Aber welche für die Menschheit bedeutungsvollen Ereignisse haben jene

Fluren geschaut, über welche unser Blick von der Höhe des Thurmes

schweift? Die Lausitz ist nicht so reich an historisch merkwürdigen

Stätten, wie andere Gauen Deutschlands. Sie hat nach der Besiegung der

Slaven durch die Deutschen bald unter brandenburgischer, bald unter

böhmischer, bald unter kursächsischer Landeshoheit gestanden, und mehr

oder weniger zertheilt und zerstückelt, das Loos der Staaten getheilt,

zu welchen sie gehörte. Dennoch ist auch auf den Fluren der Lausitz

mancher Kampf gekämpft worden. Hier wurde den Hussiten ein kräftiger

Widerstand geleistet; hier rangen Schweden und Kaiserliche in dem

blutigen, dreißigjährigen Kriege. In dem siebenjährigen Kriege theilte

die Lausitz das Schicksal Sachsens. -- Tausende durchzogen einst auf

der alten Etapenstraße von Spremberg her die Standesherrschaft, um

unter Napoleons Fahnen nach Rußland zu marschiren und dort ihr Grab

zu finden; aber es ist das Schlachtfeld von Bautzen, der Stolz der

Lausitz, auf welchen der Völkerbezwinger es zuerst inne wurde, daß

die Nationen ein anderer Geist beseelte, wie sonst. Durch den Wiener

Congreß ist dem größten Theile der Lausitzen das Glück geworden,

unter den milden, preußischen Scepter zu kommen. Damals war wohl in

dem Herzen so manches Patrioten der Wunsch, die Lausitzen möchten

eine eigene Provinz des preußischen Vaterlandes bilden: -- frischer

hätten dann ihre Farben geglänzt, weniger hätte die Gegenwart mit der

Vergangenheit und dem, was sich in ihr historisch gestaltet hatte, zu

brechen gehabt; -- aber zu großem Danke ist das Land den Königen von

Preußen, seinen geliebten Herrschern, verpflichtet. --

Ja einst war die Lausitz eine der verachtetsten Provinzen, einst

glich sie einem Paria unter den Gauen des deutschen Reichs. ~Tutti

Frutti IV.~, 273. Aber wie die verachteten Parias des alten

Indiens wahrscheinlich die ältesten Bewohner des Landes sind, welche

nach langer, heldenmüthiger Gegenwehr unterworfen wurden, so lenket

dieser Vergleich den Blick in eine ferne Vergangenheit, welche die

Heldenperiode des Landes ist. -- Da, wo diese Gegenden einigermaßen an

das Licht der Geschichte treten, finden wir ein geordnetes, kräftiges

Volksleben in ihnen. Ihre Bewohner haben Wohnung an Wohnung gereiht;

sie treiben Viehzucht, Ackerbau und Gewerbe. Die freien Grundbesitzer

haben sich unbeschadet ihrer Freiheit den reicheren untergeordnet,

diese wiederum den mächtigeren, tapfereren und einsichtsvolleren. Die

Knesen und Pane eines Gaues versammeln sich unter dem Vorsitze des

Priesters auf ihr campus Martius, um über Volksangelegenheiten zu

berathen und Recht zu sprechen, und die Sorben fühlen sich glücklich in

ihrer Heimath und deren Unabhängigkeit. Sie kommen mit den Deutschen

in Berührung. Es beginnt ein Kampf, der Jahrhunderte währt, ein Kampf

für die Freiheit und den alten Glauben. Von der Hartnäckigkeit dieses

Kampfes berichtet die Geschichte. Damals mochte manche hochherzige

That vollbracht werden aus Liebe zu dem Vaterlande, und freudig mochte

man ihm opfern Gut und Blut. Mancher Sorbe auf seinem „Goldfuchse“

mit blitzendem Schwerte mochte gewaltig ringen mit dem erzumhüllten,

deutschen Ritter, und als sich die Deutschen in ihrer Herrschaft über

die Lausitzen immer mehr befestigten, mochte der Freiheit noch lange

Zeit ein Asyl sein in den dichten Wäldern der Standesherrschaft, wo die

Vaterlandsfreunde ob der untergehenden trauerten. Doch vieles Große und

Heldenmüthige deckt das Schweigen der Geschichte. Ein längerer und

hartnäckigerer Kampf für die Freiheit ist wohl nicht gekämpft worden,

als der der Slaven gegen die Deutschen.

Deutsche Ritter wurden die Herren dieser Gegend. Viele derselben haben

sich hohe Verdienste um die Standesherrschaft erworben. Sie sorgten für

das Volk, für sein geistiges und materielles Wohl. Unter den spätern

Standesherrn sind besonders zu nennen die edlen, frommen Burggrafen zu

Dohna, vor allen aber die Reichsgrafen von Callenberg, welche von 1644

bis 1795 die Wohlthäter und Beglücker der Gegend waren.

Diejenigen Länder bedürfen am meisten, wie des Trostes der Religion,

so der Fürsorge ihrer Herren, in welchen nach unabänderlichem

Gesetze der Weltentwicklung eine Nationalität der andern weicht;

denn in der Nationalität wurzelt die Gesittung und manche herrliche

Tugend. Auch hier wird das deutsche Element immer überwiegender. Der

Standesherrschaft Muskau ist das Glück geworden, unter den Königen

Preußens zu stehen und einem milden, königlichen Prinzen zu gehören. --

Noch einmal durchziehen die Blicke das Land von den Bergen im Süden bis

weithin über die Haiden gen Norden. Die Sonne taucht hinab hinter den

Wald, und die feierliche Nacht steiget herauf. In andächtigem Schweigen

ruhet das grüne Revier. Kaum vernehmbar tragen die Westwinde die Klänge

der Betglocke vom fernen Kirchthurme über die Gipfel der Bäume bis

zu der Höhe, auf welcher wir stehen: -- Gott segne und schütze dich,

heimathliche Lausitz!

XVIII. Der Feuerschein.

Oft ist im Dunkel des Abends oder der Nacht nach der Gegend hin, in

welcher Muskau liegt, ein rother Schein sichtbar. -- Durchbricht

dort die Flamme das Dach und sprengt sie die Banden, in welchen sie

der Mensch hält? Ist sie eben im Begriff, sich ihrer zerstörenden

Allgewalt zu freuen und in den Stürmen zu jauchzen und zu frohlocken?

Wird das freundliche Städtchen wiederum von einem Brande heimgesucht,

in welchem es oft in Asche und Trümmer gesunken? -- Rascher nähert sich

der Wandrer der Stadt; aber keine Sturmglocke ertönt, und überall ist

der Frieden der Nacht. Ein langer, schwarzer Rauchstreifen zieht über

das Neißthal oder hat sich in der Form einer Säule höher, als die Berge

erhoben, an welche sich das Städtchen lehnt. Lustig tanzet die Flamme

über dem kurzen Schornsteine und emsig wird sie genährt und vergrößert.

Helles, gelbes Licht ergießt sich aus des Ofens Mündung über die

Gegenstände der Nähe. In matterem Grün überranket der Weinstock die

erhellte Wand des Hauses, und in eigenthümlicher Beleuchtung stellen

sich die nächsten Gruppen des Parks dar. Blasser glänzet der Mond am

Himmel ob des fröhlichen Feuers auf Erden. Je weiter von demselben,

desto mächtiger wird die unterbrochene Herrschaft der Nacht und des

Dunkels. Doch an dem Heerde der Flamme freuen sich fleißige Arbeiter;

denn ihrer Hände Werk soll durch des Feuers bildende Kraft die letzte

Vollendung erhalten. -- Eins der stärksten Gewerke Muskaus ist das der

Töpfer. Selten vergeht ein Tag, an welchem nicht einer der vielen Oefen

geheizet würde. --

Wie die Kunst den Thon zu formen eine der ältesten ist, wie sie geübt

wurde von den Hebräern, Phöniziern, Etruskern, so hatten es auch die

alten Slaven in derselben gar weit gebracht. Davon zeugen die Urnen,

welche in alten Begräbnißplätzen und anderweitig gefunden werden.

Die Töpferei ist ein Gewerk, welches von den ältesten Zeiten an hier

gewesen ist und welches früher vielleicht noch mehr blühte, als jetzt.

Der Muskauer Kantor Crusius berichtet in seiner Kirchenzierde, daß zu

seiner Zeit, um 1650, viel Muskauer Töpfergefäß in andere Länder, auch

wohl über die See weggeführt, dagegen manch’ Thaler anhero gebracht

worden sei. Anm. z. V. 199. Der berühmte, viel besuchte Muskauer

Topfmarkt war auf dem Kirchplatze, und es mußte Jeder, der da seine

Töpfe feil bot, einige derselben als Standgeld an die Herrschaft

abgeben -- eine Abgabe, auf welche die Gräfin Ursula Catharina in der

Sorge für das Hauswesen in höchst eigener Person hielt. Ein großer

Nachtheil erwuchs einst den hiesigen Töpfern aus dem Verbote, die

schlesischen und brandenburgischen Märkte zu besuchen. S. Lang. S. 24.

Der Boden um Muskau, auf der Grenze der Ober- und Niederlausitz,

enthält vortreffliche Thonlager; das Holz zum Brennen des Geschirres

hatte aber früher in der waldreichen Gegend kaum einen Geldwerth. Der

geschmeidige Thon verhärtet im Ofen zum klingenden Steine. Dieses

Steingefäß zeichnet sich vor andern Fabrikaten nicht nur durch seine

Festigkeit und Dauerhaftigkeit, sondern auch ganz besonders dadurch

aus, daß die Glasur auf’s Innigste mit der Masse verschmilzt. Crusius

nennt es „fein und frisch“ und giebt damit wohl die uralte Eigenschaft

desselben an, in welcher es zum Aufbewahren von Flüssigkeiten, die es

frisch erhält, besonders geeignet ist. Aus dem hiesigen Thone werden

mancherlei Gefäße geformt als Flaschen, Aesche, große zweihenklige

Töpfe, besonders aber die mannigfach verzierten Krüge. Um 1800 wurden

jährlich gegen 6000 Ellen thönerner Röhren nach Böhmen und der

Oberlausitz versendet. Der sel. Superintendent Vogel gab eine Art

derselben an, in welchen das Wasser steigen und dem Drucke widerstehen

kann. Auch Tabakspfeifen, welche sehr gesucht waren, formte man sonst

aus hiesigem Thone. -- Merkel: Erdb. v. Kursachsen VI, 74.

Das Töpfergewerk zählt zur Zeit 14 Meister. Noch immer ist das Muskauer

Geschirr berühmt und gesucht. Mancher hoch beladene Frachtwagen geht

nach Böhmen, bis in die Kaiserstadt Wien, wo der Name „Muskauer

Steingefäß“ einen guten Klang hat; manche Sendung wird zu dem

Schwielung-See oder zur Oder, und von da nach Hamburg, Stettin, Danzig,

ja selbst nach Amerika geführt. Während die Tuchmacherei in hiesiger

Stadt ganz aufgehört hat, -- nach der handschriftlichen Chronik von

Abraham Hoßmann soll es einst an 200 Tuchmacher in Muskau gegeben

haben, und noch um 1800 werden solche erwähnt -- blüht noch immer das

alte, ehrenwerthe Töpfergewerk.

Es ist gar interessant, dem Arbeiten in einer Töpferwerkstatt

zuzuschauen. Da dreht sich die zirkelnde Scheibe, da formt sich unter

geübten Händen in kürzester Frist die geschmeidige Masse, da erhält

sie alsbald die verschiedensten Gestalten in Aeschen, Krügen u. s.

w., da sieht man so recht, wenn auch im Kleinen, die Biegsamkeit

und Formbarkeit der Materie, die Beherrschung derselben durch den

Menschen. Ist auch alles Irdische und Irdene zerbrechlich, ist die

Scherbe oft ein Bild des hinfälligen Menschenlebens: -- so sei doch der

Name „Muskauer Steingefäß“ bedeutungsvoll für die Zukunft des alten,

löblichen Gewerkes! Mögen jene zahlreichen Flammen, welche den Thon

verglasen, nimmer verlöschen im Neißthale!

XIX. Das Bad.

Im Jahre 1822 lenkte der Kreisphysikus Dr. Kleemann die Aufmerksamkeit

des Fürsten Pückler auf die hiesigen, an Heilkräften reichen

Eisenwässer. Die Wirkungen derselben übertrafen alle Erwartungen, und

alsbald wurde die Gründung des Bades ein Lieblingswerk des Fürsten,

besonders aber seiner Gemahlin, der Tochter des Staatskanzlers von

Hardenberg. Den 29. Juni 1823 wurde das Bad feierlich eingeweiht. Es

erhielt den Namen Herrmannsbad. Viele hohe Herrschaften waren zu der

Festlichkeit herbei gekommen. Die Einweihungs-Ceremonien verrichtete

der Fürst von Carolath. Der Pavillon der Trinkquelle, über welcher

jetzt Kreuz und Halbmond vereint sind, trug die Inschrift:

Das Neu-Entdeckte ist uralt; --

Stets war es jung an seinem Ort,

Und wirkt mit himmlischer Gewalt

Auch jetzt im Dienst der Menschheit fort.

Die ersten Bade-Directoren, welche sich um die Hebung der Anstalt

große Verdienste erworben haben, waren der Dr. Kleemann, der

Justiz-Commissarius Sieber, der Hofgerichts-Assessor Seydel und der

Forstsecretäre Mühle als Rechnungsführer. Die Restauration mit dem

Kursaale war vordem ein Alaunmagazin und das anstoßende Gebäude eine

Beamtenwohnung. Bald wurde die bogenförmige Moosgallerie aufgeführt.

In dem Gebäude rechts davon sind Bäder und Wohnungen für Badegäste;

dort sind auch die Zimmer, welche die Abyssinierin Machbuba einst inne

hatte. Hinter diesem Gebäude ist ein großes Logirhaus, 1824 errichtet.

Vieles ist geändert und verbessert worden. Das neue, nette Logirhaus

auf einer Böschung am Fuße des Berges hat der jetzige, königliche

Standesherr aufführen lassen. --

Der Park des Bades ist eine der schönsten Partien in dem großen,

harmonischen Ganzen. Die Arbeiten an demselben wurden alsbald begonnen;

es mußten dazu Besitzungen angekauft oder eingetauscht und eine

Landstraße verlegt werden. Nur durch Faschiniren konnten die steilen

Bergabhänge bepflanzt werden, da das junge Gehölz immer wieder von dem

Sande, welchen der Regen herabschwemmte, vernichtet wurde. Doch alle

diese Mühe deckt, wie allenthalben im Parke, die Vergangenheit und die

Schönheit des Ganzen, die wie von selbst entstanden zu sein scheint.

Wir treten, um jene Schönheit zu überschauen, an die Brüstung der

Gallerie. Zu unsrer Linken thürmt sich die Bergwand steiler denn

anderswo auf, und mächtige Bäume derselben hängen hinaus in das Thal;

zur Rechten dringet der Blick durch Baumgruppen in das Freie. Er

folget dem Laufe der Neiße und eilet über die Brücke derselben zu

einem jener herrlichen Hügel des Parkes, um auf dessen Bäumen mit

ihren schönen Umrissen zu ruhen. Von da kehrt er zu der freundlichen,

lieblichen Nähe zurück. Zu unsern Füßen sind prächtige Blumenstücke. In

frischester Farbenpracht unterbrechen sie das Grün der Wiese; denn es

sind Sommerblumen, die während der Badesaison ihren Schmuck entfalten.

Hier und da tritt niedriges Gesträuch zu lieblichen Baumgruppen

zusammen. Mächtig steiget der Wasserstrahl der Fontaine empor; aber

in Perlen zertheilt, fällt er zur Erde herab. Allenthalben sind

trauliche, stille Plätzchen, wo der Kranke ruhen und der Gesunde sich

freuen kann der Stille des Thales, welches täglich die Töne der Musik

durchziehen. Alles hat hier den Charakter des Gemüthlichen, Traulichen,

des Befriedigten in enger Umgrenzung, und gar heimathlich wird es uns

alsbald zu Muthe in dem Thale, in welchem das Bad Muskau ist. --

Wir erklimmen auf einem jener Pfade, der sich den Berg hinauf windet,

die Höhe desselben, nachdem wir zuvor noch einen Blick auf ein

trauliches Plätzchen gethan haben, welches sich buchtartig in die Berge

hineinzieht. Dort, wo der Hügel nach Nordwesten wie ein Vorgebirge

steil abfällt, gleitet das Auge an der laubholz-bewachsenen Berglehne

hin. Alte, kräftige Buchen neigen sich über die Wohnungen im Thale,

sie mit ihren dichten Zweigen zu überschatten. Unter ihnen tauchet die

deutsche Kirche mit dem goldenen Kreuze des Thurmes und das Schloß

malerisch empor. Links sind tiefe, romantische Schluchten, rechts,

jenseit der Neiße, flachen sich die dortigen Hügel zur Neißaue ab.

Noch reicher und umfassender wird der Blick, gehen wir zu einem jener

steilen Abhänge in entgegengesetzter Richtung, wo sich der Höhenzug

nach Süden wendet. Hier ist die Natur wild. Wie Felsen thürmen sich

zerklüftete und abgerissene Bergabhänge gar steil auf. An ihnen liegt

das Alaunwerk, welches seit den ältesten Zeiten hier gewesen ist,

und um dasselbe sind, gleich Vorbergen des nahen Höhenzuges, die

schwarzen Massen ausgelaugter Alaunerde und Asche aufgeschüttet. Aus

dem dunklen Grün der Haiden schlängelt sich wie ein Silberstreifen die

Neiße hervor. Zu beiden Seiten derselben sind Wiesen und Felder; aber

bald werden sie von den Haiden begrenzt, deren Flächen sich weithin

ausdehnen. Doch jenseit derselben, am Saume des Horizontes im Süden,

steigen die Berge empor. Die Bilder, welche hier nah und fern vor dem

Auge vorüberziehen, stehen durch ihren meist erhabenen Charakter im

Contraste zu dem Gemüthlichen und Traulichen des Thales, so daß dieses

durch jene bedeutend gewinnt. --

Die Gegend, in welcher der Mensch weilet, wirket auf ihn ein. Die

Töne ihrer Bilder klingen an sein Herz an und wecken Stimmungen in

demselben. Die Luft, die Vegetation, die ganze Scala der Beziehungen,

in welche der Mensch zu der Natur einer Gegend tritt, sucht ihn

geistig und körperlich zu bestimmmen. Jene Beziehungen gleichen dem

Wassergeäder in der Tiefe der Erde, welches aus den Erdschichten die

Heilkräfte saugt und zum Gesundbrunnen zusammenfließt, welcher von

Vielen gesucht wird. So hat in der anmuthigen Lage des Bades, in der

Natur um Muskau, welche die Kunst idealisirt hat, schon mancher Kranke

Stärkung und Kräftigung, der Gesunde aber reichen Genuß und Erhebung

gefunden.

Doch in den geheimnißvollen Tiefen der Erde bereitet die Natur die

Fluth der heilsamen Quelle, welche sie den Kranken zur Genesung beut.

Die Quellen des Herrmannsbades gehören in die Klasse der salinischen

Stahlwässer. Außer den Mineralbädern giebt es hier vortreffliche

Moorbäder, und beide werden mit einander verbunden. Daran reiht sich

das russische Dampfbad und das Kiefernadelnbad, welches grade hier in

vorzüglicher Güte hergestellt werden kann. Die Heilquellen Muskaus sind

oft analysirt worden, bereits 1824 vom Dr. Hermstädt, am gründlichsten

von Duflos.

Während die liebliche Natur um das freundliche Städtchen durch den

Genius des Fürsten zur reinsten Vollendung idealisirt ist, ist unter

den Anlagen in den Bergen und seitwärts derselben eine eigene,

unterirdische Welt. Schon Jahrhunderte fährt da der Bergmann bei seinem

Grubenlichte in den Schacht, um die Alaunerze zu Tage zu fördern, oder

die Braunkohle zu brechen, und weithin ziehen sich die unterirdischen

Gänge. Um ihn herum in der düstern Stille trieft es wie Thau von dem

Gesteine und Erdreiche. Die sich senkenden Tropfen sättigen sich

an den mineralreichen Stoffen und vereinigen sich zu der Quelle

eigenthümlicher Mischung. Die aber arbeitet sich empor aus der Tiefe

der Erde, ein edles, kostbares, flüssiges Erz der Berge, eine Gabe der

Gegend. Der Fürst hat bei der Ausführung seines großartigen Werkes

alle Voraussetzungen benutzt, welche ihm die Geschichte und Natur der

Gegend bot, und in diesem Hineinziehen, Benutzen und Vervollkommnen

des Gegebenen besteht das Ausgezeichnete seiner Schöpfungen. Das einst

Neu-Entdeckte war hier uralt, der Quelle heilende Kraft wurde in den

Dienst der Menschheit genommen, und das Herrmannsbad im herrlichen

Parke errichtet. Möge ihm der Segen bleiben, der einst bei seiner

Einweihung ausgesprochen wurde, eine Stätte zu sein, wo Leidenden

wiederum wird das höchste Gut -- die Gesundheit!

_Anmerk._ Ueber das Bad und seine Heilkräfte s.: Das Herrmannsbad

bei Muskau, dargestellt in Hinsicht auf seine Umgebungen, sowie

seine bewiesenen Heilkräfte. Sorau 1825 gr. 8. mit 5 Abbildungen

in fol. Steindruck. -- Borott, Tagebuch im Musk. Herrmannsbade

geführt, mit einer vollständigen Beschreibung des russ. Dampf- u.

Schwitzbades, nebst dessen Wohlthaten und Wirkungen &c. Zittau

1824. -- Dr. Prochnow: Muskau, seine Kur-Anstalten und Umgebungen.

Laus. Magazin, 1824, 337-393; 1825, 101-108; 157-159. Musk.

Wochenbl. 1822, 217; 1824, 182. -- Schles. Provinzialblätter 1825,

367-375. 1824, 240-245. Mineralwasser: Nachl. 1766, 223. Dr. Jäger

S. 355. -- Ueber das Alaunwerk: Vogels Nachrichten darüber und

besonders über eine ausgebrannte Halde, Laus. Magaz. 1802, 1, 84-96.

XX. Das Zapfenhäuschen.

Mancher Punkt des Parks, ausgezeichnet durch seine herrliche Aussicht,

hat schon früher, ehe er in den Plan des Ganzen hineingezogen wurde,

durch Feste in der standesherrlichen Familie eine Bedeutung erhalten.

Die Erinnerung daran erlischt immer mehr.

Dem Standesherrn Johann Alexander von Callenberg, dessen erste Ehe

kinderlos blieb, wurden in zweiter Ehe mit Rahel Louise Henriette,

Reichsgräfin von Werthern, vier Kinder geboren. Georg Alexander

Heinrich Herrmann, der Erbe der Herrschaft, vermählte sich mit einer

Tochter der _Provençe_, der Gräfin ~de la Tour du Pin~, der allzufrüh

heimgegangenen Mutter der Clementine Kunigunde Charlotte Olympia Louise

und des Johann Alexander August Herrmann, bei dessen Geburt sie starb.

Sein jüngerer Bruder Curt Heinrich, geboren den 8. April 1749, wurde

Pfalz-Zweibrückischer Kammerherr, Obristlieutenant bei der Reichsarmee,

oberrheinischer Kreis-General-Adjutant und ist 1817 den 27. Januar in

der Gruft seiner Väter beigesetzt. Von den beiden Schwestern vermählte

sich die jüngere, Ursula Margaretha Constantia Louise früher als

die ältere, den 10. Januar 1772 mit dem Freiherrn Wilhelm Christoph

Diede zum Fürstenstein, dem Letzten dieses alten Geschlechts. Er war

Herr zu Fürstenstein, Wellingerode, Radewitzhausen, Immichenhain,

Ziegenberg u. s. w., Ritter des Ordens vom Danebrog, Commandeur des

K. Ordens St. Josèph, Königl. Dänischer Kammerherr und Gesandter am

K. Großbritann. Hofe, der Kaiserl. und des H. R. Reiches Burg zu

Friedberg Regiments-Burgmann und der Löbl. freien Reichs-Ritterschaft

Mittel-Rheinischen Cantons wohl erbetener Ritter-Rath. Die ältere

Schwester Henriette Louise, geboren den 11. Februar 1745, wurde

den 24. Juni 1774 die Gemahlin des Reichshofrathes Karl Christian,

Grafen und Edlen Herrn zur Lippe. Als sie am 10. September ihre alte

Heimath verließ, um von Muskau gen Wien zu ziehen, begleiteten sie

Tausende von Segenswünschen und manche Thräne des Dankes floß diesem

menschenfreundlichen, edlen, frommen, erhabenen Charakter. Den 19.

Februar 1799 ist sie zu Regensburg gestorben. Ihr Gatte suchte Trost

in dem unersetzlichen Verluste, indem er ihre Lebensbeschreibung

aufzeichnete, welche herrliche Blicke in ein echt christliches, edles,

in Prüfungen bewährtes Herz thun läßt. --

Dieser ältesten Tochter des Standesherrn war es vergönnt, die treue,

sorgsame Pflegerin ihres Vaters im hohen Alter zu sein, während die

andern Geschwister ihr Lebensweg in die Ferne geführt hatte. Für die

Standesherrschaft war damals eine prüfungsvolle Zeit. Feuersbrünste

hatten viele Wohnungen zerstört, und am 2. April 1766 war auch die

Stadt mit ihren Kirchen verwüstet und eingeäschert worden. Nach den

Lasten des Krieges kamen die schrecklichen Hungersjahre 1771 und 72.

Es gab allenthalben zu helfen, und die Herrschaft hat manches Opfer

gebracht. Auch die gräfliche Familie hatten harte Schläge getroffen.

Die Gemahlin des Grafen Herrmann war nach kurzem Glücke gestorben. Die

Comtesse Louise wurde die treue Fürsorgerin für die zwei mutterlosen

Waisen; aber der unerbittliche Tod entriß ihren Armen das eine der

geliebten Kinder, den kleinen Grafen Herrmann. -- Fern von dem Vater

weilten seine übrigen Kinder; aber es kam ein Tag, der sie alle,

auch die zweite Tochter und deren Gemahl, die aus dem fernen London

herbeigeeilt waren, zum fröhlichen Wiedersehen im Vaterhause vereinen

sollte, den 15. November 1773. Gar sinnig waren die Feierlichkeiten,

welche die Schwester zur Verherrlichung jenes Tages angeordnet hatte.

Auf der Hügelkette jenseit der Neiße, der alten Bergkirche gegenüber,

ist einer der höchsten Punkte des Parks. Dort war ein Pavillon in

Form einer Octogone aufgeführt worden. Das niedliche, tempelartige

Gebäude schien ganz aus Tannenzapfen zu bestehen. Aus Tannenzapfen

waren die Wandleuchter, die Kronleuchter, der Kamin, das altarähnliche

Postament, aber am kunstvollsten waren die Verzierungen der Wände im

Innern; denn aus größern und kleinern Tannenzapfen, welche von Moos und

grünen Fichtenreisern durchwebt waren, hatte man wie in Mosaikarbeit

mannigfache, niedliche Gruppen an einander gereiht. -- Von hier aus,

von den Fenstern des Pavillons, wollte die Gräfin vereint mit ihren

Geschwistern auf die Fluren schauen, auf welchen sie der Kindheit

schöne Tage verlebt hatten, auf das Neißthal, Schloß und Stadt. Wohl

trübte dichtes Schneegewölk den anfänglich so heitern Himmel des

Novembertages; aber jenen glücklichen Menschen strahlte hell die Sonne

des freudigen Wiedersehns. Als sich die Herrschaften, begleitet von

der Frau Gräfin von Lüttichau und deren Gemahle, dem Zapfenhäuschen

näherten, ertönte in dem Thale ein Choral, und Hunderte von Fackeln

vertrieben die allzufrüh hereinbrechende Nacht. Die damals fünfjährige

Clementine empfing die Eintretenden mit einem Gedichte, welches sie von

dem Postamente herab mit einer Freimüthigkeit und geniengleichen Anmuth

vortrug, die das Erbe ihrer geistreichen, schönen Mutter war.

Sagen und Bilder aus Muskau und dem Park · 第 5 / 7 段