Als am Ende des Sees der Zug hielt, stieg Leo Cromer, ohne die Gedanken an
die gehabte Beratung abzubrechen, aus, ging in dem Mondlicht um den
Schuppen herum, der eine Bahnhofshalle bedeutete, und betrat den dunklen
Baumgang. Einmal erhob er den Kopf; hinter den Stämmen das Wasser lag weiß
wie Gewebe des Lichts, die Ufer schienen unwirklich, die Stille ein
Geschrei von Geistern . . . Dies war der dichtere Schatten seines eigenen
Grundes, er stand und atmete die verborgene Wärme, das tiefe Alleinsein.
Dahinten, zu Wolken versilberten Laubes hinab, stieg die flimmernde Treppe
seines Hauses, die Vasen rannen über von Licht, die Stufen hernieder ging
es wie eine Schleppe. Sie ward bewegt! Aus ihren Falten neigte sich ein
Fuß! . . . »Was heißt das?« dachte Cromer. »Jetzt habe ich also Gesichte?
Ich scheine nicht eben glücklich zu sein -- wenn gerade sie sich mir
zeigt?« Er fragte noch: »Wäre ich es denn zufrieden, daß sie, wie früher,
wenn ich aus der Stadt heimkam, bei dem Busch dort auf mich zuträte? Bin
ich schon alt und müde genug, um billig zu sein und mich zu bescheiden?
. . . Sie hat wohl gebüßt,« sagte er; aber er hob die Schultern. »Buße? Ein
Wesen wie sie, stirbt aus Zorn, seiner Selbstachtung zuliebe, oder einfach
um des guten Abgangs willen. Nicht für mich ist sie gestorben! Ich habe ihr
nicht zu danken gehabt. Ich habe nichts bereut.«
Auf der Terrasse angelangt, wendete er sich nochmals um; er sah aufwärts
und hinab, zu dem Garten, der dunkel duftete, und in die breiten
Sternenströme des Augusthimmels. »Wer schlafen geht, versäumt viel, -- aber
auch, wer denken und handeln geht . . . Unsereiner weiß dies von vormals;
ganz erfaßlich sind solche Nächte nicht mehr für uns . . . Was für Gedanken
übrigens bei jemand, der geradeswegs aus einer Versammlung von
Machtmenschen kommt! Ich kenne mich längst, die Fragen sind erledigt, ich
habe nichts versäumt, was mir gegeben war. Erfolge: ich habe sie gekannt.
Ich habe mit Menschen übergenug zu tun gehabt, ich habe Frauen und Männer
erobert und niedergekämpft, habe vielen die Spur meines Daseins
aufgedrückt, die mich hassen oder lieben mußten. Ich habe selbst gehaßt,
selbst geliebt.«
Er zog sich gegen die Fassade zurück, in den Schatten eines Pilasters. »Wie
dies alles schal wird, sobald man es sich rühmen möchte! Wie es zerrinnt!
Menschen: habe ich denn mehr bei ihnen erfahren, als ein kraftloses und
schmerzliches aneinander Hingleiten? Das Leben ist vergangen wie eine
Diskussion im Klub; man hat einander amüsiert oder weh getan, zum Schluß
aber steht jeder auf, mit seiner Meinung. In Wahrheit habe ich keinen Mann
überzeugt, keine Frau ganz gewonnen, habe niemand je zu mir
herübergebracht.«
Angstvoll folgte sein Blick der Bahn der Sterne, die herabstürzten aus dem
wimmelnden Schein, und die, bevor das Auge sie erfaßte, schon im Dunkel
waren. »Die Menschen halten einander nicht. Ich habe Lida nicht gehalten.
Woher der bittere Geist, der Seelen nehmen will und doch nicht an sie
glaubt! Ich habe lieber verworfen als standgehalten, und bessere Augen für
den Verrat gehabt als für die Hingabe. Lida wenigstens ist mir die Antwort
nicht schuldig geblieben, die Toten haben das letzte Wort. Da stehe ich nun
. . .«
Und er dachte an die längst Vergangene, so nahe, als triebe der
Geisterstrom des Mondlichts, in das er hinausstarrte, ihn bis zu dem Ufer,
wo ihr Schatten wartete. Sie war das glänzende Glück seiner ersten reifen
Jahre gewesen. Er hatte Erfolge gehabt, die bekannt wurden; diese Liebe,
die er entgegennahm, trug zum erstenmal Zeichen von Tribut und Lohn. Aber
auch er huldigte ihrer weltlichen Geltung, dem Reichtum an Bewunderung, dem
die schöne Schauspielerin gebot. Sie liebten einander, wie Geist und Sinne
den Vollbesitz des Lebens lieben. Ihre Beziehungen waren unsentimental und
darum gefährdet bei jedem Versagen. Monate lang getrennt durch ihre
Gastspiele und seine politischen oder Geschäftsreisen, erwarteten sie
einander immer nur auf der Höhe und den Ereignissen überlegen. Probleme?
Jeder von ihnen hatte sie bei anderen abtun können; zwischen ihnen beiden
lagen keine, sie hätten sonst, anstatt ihre Heirat zu erwägen, einen
raschen Strich gezogen. Warum nur, bei solchem Einverständnis, die
unvermittelte Befangenheit seit ihrem letzten Gastspiel, das Erzwungene
jenes Briefes, und als sie zurückkam, das unklare Wesen? Er glaubte an
Mißerfolg, Krankheit, Geldverluste, nur nicht an das, was dann in der
Abschiedsszene wund und verworren endlich aus ihr hervorkam, weil er es
hervorzerrte. Sie hatte ihn betrogen. Wozu betrogen? Sie war frei, war
stolz, nichts nötigte sie, zu berechnen und zu lügen. Sie war vor ihm
zusammengebrochen und weinte -- und er empfand, was er mit ihr, mit ihr nie
hätte empfinden dürfen, Mitleid, ein verachtungsvolles Mitleid. Er drehte
ihr den Rücken. Gleich nachdem er ihre Wohnung verlassen hatte, geschah das
Unglück.
Ein gewöhnlicher Unglücksfall. Die Frau, die nun nicht mehr da war, hatte
sich selbst verloren, bevor er sie verlor. Ihr Ende war äußerlich,
schattenhaft; ihn, der als Freund einer beliebten Künstlerin an ihrem Sarge
repräsentierte, ging es noch weniger an als die anderen. Was ihm übrig
blieb, war Bitterkeit, Zorn und eine Vermehrung seiner Zweifel am Leben
selbst. Man konnte noch gewinnen, man konnte nicht mehr glauben, zu
besitzen . . . Dennoch hatte er wieder geliebt, Zwischenfälle, die auch
schon dahin waren. »Ebenso gut könnte ich der oder jener gedenken, warum
ihrer? Ist es, weil sie sterben mußte, und weil solche süße und weiße Nacht
werben möchte für den Tod? Es ist wahr, sie kam als Letzte, bevor ich
alterte. Aber noch jetzt bin ich weit von fünfzig.«
Er trat in das Haus; es schien ihm erfüllt von einem Duft, wie wenn das
Mondlicht geduftet hätte. Durch das offene Fenster seines Zimmers fiel es
auf die Wand, scharf abgegrenzt und weiß wie ein Spiegel. Er ging im
Dunkeln zu Bett, suchte aber nicht einzuschlafen. Es schien ihm
eigentümlich nutzlos, Verzicht zu leisten auf dieses ungewollte
Lebendigwerden toter Stunden, toter Augen. Sie waren da, viel eher konnten
Stunden und Gesichter des bevorstehenden Tages ausbleiben als sie. Sie war
da! Ihre Augen waren da, ihr Lächeln kühn und lockend wie je! Aus der Tür
ihres Zimmers hervorgetreten, stand sie in einer fremden Helligkeit ihm
wirklich gegenüber und sah ihn an! Er fuhr auf: »Lida!« -- und ihm setzte
das Herz aus. Da begriff er, daß es nichts war als ihr Bild, die große
Photographie, die er nach ihrem Tod aus seiner Nähe entfernt hatte. Das
Mondlicht war dorthin gerückt, scharf begrenzte es das Bild. Wie aber kam
das Bild auf die Tapetentür, genau auf die Tür? Cromer sah nach; Das Bild
war unbeweglich; unten versperrte es den Türgriff, man konnte nicht öffnen.
Er drehte die Beleuchtung auf. Durch zwei kleine Löcher in der Tapete lief
eine Schnur hin und zurück und in die Ringe am Rahmen. Er wollte einen der
Knoten lösen: da war es keine Schnur, es waren viele Fäden, seltsam weich
und zäh. Er riß; das Bild stürzte, und in der Hand hielt Cromer eine lange
goldblonde Haarsträhne.
Darauf sah er in das Gesicht der Toten. Er fragte: »Wozu dies, da es
unmöglich ist. Wozu Rätsel aufgeben, die keine sein können . . .« Dennoch
zögerte sein Gedanke, nicht anders als sie, die Tote, dastand und zögerte.
Sie hielt eine Hand, eine ihrer vielsagenden Hände am Saum eines Vorhanges,
den sie nicht öffnete. Den Kopf verheißend zur Schulter geneigt, die Augen
so wissend in ihrer Umschattung, und dieses Lächeln der gelösten Lippen, --
aber sie öffnete nicht den Vorhang. Er zuckte die Achseln. Die Haarsträhne
ließ er nochmals sachlich durch die Finger gleiten, dann warf er sie zu dem
Bild. Mochten es Frauenhaare sein, so waren es doch nicht ihre. Er hatte
sich keine von ihr zurückbehalten, er war weit davon entfernt gewesen. Sein
Diener, ein eifriger Mensch, hatte in der kurzen Zeit seines Hierseins
schon mehrere Zeichen von Selbständigkeit gegeben. »Er hat es richtig
gefunden, mich mit dieser Neuerung zu überraschen. Die Art der. Befestigung
ist auffallend. Immerhin ist er jung und offenbar romantisch. Ich werde ihn
auffordern müssen, es weniger zu sein.« Er wollte läuten, zog aber die Hand
zurück. »Bin ich denn neugierig? Welchen Zweck hätte es, in der Nacht ein
Gespräch vor diesem Bild zu führen?« Er zuckte die Achseln, stärker als das
erste Mal, und ging ernstlich schlafen.