Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder
Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen,
Daß wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen!
Wär's für den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen,
Wenn die Grille ihm käme, so kann es dem Armen noch minder
Glücken: er muß sich ernähren und also heraus um die Arbeit,
Und wir wissen's am besten, wie wenig der dürftige Pfenning,
Den sie nahmen für sich, genügt, sie Monde und Jahre
Zu erhalten, so tröste dich jetzt, was du früher beklagtest!
Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben?
Oder können sie nicht in fremde Länder entkommen?
Nein, ich ängstige mich zu Tode! Je länger es dauert,
Um so weniger dürfen wir hoffen, sie wieder zu finden!
Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe,
Wo sie erlagen, und kann die Gräber mit Blumen verzieren,
Aber ich werde sie nicht für ihre erduldeten Leiden,
Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrängen.
O, wie werd' ich gestraft! Ich wußte mein Glück nicht zu schätzen!
Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte,
Garnicht weiß, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde
Hab' ich mit drückende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer
Wär' ich dem Doktor gefolgt, auch hätt' er's gewiß nicht geraten,
Wenn nicht die törichte Scham vor anderen Müttern, verbunden
Mit dem sündlichen Neid auf ihre blühenden Kinder,
Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde
Mir das Herz in der Brust verhärtet hätte! Mich quälen
Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter
Ausgewanderter Mädchen und Knaben, wie sie mich früher
Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wünsche,
Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen,
Lösen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen,
Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen!
Da erschallt vor der Tür die laute Stimme des Doktors,
Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden!
Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet,
Holen lassen, verwirrt und blöde folgen die andern:
Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben,
Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen,
Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend,
Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten.
Aber die Gattin faltet die Hände und hebt sie zum Himmel,
Preßt dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich genieße
Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfüllung
Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern.
Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten,
Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen
Dieser Knabe der nächste, denn ihm verdank' ich den Frieden,
Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert,
Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert.
Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Tränen nicht sehen!
Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen
Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jägers!
Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich läutern,
Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schütztest du selbst ihn
Mit allmächtiger Hand! Für alles sei mir gepriesen!