Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter,
Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise!
Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe.
Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde,
Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen,
Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen
Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense
Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel
Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut,
Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet,
Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert,
Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte
Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne
Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel
Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne,
Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen
Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags,
Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang.
Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte
Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse,
Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen
Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde
Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen,
Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen,
Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können,
Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder.
Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken
Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise
Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken,
Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen
Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute,
Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit
Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen,
Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung
Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert.
Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet,
Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben
Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen.
Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen,
Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde
Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen
Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten,
Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden,
Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet,
Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie
Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil
Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite,
Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet:
Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden,
Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden.
Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen,
Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein,
Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen.
Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln,
Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen,
Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling
Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung.
Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken
Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken,
Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken,
Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen,
Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade,
Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen
Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken,
Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten!
So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten,
Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich
Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten,
Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe
Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte,
Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte,
Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten.
Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten,
Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten
Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen,
Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen,
Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten
All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen
Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen,
Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen,
Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen.
Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen,
Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel
Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet,
Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend,
Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide,
Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer,
Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn,
Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern.
Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte
Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen,
Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen,
Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines
Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste
Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen,
Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich
Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren,
Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern,
Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung
So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben
Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände
Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte,
Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen
Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig,
Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen,
Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert
Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche,
Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens
Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer
Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn
So von allem zugleich, was für den traurigen Winter
Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine
Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte,
Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind,
Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis
Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre
Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen,
Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen
So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen
Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte,
Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten,
Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner
Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist.
Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen,
Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt,
Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen,
Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne,
Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche
Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite,
Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern.
Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung,
Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer
Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie
Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich
Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen.
Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen,
Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste,
Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt,
Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt
Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel,
Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet.
Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten,
Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen
Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte
Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben
Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar
Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste,
Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre
Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause?
Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen,
Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein
Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen,
Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte,
Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich
Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert:
Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen,
Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen:
Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet,
Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen,
Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen!
Sechster Gesang.
Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin
Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis,
Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren.
Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen
An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift,
Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen,
Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden,
Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird:
Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter
Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern,
Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung,
Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen
Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde,
Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde,
Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich,
Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet.
Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen
Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde
Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah
Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar,
Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet,
Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden
Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen,
Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern.
Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre,
Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert.
Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva!
Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten
Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände
Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung.
Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben
Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter,
Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg
Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen,
Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet,
Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer
Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel,
Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert.
Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde
Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert,
Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen
Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen,
Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen
Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen.
Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien,
Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege,
Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen:
Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern,
Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen,
Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich
Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern,
Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs,
Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern
Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig!
Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände,
Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde
Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen.
Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!--
Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger,
Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte,
Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste
Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen,
Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben,
War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte,
Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste
Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten,
Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland
Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft
Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme
Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften.
Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes
Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier
Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling
Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen,
Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert.
Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg
An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln,
Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen
Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend,
Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet,
Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet.
Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter
Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern
An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter,
Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater
Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig
Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber,
Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen
Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher
Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche
Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt!
Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar,
Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen,
Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert?
Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle
Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle:
Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer,
Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern
In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder,
Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen
Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!--