Gleich beim Eintritt sah der Diener das Bild, das am Boden lehnte. Er
stutzte, sein eifriges, blondes Gesicht erschrak, und er schien dem Bilde
seine Mißbilligung auszudrücken, weil es seinen ordentlichen Platz
verlassen hatte. »Er müßte schon ein guter Komödiant sein,« dachte Cromer,
»sonst ist er eine wohlgeratene Dienerseele.« Er sagte: »Philipp, Sie
bringen mir den Tee ohne die Schürze, die Sie anhaben.« Der junge Mensch
betrachtete seine Schürze, blinzelte mit seinen geröteten Lidern und
erwiderte: »Beim Herrn Grafen von Alten kam ich in der Schürze.« Nein, er
verstellte sich nicht, die natürliche Erklärung des Vorfalles schien
mißlungen. Aber Cromer fühlte nicht das Bedürfnis, eine fernerliegende zu
suchen. Auf der Fahrt zur Stadt verlor er die Sache aus dem Gesicht.
Warum war er dennoch gegen Abend wieder draußen? Er versäumte sogar eine
Verabredung zum Essen. Leichter Kopfschmerz? Ruhebedürfnis? Gewiß; darum
schien es aber nicht nötig, den Garten zu durcheilen, als wartete Jemand.
Es war noch hell, Haus, Wege und Terrasse lagen nackt und klar unter blauem
Himmel. Im Zimmer an der Tapetentür -- nein, nichts, ganz
selbstverständlich nichts. Aber wenn begreiflicherweise niemand und nichts
auf ihn gewartet hatte, blieb doch zu bemerken, daß er selbst nicht frei
von Spannung gewesen war -- und vielleicht nicht frei von Hoffnung? »Wäre
es mehr als Kinderei, wenn ich etwas zu erleben wünschte, was eine
Fortsetzung des gestern Erlebten wäre? . . . Ach! Das Beunruhigende ist
keineswegs, daß ein Bild ohne erkennbaren Grund den Platz gewechselt hat,
sondern meine gleichzeitigen Gedanken. Indes sie kam, fühlte ich sie
kommen,« sagte er halblaut und mit Kopfschütteln. »Anderen soll ein
Sterbender von fern sich ankündigen, wenn sie ihn nur genug liebten. Ich
habe eine bevorstehende Rückkehr geahnt.« Denn es lag in ihm, trotz seinem
besseren Wissen, als hätte er ihre Spur berührt und von ihrem sich wieder
belebenden Schatten ein Zeichen erhalten. Das bessere Wissen sagte:
»Vorgefühl und Gesichte heißen mit ihren ehrlichen Namen Sehnsucht und
Reue. Man lebt nicht ungestraft ein illusionsloses und ungläubiges Leben --
nicht ungestraft, wenn man weder einen leichten Kopf noch ein stumpfes Herz
hat. Der Augenblick ist wohl gekommen, wo ein Wesen mir nicht unwillkommen
wäre, das ich verachtet und verworfen hatte.«
Er stand vom Stuhl auf, er wiederholte sich sein Geständnis am anderen Ende
des Zimmers, als müßte es dort anders klingen. Aber er vernahm nur immer
den Zweifel, ob es denn nötig war, daß sie starb. Da hielt er schon das
lederne Kästchen in Händen, mit ihren Briefen. Er las -- und er fand es
sonderbar, wieder ganz diesen Tonfall zu hören, als sei er erst gestern
ausgeklungen. Angesichts ihrer großen, raschen Schrift traten einem
unverhofft die wechselnden Mienen ihres im Ausdruck geübten Gesichtes
wieder vor Augen. Alle ihre früheren Mitteilungen waren offen, ohne
Rückhalt, und glichen so wenig diesen letzten, andeutungsvollen,
fieberhaften. Von dem ganzen Gastspiel nur der eine Brief -- und aus ihm
bebte die Hast des Zusammenraffens von Ruhm, Geld, Lebensgefühl.
Feststimmung jeden Abend, nach dem zweiten ihr Kontrakt verlängert, ihr
Auto vor dem Bühneneingang immer umlagert. Den Erfolgen entsprachen die
Huldigungen, und des Nachts hieß es, Rollen lernen. Jagd des Vergnügens,
Jagd der Arbeit, nie schnell genug, nie ergiebig genug -- aber mitten darin
etwas wie ein Atemstocken, verhaltenes Erschrecken: es ist nicht mehr weit
. . . »Wie lange soll dies alles noch dauern?« fragte sie. »Manchmal habe
ich es satt zum Sterben -- und sehne mich nach etwas, das kein Erfolg wäre,
kein Triumphieren, o, durchaus kein Triumphieren! Es muß Dinge geben, die
stärker sind als unser Wille: hier, gestern, bin ich zum erstenmal darauf
gestoßen worden; kann sein, daß ich noch mehr erfahre, etwas wie eine
Niederlage; denn Erlebnisse, die wir weder beherrschen, noch verstehen,
sind doch Niederlagen?«
Welch tiefinnere Überreiztheit, diese verderbte Neugier nach der
Selbstaufgabe! Cromer ward gequält davon, wie damals, beim ersten Lesen. Er
sah lange durch die offene Gartentür hinaus in die grau dämmernde Luft. Als
er zu dem Brief zurückkehrte, ließ sich im Zimmer nur schwer noch lesen. Er
entzifferte: »Der Herr, der mich auf diese Gedanken gebracht hat, scheint
an sich selbst nicht sehr empfehlenswert. Er sieht aus wie . . .« Hier ward
das Blatt geknickt von einem Luftzug, der so plötzlich einsetzte, als sei
auch die Tür im Hintergrund geöffnet worden. Sie stand offen; Cromer, der
niemand eintreten sah, tat eine raschere Bewegung, sein Stuhl fiel um. »So
finde ich doch Menschen hier?« sagte eine Stimme, -- und von der Farbe des
Schattens und schlecht aus ihm herausgelöst, zeigte sich eine Gestalt, die
auf hohen Beinen einen kaum erkennbaren Körper fortbewegte. Zwei lange
Schleichschritte, ein zuckendes Anhalten, und wieder ein Anlauf, mit
Verbeugungen über jeden Schritt des linken oder rechten Beins: so kam es
herbei. Cromer, im unwillkürlichen Drang, es aufzuhalten, drehte die
Tischlampe an; der grelle Schein fiel genau auf die Gestalt, da stand sie.
Cromer sah einen großen und scharfen Kopf, der spöttisch grüßte, und, mit
seinen Brillen funkelnd, sagte: »Ich komme wegen des Hauses. Es ist zu
verkaufen.« Und auf Cromers trockenes Nein: »Wie, nicht zu verkaufen? Man
hätte mich falsch berichtet . . .? Oder, die Wahrheit zu sagen. --« Der
Besucher spreizte die Hand, mit einer bedeutsamen Rundung zwischen Daumen
und Zeigefinger. »Vielleicht hat niemand mich berichtet. Nur meine
Einbildung verhieß mir, dies Haus, abseits und verschollen« . . . Er
wiederholte: »Verschollen . . . Genug, ich ziehe mich zurück. Es war dunkel
überall, kein Mensch trat mir entgegen, Verzeihung für mein Eindringen, ich
bin . . .« Er murmelte, sich abwendend, etwas wie einen Namen, wobei er den
gefalteten Sommermantel wieder hinaufschob auf die Schulter, die höher
schien als die andere. Dabei zögerte er und spähte die Wand hinan. Auch
Cromer wendete sich hin -- und er fuhr zurück, das Bild sah ihn an, ihr
Bild, mit ihrem kühnen und lockenden Lächeln, an dem Vorhang, aus dem sie
kam, oder in dem sie verschwinden sollte.
»Ihnen ist unwohl?« fragte der Besucher. Cromer faßte sich.
»Nein.« Seiner noch nicht sicher, setzte er hinzu: »Sie scheinen das Bild
wiederzuerkennen?«
»Nicht im geringsten.« Der Besucher spreizte schon wieder bedeutsam die
Hand. »Höchstens, daß es mich erinnert hat, an eine berühmte
Schauspielerin, die ich kannte.«
»Die Sie kannten.«
»Will sagen, ich weiß nicht einmal, ob sie berühmt war. Ich bin kein
Weltmann.« Dabei lächelte er bescheiden und geistreich. »Aber es gibt
Stunden, und eben Frauen, wie jene, die mir einmal begegnete, haben wohl
solche Stunden, da spricht man zu einem Erstbesten, was man nicht einmal zu
sich selbst sprechen würde -- geschweige zu seinem Nächsten.«
Hier schien sein Blick hinter den Gläsern den Tisch zu streifen, mit den
Briefen darauf, ihren Briefen. »Wollen Sie sich nicht setzen?« sagte
Cromer.
»Danke. Ich verweile nicht ungern ein Wenig. Der Zug fährt erst in einer
halben Stunde hier vorüber. Ich bin ermüdet vom Reisen. Eine Reise, das
Leben,« sagte er und legte, einer Anerkennung gewärtig, die rasierten
Lippen in Falten. Cromer wechselte ungeduldig den Platz. »War es denn so
bemerkenswert, was die Dame Ihnen erzählte?« fragte er nachlässig. Der
Besucher machte es sich bequem, er stützte den schwachen Körper gegen seine
umeinander gewundenen Beine, ließ eine Hand, die schmale Hand eines
Verkrüppelten, über das Knie hängen, und lugte hervor unter seiner
niedrigen, aber umwölkten Stirn, in die Löckchen fielen.
»Bemerkenswert?« sagte er klangvoll und mit runder Aussprache. »Keineswegs
für den Freigeist, der ich bin. Aber wenn Sie es hören wollen, wohlan denn!
Ich glaube nicht, daß die berühmte Schauspielerin mir zürnen würde. Sehr
wahrscheinlich, daß sie alles nur in der Phantasie erlebt und es längst
wieder vergessen hat . . . Sie war damals der Gast eines kleineren
Theaters, dessen Spielplan sie unbedingt beherrschte. Sie hatte sich Rollen
mitbracht, darunter eine, die nirgends erprobt und niemanden bekannt war.
So wenigstens sagte sie mir -- und setzte hinzu, daß trotzdem in einer
Gesellschaft ein Unbekannter ihr den Inhalt eben dieser Rolle deutlich
vorhergesagt habe, ihn ohne weiteres erraten habe aus ihrem Gehaben, aus
unmerklichen Zeichen, einem Lachen, einem Nichts . . . Eine
Taschenspielerei, wie? Die Künstlerin -- man begreift, eine Künstlerin --
kann es nicht so leicht nehmen, wie sie möchte. Der Unbekannte verfolgte
sie nun.«
Der Unbekannte auf dem Stuhl dort lächelte durchdringend. Oben auf seinen
Wangen war ein wenig Röte erschienen. »Sie spielt die Rolle, die er erraten
hatte, und glaubt ihn im Theater. Sie spielt matt, wie betäubt! mit einem
Schlag wacht sie auf, legt los, erreicht alles, was sie will! Nachher
erfährt sie . . .« Der Unbekannte stieß die Worte einzeln aus, er
punktierte sie mit seinen langen Fingern auf dem Knie, und sein spitzes
Gesicht ward unerbittlich anzusehen. »Bei dieser Szene hatte er das Haus
betreten . . . Hier faßt sie die Angst, zum erstenmal echte Angst; sie
schilt sich aus, weil sie versucht ist, abzureisen, nur um nie dem Menschen
wieder zu begegnen, -- der übrigens persönlich nicht weniger unheimlich
gewirkt haben soll, als durch seine Taten.« Das Lächeln des Unbekannten
ward feucht und krampfhaft, ein Lächeln, gemacht aus Bosheit, Eifer und
Scham.