Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein,

Denn die grimmige Kälte war umgeschlagen, es hatte

Tüchtig geschneit und die Wege verschüttet, da galt es, zu schaufeln,

Aber das tut der Bauer allein für die Posten des Königs.

Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen

An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde,

Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die längst schon

Ungeduldig geharrt und gespäht durch das niedrige Fenster,

Ruft ihm, mit hastigen Händen das eingefrorene öffnend,

Über die Straße entgegen: Ich muß dich heute noch sprechen!

Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter,

Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schüttelnd,

Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann.

Jetzt auch währt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere

Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer

Würd' er sie anvertrauen, er muß sie selber besorgen.

Aber, nachdem er sie alle mit wärmenden Decken behangen

Und in die reinlichen Tröge den goldenen Hafer geschüttet,

Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kümmel erquickt hat,

Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer

Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinüber,

Denn es ist ihm zu neu, sein Mädchen rufen zu hören,

Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie

Ganz allein in der Küche bei ihrer Lampe, die andern

Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite,

Und er verwundert sich sehr, sie unbeschäftigt zu finden,

Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch

Kann sie, das weiß er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen,

Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu dürfen.

Aber, wie wächst sein Erstaunen, als sie, die Schämige, Scheue,

Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drückend,

Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bären nicht fressen!

O, ich weiß es gar wohl, was über dem Meer dich erwartet,

Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen,

Und den Menschenverkäufern, die schlauer, wie ehmals die Werber,

Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet,

Denn noch nie ist das Herz mir bedrängt gewesen, wie gestern,

Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten

An der Straße und weisen dich stumm zurück in die Heimat,

Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele,

Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig

Hinter sich läßt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du

Endlich selber zu einem. Und kämst du auch wirklich ins Goldland,

Ohne vorher zu verhungern, und wärst so glücklich, die Ader

In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du,

Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Räubern erschlagen,

Denn der Teufel regiert, und einer tötet den andern,

Um nicht graben zu müssen und dennoch Schätze zu häufen!

Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre:

Kalifornien ist der offene Rachen der Hölle,

Welcher sich plötzlich geöffnet, um Seele und Leib zu verderben,

Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorüber!

Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend:

Immer hab' ich dich sonst gefaßt und besonnen gefunden,

Hat denn deine Natur auf einmal sich völlig verändert?

Gehen werd' ich gewiß, doch hätt' ich dir's gern noch verborgen,

Um dir das Fest nicht zu trüben, allein der Schmied und der Tischler

Haben geplaudert, da wär' es dir dennoch zu Ohren gekommen

Und du hättest am Ende geglaubt, ich wollte dich täuschen,

Darum mußte ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter,

Monde noch nennen wir unser, warum sie sündlich verjammern?

Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen

Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen,

Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen!

Aber sie lächelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen,

Um es bestätigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen!

Siehe, ich flehte ihn an, die Prüfung, wenn auch nicht gänzlich

Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden,

Und er hat mich erhört. Was sollte ich nun nicht ertragen,

Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde

Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem wär' ich erlegen.

Aber du weißt ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft

Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe.

Schüttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage,

Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet

Oben schon lange auf dich, so geh und höre das Weitre!

Aber der Jüngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd:

Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden,

Und was hab' ich getan, daß sie um mich sich bekümmern?

Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es!

Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles

Hab' ich dir längst zu verdanken! Ich fühl' mich nicht besser, wie andre,

Und ich würde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen,

Bis ich mich selber verlöre, wenn du nicht wärest! Für alles

Kommt der Tag der Versuchung. Das tägliche Leben und Treiben

Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verläßt, und sie wechselt

Gern, wie der hüpfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase,

Um sich selbst zu betäuben, und hatten die Karten so lange

Feurige Ränder für ihn, die an den Teufel ihn mahnten,

Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen

Sie ihm plötzlich vergoldet und locken durch alle Figuren.

Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote

Ihm die Straße zur Hölle versperren, wenn Vater und Mutter

Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mädchen

An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels

Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln,

Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe

Ist gar leicht zu trüben und seinen ängstlichen Blicken

Kann sich keiner entziehn, da fühlt sich der Mensch denn gehalten!

So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren,

Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte

Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen

Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Hüttchen verlassen,

Um dem Bauern das Vieh zu hüten, zuerst nur die Gänse,

Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kühe,

Und ich fühlte mich glücklich, für sie zu sorgen, auch hielt ich

Ihnen die Not von der Tür. Da raffte die tückische Seuche

Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen

Blieben mir zwar, und ich konnte allmählich manches mir schaffen,

Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife

Keinen Ersatz für das Lächeln der Mutter, womit sie mir's lohnte,

Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe

Füllte, oder im Frühling zur Mastung ein Ferkelchen brachte.

Da begann ich zu rechnen, und leider mußt' ich's bejahen,

Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig

Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter,

Höchstens könnt' ich den Doktor aus eigenem Säckel bezahlen,

Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner,

Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug

Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder,

Was ich zerriß in der Woche, und mischte mich unter die andern,

Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren.

Wohl gekämmt und gebürstet, und blank in der Tasche den Taler,

Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen,

Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drängen,

Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Gräben und Sümpfen,

Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1)

Und die Schiffe zu zählen, die eben kommen und gehen,

Oder die Gärten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn.

Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause

Besser und billiger hatte, ich ließ mir's sogar noch gefallen,

Daß wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mäkler nicht machen.

Aber, als sie nun riefen: jetzt müssen wir karten und kegeln

Und den guten Likör daneben versuchen, da sprach ich:

Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch höhnten,

Denn oft sagte mein Vater, es würde keiner die erste

Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte

Einst nach Jahren und Monden verlassen würde, auch schlüpfte

Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wüßte,

Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre.

Nicke mir nicht so freundlich, es wär' wohl noch anders gekommen,

Denn der Grund, der mich trug, ich fühl' es noch heute mit Schaudern,

Wankte mir unter den Füßen, und Taumelnde können auch fallen,

Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter,

Als ich mich vor dem Verfolger nicht länger zu schützen vermochte.

Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben,

Denn ich fühlte mich glücklich, daheim zu sitzen, ich hatte

Angst vor der großen Stadt, und wünschte mich ebensowenig

In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe,

Wenn sie flutet, hinein. Da aber hieß es beständig:

Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen,

Daß sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester,

Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag,

Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als wär' es

Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen

Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnügen

War, die Stunden zu zählen, mein Kleid im Gedränge zu schützen

Und mir die Straßen zu merken, um abends den Rückweg zu finden.

So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich plötzlich

Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen,

Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen,

Aber er wollte mich kennen, und grüßte von Vater und Mutter.

Als ich ihm sagte, er irre, die lägen schon lange im Grabe,

Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite.

So gewiß ich auch wußte, daß keiner mich kannte, so wollt' ich

Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe

Unter den Meinen geschähe, und suchte ihm rasch zu entkommen.

Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte:

Nichts gewann ich ihm ab, und spöttisch rief er am Ende:

Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen?

Nun begann er sogar, von häßlichen Dingen zu reden,

Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden,

Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge.

Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschließen:

Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen.

Aber er hörte nicht auf, es wurde je länger, je ärger

Und zugleich auch die Gegend verlaßner und wilder und wilder.

Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das fröhlich und mutig

Klang und mir Hilfe verhieß, ich schrie, so laut ich's vermochte,

Und es währte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte

Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre

Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase,

Welches an schwarzem Bande ihm baumelte über der Weste,

Sprach, er sei kein Räuber, doch ich das albernste Gänschen,

Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber,

Mit den Augen mich prüfend und über und über erglühend,

Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme:

Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande,

Wo man die zinnernen Krüge vor Zeiten, wie lederne Schläuche,

So mit den grimmigen Fäusten zusammendrückte und quetschte,

Daß das verschüchterte Bier die Decke bespritzte und Löcher

Machte, als käm's aus der Büchse! Er lachte höhnisch und sagte,

Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber:

Hier ist ein Taler, mein Freund, nun führ' Er die Liebste zu Ahrens,

Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken,

Aber der Jüngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd:

Kind, ich hätte mich selbst des Zorns nicht fähig gehalten,

Der mich so plötzlich ergriff, und keiner meiner Genossen,

Denn ich galt für ein Lamm. Auch wär' ihm gewiß nichts geschehen,

Hätt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon

Hätten ihn sichergestellt, ich hätt' mich im stillen geärgert,

Auch vor dir mich geschämt, und doch wohl albern gelächelt,

Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern

Rock auf dem Leibe trug, und ließ mich drillen und hänseln.

Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet,

Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer,

Als ich mich je noch gefühlt im ganzen Leben, und eher

Hätt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite,

Aber du faltetest doch die Hände und schienst mich zu bitten,

Ihn zu verschonen, als ihm die bündige Probe erlassen,

Daß die Fäuste noch immer in Wesselburen gedeihen3).

Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen,

Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken,

Daß ich dich kennen gelernt, wie hätt' ich dich sonst wohl getroffen?

Und du wärst auch vor mir vielleicht so ängstlich gelaufen,

Wie nur immer vor ihm, drum wünsch' ich ihm nicht einmal Narben.

Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel!

Muß ich gewiß nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich

Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken,

Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflügen und dreschen,

Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch

Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jäger

Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon gräßlich,

Daß man darin nicht bloß ertrinken, sondern darauf auch

Schmählich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen

Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stürme und Fluten

Uns das Ländchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Vögel

Mit den langen Hälsen und oft noch längeren Schnäbeln,

Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier

Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kräuter

Mit den wolligen Blumen erfüllten mich immer mit Grausen,

Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoßen,

Wie sie aus Schiffer-Gräbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun,

Um das Knabengelüst nach Bernstein niederzukämpfen

Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's

Ward, den Entschluß zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen!

Aber ich war es dir schuldig, und wär' es mir übel ergangen,

Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen,

Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wäre ich drüben

Bis an mein Ende geblieben, und wär's auch als Sklave gewesen,

Um dein Glück nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten.

Du verfärbst dich? Was hast du? O, hätte ich Narr doch geschwiegen,

Diese erzählte mir Träume, und ich, ich nahm sie für Wahrheit!

Aber das Mädchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren,

Die man erst völlig erkennt, nachdem sie vorübergegangen!

Also hatt' ich doch recht, sogleich das Ärgste zu fürchten

Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer,

Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach,

Weil es zu plötzlich kam und mich verwirrte, so zeige

Du dich dafür als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort!

Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wünschen,

Und wir sollen dafür--– ich weiß nicht, ob ich's verstanden,

Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen!

Und dem Kaufherrn, welcher die Tür soeben geöffnet,

Tritt der Jüngling entgegen und spricht: Ich habe das Mädchen

Nie als töricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben,

Daß ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet.

Wenn es aber so wäre, wie sie verkündet, so könnt' ich

Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft,

Und der jüngre Verwalter hat das voraus vor dem ältern,

Daß er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloß ackert.

Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt,

Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen.

Wahrlich, ich werd' es an Fleiß nicht fehlen lassen, ich stehe

Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette,

Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide,

Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen!

Aber der Kaufherr spricht: Ihr säet und erntet euch selber,

Ich bin höchstens noch da, wenn Überschwemmung und Mißwachs,

Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen,

Um euch helfen zu können, im übrigen seid ihr die Eigner,

Und verpflichtet euch bloß, nicht wiederzukehren nach Hamburg,

Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fuße des Brockens,

Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen

Und es zum Träger des Namens, sowie zum Erben ernennen.

Christian, erst so erstaunt, als würd' er belehnt mit der Erde,

Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft

Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten,

Fährt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese

Ruft: So ist's! Wir geloben's! und hängt mit ängstlichen Blicken

An dem Munde des Jünglings. Er schweigt noch lange, doch endlich

Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet

Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte.

Fünfter Gesang.

O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter

Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche

Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch

Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche,

Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln

Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte,

Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet,

Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung

Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer

So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte

Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben

Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt

Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man

Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen,

Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend,

Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert,

Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen,

Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet,

Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe

Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist,

Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe

Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden,

Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern.

Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen

Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen,

Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar

Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden

Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen,

Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem

Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg

Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen,

Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge

Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert,

Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch

Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten

Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden,

Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist.

Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme

Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet,

Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern,

Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum,

Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet,

Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen,

Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen,

Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung,

Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede

Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten,

Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen,

Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn,

Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung,

Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du?

Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet:

Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder,

Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender

Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich,

Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele

Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren,

Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern,

Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen!

Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen.

Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern,

Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich

Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren,

Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend

Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft

Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern

Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten,

Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren!

Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du

Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte

Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben,

Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen,

Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet;

Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen,

Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten

Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen,

Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig

Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon,

Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend,

Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden,

Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet,

Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!--

Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme

Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke,

Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber

Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze

In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig

Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen,

Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer,

Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen,

Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen,

Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen,

Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer.

Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder

Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe

Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen,

Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln,

Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war:

Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte

Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert

Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer,

War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück,

Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen.

Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen

Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen,

Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet

In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten

Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen,

Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen

Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken,

Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl

Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es

Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden

Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist,

Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette!

Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen,

Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler

Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter

Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's

Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!--

Mutter und Kind: Ein Gedicht in sieben Gesängen · 第 2 / 5 段