Jene Fläche des Teichs ist ein Spiegel eigner Art. Nicht ist er

geschliffen in einer der berühmten Fabriken; die Natur hat ihn selbst

aufgestellt. Dichter drängen sich um den Teich die Bäume, als liebten

sie dieses Plätzchen vor allen andern, und, gleich als wollten sie

sich verdoppeln, tauchen ihre Schatten in die Tiefe hinab und streben

auch dort zum Himmel empor. Schüchtern naht sich dem Wasser der stolze

Hirsch; doch rings umher ist Ruhe und Stille. Es schauet sein Auge das

prächtige Geweih, die schlanke Gestalt im Wasser, und, wie gleichmäßig

befriedigt durch den Trank und durch sein Bild, zieht er in den Wald

zurück. -- Im reinsten Blau wölbt sich an einem jener herrlichen

Herbsttage der Himmel über dem Walde und dem Teich, aber da unten auf

seinem Grunde ist er noch einmal. Die zahllosen Sterne der Nacht sind

aufgestiegen; aber ihr Wiederschein, ihr freundlicher Glanz, ist in

die Tiefe des Teich’s hinabgestiegen. Der Mond durchbricht das Gewölk;

aber er durchbricht auch das Dunkel des Wassers. Die Sonne, die Königin

des Tages, steht hoch am Himmel. Nicht vermag das Auge ihre flammende

Majestät zu ertragen; aber in der Tiefe des Teich’s glänzet ihr

milderes Licht. --

Am lieblichsten ist der Teich an einem jener sonnenreichen Herbsttage.

-- Da waltet hohe Freude durch die Standesherrschaft. Wie mit bunten

Flaggen und Wimpeln hat sich der Park Muskaus in der Färbung seiner

Baumgruppen geschmückt. Festlich geziert und geöffnet stehet das

Jagdschloß. Wie zur Revue treten die Anlagen der Wiese, eine lieblicher

und reizender als die andere, hervor, und tiefes, erwartungsvolles

Schweigen waltet durch den kräftigen, grünen Wald. In des Himmels

Schutze ist der königliche Standesherr aus den meerumrauschten

Niederlanden in sein Muskau, in das Waldrevier um das Jagdschloß

zurückgekehrt.

Feierliche Stille lagert um den kleinen Teich. Glätter und krystallner

ist sein Spiegel; frischer grünen die Tannen und Fichten an seinen

Ufern; klarer und schweigsamer fallen ihre Schatten in die Tiefe, der

grüne, herrliche Rahmen eines hohen, erhabenen Bildes zu sein. -- Und

an das Ufer des Teich’s tritt der mächtige, milde Herr der Herrschaft,

an seiner Seite die hehre Gemahlin, deren königlicher Sinn sich

wiederspiegelt in der Tochter lieblicher Hoheit. -- Und sie freuen sich

der schönen Stätte in dem Palaste des Waldes. Doch wie verstohlen,

aber treu zeichnet der Teich das hoheitsvolle, königliche Bild. Schon

strahlt es wieder aus seiner Tiefe! O trage es sicher und treu, du

heller Spiegel des Waldes!

Ueber sich den freundlichen, blauen Himmel, unter sich in der Tiefe

des Teich’s desselben Himmels reines, klares Bild, selbst mitten inne

in dieser wunderbaren Spiegelung, in dem seligen Gefühle der Beglücker

und Wohlthäter von Tausenden zu sein: was bedarf es wohl mehr zu

freudenreichen Augenblicken in der Einsamkeit und Stille des Waldes?

XV. Die Todte.

Tiefer in den Wald führet der schmale Pfad. Wie unerschöpflicher

Lebensmuth umgiebt uns allenthalben frisches, fröhliches Grün. Dicht

an uns herantreten zu beiden Seiten des Weges der Bäume hohe, kräftige

Gestalten. Ihre Gipfel trinken der Sonne Licht, der reinen, freien

Lüfte Strom; ihre Wurzeln saugen unaufhörlich in langen Zügen der Erde

Kräfte, und den Mächten des Himmels wie der Erde liebevoll hingegeben,

durchwogt frisches, volles Leben den Wald bis in das äußerste Zweiglein

hinein. -- Herrliche Bäume des Waldes, Gleichnisse unseres von Himmel

und Erde vereint gewährten Daseinsglückes, wie wird es uns so wohl in

euern grünen Hallen! Wie berühren uns da kräftiger und erfrischender

die Wellen aus dem Strome des Lebens! Wie trifft uns da wunderbares

Wehen als würden wir hineingezogen in das Weben und Arbeiten der Kräfte

der Natur! Voller schlägt das Herz, freudiger wie in Andacht jauchzet

jeder Nerv dem Herrn des Lebens, und des Daseins reichste Empfindung

wird uns in dem grünen, heiligen Walde.

Doch siehe! was taucht dort aus dem Walde hervor? Es gleichet einem

fahlen, bleichen Schemen, einem Gespenste der Nacht; es ist wie eine

Gestalt aus dem Reiche der Todten. Mitten unter den grünen Bäumen

steht eine erstorbene Eiche mit weißem Stamme und kahlen Aesten und

leises Grauen beschleicht uns beim Anblicke der Todten. Lange schon

ist der Baum eingegangen; aber noch immer hält er sich aufrecht, als

sträubte er sich, Staub und Asche zu werden. Seine Säfte sind versiegt;

aber noch immer dauern Stamm und Aeste fort wie die Knochen eines

Gerippes. Regungslos steht der entblätterte Baum. Oft ist der Lenz

wiedergekehrt, der Natur ein fröhliches Auferstehen zu bringen; aber

die entschlafene Eiche hat er nicht zu erwecken vermocht. Mancher Sturm

hat sie gerüttelt und die umstehenden Bäume gebeugt, als sollten sie

die Schwester fragen: „Lebst du noch?“ -- doch starr und stumm ist „die

Todte“. Zahllose Thautropfen hat die Nacht gleich Balsam des Himmels

auf die Erblaßte geträufelt; aber wie Thränen, dem Todten geweint,

perlten sie an den Zweigen benachbarter Bäume. Vergebens sendet der

Todten die Morgensonne ihren Strahl, vergebens trifft sie des Mondes

Silberlicht: was einmal dem Tode verfallen, kehrt hienieden nimmer zum

Leben zurück. Mitten unter ihren lebensfrischen Schwestern ist sie eine

Beute des Todes geworden die herrliche, starke Tochter des Waldes. Ein

früher Sabbath ist ihr gekommen. Sie schläft, umhaucht von dem Dufte

des Waldes, wie der Leichnam unter Blüthen und Blumen. Die Strahlen

des Abendrothes, die sie durch die dichten Zweige der Bäume finden,

sind wie der Glanz der Kerzen, der auf ein Todtenangesicht fällt, die

Schatten der Nacht, die sich über den Wald lagern wie ein Trauerflor,

und rauschen die Abendwinde durch die Gipfel der Bäume, dann ist es,

als wenn sie klagten um die Todte in ihrer Mitte. --

Unwiderstehlich fesselt uns jener Eichbaum, losgerissen von den

Einwirkungen der Kräfte des Lebens. Er ist wie ein Monument des Todes.

Er gleichet mitten in dem lebensfrischen Walde einer jener Mumien,

welche einst die Aegypter zu ihren Freudenfesten brachten, um sich

durch den Anblick derselben zu mahnen, die flüchtige Freude recht zu

genießen. Er stehet da, wie eine Marmor-Büste in einer festlichen

Halle, welche reiches Leben durchwogt, wie ein ehernes Standbild, das

dennoch in seinem Schweigen redet. -- Ein leises Grauen umfängt uns,

und schüchterner strömet das Blut aus dem Herzen durch die Pulse.

Wir gedenken der Stunde, wo wir selbst wie jene Todte sein werden --

regungslos, stumm und bleich mitten in dem sich erneuenden, vollen, uns

überdauernden Leben. Doch den Wald durchwoget des Daseins Fülle, und

weiter ziehet es uns in denselben hinein. O trage uns, starker Strom

des Lebens, bis du uns sinken läßt, wie jenen Eichbaum, -- die Todte!

XVI. Die Umarmung.

Die Vorstellung, daß Blumen, Sträucher und Bäume, besonders die, welche

über Gräbern wachsen, in irgend welcher Beziehung zu den Todten stehen,

findet sich in der Poesie vieler Nationen. Sie stammt aus einer Zeit,

wo der Glaube an das ewige Leben noch nicht tröstete. Man suchte in dem

Schmerze einen Ersatz für den Entrissenen. In die Grabesblume blühte

das verwelkte Leben hinein; oft trugen ihre Blätter Inschriften. Diese

Vorstellung findet sich in alten, deutschen Volksliedern, und selbst

der sentimentale Mathisson hat in dem bekannten Gedichte „Adelaide“

einen Vers, an welchen Professor Koberstein seine Abhandlung über die

Todtenblumen angeschlossen hat, welcher also heißt:

Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe

Eine Blume der Asche meines Herzens;

Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen:

Adelaide!

Auch der slavischen Poesie ist jener Zug eigen. Freunde, besonders aber

Liebende, welche ein widriges Geschick im Leben von einander trennte,

vereinte die Erde. Die Pflanzen des Grabes gaben Kunde von dem Glücke

im Tode. So spricht in einem wendischen Volksliede, s. Haupt 2, 48, ein

Mädchen, welches dem entrissenen Geliebten in das Grab nachfolgen will:

Begrabt uns nun beide Die Reben, sie wuchsen

Dort, unter die Linde. Und trugen viel Trauben.

Pflanzt auf uns zwei Reben, Sie liebten sich beide,

Zwei Reben des Weinstocks. In Eines verflochten.

In einem andern wendischen Volksliede s. Haupt 1, 50, spricht das

Mädchen, welches an dem Kreuzweg neben den Geliebten begraben sein

will, da, wo die Leute zur Kirche gehen, damit sie gedenken der großen

Liebe:

Auf ihn pflanzt einen Weinstock hin,

Auf mich aber grünen Rosmarin.

Es wird auf dem Weinstock ein Zweiglein sein,

Und auf dem Zweiglein ein Blättchen so klein,

Und auf dem Blättchen ein Schriftchen so fein,

Daß wir ja beide selig sein. --

Die Sage hiesiger Gegend läßt das Glück der Wiedervereinigung sich noch

weiter fort setzen. Nicht blos die Ranken und Bäume über den Gräbern

streben nach Vereinigung, sondern auch die neuen Pflanzen, welche aus

jenen hervorgehen, werden mächtig von einander angezogen.

In einem Dorfe der Lausitzer Berge wuchsen zwei liebliche Kinder

heran. Aus der Jugendfreundschaft erblühte die feurigste Liebe; aber

die Eltern waren gegen das Glück, das Beide gehofft hatten. Ueber die

Berge gen Böhmen mußte der Jüngling ziehen, um einer Fremden angetraut

zu werden und so viel Gut zu erhalten. Einem Andern, als ihm, mußte

das Mädchen die Hand reichen. Wohl sprach der Scheidende zu ihr, der

sein Herz gehörte: „Laß sie nur grollen und thun, was sie wollen: wir

werden verbunden darum doch sein;“ wohl tröstete die Betrübte: „Wird es

nicht heuer sein, so wird es zu Jahre sein: wir werden verbunden darum

doch sein.“ Haupt 1, 123. -- Ein früher Tod riß die Letztere dahin.

Einige Jahre darauf kehrte der, der ihrer in der Ferne nimmer vergessen

hatte, zum Besuche in das Dörfchen zurück. Es sollte nun wieder seine

Heimath werden. Er starb. Dicht neben der früh Entschlafenen an der

Kirchhofsmauer wurde ihm sein Grab. Der Tod vereinte, was das Leben

getrennt hatte, obwohl es für einander gehörte. Derselbe heimathliche

Boden umschloß die Todten. -- Doch siehe! zu Häupten jedes dieser

beiden Gräber entkeimte im nächsten Frühlinge ein Fichtenbäumchen. Aufs

Kräftigste wuchsen die Pflanzen heran, als wollten sie bald das Ziel

erreichen, ihre Aeste in einander zu verschlingen. Wie von geheimer

Macht angezogen, neigten sie sich, je höher sie sich erhoben, desto

mehr zu einander. Jedermann freute sich des schönen Fichtenpaares,

der Zierde des Kirchhofs. So hatten jene beiden Fichten lange Zeit

neben einander über den zerfallenen Gräbern gestanden und mehr denn

eine Generation in die Erde sinken sehen. Sie waren schon sehr alt

geworden. Endlich sollte das Sinken und Vergehen auch an sie kommen.

Ein furchtbarer Orkan durchbrauste die Wälder der Lausitz. Er brach

auch die Fichten des Kirchhofs. Sie stürzten beide zu derselben Stunde.

Der Sturmwind hatte seine beste Kraft aufbieten müssen, um die Bäume

zu werfen, die nicht von der Stätte weichen wollten, wo sie so lange

vereint gestanden hatten. Endlich erlagen sie der Macht des wilden

Elementes. -- Jener Orkan brauste von den Bergen in das Flachland.

Seine Wirbel hatten Manches in die Höhe getrieben, und dichte

Staubwolken flohen vor ihm her. In einer derselben durchschifften

Streifchen aus den Zapfen jener gefallenen Kiefern die Luft. Zwei

derselben wurden weithin getrieben; aber nahe bei einander sanken sie

nieder und wurden von der Erde bedeckt. Und wiederum wuchsen zwei

Bäume, von des Himmels Mächten geschützt, kräftig empor. Viele Jahre

sind an ihnen vorübergezogen, und mancher Baum des Waldes, der neben

ihnen grünte, ist nicht mehr. Ihre Häupter sind an einander gelehnt,

hoch in den Lüften reichen sie sich die mächtigen, starken Arme, und

flüstert es in ihren Zweigen, dann ist es, als erzählten sie sich die

Geschichte des Scheidens und der fröhlichen Wiedervereinigung.

In dem innigen, stillen Werden und Sichentfalten der Pflanze schaute

man einst die Fortsetzung eines Lebens an, welchem ersehntes Glück

nicht wurde. Der Tod war nicht das Letzte. Wie in einer Unterwelt

setzten sich in dem Gebiete der schweigsamen Pflanzen menschliche

Schicksale fort, fanden sie dort ihre Ausgleichung, Versöhnung und

Vollendung, und das Herz fand also Trost in seiner Verstimmung über

harte Loose. -- Und so erzählte einst die Pflanze, der Baum von Freud

und Leid. -- Jene Sage von dem Fichtenpaare ist darin eigenthümlich,

daß sich das Wiedervereinigen und Angezogenwerden weithin fortsetzt.

Sie tritt uns in die Seele bei dem Anschauen herrlicher Fichtenpaare

in dem Walde um das Jagdschloß. An einander gelehnt stehen die alten

Stämme, und die Vereinigung ihrer Zweige gleichet einer Umarmung nach

bittrer Trennung.

_Anmerk._ Aehnliches erzählt eine serbische Ballade. Brat.

Aesthetik d. P. S. 60.

„Und nicht lange währt es, aus dem Grabe

Omers wächst empor die grüne Föhre,

Aus Merimes eine weiße Föhre.

Föhre neigt zum Föhrenbaum sich traulich

Wie die Maid sich schmiegt an den Geliebten,

Wie die Seide glänzt am Blumenstrauße.

Eng vereint wächst Föhre mit der Föhre,

Bittre Nieswurz blühet rings um Beide.“

Bekannt sind der Schluß von Tristan und Isolde, sowie die

Metamorphosen in Pflanzen bei Ovid u. A. Aus dem Grabe des Adonis

entkeimt die Anemone, aus dem Blute des sterbenden Ajas das

~Delphinium Ajacis~ -- Rittersporn -- ~Ipse suos gemitus foliis

inscribit et Aia -- flos habet inscriptum~. -- An der Quelle, wo

der schöne Narcissus seinen Tod fand, erblühte die Blume, welche

fortan seinen Namen trug. Protesilaus sprang bei der Landung der

Griechen an der trojanischen Küste zuerst an das Land und wurde

von einem Troer erschlagen. Aus seinem Grabe schossen immer und

immer wieder Bäume auf, die aber verdorrten, so bald sie hoch genug

waren, Ilion zu erblicken.

XVII. Die Heimath.

Auf den Gipfeln der Berge öffnet sich ein weiter Horizont; aber im

Flachlande der Lausitz ist der Blick gehalten durch die vielen Haiden.

Nur dem Vogel ist es vergönnt, sich empor zu schwingen über die

höchsten Forsten und seine grüne Heimath zu überschauen. -- Unweit des

Jagdschlosses auf einer sanft ansteigenden Bodenerhebung hat der Fürst

einen hölzernen, hohen Thurm errichten lassen, dessen Schnörkelwerk

an den chinesischen Styl erinnert. Auf jeder der sechs Etagen ist man

höher über den Wald emporgetaucht. Eine herrliche Aussicht bietet sich

dem Blicke von dem Pavillon der Spitze.

Die Kronen der Bäume, die sich vor Kurzem so stolz über uns wiegten,

liegen tief zu unsern Füßen. Würziger Föhrenduft steigt zu der Höhe

empor, die wir erklommen haben. Des Waldes Nacht, sein Geheimniß stellt

sich uns schöner dar, da wir wissen, was der grüne Schleier birgt, der

sich weithin vor uns ausbreitet. Wie eine Freude unseres Lebens, die so

eben scheiden will, grüßet uns noch einmal der Wald, und wir erwiedern

seinen Gruß und sprechen: „Herrlicher Urwald der heimathlichen Lausitz,

habe Dank für die Freude in deinen Hallen!“

Doch je näher dem Himmel, desto reicher und freier der Blick! Und in

die weite Ferne dringt des Auges Kraft von der Höhe des Thurmes. Wie

ein Wolkengebilde am Horizonte ziehen sich auf der Grenze Böhmens

und Preußens die Gebirge Schlesiens hin, und nur die schneebedeckten

Gipfel derselben haben ein helleres Licht. Hinter ihnen sammelt die

Elbe ihre Gewässer. Von dorther durchziehen herrliche Nebenflüsse der

Oder alte, ruhmreiche Schlachtfelder, zu mehren des Stromes Macht und

Bedeutung. Aber klarer, weil näher, erhebt sich im Süden das Lausitzer

Gebirge, und freundlich schauen seine Höhen in die Ebene hinaus.

Von vulkanischen Kräften aufgethürmt, tritt aus dem Gebirgszuge die

Landeskrone stolz hervor, und unweit derselben ist die alte, ehrwürdige

Sechsstadt Görlitz. Manches liebliche Thal und freundliches Dörfchen

umschließen die Berge, die sich von da gen Westen ziehen. An ihrem

Fuße liegt das alte Budissin, die Zierde Sachsens, mit seinem Schloß

Ortenburg. Als dort den 23. März 1645 der Standesherr von Muskau, der

tapfere Curt Reinicke von Callenberg, unter feierlichem Gepränge als

Landvoigt des Markgrafenthums Oberlausitz introducirt wurde, war das

Schloß arg verwüstet. Der schwedische General Banner hatte 1639 seinen

Groll gegen Sachsen an dieser Burg ausgelassen. Durch Callenbergs Sorge

wurde sie wieder hergestellt. -- Aus jenen Bergen im Süden bricht die

Neiße hervor und gleich dem Blute in den Adern des Sanguinikers eilt

sie über ihr sand- und kieselreiches Bette durch die Haiden der Lausitz

der Oder zu; -- phlegmatischer schreitet von den Höhen in Südwesten die

schwarze Elster, sich oft in ihrem Laufe zertheilend, zwischen schilf-

und kalmusbewachsenen Ufern ihrer Elbe zu: aber der Strom der Lausitz

ist die Spree, welche von da nach der Mark zieht. -- Ueber mehrere

Hügel, unter denen sich besonders die Königshainer Berge mit dem

Todtensteine, jener alten heidnischen Opferstätte, auszeichnen, gleiten

die Blicke zu der Ebene herab. Hier und da öffnet sich der Wald, und

eine Feldmark, ein Dorf mit Kirche und Thurm wird sichtbar. Wohl giebt

es reichere und schönere Fluren als die der Lausitz; aber selten trügt

hier die Hoffnung auf die Ernte, und mancherlei Früchte, von dem edlen

Weizen bis zu dem Buchweizen mit rothweißen, honigduftenden Blüthen,

trägt das Land, in welchem eine herrliche Blume nicht verwelcket --

die Zufriedenheit seiner Bewohner, die Liebe zur Heimath! -- Wie eine

Insel, ringsum von dem Germanismus umfluthet, ist die Heimath der

Wenden. Starke, kräftige Söhne der Natur haben sie auf einer Fläche von

siebenzig Quadratmeilen ihre Nationalität durch Jahrhunderte erhalten.

Unter ihnen ertönen, besonders in zwei Dialekte schattirt, die Klänge

einer Sprache, welche mehr als andere nach dem fernsten Osten,

nach Indien, hinweist und welche unter ihren Schwestern desselben

Sprachstammes theils der böhmischen, theils der polnischen ähnlich ist.

Namen, Sagen und Gebräuche der Gegend sind wie Denkmäler einer Zeit,

von welcher keine Historie berichtet. -- Die Volkslieder der Wenden

waren einst unbeachtet und wenig gekannt. Sie glichen einfachen Feld-

und Waldblumen, deren sich Hirten und Ackerbauer freuten und die ihren

Lebensweg schmückten; aber als man herniederstieg von den Höhen der

Bildung zu den Thälern und Gründen, in welchen das Volk weilt, erkannte

man, daß jene Volkslieder, wie auch anderwärts, emporgeblüht waren

nach unbewußten Gesetzen der Schönheit aus dem ewig schöpferischen

Schooße der Nation, frisch in ihrem hohen Alter, von seltner Pracht

und Mannigfaltigkeit. Manche dieser Blumen, gepflückt in den Wäldern

der Standesherrschaft, ist hineingewunden worden in den Kranz der

Volkslieder der Wenden in der Ober- und Niederlausitz.

Wir versetzen uns von des Thurmes Höhen in eines jener Dörfer, welche

wir von dort aus erblicken. In der Mitte desselben ist die Kirche und

der Kirchhof. Die Dorfflur ist mit Weiden, Linden und andern Bäumen

bepflanzt. Die Häuser bilden eine einzige breite Gasse. Sie sind meist

aus Schrotholz aufgeführt, und über dem Giebelfenster ist ein frommer

Spruch. Noch immer, wie einst, liegt in der Wohnung des Wenden das

Brot fortwährend auf dem Tische, um den Hungrigen gebrochen zu werden.

Die starken, frischen Menschen, welche uns das Pomhaj bóh! zurufen,

hat die Arbeit auf dem Felde und die einfache Nahrung gekräftigt.

Mancher Sohn der Lausitz ziert durch seine herkulische Gestalt die

Reihen preußischer und sächsischer Krieger. Durch Muth und Tapferkeit

hat sich der Wende, wie einst in den Jahrhunderte langen Kriegen gegen

die Deutschen, so immerdar ausgezeichnet, und selbst die Franzosen

kannten recht wohl ~les bouchers Saxons~, das schöne, tapfere

Dragonerregiment, Prinz Johann, welches meist aus Wenden bestand.

Mitten unter jenem Völkchen wohnt die Heiterkeit und Fröhlichkeit. An

den Gemeindefesten, bei der Arbeit auf Feld und Flur ist ein fröhliches

Singen und Scherzen, und kommt der Winter, dann ist die Spinnstube

mit ihren Regeln und Ordnungen die Stätte harmloser Freuden. Ein

herrlicher Zug in dem Charakter des Wenden ist die Treue. Wohl ist ihm

ein gewisses Mißtrauen eigen; aber es ist nicht ursprünglich, sondern

im Laufe der Zeiten entstanden durch mannigfaltige Bevortheilungen und

Mißhandlungen von Seiten der Deutschen. Dennoch hängt der Wende in

unverbrüchlicher Treue an denen, welche sein Vertrauen haben, und liebt

sein Vaterland in reiner, lautrer Liebe. Die liebste Stätte ist ihm

seine Kirche. Nimmer ist sie leer, weder in der Hitze des Sommers, noch

in den Unwettern des Winters. Bei jeder Mahlzeit, so oft die Betglocke

ertönt, falten sich die Hände zum Gebet, und Lebensgewohnheiten und

Begrüßungsformeln weisen hin auf den tiefen, religiösen Sinn, den

Grundzug in dem Charakter des Wenden. Es ist die Religion, an welche

sich diese sinkende Nation hält, und die ihr, der ersterbenden, Trost

und Frieden bringt.

Wir mischen uns weiter unter jenes Völkchen mit seinen ursprünglichen,

eigenthümlichen Sitten und Gebräuchen. -- Das Krumbholz ist von Haus

zu Haus getragen worden und hat die Gemeinde zur Gromada gerufen, im

Sommer unter die Linde des Dorfes, im Winter in die Schenke. Innerhalb

der strengen Gesetze und Ordnungen der Versammlung entstehen heftige

Wortgefechte; aber sie führen durch Prüfungen und Erwägungen zur

Verständigung, und gar fest wird an den Beschlüssen der Gemeinde

gehalten. -- Doch dort bewegt sich ein Hochzeitszug durch das Gefilde!

Von dem ersten Wagen ertönt Musik, die Töne der Tarakawa, der

dreisaitigen, wendischen Geige und des Dudelsacks. Den zweiten Wagen

hat die Braut mit ihrem Ehrengeleite, den dritten der Bräutigam mit

dem seinigen bestiegen, und es folgen noch viele Wagen mit jubelnden

Gästen. Eine Hauptperson ist der Družba, wie der Brautwerber, so der

Ordner des Festes. Das Haupt der Braut ist mit grünseidenen Bändern

umwunden, und den Scheitel schmücket ein Rautenkränzchen. Gar stattlich

ist das frische, tiefbusige Mädchen in ihrem schwarzen Jäckchen,

welches über der Brust von farbigen Schnuren gehalten wird, in dem

hundertfaltigen Reifrocke, mit dem Rosmarin an der Seite des Herzens.

Der Bräutigam trägt einen langen Rock. Oft mehrere Tage über dauert

die Hochzeit mit ihren eigenthümlichen Gebräuchen bei der Trauung,

beim Mahle, beim Tanze, dem Abzuge und Anzuge der Braut. -- Auch bei

den Kindtaufsfeierlichkeiten werden besondere Gebräuche beobachtet.

Während der sechs Wochen betet die Wöchnerin, so oft die Betglocke

ertönt, ein Vaterunser für ihr Kind an dem Wochenbette und sie entfernt

sich nie aus der Stube ohne eine Bibel oder ein Gesangbuch in die Nähe

des Neugeborenen gelegt zu haben. Nach dem Kirchgange nimmt die Mutter

ihr Kind gewöhnlich mit auf das Feld. Es ruhet während ihrer Arbeit in

einer Art Hängematte und wächst in freier Luft unter der unmittelbaren

Sorge der Mutter heran. Die Trauertracht der wendischen Frauen ist ein

langer, weißer Ueberwurf aus feiner Leinwand, in welchen sie sich vom

Kopfe bis zu den Füßen einhüllen. Das Weiß als Trauerfarbe ist ihnen

vor andern Völkern eigen und weiset, wie die Sprache der Wenden, nach

Indien. Ist ein Bienenvater gestorben, so muß sein Tod den Bienen

gemeldet werden. Ebenso werden die Pferde, wenn die Leiche aus dem

Hause getragen wird, in den Ställen aufgejagt, um ihnen das Scheiden

des Hausbewohners kund zu thun. An dem Abende vor dem Begräbnisse,

welcher der wüste oder stille Abend heißt, versammeln sich die

Dorfbewohner mit den Leidtragenden im Trauerhause, um ihn, oft bis tief

in die Nacht hinein, durch das Singen von Sterbe- und Trostliedern zu

feiern. Den Tod eines Familiengliedes zeigt oft die Wehklage vornweg

an. -- Mehr als bei einem andern Volke findet sich unter den Wenden der

Aberglaube in Meinungen und Gebräuchen. Er ist eine Nachwirkung ihrer

alten, heidnischen Naturreligion und zeigt, wie innig dieselbe mit dem

Volksleben verflochten war; er ist von Interesse für den Historiker,

besonders aber für den Psychologen, denn er läßt Blicke in die innerste

Eigenthümlichkeit der Nation thun; er gehört zur Poesie des Volkes,

wohl verschieden von dem kalten Unglauben, ja diesem gewissermaßen

diametral entgegengesetzt.

Sagen und Bilder aus Muskau und dem Park · 第 4 / 7 段