Nichts geschah mehr, nichts kam hinzu, aber Leo Cromer, der die Tage
verbrachte wie immer, trug an irgendeinem schweren Gefühl, wie von einer
Krankheit, die ausbrechen sollte, oder als wäre er in Dinge verwickelt
gewesen, die den Gesetzen widersprächen. Etwas Außerordentliches ängstigte
und lockte. Zehnmal täglich und auch des Nachts zwischen dem Schlaf
erinnerte er sich ihres Briefes, des gefälschten Briefes -- und war
glücklich, ihn dazuwissen. Er wartete nur darauf, daß ihr Bild noch einmal
in sein Zimmer zurückkehre. Es war verschwunden, in derselben Nacht, als er
davorsaß: kaum, daß ihm die Augen zufielen. Er wartete darauf, wie auf das
Zeichen, daß sie ihn ganz in Besitz nehme und ihm verbiete, noch
fortzugehen, noch Schmerzen oder Genugtuungen zu suchen, die nicht von ihr
kämen . . . Und eines Morgens beim Erwachen sah sie ihn an. Sie schien
erwacht mit ihm.
Da verließ er nicht mehr das Haus und den Garten. Die ersten Wochen ihres
Zusammenlebens waren einst hier vergangen; -- und die alten Stunden teilten
ihm jetzt nachträglich mehr mit, als sie damals konnten. Unter den Augen
der Toten hatten sie sich angefüllt mit Reiz, Süßigkeit und Kraft. Ja, in
ihr Gesicht auch, in die vielsagende Hand am Vorhang schien eine neue
Unruhe zu kommen: als wollte sie reden, als drängte sie zu ihm. In solchen
Minuten wendete er sich ab, um das Geschehen des Rätselhaften nicht zu
stören; -- und kam er zurück, lag unter ihren Briefen ein neuer, einige
Zeilen auf einem Blatt, das früher halb unbeschrieben war, oder ein Zettel,
der herausfiel aus einem unscheinbaren Versteck. Das Erste, was er fand,
fügte sich ein in ihre alten Äußerungen; noch vor kurzem würde Cromer
geglaubt haben, es sei ihm solange einfach entgangen. Er glaubte es nicht
mehr; jedesmal deutlicher sagte sie ihm Dinge, die sie früher verschwiegen
hatte. Ihre wahre Natur, immer verkannt von ihm, eröffnete sie ihm nun, den
Überdruß am Weltlichen, am Ruhm, an den kaltherzigen Erregungen, und ihre
Sehnsucht nach Zärtlichkeit, die sich bekennt, nach Hingabe ohne
Zurücknahme. Er las Sätze ihres Tonfalls und Wesens, unverkennbar, und doch
vom Klang des Unwirklichen, längst Entrückten. Sie erwähnte die letzten
Wirren ihres Lebens, aber von fern und nachträglich. Jener Mensch, der
damals die Hand nach ihr ausgestreckt hatte, sie wußte jetzt, wozu sie ihm
gefolgt war. »Es sollte zu Dir führen, Lieber. Er war nicht als ein
Gleichnis der Macht, die mich und Dich überschattete, und die wir nicht
anerkennen wollten. Ich bin überzeugt worden, Du weißt es, wie grausam; und
Du? . . .« An dieser Stelle las er nicht weiter, trat vor sie hin und
antwortete ihr. Das Winken ihrer Augen vor dem geschlossenen Vorhang ward
dringlicher, sie sagte: »Gib dich hin! Glaube! Sei gewärtig, daß ich komme
und endlich dein sei!« »Komm!« rief er.
Mit der Ermüdung ergriff ihn wohl die Besinnung. »Was tue ich! Ich weiß,
daß ich betrogen werde, -- und ich selbst helfe dazu! Ach, mein Bedürfnis
zu lieben, ist schon größer als das, die Wahrheit zu sagen. Diese Briefe
sind untergeschoben von einem Schwindler, es steht zu vermuten, von
welchem. Hier spricht er von sich, er droht. »Wenn er Dir begegnen würde,
Du könntest noch tausendmal besser als ich verstehen, daß er Dich betrügt,
und würdest doch nicht wollen, daß es aufhört. Er ist um Dich her, täuscht
Dir Erscheinungen vor, fälscht Deine Eindrücke und Gedanken, wacht über
Dir, lenkt Dich und weiß allein wohin. Aber überraschtest Du ihn selbst in
dem Augenblick, wo er Dir eine neue Falle legt, Du hättest doch nicht den
Mut, ihn zu entlarven.« . . . »Welche Herausforderung!« sagte Cromer laut.
»Wie er seiner Sache gewiß sein muß! Er weiß wohl, ich werde seine
gefälschten Briefe weder einem Sachverständigen noch dem
Untersuchungsrichter bringen. Ich werde das Zimmer meines Dieners, der für
ihn arbeitet, nicht durchsuchen lassen, werde mich gar nicht wehren, ihm
nie in den Weg treten. Denn was wäre mir seine Entlarvung? Eine Befreiung?
Leider nichts weniger als das. Oder ein Beweis? Daß er betrügt, beweist
nichts gegen das Mysterium, auf das er sich beruft. Ich war ein zu sauberer
Geist, ohne Falsch, und darum ohne Verzücktheit. Das Mysterium ergibt sich
wohl in den Charlatanen, die es ausnützen, aber empfinden. Mir bleibt nur
übrig, dem Charlatan zu folgen, wie sie selbst ihm gefolgt ist, -- wenn ich
denn reif bin für das, was er verspricht. Die Liebe einer Toten: wäre es
denn das Äußerste? Das Wunder der Ankunft aus der Ewigkeit, des
Sichfindens, Einswerdens und nicht mehr Zweifelns -- wie? Sollte alles dies
Unmögliche den Toten möglicher sein als den Lebenden? Sie komme, ich bin
bereit.« Und wieder unter ihrem Bild: »Ich liebe dich, Lida, so sehr, daß
du wahrhaftig wiederkehren solltest. Ich würde es dir glauben -- und auch
nicht glauben. Sieh! ich küsse dein Haar, und weiß doch, es ist gar nicht
deins. Wenn es noch von deinem Nacken hinge und dein Atem noch warm wäre,
würde ich dich wohl wieder sterben lassen, wie das erste Mal. Diese
Sehnsucht ist ungeheuerlich, sie ist verworfen und lächerlich . . .« Er
stieß einen Schrei aus; hinter dem Rahmen des Bildes hervor glitt ein
Papier; in ihren Schriftzügen las er: »Niemals habe ich Dich betrogen.« Und
er, der ihr Geständnis empfangen und ihren Tod gebilligt hatte, sagte: »Ich
glaube dir! Verzeihe mir!«
Er wartete, damit zwischen ihm und ihr der weite Raum geringer werde. Auch
empfing er Zeichen, als sei sie schon nahe. »Halte Dich fertig, mit mir zu
kommen; ich darf nicht bleiben.« Mit ihr? Wohin? Was näher kam in
Wirklichkeit, war also der Schlußakt des Betruges, der ihn umkreiste, --
und schloß der Plan mit seinem Tode? »Muß ich nun doch, mehr als ich
möchte, auf meiner Hut sein? . . . Ich hoffe es nicht. Ich und der
unbekannte Andere, wir haben viel seelische Kraft aneinander gewendet; ich
bin sicher, er würde so ungern einen Revolver auf mich abdrücken wie ich
auf ihn.« Übrigens war schon der nächste Brief deutlicher: »Bereite alles
vor. Wir werden lange und weit fort sein; Du kannst nicht verstehen, wie
weit und wie lange. Nimm mit, was wir brauchen.« Er nickte; man deckte das
Spiel auf. Er sollte bestohlen werden, im großen Stil, wie es schien, aber
doch nur bestohlen . . . An diesem Abend saß er ihr gegenüber und dachte:
»Nun hast du den Vorhang fast schon gehoben. Eine letzte Anstrengung!
. . . Denn sieh, dir glaub ich, unbeschadet dessen, daß ich das Spiel des
anderen durchschaue.« Cromer lachte leise. »Er, der Ärmste, durchschaut
mich keineswegs. Nur du hast schon längst begriffen, daß man glauben, den
Abenteuern des Glaubens sich ergeben und doch klarsichtig bleiben kann;
lieben, sehr lieben, und dabei noch wissen . . . Was ich morgen in der
Stadt vorhabe, würde dich laut auflachen lassen -- und nur dich!« Dabei
lauschte er auf ein noch gedämpftes Lachen, das stolz, leichtsinnig und
nach geheimer Trauer klang.
In der Stadt blieb er einige Tage. Als er eines Abends heimkehrte, fuhr
soeben durch das stille Welken des Sommers der erste Sturm. Die Blätter des
Gartens sausten um ihn her, am Haus schlugen die Läden, Türen öffneten
sich, und dahinter das Dunkel leuchtete manchmal fahl auf vom letzten Licht
der fliegenden Wolken. Plötzlich stand vor ihm der Diener Philipp, weiß im
Gesicht, so fassungslos, daß er es vergaß, seinen Eifer zu bekunden. Cromer
beruhigte den jungen Menschen über die Gefahren einer Nacht wie diese und
ging in sein Zimmer. Er machte Licht, legte ab -- da hielt er ein: sie
folgte ihm mit den Augen! Ihr Bild bewegte die Augen, ihre graublauen
Augen, die sachlich blickten und doch voll Spiegelungen schönerer Himmel
waren. Nie vergessen, da strahlten sie wieder; sie war da! Ein langer
Schauer durchlief Cromer mehrmals. Der Betrug vollendete sich, dieser
ungeheuerliche Selbstbetrug, der die tiefste Wahrheit seines Lebens war.
Ohne ihre Augen loszulassen, mit befangenen Gebärden, nahm er aus seinem
Rock die Brieftasche, öffnete sie, breitere die Wertpapiere, eigens
mitgebracht, auf den Tisch, zählte sie den Augen vor, die allem folgten.
Eine Minute stand er noch, atmete schwer und hielt angstvoll den Blick
erhoben. Die Augen dort oben schlossen sich gewährend: und Leo Cromer ging
leicht schwankend aus der Tür. Mit verhaltener Hast tastete er sich im
Dunkeln zur Schwelle des Nebenzimmers, des Zimmers der Toten. Ein
Lichtschein fiel heraus. Cromer zögerte lange, dann öffnete er wie im
Traum. Da lag nun ihr Zimmer; selten seit ihrem Verschwinden und nur
leichthin hatte er es betreten. Er hätte nicht gedacht, daß es aussähe, als
habe sie es auf Augenblicke verlassen; das Licht brannte, gleich mußte sie
zurück sein. Ihr Schritt? Nein, noch nicht; nur sein Herz fühlte er gehen.
Die alten, leichten Tafeln von Rosenholz, deren zerbrechliche Schnitzereien
diese Wände überzogen, nachdem sie hundert Jahre lang in einem unbekannten
Haus ihre Glätte verloren hatten, sie bebten noch wie sonst bei jedem
Windstoß, wie Kulissen, aufgestellt um die schöne, erfahrene Spielerin, die
hier zu Gast war. Ein stärkerer Schlag des Sturmes, ein Ächzen im Holz --
und ein aufgestörter Duft. Ihr Duft! Ihr Fächerschlag! Die Sinne so sehr
gespannt, daß er zu schweben meinte, hörte Cromer dicht hinter der dünnen
Wand das Rauschen ihres Kleides. Er wollte rufen; da ging das Licht aus --
und mitten im schwarzen Sausen des Wetters unterschied er das trockene
Klappen der Tür, der schwanken Kulissentür, durch die sie eintrat. Sie war
im Zimmer.
»Lida?« sagte er stimmlos, einen Arm ausgestreckt in das Unsichtbare. Und
auch die Antwort kam geflüstert, wie aus einer tief erschütterten Brust.
»Leo.«
»Endlich«, sagte er. »Du bist zurück. Ich wäre sonst auch gestorben, wie
du.«
Da ward ihre Stimme vernehmbar, ja, ihre klare und süße Stimme hörte er
wieder. »Lieber«, sagte sie, »ich war nicht tot. Nur wer nicht geliebt hat,
stirbt.«
»Ist es wahr?« sagte er stehend. »Ist es dies, was du erfahren hast?« Er
trat rasch vor sie hin, auf ihre Stimme zu.
»Ich bin gekommen, um es dir zu sagen«, -- und in einem Schein, der
vorüberflog, sah er, sah ihren Mund sprechen, ihre Augen leben und erkannte
ihr helles Haar. Der oft umfangene Fluß ihrer Glieder bewegte sich, einen
Herzschlag lang, vor seinem Blick, ihre Hand stand vielsagend aufgerichtet.
»Du weißt noch nicht, Lieber, wohin ich dich führen muß, und wie teuer es
ist, mich wiederzusehen. Bist du denn bereit?«
»Zu allem«, sagte er, »deine Lippen!«
»Noch nicht. Mach dich fertig, geh, und dann folge mir!«
Eilig und geschäftsmäßig fielen die Antworten.
»Wir haben einen Wagen?«
»Wir haben einen Wagen. Du nimmst alles mit.«
»Ja.«
»Alles, was du besitzest?«
»Ja. Deine Lippen.«
»Komm!«
Ein neuer Schlag, ein Schein, und darin ihr Gesicht, grell vorgestreckt,
tiefe Schatten um die fahlen Lider, worunter der Blick verging, und die
Lippen, geisterhafte Rosen, aufgeblättert zum berauschenden Zerfallen
. . . Er kehrte zurück aus diesem Kuß, wie aus allen Abgründen, ermattet,
blind, noch umwölkt von der Ewigkeit. Taumelnd fort in sein Zimmer, auf
einen Sessel hingebrochen, die Augen bedeckt und schweigen . . . bis
dahinten im Garten Schritte liefen und Räder knirschten. Das Geräusch eines
Autos: es verlor sich schon. Cromer stand auf. Ein Blick auf den Tisch:
alles, wie vorausgesehen, war fort. Er trat unter das Bild; die Augen waren
ausgeschnitten. Sie hatte glänzend gespielt, die Frau hinter den
ausgeschnittenen Augen, und war nun wohl von dannen mit ihrem Herrn, dem
Unbekannten. Auch Philipp, sein anderes Geschöpf, war fort mit ihm. »Gut
denn: der Mechanismus des Wunders hat sich bewährt bis ans Ende. Aber auch
hier«, sagte er, mit dem Finger auf seiner Brust . . . Er schloß die Läden
der Gartentür, der Diener hatte es sich erspart. »Er war erregt, keiner von
uns hat es leicht gehabt heute. Ich werde nun schlafen dürfen, ich werde
wieder gut schlafen und wohl in Frieden altern dürfen. Jene drei müssen
leider durch die Sturmnacht fahren mit ihren Wertpapieren -- die wertlos
sind, die so wertlos sind, daß man die Diebe nicht einmal festnehmen wird,
wenn sie sie vorlegen.«