III.

Nichts geschah mehr, nichts kam hinzu, aber Leo Cromer, der die Tage

verbrachte wie immer, trug an irgendeinem schweren Gefühl, wie von einer

Krankheit, die ausbrechen sollte, oder als wäre er in Dinge verwickelt

gewesen, die den Gesetzen widersprächen. Etwas Außerordentliches ängstigte

und lockte. Zehnmal täglich und auch des Nachts zwischen dem Schlaf

erinnerte er sich ihres Briefes, des gefälschten Briefes -- und war

glücklich, ihn dazuwissen. Er wartete nur darauf, daß ihr Bild noch einmal

in sein Zimmer zurückkehre. Es war verschwunden, in derselben Nacht, als er

davorsaß: kaum, daß ihm die Augen zufielen. Er wartete darauf, wie auf das

Zeichen, daß sie ihn ganz in Besitz nehme und ihm verbiete, noch

fortzugehen, noch Schmerzen oder Genugtuungen zu suchen, die nicht von ihr

kämen . . . Und eines Morgens beim Erwachen sah sie ihn an. Sie schien

erwacht mit ihm.

Da verließ er nicht mehr das Haus und den Garten. Die ersten Wochen ihres

Zusammenlebens waren einst hier vergangen; -- und die alten Stunden teilten

ihm jetzt nachträglich mehr mit, als sie damals konnten. Unter den Augen

der Toten hatten sie sich angefüllt mit Reiz, Süßigkeit und Kraft. Ja, in

ihr Gesicht auch, in die vielsagende Hand am Vorhang schien eine neue

Unruhe zu kommen: als wollte sie reden, als drängte sie zu ihm. In solchen

Minuten wendete er sich ab, um das Geschehen des Rätselhaften nicht zu

stören; -- und kam er zurück, lag unter ihren Briefen ein neuer, einige

Zeilen auf einem Blatt, das früher halb unbeschrieben war, oder ein Zettel,

der herausfiel aus einem unscheinbaren Versteck. Das Erste, was er fand,

fügte sich ein in ihre alten Äußerungen; noch vor kurzem würde Cromer

geglaubt haben, es sei ihm solange einfach entgangen. Er glaubte es nicht

mehr; jedesmal deutlicher sagte sie ihm Dinge, die sie früher verschwiegen

hatte. Ihre wahre Natur, immer verkannt von ihm, eröffnete sie ihm nun, den

Überdruß am Weltlichen, am Ruhm, an den kaltherzigen Erregungen, und ihre

Sehnsucht nach Zärtlichkeit, die sich bekennt, nach Hingabe ohne

Zurücknahme. Er las Sätze ihres Tonfalls und Wesens, unverkennbar, und doch

vom Klang des Unwirklichen, längst Entrückten. Sie erwähnte die letzten

Wirren ihres Lebens, aber von fern und nachträglich. Jener Mensch, der

damals die Hand nach ihr ausgestreckt hatte, sie wußte jetzt, wozu sie ihm

gefolgt war. »Es sollte zu Dir führen, Lieber. Er war nicht als ein

Gleichnis der Macht, die mich und Dich überschattete, und die wir nicht

anerkennen wollten. Ich bin überzeugt worden, Du weißt es, wie grausam; und

Du? . . .« An dieser Stelle las er nicht weiter, trat vor sie hin und

antwortete ihr. Das Winken ihrer Augen vor dem geschlossenen Vorhang ward

dringlicher, sie sagte: »Gib dich hin! Glaube! Sei gewärtig, daß ich komme

und endlich dein sei!« »Komm!« rief er.

Mit der Ermüdung ergriff ihn wohl die Besinnung. »Was tue ich! Ich weiß,

daß ich betrogen werde, -- und ich selbst helfe dazu! Ach, mein Bedürfnis

zu lieben, ist schon größer als das, die Wahrheit zu sagen. Diese Briefe

sind untergeschoben von einem Schwindler, es steht zu vermuten, von

welchem. Hier spricht er von sich, er droht. »Wenn er Dir begegnen würde,

Du könntest noch tausendmal besser als ich verstehen, daß er Dich betrügt,

und würdest doch nicht wollen, daß es aufhört. Er ist um Dich her, täuscht

Dir Erscheinungen vor, fälscht Deine Eindrücke und Gedanken, wacht über

Dir, lenkt Dich und weiß allein wohin. Aber überraschtest Du ihn selbst in

dem Augenblick, wo er Dir eine neue Falle legt, Du hättest doch nicht den

Mut, ihn zu entlarven.« . . . »Welche Herausforderung!« sagte Cromer laut.

»Wie er seiner Sache gewiß sein muß! Er weiß wohl, ich werde seine

gefälschten Briefe weder einem Sachverständigen noch dem

Untersuchungsrichter bringen. Ich werde das Zimmer meines Dieners, der für

ihn arbeitet, nicht durchsuchen lassen, werde mich gar nicht wehren, ihm

nie in den Weg treten. Denn was wäre mir seine Entlarvung? Eine Befreiung?

Leider nichts weniger als das. Oder ein Beweis? Daß er betrügt, beweist

nichts gegen das Mysterium, auf das er sich beruft. Ich war ein zu sauberer

Geist, ohne Falsch, und darum ohne Verzücktheit. Das Mysterium ergibt sich

wohl in den Charlatanen, die es ausnützen, aber empfinden. Mir bleibt nur

übrig, dem Charlatan zu folgen, wie sie selbst ihm gefolgt ist, -- wenn ich

denn reif bin für das, was er verspricht. Die Liebe einer Toten: wäre es

denn das Äußerste? Das Wunder der Ankunft aus der Ewigkeit, des

Sichfindens, Einswerdens und nicht mehr Zweifelns -- wie? Sollte alles dies

Unmögliche den Toten möglicher sein als den Lebenden? Sie komme, ich bin

bereit.« Und wieder unter ihrem Bild: »Ich liebe dich, Lida, so sehr, daß

du wahrhaftig wiederkehren solltest. Ich würde es dir glauben -- und auch

nicht glauben. Sieh! ich küsse dein Haar, und weiß doch, es ist gar nicht

deins. Wenn es noch von deinem Nacken hinge und dein Atem noch warm wäre,

würde ich dich wohl wieder sterben lassen, wie das erste Mal. Diese

Sehnsucht ist ungeheuerlich, sie ist verworfen und lächerlich . . .« Er

stieß einen Schrei aus; hinter dem Rahmen des Bildes hervor glitt ein

Papier; in ihren Schriftzügen las er: »Niemals habe ich Dich betrogen.« Und

er, der ihr Geständnis empfangen und ihren Tod gebilligt hatte, sagte: »Ich

glaube dir! Verzeihe mir!«

Er wartete, damit zwischen ihm und ihr der weite Raum geringer werde. Auch

empfing er Zeichen, als sei sie schon nahe. »Halte Dich fertig, mit mir zu

kommen; ich darf nicht bleiben.« Mit ihr? Wohin? Was näher kam in

Wirklichkeit, war also der Schlußakt des Betruges, der ihn umkreiste, --

und schloß der Plan mit seinem Tode? »Muß ich nun doch, mehr als ich

möchte, auf meiner Hut sein? . . . Ich hoffe es nicht. Ich und der

unbekannte Andere, wir haben viel seelische Kraft aneinander gewendet; ich

bin sicher, er würde so ungern einen Revolver auf mich abdrücken wie ich

auf ihn.« Übrigens war schon der nächste Brief deutlicher: »Bereite alles

vor. Wir werden lange und weit fort sein; Du kannst nicht verstehen, wie

weit und wie lange. Nimm mit, was wir brauchen.« Er nickte; man deckte das

Spiel auf. Er sollte bestohlen werden, im großen Stil, wie es schien, aber

doch nur bestohlen . . . An diesem Abend saß er ihr gegenüber und dachte:

»Nun hast du den Vorhang fast schon gehoben. Eine letzte Anstrengung!

. . . Denn sieh, dir glaub ich, unbeschadet dessen, daß ich das Spiel des

anderen durchschaue.« Cromer lachte leise. »Er, der Ärmste, durchschaut

mich keineswegs. Nur du hast schon längst begriffen, daß man glauben, den

Abenteuern des Glaubens sich ergeben und doch klarsichtig bleiben kann;

lieben, sehr lieben, und dabei noch wissen . . . Was ich morgen in der

Stadt vorhabe, würde dich laut auflachen lassen -- und nur dich!« Dabei

lauschte er auf ein noch gedämpftes Lachen, das stolz, leichtsinnig und

nach geheimer Trauer klang.

In der Stadt blieb er einige Tage. Als er eines Abends heimkehrte, fuhr

soeben durch das stille Welken des Sommers der erste Sturm. Die Blätter des

Gartens sausten um ihn her, am Haus schlugen die Läden, Türen öffneten

sich, und dahinter das Dunkel leuchtete manchmal fahl auf vom letzten Licht

der fliegenden Wolken. Plötzlich stand vor ihm der Diener Philipp, weiß im

Gesicht, so fassungslos, daß er es vergaß, seinen Eifer zu bekunden. Cromer

beruhigte den jungen Menschen über die Gefahren einer Nacht wie diese und

ging in sein Zimmer. Er machte Licht, legte ab -- da hielt er ein: sie

folgte ihm mit den Augen! Ihr Bild bewegte die Augen, ihre graublauen

Augen, die sachlich blickten und doch voll Spiegelungen schönerer Himmel

waren. Nie vergessen, da strahlten sie wieder; sie war da! Ein langer

Schauer durchlief Cromer mehrmals. Der Betrug vollendete sich, dieser

ungeheuerliche Selbstbetrug, der die tiefste Wahrheit seines Lebens war.

Ohne ihre Augen loszulassen, mit befangenen Gebärden, nahm er aus seinem

Rock die Brieftasche, öffnete sie, breitere die Wertpapiere, eigens

mitgebracht, auf den Tisch, zählte sie den Augen vor, die allem folgten.

Eine Minute stand er noch, atmete schwer und hielt angstvoll den Blick

erhoben. Die Augen dort oben schlossen sich gewährend: und Leo Cromer ging

leicht schwankend aus der Tür. Mit verhaltener Hast tastete er sich im

Dunkeln zur Schwelle des Nebenzimmers, des Zimmers der Toten. Ein

Lichtschein fiel heraus. Cromer zögerte lange, dann öffnete er wie im

Traum. Da lag nun ihr Zimmer; selten seit ihrem Verschwinden und nur

leichthin hatte er es betreten. Er hätte nicht gedacht, daß es aussähe, als

habe sie es auf Augenblicke verlassen; das Licht brannte, gleich mußte sie

zurück sein. Ihr Schritt? Nein, noch nicht; nur sein Herz fühlte er gehen.

Die alten, leichten Tafeln von Rosenholz, deren zerbrechliche Schnitzereien

diese Wände überzogen, nachdem sie hundert Jahre lang in einem unbekannten

Haus ihre Glätte verloren hatten, sie bebten noch wie sonst bei jedem

Windstoß, wie Kulissen, aufgestellt um die schöne, erfahrene Spielerin, die

hier zu Gast war. Ein stärkerer Schlag des Sturmes, ein Ächzen im Holz --

und ein aufgestörter Duft. Ihr Duft! Ihr Fächerschlag! Die Sinne so sehr

gespannt, daß er zu schweben meinte, hörte Cromer dicht hinter der dünnen

Wand das Rauschen ihres Kleides. Er wollte rufen; da ging das Licht aus --

und mitten im schwarzen Sausen des Wetters unterschied er das trockene

Klappen der Tür, der schwanken Kulissentür, durch die sie eintrat. Sie war

im Zimmer.

»Lida?« sagte er stimmlos, einen Arm ausgestreckt in das Unsichtbare. Und

auch die Antwort kam geflüstert, wie aus einer tief erschütterten Brust.

»Leo.«

»Endlich«, sagte er. »Du bist zurück. Ich wäre sonst auch gestorben, wie

du.«

Da ward ihre Stimme vernehmbar, ja, ihre klare und süße Stimme hörte er

wieder. »Lieber«, sagte sie, »ich war nicht tot. Nur wer nicht geliebt hat,

stirbt.«

»Ist es wahr?« sagte er stehend. »Ist es dies, was du erfahren hast?« Er

trat rasch vor sie hin, auf ihre Stimme zu.

»Ich bin gekommen, um es dir zu sagen«, -- und in einem Schein, der

vorüberflog, sah er, sah ihren Mund sprechen, ihre Augen leben und erkannte

ihr helles Haar. Der oft umfangene Fluß ihrer Glieder bewegte sich, einen

Herzschlag lang, vor seinem Blick, ihre Hand stand vielsagend aufgerichtet.

»Du weißt noch nicht, Lieber, wohin ich dich führen muß, und wie teuer es

ist, mich wiederzusehen. Bist du denn bereit?«

»Zu allem«, sagte er, »deine Lippen!«

»Noch nicht. Mach dich fertig, geh, und dann folge mir!«

Eilig und geschäftsmäßig fielen die Antworten.

»Wir haben einen Wagen?«

»Wir haben einen Wagen. Du nimmst alles mit.«

»Ja.«

»Alles, was du besitzest?«

»Ja. Deine Lippen.«

»Komm!«

Ein neuer Schlag, ein Schein, und darin ihr Gesicht, grell vorgestreckt,

tiefe Schatten um die fahlen Lider, worunter der Blick verging, und die

Lippen, geisterhafte Rosen, aufgeblättert zum berauschenden Zerfallen

. . . Er kehrte zurück aus diesem Kuß, wie aus allen Abgründen, ermattet,

blind, noch umwölkt von der Ewigkeit. Taumelnd fort in sein Zimmer, auf

einen Sessel hingebrochen, die Augen bedeckt und schweigen . . . bis

dahinten im Garten Schritte liefen und Räder knirschten. Das Geräusch eines

Autos: es verlor sich schon. Cromer stand auf. Ein Blick auf den Tisch:

alles, wie vorausgesehen, war fort. Er trat unter das Bild; die Augen waren

ausgeschnitten. Sie hatte glänzend gespielt, die Frau hinter den

ausgeschnittenen Augen, und war nun wohl von dannen mit ihrem Herrn, dem

Unbekannten. Auch Philipp, sein anderes Geschöpf, war fort mit ihm. »Gut

denn: der Mechanismus des Wunders hat sich bewährt bis ans Ende. Aber auch

hier«, sagte er, mit dem Finger auf seiner Brust . . . Er schloß die Läden

der Gartentür, der Diener hatte es sich erspart. »Er war erregt, keiner von

uns hat es leicht gehabt heute. Ich werde nun schlafen dürfen, ich werde

wieder gut schlafen und wohl in Frieden altern dürfen. Jene drei müssen

leider durch die Sturmnacht fahren mit ihren Wertpapieren -- die wertlos

sind, die so wertlos sind, daß man die Diebe nicht einmal festnehmen wird,

wenn sie sie vorlegen.«

Die Tote und andere Novellen · 第 7 / 12 题