So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen
Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben
Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern
Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten,
Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern,
Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich
Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich
Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern,
Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel,
Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen.
Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln,
Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet,
Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse!
Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern,
Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke
Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine,
Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen
Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen,
Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen,
Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne,
Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge
Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend
Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit
Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht
Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen,
Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß,
Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes
Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite,
Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände,
Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet,
Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken,
Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen.
Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe,
Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder,
Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er
Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen!
Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden,
Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut,
Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise,
Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein.
Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte,
Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung
In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn,
Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen,
Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe,
Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung
Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken,
Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er
Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen?
Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle
Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte,
Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde
Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen,
Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt.
So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen,
Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung,
Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen,
Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage.
Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen,
Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken
Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen.
Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt,
Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen,
Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer!
Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine,
Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig!
Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken,
Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen,
Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig!
Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten,
Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen,
Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen!
Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten,
Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben,
Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin!
Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe,
Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen,
Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal.
Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,
Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken,
Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen,
Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet.
Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue,
Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände:
Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle!
Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte,
Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen.
Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel,
Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich
Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung
Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern
Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben,
Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe
Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung
Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken,
Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen
Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken.
Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle,
Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken,
Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen
Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte,
Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet.
Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege,
Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile,
Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei
Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen,
Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne.
Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied
Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen,
Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen,
Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen.
Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen
Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen,
Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange,
Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich!
Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede,
Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles
Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher
Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel.
Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche,
Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube,
Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien
Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber,
Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert:
Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen,
Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt,
Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig,
Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte
Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen.
Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie,
Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend,
Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager,
Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet,
Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren,
Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen.
Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange
Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung
Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat.
Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite,
Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich
Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens
Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer.
Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige
Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen,
Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen
Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern,
Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend,
Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen
Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet.
Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause
Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich
Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes
Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren,
Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig.
Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten,
Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern,
Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche,
Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er
Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet,
Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe.
Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege.
Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze.
Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde!
Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden!
Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer,
Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich.
Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben?
Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich,
Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen,
Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren.
Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge,
Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre,
Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet.
Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise,
Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen,
Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln,
Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen,
Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte
Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack
Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung,
Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden.
Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das?
Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde!
Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung!
Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe
Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen,
Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben,
Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme
Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen
Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig?
Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen,
Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,--
Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte,
Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend.
Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme,
Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig
Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen?
Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen.
Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben,
Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber,
Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden!
Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen:
Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen!
Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne,
Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze!
Siebenter Gesang.
Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne
Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger
Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen--
Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen,
Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden,
Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben,
Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter
Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen.
Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte
Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht
Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten,
Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen.
Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler
Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden
Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen.
O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter
Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück
Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt,
Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben,
Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen,
Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen,
Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist,
Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben,
Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen,
Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen.
Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste,
Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten,
Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen.
Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen,
Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder
Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen,
Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet:
Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen,
Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde,
Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute,
Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen,
Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern.
Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge,
Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen,
Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide
Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel,
Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen,
Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen,
Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine
Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel
Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde
Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen
Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen,
An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern
Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer
Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche!
Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert
Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster,
Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen
Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen,
Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher,
Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen!
Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag
Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen
Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte?
Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben,
Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen,
Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich,
Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen
Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest,
Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären.
Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert,
Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung
Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars,
Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln
Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen,
Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune,
Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten,
Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen
Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung,
Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten
Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken,
Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen
Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten,
Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe,
Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre,
Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen
Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es
Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren,
Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe,
Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen!
Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles,
Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind,
Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen!
Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen,
Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben,
Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet,
Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe.
Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen,
Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig,
Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr,
Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter.
Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen
Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen,
Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller
Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten
Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen,
Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme:
Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben!
Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten,
Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten,
Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler
In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen
Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte:
Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte
Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen,
Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen?
Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht
Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde
Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen,
Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten:
Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern
Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen,
Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen!
Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung
Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben
Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden.
Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen
Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends
Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen
Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft
Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben:
Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen!
Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen,
Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen,
Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen,
Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen,
Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber,
Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken!
Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin,
Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend,
Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten.
Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden,
Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten,
Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen
Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel,
Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen
Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd
Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe
Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche,
Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen,
Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen,
Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar,
Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen,
Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel
Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe,
Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung
Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles,
Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin
Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen,
Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben!
Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben,
Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke,
Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns,
Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden,
Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren,
Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben!
Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger,
Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend,
Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte
Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen
Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt
Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde
Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter,
Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter
Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben,
Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen,
Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen.
Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet,
Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen,
Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen:
Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden!
Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege
Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen,
Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen!
Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich,
Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen,
Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Städtchen,
Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden.
Als er zurückkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen,
Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spähern
Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange,
Doch ich lache darüber, es ward noch keiner ergriffen,
Welchen der Jäger beschützt, und scheint dies alles auch seltsam,
Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter!
Redlich hält er auch Wort und schafft sie über die Grenze,
Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten,
Daß sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drängte,
Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte,
Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie
Mit sich selber allein. Die Berge treten allmählich
Mit den Wäldern zurück, und offen breitet die Straße
Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ängstlich,
Weil ihn neben den Spürern und Streifern zu Fuß und zu Pferde,
Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen,
Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken,
Welche Städte mit Städten und Länder mit Ländern verbinden
Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befördern.
Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und düster,
Daß er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen
Spinnennetz zu entschlüpfen, an dem die Könige weben,
Und so ziehn sie einher, als wären sie Schelme und Diebe,
Tragen unendliche Last und Mühe bei Tage und müssen
In den ödesten Schenken die traurigsten Nächte verbringen.
Welch ein verändertes Los für beide! Wie hart und wie bitter!
Doch je härter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung,
Um so ruhiger wird's der flüchtigen Mutter im Busen,
Christian aber fühlt sich getröstet durch den Gedanken,
Daß er doch alles teilt, und daß sie nicht ohne ihn irren.
Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken,
Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen,
Und so oft es auch scheint, als wäre man ihnen im Nacken:
Immer sind sie so glücklich bei Nebel und Nacht zu entkommen.
Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich täglich,
Die sie brauchen in Bremen, um überfahren zu können,
Und sie prüfen schon oft die überflüssigen Kleider,
Die sich verkaufen lassen, um dieses Lücke zu decken.
Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Türe,
Und mit vielem Gelärm, er konnte die Klinke nicht finden,
Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend,
Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben?
Ruft ihm Christian zu. Zurückgekehrt aus der Traufe
In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet,
Welches der Schmied verlor. Es ist noch ärger da drüben,
Und wir Deutsche besonders, wir müssen uns ducken und drücken,
Wie die Hunde bei uns! Denn wäre der Schmied nur ein Franzmann,
Oder ein Beefsteak-Fresser, so würden schon ganze Armeen
Über die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen
Legt der Mörder sich schlafen, und keiner stört ihm die Ruhe,
Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinüber!
Wirft ihm Christian ein. So laß dich warnen! erwidert
Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen,
Fordert sich Wein und rückt heran. Wir haben uns drüben,
Wie in Ägypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese,
Weil sie uns fürchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa
Mußt du stehlen, bevor man dich hängt. Dort wirst du gehangen,
Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage:
Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken,
Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert?
Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und ärmer,
Aber auch klüger zurück. Man hat mir vernünft'ger gepredigt,
Als in der Jugend geschah. Du weißt doch, daß man dich einmal
Schändlich bestahl? Wo hast du Güter? Wo stehen die Häuser,
Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kühe?
Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren
Wurdest, und halten es fest. Das hat der klügste Franzose
Ausgespürt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten,
Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern,
Denn das jüngste Gericht ist nah. Du mußt nicht erwarten,
Daß in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen,
Diesen hat man die Flügel gestutzt, wir blasen uns selber,
Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die Äxte!
Deinen Jungen beneid' ich! Er wächst ins goldene Alter,
Wie in den Frühling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen.
Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher!
Bist du's etwa geworden? Ich hörte so manches in Hamburg.
Hast du im Trüben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen?
Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch hätt' ich
Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Büttel geschrien,
Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze
Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer
Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3),
Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten,
Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten.
Christian schlägt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten,
Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen,
Daß ich dir Gutes verkünde, du selbst gehörtest ja früher
Zu den Schluckern, für welchen die weißen Haare des Scheitels
Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten hätt' ich
Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen!
Daß sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen
Auf den Kampf uns gefaßt, doch daß sich ihren Soldaten
Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten,
Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet.
Aber, du tust auch nur so, ich weiß ja von Wilhelm und Anna,
Daß man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen
Nicht auf heimlichen Straßen, wie arme Teufel vom Handwerk,
Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese.
Deine besten Bekannten in Hamburg schütteln die Köpfe,
Und die Feinde und Neider erzählen sich schlechte Geschichten:
Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das Ärgste!
Denn ein Millionär verschmerzt die geringen Verlüste
Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flüchen,
Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich höre,
Euch zu erwischen, als gälte es Diamanten und Perlen!
Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte:
Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten,
Daß uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken,
Nun, so geh' ich hinüber, und das noch morgen! Denn nimmer
Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen,
Oder dem ärmsten der Kinder sein einziges Erbe verkürzen,
Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren!
Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren,
So verlaß dich darauf, ich würde, wenn Ihr Euch regtet,
Selbst den Wuchrer beschützen, und wären wenige Stunden
Früher mein Weib und mein Kind vor seiner Tür verhungert,
Und ich hätt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage.
Denn ihr seid ja ärger, als Feuer und Wasser und alles,
Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Löschen?
Dieses wäre gesagt--und nun für immer geschieden!
Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen,
Doch ich glaube dir nicht, und wär' ich, wie du mich schilderst,
Würd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten,
Daß du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde,
Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten.
Aber, ich wünsche dir Glück auf allen Wegen und Stegen,
Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn,
Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken.
Christian schweigt, er fühlt sich von diesen Worten getroffen,
Doch Magdalena erglüht und ruft: Ich will es dir sagen,
Was uns treibt, daß du's weißt! Wir haben für Mittel zur Heirat
Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ängstlich,
Um ihn nicht geben zu müssen, denn dieses würde mich töten.
Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue,
Daß ihr die Welt nicht kennt! Wie könnt ihr Toren nur glauben,
Daß man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles!
Hieß es ja doch, sie hätten den sehnlichst erwarteten Erben
Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren
Und sie gingen in Trauer! Mich dünkt, ich sehe den Toten!--
Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen
Sehn sie die Türme der Stadt. Als Magdalena erzittert
Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe
Über der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig:
Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben,
Wie ein verhökertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter,
Als sie selber gefürchtet, sie schienen mir beide so edel,
Daß ich mich meiner schämte, so wie ich ihrer nur dachte:
Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln,
Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen,
Wenn ich sie sehe, und kühn dabei die Augen erheben:
War die Rechnung nicht richtig? Sie fühlt sich selber ermutigt
Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern
Oder ängstlich zu tun und hin und wieder zu blicken,
Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna,
Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten,
Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert
Taler mehr im Vermögen, denn diese sind uns versprochen,
Wenn wir verkündigen können, wo ihr euch befindet! Da seid ihr,
Und nun brauchen wir bloß die Türe zu schließen, so haben
Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel,
Und wir wollen uns erst durch einen tüchtigen Kaffee
Für die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig.
Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Köpfe
Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Räubern und Mördern!
Wenn es euch aber gelüstet, das Geld zu verdienen, so haltet
Nicht beim Feuer euch auf und tändelt mir nicht mit dem Knaben,
Eilt, so sehr ihr nur könnt, ich kam, mich selber zu melden,
Und ich hoffe sogar, am Galgen vorüber zu kommen.
Manchen Späher bemerkt' ich und manche verdächtige Schenke
Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen;
Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung,
Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloß mir die Straße.
Wohl dir, daß du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm,
Nur mit Mühe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend,
Denn man hätt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Häfen
Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert!
Christian ballt die Faust, doch Anna verschließt ihm die Lippen
Mit den Fingern und spricht: Es wäre doch besser gewesen,
Wenn du in irgend ein Netz gegangen wärest, du hättest
Weniger Sorgen gehabt, auch würde der Knabe nicht husten,
Denn du flohst vor dem Glück, und haben sie Späher gesendet
Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen,
Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert,
Daß sie die Schuld dir erlassen, ich weiß nicht, welche sie meinen,
Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge.
Christian deckt sein Gesicht mit beiden Händen, ein Zittern
Überkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mächtig,
Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er:
Nun, so bin ich nicht wert, daß Sonne und Mond mich bescheinen,
Und ich rufe die Flüche, die eben, was sollt' ich's verhehlen,
In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest,
Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber!
Magdalena jedoch, der längst die Tränen entströmten,
Schließt ihn rasch in die Arme und küßt ihn und zeigt ihm den Knaben,
Dem sie die Händchen gefaltet und dessen verwundertes Lächeln
Über sich selbst und die Mutter sein Rasen bändigt, so daß er
Sich nicht schlägt und zerrauft, wie er wollte, im Wüten der Reue;
Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen.