes, vertrauliches Auge,

das sagte: »Du verstehst natürlich, es ist meine Rolle. Im Grund bist du

alles. Was wäre ich! Glücklich bin ich, weil du nun belohnt bist.«

Aber sie hatte durchaus den Willen zu ihrer neuen Rolle. Sie ging aus, trat

auf, und trug Siege heim. Sie besuchte eine Schauspielschule, kannte

Kavaliere, schlug Heiraten aus, die ihr nicht angemessen waren. Er mußte

häufig warten auf sie am Abend, und kam sie heim, brachte sie Unbekanntes

mit. Erlebnisse, Möglichkeiten und Fragen an das Schicksal, in die er nicht

immer wagte hineinzuhorchen. Sie aß reichlich, wie ihre Schönheit es

erforderte; es geschah aber, daß sie den Teller fortschob, die Arme weiß

auf den Tisch stellte, und, zwischen ihnen kurz den Kopf rückend, über das

zu geringe Zimmer hinsah, die dürre Hängelampe, und auch über ihn --

gereizt hinsah, auch über ihn, und doch, als, sei sie abwesend. Da erschrak

er so tief wie noch nie. Sein alter Rock brannte ihm plötzlich auf dem

Rücken, und leise, aber angestrengt schob er sich mitsamt seinem Stuhl vom

Tisch fort, damit sie ihn nicht mehr rieche. Denn ein wenig, trotz aller

Vorsicht, roch er wohl nach Häuten. Daß er es nicht bedacht hatte,

kürzlich, als ihre Freunde sie besuchten! In einer entsetzten Scham ward es

ihm fühlbar, daß er zu viel da sei, und daß er Ansprüche mache,

unberechtigte Ansprüche, indem er da sei. So begann er ins Café zu gehen,

saß einsam und grübelte, weil in diesem Augenblick die Damen und Herren,

die mit ihr einen heiteren Abend verbrachten, sie in dem mißverständlichen

Rahmen des zu geringen Zimmers sahen. Konnte dadurch nicht ihre Ehrfurcht

leiden! Ach! es war klar, daß dies nicht mehr weiter führte, und daß er

selbst, nur er die Schuld daran trug. Er hatte eine Prinzessin bei sich

aufgezogen und zeigte sich nun unfähig, die Mittel zu beschaffen für ihre

Hofhaltung. Seine Ersparnisse, die bisher ihre Toiletten bezahlt hatten,

waren schon dahin; was nun? Sie wartete, und die Jahre vergingen, die ihre

Jugend waren. Er stahl sie ihr, er war ihr Feind! Einst bekam er im

Geschäft eine unerhört große Summe in die Hand und behielt sie eine Nacht

lang, obwohl sie schon abends wäre abzuliefern gewesen. Es war die Nacht,

in der er mehrmals starb und mehrmals lebte wie noch nie. Als es Morgen

ward, war er dem Abgrund entronnen, und was er fühlte, war Erbitterung

gegen sie, die Gläubigerin, die ihn so schwer bedrängte. Er wolle sie einem

braven Manne geben, beschloß er hart -- aber wie flehentlich bat sein Herz

es ihr ab, als sie am Abend vor der Tür seines Geschäftes stand und ihn

abholte. Schön und vornehm wie keine, ging sie dennoch an seiner Seite

durch die glänzendsten Straßen. Hinter der erleuchteten Glastür eines

Friseurladens sah man eingeseifte Herren sitzen, streng, würdig, aber doch

abgerüstet. Im Vorbeigehen beugte die Schwester sich vor das Gesicht des

Bruders. »Da sitzen sie,« sagte sie und hatte um ihren karminroten Mund

zwei Züge von Haß und Hohn. Noch beim Abendessen dachte sie wohl daran,

denn unvermittelt lachte sie auf, und wie er hinsah, war es wieder dies

Gesicht. Da sie merkte, er sah hin, verwandelte es sich, und ihre Augen

tauchten in seine, mit einer solchen Kraft von Mitleid, Dankbarkeit und

Wissen, daß er fühlte: »Geschehe was immer.« -- »Wir wollen doch noch

unsere Partie spielen,« sagte sie, da ward ihm schon wieder bang, denn es

klang wie ein letztes Mal. Dann gab sie die Karten mit ihren Händen, von

denen Duft wehte. »Du schwindelst wohl?« sagte sie heiter, da er gewann;

und langsam, mit verlorener Miene in die Lampe starrend: »Ach nein. Am

schwersten wird man die Anständigkeit los.«

Künftig zeigte er sich noch seltener, er durfte nicht länger sich

dazwischendrängen in den Lebenskampf, dem er sie nicht hatte entheben

können. Was sie fortan erlebte, gehörte nur ihr -- und wohl noch einem,

aber nicht ihm. Sein waren die Angst, die Sehnsucht und der Zorn, dies

gehetzte Herz, das anbetete und verwünschte in einem. Er wußte gleichwohl

immer, was vorging; ihm schrien es Dinge zu, die kaum waren, ein Hauch in

der Luft, ein Schatten in zwei Augen. Er kannte den Mann -- hatte ihn nie

mit ihr gesehen, war ihm unbekannt, und stand doch unter einem Haustor, um

ihm entgegenzublicken, der Gestalt des Schicksals, um ihm nachzublicken,

dem Gang des Schicksals, unerbittlich wie es ging, und ganz fremd. Einmal

aber verließ er das Geschäft zu einer ungewohnten Zeit, ein hohes Fieber

nötigte ihn; und zu Haus nahm er wahr, sie waren da. Er stand, atmete

nicht, und hörte. Ein entzückter Klang drang hervor, und ja, dieser Klang:

Beatrix. Da ging er fort, fiebernd, aber seine schnellen Pulse klopften wie

ein Glück -- ein Glück, sei es wie immer. Sie hatte von dem, den sie

liebte, genannt werden wollen, wie von ihm! Wenn sie sich von Liebe

verklärt fühlte, ging sie in das Märchenwesen ein, das sein, sein war. Er

fühlte: Meine Schwester!

Tage zogen vorbei, da sie ihn wohl ganz vergessen hatte, und Tage, an denen

sie ihn nicht fortlassen wollte; aber er wußte, wann es aus Güte und

ruhigem Sinn kam, und wann er sie retten sollte. Er rettete sie nie; sie

mußte allein an sich tragen, er konnte ihr nur stumm und treu wie ein Hund

bedeuten, daß er Bescheid wisse um ihre gekrampften Mienen, die Trennung

hießen, bevorstehender Zusammenbruch, Angst des Endes, um ihr Umherirren

und Seufzen, worin schon neue Hoffnungen sich meldeten, ein anderer Mann,

und wieder Leichtsinn und wieder Schmerz. Ihm schien die Zeit stillzustehen

in allem Hin und Her, das nur ablief und zu nichts führte, und dem er

beiwohnte in immer gleicher Demut und Ergriffenheit. Dennoch erschien ein

Abend -- sie hatte ihn nicht fortgehen lassen, und war selbst nicht

vorbereitet zum Ausgehen, setzte sich hin bei ihm, fand keine Ruhe, hatte

schon ihr Zimmer aufgesucht und kam noch zurück. Er sah auf, erstaunt wie

von jeher, wenn die Gunst des Augenblicks ihm ihren Anblick schenkte. In

ihrem Gesicht aber entstand nichts von der kleinen Freude, die sein Staunen

sonst ihr schenkte. Seltsam, sie hatte ein Gesicht, als sähe sie, nun sie

zu ihm sprach, nicht sich, sondern wie vor Zeiten, wirklich ihn. Sie sagte:

»Hast du denn eigentlich nie daran gedacht, zu heiraten?« Er bedachte, was

ihr denn einfiele. Um Zeit zu gewinnen, sah er an sich nieder, und er

murmelte: »Jetzt doch wohl nicht mehr.« Dies war es aber nicht: in ihm

stammelte es anders. »Wer, wie ich . . .« Und: »Beatrix!« Ihr Blick zog

sich schon zurück, sie sah nicht weg, und sah schon nicht mehr ihn.

»Hättest du geheiratet,« sagte sie, »vielleicht würde ich dann ein Asyl

gehabt haben, wenn es mit mir aus ist.« Er schrak auf, fassungslos: »Mit

dir!« Da schwieg sie zuerst gramvoll -- und sagte dann, mit einer Stimme

wie eine Kranke: »Sieh mich doch an! Sieh mich doch nur wirklich an!« Und

weil sie es wollte, sah er sie, sah mit einem Schlag alles. Sie hatte die

Lippen heute nicht gefärbt, die Haut des Gesichtes gelassen, wie sie war,

dem Blick nicht nachgeholfen, das Kleid umgehängt wie um irgendeine

Nebenperson, und stand auf einmal da, als sei sie entblößt von einem

goldenen Nebel und in den Alltag versetzt. Die Augen erkaltet von

Enttäuschungen und geschwächt von Verlusten, der Zug des Hohnes

eingewurzelt um den Mund, umgewühlt die Stirn wie ein Feld mit Leichen und

müde dies menschliche Wesen nach getragenen Lasten, entstellt das Antlitz

und der Leib durch Kampf, den täglichen Kampf um das Brot der Seele und um

ihr Dasein, den nie entschiedenen Kampf: so stand sie vor dem Bruder, der

die Hände erhob, langsam aufhob und sie faltete. Da sie sah, er habe

begriffen, sagte sie: »Diese acht Jahre waren eine lange, lange Zeit.« Und

während ihre Stimme, kranke Kinderstimme, noch nachklang, strich sie

tastend über ihre Hüften, als seien sie wund oder als suchte sie nach ihrer

verlorenen Form. Da riß er sie an sich, und hinsinkend weinten sie.

Das Gesicht noch trocknend, eilte sie schon fort. Unter der Tür,

zurückgewendet, sagte sie: »Morgen gehe ich auf eine Reise. Du kannst

unbesorgt sein . . .« und sagte es inständig, als setzte sie hinzu: »Glaub'

mir oder doch lass' mich es glauben!« Morgen kam, und sie war fort, und er

in seinem Hofzimmer beim Gaslicht erdrückte mit beiden Händen in seinem

Herzen, was er wußte, sein ungeheures Wissen. Zwei Tage, da rief man ihn in

die Frauenklinik: tot sei sie, tot sei seine Schwester. Er ging und beugte

noch einmal seinen grauen Kopf vor ihrer unvergänglichen Schönheit.

Der Sarg schwankte hinaus, da war ein Mensch da und hielt dem Bruder die

Hand hin. Es war ihr erster Geliebter, jener, der an Gestalt und Gang dem

Schicksal geglichen hatte. Armes Schicksal, verstört und bleich. Trotz der

trüben Frühe standen draußen Leute, um den Sarg zu sehen. Der Bruder hörte

sagen: »Sie war nur eine . . .« Er sah sich nicht um nach dem Wort, er

dachte: »Wißt ihr denn gar nichts?« und er fühlte Verachtung und Mitleid.

Die Tote und andere Novellen · 第 8 / 12 题