Die Verjagten

Seit gestern ist nun auch die sechzehnjährige Linda Barocci gestorben.

Alle, die sie kannten, sagen, daß sie glücklich zu leben verdient hätte,

denn sie war gut und tapfer, was sie schon lange vor ihrem letzten Unglück

bewiesen hatte, draußen vor Porta Agnese bei ihrem Verwandten Nazzarri, der

ihr nachstellte. Nazzarri Umberto hatte seine Gärtnerei gleich hinter dem

Heiligtum Santa Agnese. Er war ein stattlicher Mann mit lebhafter

Gesichtsfarbe. Die Linda, blond, weiß und sehr zierlich, fand ihr Heil,

wenn die Laune ihn ankam, stets nur in ihrer Schnelligkeit. Denn der Garten

ist groß und geht in das offene Feld über. Wenn der Nazzarri der Kleinen

lästig fiel, trat manchmal seine Gattin dazwischen, die Frau Amelia, oder

besser gesagt, sie rief ihrem Gatten von der Tür her Namen zu, die keine

Kosenamen waren; aber persönlich zur Stelle zu sein ward ihr schwer wegen

des Gewichts ihres Körpers. Diese beleibte Person hatte ein gutes Herz, das

die Linda die versuchte Untreue ihres Gatten nie entgelten ließ. Vielmehr

bezeigte sie ihr das innigste Mitleid und warnte den Nazzarri vor allem

Unglück, das seine böse Lust nicht verfehlen werde heraufzurufen. Er aber

wollte nicht hören. Gereizt durch den Widerstand des Mädchens, hetzte er

sie oft umher wie toll, und besonders zu der Stunde, wo auf die Campagna

die Dämmerung herabsteigt. Dann sahen Nachbarinnen Linda dahin huschen über

den Boden, klein und leicht wie eine Fledermaus, und irgendwo darin

verschwinden. Denn die Erde hat dort versteckte Löcher, die zu den alten

Katakomben hinabführen, und in ihnen findet man schwer den, den man sucht,

wenn auch zuweilen solche, die man nicht gesucht hat, und die das Licht

scheuen. Der Nazzarri mußte draußen warten, bis es der Linda gefiel,

zurückzukehren. Einmal, sagten sie, habe er achtundvierzig Stunden lang

warten müssen. So verzweifelt war das Mädchen, daß es sich drunten verirrt

hatte und halb verhungert hervorkam.

Dem konnte die gute Tante Amelia nicht länger zusehen. Sie und die Linda

taten soviel und soviel, bis endlich der Nazzarri dem Mädchen zu gehen

erlaubte. Sie suchte sich eine Stelle als Magd in Rom, er war aber

dahinter, daß es bei strengen Leuten wäre und in einem Haus ohne Jugend.

Die Frau Gräfin Marinotti hat ihren Palast in Via Argentina und bewohnt ihn

allein mit ihrer Zofe und Haushälterin Bona Chichetti, die bei Jahren ist

wie sie selbst und eine Gehilfin braucht, und diese war die Linda. Sie

erlangte die Zufriedenheit der beiden Alten, und so oft der Onkel Nazzarri

sich einstellte -- er stellte sich aber jede Woche zweimal ein mit seinen

Gemüsen -- ward ihm geantwortet, daß nichts Unrechtes zu merken sei an der

Linda. Denn sie gehe nur aus, wenn ihr Dienst es verlange, niemals am

Abend, und kein Mann komme ins Haus. Eines Tages aber sollten die guten

Alten einen kommen sehen. Er war erst achtzehn und war ein Kohlenträger,

Aldo Canta, von Montereale, Provinz Aquila, woher auch die Linda kam. So

trug er ihr das Säckchen mit dem Holz, das sie geholt hatte für den Herd,

und folgte ihr bis vor das Haus. Schon beim zweiten Mal aber ging er mit

ihr die Treppe hinauf, zu dem Saal im Adelsstock, wo die Frau Gräfin in

Gesellschaft ihrer Zofe Chichetti bei einem Kohlenbecken saß. Und als sie

die beiden jungen Leute auf der Schwelle sah, rief sie ihnen zu, herbei zu

treten, und sie taten es, und Aldo sagte, daß er der Linda wohlwolle, und

sie sagte, daß sie beschlossen habe, ihn zum Mann zu nehmen. Da aber die

beiden Alten erwähnten, den Fall müßten sie dem Gärtner mitteilen, fing das

Mädchen zu weinen an und der junge Mann weinte mit ihr aus Zorn, weil sie

ihm gesagt hatte, wie die Dinge standen. Die Tränen der jungen Leute

bewogen sowohl die Gräfin wie die Zofe zum Mitleid, so daß sie dem

Nazzarri, als er wiederkam, die Sache verschwiegen. Dennoch aber faßte er

Verdacht, weil das Mädchen nicht mehr zaghaft schien, sondern den Kopf hob

und sang. So kam es, daß der Aldo und die Linda, als sie eines Abends,

schon im Dunkeln, vor dem Haus hin und her gingen, um die Ecke der Via

Barbieri den Nazzarri erscheinen sahen, und dieses Mal ohne Gemüse und in

der Haltung eines Spähenden. Das Mädchen, zitternd vor Furcht, griff nach

der Hand des Verlobten und zog ihn hinter die Haustür. »Er hat uns schon

gesehen,« flüsterte sie. »O mein Aldo, was jetzt?« -- Er sagte: »Ich will

mich nicht verstecken, laß mich hinauf, Linda, und du sollst sehen wie die

Sache endet.« -- Sie hielt ihn aber fest mit aller ihrer Kraft und beschwor

ihn, daß er das, was er meine, um Gottes willen nicht tue, denn der

Nazzarri sei der Bruder ihrer Mutter. Und damit er nichts unternehmen

könne, zog sie ihn die Treppe hinauf. In die Haustür sprang schon der

Nazzarri und war sogleich hinter ihnen her. Sie liefen über die erste

Treppe. Der Gärtner, auf ihren Fersen, rief: »Das sollst du mir bezahlen,

Verführer meines Kindes!« und Aldo rief zurück, schon von der zweiten

Treppe: »Bezahlen wirst du selbst!« Da waren sie im Adelsstock und von dem

Geschrei kamen die beiden Alten hervor. Durch sie ward der Gärtner

aufgehalten, die jungen Leute erlangten einen Vorsprung, sie erreichten ein

Zimmer unter dem Dach und sperrten sich ein.

Da atmeten sie nun nach dem Lauf, standen und sahen erregt einander an.

»Ich wollte es nicht sagen,« gestand Linda, »aber ich wußte es, denn ich

hatte einen Mönch von Sant' Agnese gesehen, der uns beobachtete, und so

wußte ich, wir seien verloren.« -- »Das sind wir nicht,« sagte Aldo. --

»Aber er wird mich Dir fortnehmen.« -- »Das wird er nicht tun,« sagte Aldo.

Und inzwischen hörten sie schon seinen Schritt vor der Tür. Er riß daran

und trat dagegen, obwohl die beiden Alten ihm zuredeten; aber er hörte

nichts und schrie nur immer nach dem Verführer seines Kindes. »Wohin mit

uns, wenn die Tür zerbricht,« sagte Linda. Aldo aber öffnete das Fenster

und sah, daß das Zimmer in einem Winkel des Hofes lag. An der andern Wand

des Winkels war ein Balkon, dorthin dachte er zu entkommen mit seiner

Geliebten. Er sagte ihr, er wolle den Gang wagen über den Abgrund, und dann

werde er ihr zu helfen wissen. Aber sie zeigte ihm die klaffenden Risse in

dem Stein des Balkons, seine lockeren Eisenklammern und dahinter das

verfallene Haus. Denn dort ist ein Haus, das seine Bewohner verlassen

haben, und die Arbeiter, die es wieder herstellen sollen, betraten es noch

selten. Der junge Kohlenträger sprach nichts mehr, er schwang sich, indeß

Linda dastand ohne Regung, über das Fenster, er faßte ein Stück Eisen in

der Mauer, trat in eine Lücke zwischen den Steinen, dann in die nächste,

und so bis zu dem Balkon. Behutsam stieg er hinein, und aus dem Zimmer

dahinter holte er eine Leiter, die schob er hinüber, in das Fenster zur

Linda. »Komm!« sagte er, und sie kam -- über die Leiter, die er nicht auf

die unsichere Brüstung des Ballons legte, sondern in seiner festen Hand

hielt. Wie sie aber mitten über der Tiefe kniete, gab im Zimmer hinter ihr

die Tür nach und der Nazzarri stürzte herein. Ein Blick, erstarrt waren

sein Geschrei und seine geschwungene Faust. Die beiden Alten kam eine

Schwäche an. Der Aldo drüben empfing in seinen Armen die Linda, und

gemeinsam traten sie in das Dunkel des verlassenen Hauses.

Wer sich nicht zufrieden gab, war der Gärtner. Er machte Aufruhr im Hof und

auf der Straße. Die meisten lachten ihn aus, auch die Wächter glaubten ihm

nicht, denn das Haus war verschlossen von allen Seiten. Mehrere Neugierige

fanden sich immerhin, die im Hof Übungen anstellten, um ein langes Seil bis

dort hinauf und über den Balkon zu werfen. Zum Schluß gelang es ihnen, aber

wie man ein wenig daran zog, fiel ein Stein herab, und so ließ man es. Erst

am Morgen konnte der Nazzarri den finden, der den Schlüssel hatte, und das

Haus aufsperren. Hierbei drangen Viele mit ein, denn der Fall war in der

Straße umhergekommen, und sie sahen es als ein Abenteuer an, das nicht ohne

Grauen und Gefahr wäre, führten einander irre im Haus, erschreckten

einander und ahmten die Stimmen von bösen Geistern nach. Die Liebenden

inzwischen zogen sich vor der nahenden Menge zurück, aus dem Innern des

Hauses, hin und her, bis in seinen äußersten Winkel, und so fanden sie sich

am Ende wieder in dem Zimmer, durch das sie hineingelangt waren. Es sah so

wüst und kahl aus im Tageslicht, als eröffnete es ihnen, hier ende die

Welt. »Nun geht es in Wahrheit nicht weiter,« sagte Linda. »Nur einen

Schritt noch,« sagte Aldo. »Mit Dir!« sagte Linda, und sie traten auf den

Balkon hinaus, an seinen Rand, der schon wankte. Vom Hof die Leute sahen

es, welche ernsten Gesichter sie beide hatten, die Augen groß aufeinander,

und blauer Himmel nahm ihre Stirnen auf. Unter ihren Füßen geschah ein

Krachen. Ihre Arme hoben sich, sie wollten wohl hingreifen, wo ein Halt

wäre; und so faßten sie Eines um das Andere. Umschlungen stürzten sie

hinab. Aldo, der zuerst unten aufschlug, war sofort tot, die Linda fiel auf

ihn, sie brachten sie noch lebend in das Hospital Santo Spirito. Zu ihrem

Glück blieb sie ohne Bewußtsein. In der Nacht starb auch sie. Sie war

sechzehn Jahre alt, ihr Aldo erst achtzehn. Sie hatte die Mutter in

Montereale, Provinz Aquila.

Die Tote und andere Novellen · 第 9 / 12 题