»Weit entfernt! Menschen von Rasse sind nicht feige vor dem Unerklärlichen
-- vor dem scheinbar Unerklärlichen! Sie weicht ihm aus, jenem Wesen,
leider hilft es nichts. Ein Abend erscheint, an dem sie in ihrer Garderobe
sitzt, im ersten Stock des Theaters, dies ist wichtig, und bis ihr
Stichwort kommt, noch einmal ihre Rolle durchliest. Das Buch liegt im
vollen Licht der Lampe, die über dem Toilettetisch hängt, aber auf einmal
ist ein Schatten darauf. Die Künstlerin erkennt eine Nase, eine gewisse
lange, gebuckelte Nase, ihr nur zu wohl geläufig.« Und der Unbekannte
hielt, wie zur Erläuterung, sein eigenes Profil hin. »Aufspringen, schreien
-- das tut sie nur innerlich. In Wirklichkeit wendet sie ruhig den Kopf und
sagt: »Wie kommen denn Sie dahin?« Seltsam, er ist nicht da, niemand ist
da. Sie kehrt zu dem Buch zurück, das weiß und leer ist. Kaum aber will sie
lesen, schiebt sich wieder der Schatten darauf. Da ist sie freilich vom
Stuhl gefahren, hat alles durchsucht in dem Raum, das Fenster aufgerissen,
aber es lag zu hoch und in einer glatten Mauer. Die Künstlerin weiß nicht
mehr ein noch aus, ihr schwindelt, sie wäre einfach davongelaufen; zum
Glück klopft der Inspizient an und holt sie. Er geht vor ihr her über die
Treppe, es ist halbdunkel, und merkwürdigerweise weiß sie, daß soeben
jemand hinuntergehuscht ist, an ihr vorbei, wenn sie auch nichts gesehen
hat. Und sie ist nicht im geringsten überrascht, daß auf der Bühne statt
ihres Partners ein anderer steht: man weiß schon, wer. Sie spielt
wahnsinnig aufgepeitscht, wie vor einer Katastrophe, wie um das Leben. Man
sagte, daß sie gut sei. Hinter der Szene trifft sie den Direktor, der
klatscht. Sie fragt ihn: »Warum haben Sie mir denn im letzten Auftritt
einen anderen Partner hingestellt?« Und er ganz verblüfft: »Einen anderen?«
worauf sie macht, daß sie fortkommt.«
Der Unbekannte stand auf. »Da wäre wohl mancher gelaufen. Ich selbst,
nachdem ich Ihnen alle diese Märchen aufgetischt habe, weiß nichts anderes
mehr, als das Weite zu suchen. Leben Sie wohl!«
»Einen Augenblick!« Cromer trat drohend auf ihn zu. »So schließt die
Geschichte nicht.«
Da sah er, daß durch die Brillengläser des Unbekannten eine Flamme stach.
»Möglich, daß sie nicht so schließt. Die schöne und berühmte Künstlerin
fiel gewiß, je schöner und berühmter sie war, um so unrettbarer in die
Macht jenes Unbekannten. Das sind Affären, zu denen kein Blick mehr
reicht.«
Und er ging. Cromer kam ihm zuvor, stieß die Tür auf und überraschte
dahinter seinen Diener. »Geleiten Sie den Herrn hinaus,« sagte Cromer; aber
der junge Mensch blinzelte fragend, rührte sich nicht und sah nicht einmal
hin, als der Besucher vorüberkam. Cromer selbst öffnete ihm das Haus und
auch draußen blieb er dicht hinter ihm.
»Liebliche Nacht,« sagte der Unbekannte. »Man durcheilt sie, war da und
kehrt nie wieder. Aber ich habe nun doch auf Ihrem Stuhl gesessen; und von
jetzt an, so oft Sie in Ihrem Zimmer jenes Bild wiederfinden --. Ah!
Niemand hat das Recht, zu glauben, daß die Menschen nur aneinander
vorbeistreifen und nichts sei geschehen.«
Damit stieg er spinnenartig aus der Gartenpforte. Vor Cromer hielt er sie
zu. »Ich höre meinen Zug schon. Wenn Ihr Haus zum Verkauf steht, sehen Sie
mich wieder.« Und er verschwand im Schatten. Cromer ging schnell zurück, um
nach dem Polizeipräsidium zu telephonieren, man möge das Individuum im
Bahnhof erwarten. In der Nähe des Hauses zögerte er, er überlegte, daß
nichts Greifbares vorliege; im Grunde aber wußte er wohl, daß er gar nicht
gewillt sei, einzugreifen in die Vorgänge um ihn her, nicht fähig, das
Geheimnis, das heranwuchs, vor der Zeit zu zerreißen. Die Terrasse ward
soeben beleuchtet; der Diener hatte den Tisch gedeckt und stand eifrig
wartend. Cromer ging hinauf. »Philipp, warum haben Sie den Herrn
unangemeldet eintreten lassen? . . . Nun?«
»Welchen Herrn meinen der Herr?«
»Den, der soeben mit mir fortging.«
»Ich habe niemand mit dem Herrn fortgehen gesehen.«
»Sie haben niemand gesehen?«
»Nein.«
Cromer sah ihm in die Augen. Der Diener blinzelte fragend wie je. Da sein
Herr mit der Hand andeutete, die Sache sei erledigt, ging er voll
Beflissenheit an das Servieren.
Cromer suchte alsbald wieder sein Zimmer auf. Er nahm den Brief vom Tisch,
ihren letzten und traf mit dem ersten Blick die Stelle, bei der er
unterbrochen worden war. »Er sieht aus wie eine Spinne, und so unheimlich
und unentrinnbar gebärdet er sich auch . . . Natürlich klingt dies, von mir
gesprochen, lächerlich. Nicht wahr, Lieber, was ist unentrinnbar für
unsereinen. Meine Nerven, die neugierig sind, machen sich Erlebnisse vor,
mit denen mein bißchen Wirklichkeit nichts zu schaffen hat. Ich spiele; und
mir geschieht nur, was ich will . . . Um zu dem bewußten Herrn
zurückzukehren, so soll er verschuldet und etwas wie ein Hochstapler, nicht
nur ein geistiger, sein. Es würde stimmen zu meinen Eindrücken. Ich will
nachsehen, ob mir noch keine Wertsachen fehlen. Sobald ich Zeit habe,
Näheres. Aber das ist es, Zeit haben. Ich habe keine, und mir ist, als
sollte ich nie mehr welche haben.«
Die überhasteten Sätze keuchten das Papier hinauf, die Buchstaben brachen
zusammen. Hier endete ihr letztes Wort. Schweigend war sie dann an das Ziel
getaumelt, bis in eine böse, wirre Nacht, auf die für sie kein Morgen mehr
gefolgt war. Cromer sah sich in der Friedhofskapelle, die Händedrücke, die
er erwiderte, und gleich neben ihm, auf einem schwarzen Kasten, in Metall
geritzt, ihren Namen. »Habe ich Schuld daran? Es war wohl ein unabwendbares
Schicksal, auch für mich . . . Unabwendbar? So ist allein das Schicksal
derer, die nicht lieben. Ich hätte anders zu ihr sprechen müssen damals.
Jene Nacht war gemacht, damit ich sie in Wahrheit gewinnen sollte! Mein
Gott, was habe ich versäumt! Lida, du hast gelitten, unverständlich dir
selbst; und ich, der verstehen mußte, habe nur hingeblickt, um zu argwöhnen
und zu entlarven. Ich war natürlich nicht ohne Feinheit, das war ich nie --
aber so trägen Gefühls, mißtrauisch gegen mein eigenes Herz und ohne die
Güte, die keine Einsicht braucht. Verzeih' meiner Ungläubigkeit. Wenn du
kannst, so komm' -- auf die Gefahr, daß ich auch jetzt nicht an dich
glaube!«
Hinter ihm raschelte es, er fuhr herum. Ihre Briefe auf dem Tisch bewegten
sich. In der offenen Tür war die Luft schwach und kaum zu spüren, aber eins
der Blätter ward umgewendet, wie von einer Hand. Ihr letzter Brief: das
Innere des zweiten, halbleeren Bogens geöffnet, und Worte darauf. »Ich will
zu Dir! Ich will zu Dir!« Leo Cromer faßte sich an das Herz, er stand, sein
tiefster Gedanke wagte keine Regung. Plötzlich ein Griff nach der Lampe, er
stürzte hinaus, er durchsuchte mit den Augen den Schein, den er in den
Garten warf. Heftig ausatmend kehrte er zurück, er hielt den Brief unter
das Licht. Diese beiden Zeilen waren früher nicht dagewesen . . . Waren sie
dagewesen? Ihre Schrift schien echt, klarer höchstens und wie besänftigt.
So wären sie nicht dagewesen -- und dennoch von ihr? Noch nicht gedacht,
empörte ihn sein Zweifel. Weit unerhörter war sein Zweifel, als das, was
hier vorging! Er durchmaß mit starken Schritten das Zimmer. Da hielt er an,
die Mienen gelöst zu einem Lächeln des Selbstvergessens. Er löschte die
Lampe, setzte sich lautlos in den dunkelsten Winkel und sah, wie rufend
vorgeneigt, in jenes mondbleiche Gesicht, das lockte zu Geheimnissen, auf
die Hand am Vorhang, diese zweideutige Anmut einer Scheidenden, die
zaudert, ob sie umkehre.