-- Habesch. Majestätisch thürmen sich seine Berge zum Himmel empor,
und den erhabensten Purpur bringt ihren Gipfeln der Glanz der Sonne
des Südens. In den Alpen ist ein reiches Weben und Schaffen der Natur.
Frisches Grün umsäumt die Höhen, gluthvoller küsset der Sonnenstrahl
die Knospen, und viele seltene, herrliche Blumen schmücken jene
Wunderzone. Eine Blume der freien Alpe gleich war dort ein Mägdelein,
die Tochter eines Hochgestellten des Landes, nahe dem Könige. Eben
war sie eine Blüthe aus der Nacht der Knospe getreten. Es schlug ihr
Herz in hoher Daseins-Wonne; es tauchte sich in der Heimath süßes
All. Doch ein feindliches Volk drang siegreich vor. Viele würgte das
Schwert, auch des Mägdleins Eltern, und es mußte Zeuge sein, wie die
Feinde sechs ihrer Brüder tödteten. Zu Gondar wurde Machbuba von ihrer
Schwester auf immer getrennt, und weiter schleppten ihre Gebieter die
Jungfrau. Auf dem Sklavenmarkte zu Chartum harrete sie des harten
Looses, das ihr werden sollte. Bis dahin war Fürst Pückler-Muskau auf
seinen Reisen durch Mehemed Alis Reich vorgedrungen. Ihn fesselte
die bronzefarbene Schönheit, mehr noch die Wehmuth der Verlassenen,
ihre kindliche, innige, reiche Seele. Er kettete ihr Leben an das
seinige, und löste die schöne Blume der abyssinischen Alpe von ihrer
Heimath -- um im kalten Norden früh zu verwelken. -- Unter den Räumen
des Bades Muskau zwischen der Neiße und den Hügeln ist ein Haus vom
Park umschlossen. Von seinem Balkon aus schaut man Wiesen, Baum- und
Blumengruppen, welche die Kunst mühsam geschaffen hat. Jenes Haus
wurde die Heimath der Fremden, der Tochter der südlichen Alpenwelt.
Freud’ und Leid hatte sie mit ihrem fürstlichen Herrn und Freunde auf
langer, beschwerlicher Reise gern getheilt; in kindlichem Gehorsam
gefiel es ihr auch hier wohl. Die Sterne des Nordens haben mit kaltem
Glanze auf die schöne Tochter des Sonnenlandes herabgeschaut, und ihre
Sehnsucht nach der Pracht des Schlosses wurde nur erst kurz vor ihrem
Tode gestillt; denn dort ist sie gestorben den 27. October 1840 Mittags
12 Uhr. Der alten Heimath theures Paradies war ihrer Seele nimmer
fern. Auf der Sehnsucht ungehemmten Schwingen zogen die Gedanken nach
dem geliebten Vaterlande. Wie das Kind an der Mutter Brust fanden sie
dort ihre Ruhe. Reicher träuften die heimathlichen Fluren von tiefem
Frieden, schöner blühten ihre Blumen, freier erhoben sich ihre Berge
zum Himmel, und der Heimath, der Kindheit entschwundenes Glück tauchte
tröstend in der Erinnerung empor. Die innige, sich sehnende Seele
erschloß sich immer mehr und mehr der Sonne der Sonnen; aber langsam
verwelkte unter des Todes eisigem Hauche die Blume des Lebens. Der
Fremden wurde die Rückkehr in unser Aller Heimathsland herrlich und
reich. --
Mancher Todtenhügel ist aufgeschüttet auf Muskaus Kirchhofe; mancher
Kummer hat dort geendet. An dem Rande desselben ist ein Grab aus
leichtem Sande aufgebaut. Er birgt eine früh Entschlafene. Nicht hat
sich Todtenblässe über ihre Züge ergossen, wie über die Anderer, als
sie in den Sarg gelegt ward; nicht wehen die heimathlichen Palmen
über ihrem Grabeshügel, und nur ein Vergißmeinnicht des Lenzes blüht
über demselben unbemerkt zur Trauer um die Todte; nicht ist es der
Sterbenden vergönnt gewesen, ihrem fürstlichen Herrn und Gebieter,
ihrem Befreier, dem sie gefolgt, dem ihr Herz, ihr Leben gehörte, im
Danke die Hand zu reichen: -- in kalten Gyps haben sie die Hand der
Todten abgedrückt und also dem um sie Trauernden gesendet. Der Tod hat
sie des Traumes eines reichen Glückes, des langen Heimwehs entbunden.
Ein Vaterland jenseits des Stromes der Zeit hat sie aufgenommen und ihr
den Kuß der Liebe gegeben. Sie ruhet so sanft unter den Todten Muskaus,
und auf dem Friedhofe daselbst ist ein seltenes Grab. --
Jahre waren vergangen seitdem jene Tochter Abyssiniens zur Ruhe
bestattet worden war, und die Herrschaft Muskaus war eine andere
geworden. Wiederum goß der Frühling frisches Grün über den Park aus
und in den einsamen, schattigen Hainen desselben dachte wohl Mancher
derer, die sie aufgebaut hatten, des fürstlichen Gründers des Parks
und seiner edlen, gemüthreichen Gemahlin. -- Es war ein herrlicher
Lenzestag -- ein Tag des Herrn. Die Sonne stand in ihrer vollen Pracht
am Himmel; aber bald trat lichtes Gewölk vor dieselbe, und gleich einem
Flore legten sich Schatten über den ergrünenden Park. Durch Wiese und
Hain herrschte feierliches Schweigen. Maiglöckchen läuteten ein zur
Todtenfeier. Wie fromme Beter standen die Blumen. Die Gipfel der Eichen
tauschten ihre Klagen, es schlug im Leide des Haines Herz, und es war
als wenn die Natur um einen Todten trauerte. -- Muskau feierte an jenem
Tage das Andenken an eine jüngst Entschlafene, das Andenken seiner
einstigen fürstlichen Herrin, der Beglückerin und Wohlthäterin Vieler.
--
Fern von ihrem Muskau ruhet die Fürstin, fern von ihren Alpen die
schöne, edle Tochter Abyssiniens. Der Tod führt aus der Fremde zur
Heimath.
XIII. Das Jagdschloß.
Sendet man von dem Gipfel der Landeskrone bei Görlitz seinen Blick
nach Nordwesten, so dehnt sich vor demselben zwischen der Neiße und
Spree, welche den schwarzen Schöps mit dem Ebersbach aufnimmt, eine
mächtige Waldfläche aus -- die Muskauer Haide. Wie dicht und holzreich
die Wälder der Standesherrschaft einst waren, kann man sich kaum noch
vorstellen. Aus Aerger über die unwegsame, unwirthliche Haide wurde
diese im dreißigjährigen Kriege 1637 von den Kaiserlichen angezündet,
und der fürchterliche Waldbrand dauerte über sechs Wochen. Köhler
und Andere, welche den Wald lichteten, waren erwünscht. Gräbt man in
die Erde, so findet man hie und da Riesen von Baumstämmen, welche
unbenutzt versanken, und einem Urwalde Amerikas mochte besonders an den
moorigten, quellreichen Stellen die Muskauer Haide gleichen mit ihren
Kiefern, Fichten, Tannen, Birken, Erlen, Buchen und tausendjährigen
Eichen, unter welchen Sträucher und kleinere Bäume mächtig
emporwuchsen. Wie ein Ueberrest jenes Waldes ist das herrliche Revier
um das Jagdschloß.
Das Jagdschloß mit seinen Umgebungen liegt drei Stunden von der Stadt,
unweit der Bautzner Straße. Welcher Standesherr die Gebäude desselben
einst aufführen ließ, läßt sich nicht ermitteln. Wahrscheinlich sind
sie ein Werk des Landvoigts Curt Reinicke von Callenberg. Dafür
spricht die Nachricht, daß der Kurfürst von Sachsen mit den Prinzen
oft der Einladung zu Jagden in der Muskauer Haide folgte, welche von
einem Manne ausging, den sein Landesherr vor Allen auszeichnete. Auch
wies die ursprüngliche Bauart des Schlosses darauf hin, daß es nicht
zu alt sein kann, daß es weder als befestigte Stätte, noch zu einem
längern Aufenthalte gedient hat, sondern nur für die Jagden. Ein
Zimmer des Schlosses war vordem zur Kapelle eingerichtet; denn wie
bei den kurfürstlich sächsischen Hirschfeisten, zur Verherrlichung
der Jagdfeste, die Jagdpredigten nicht fehlen durften; wie solche z.
B. 1649 in der Schloßkirche zu Freiberg von dem orthodoxen Weller
gehalten wurden und unter dem Titel „Zachäi erfreuliche Seelenjagd“
herausgegeben worden sind; so durften jene Jagdpredigten auch bei
den Jagden derer nicht fehlen, welche in ihrem Leben die Sitten des
Hofes nachahmten. -- Das Jagdschloß ward später eine Stätte, in
deren Stille sich die Besitzer der Herrschaft aus ihrem geschäfts-
und beziehungsvollen Leben gern dann und wann zurückzogen. Graf
Herrmann von Callenberg, dieses poetische, für die Schönheiten der
Natur empfängliche Gemüth, hatte seit 1774 das Schloß mit seinen
Umgebungen zu einem der angenehmsten Aufenthalte für Sommer und
Winter umgeschaffen. Nach ihm wurde es Herrmannsruh oder ~Mon repos~
genannt. Die Grafen Pückler weilten gern daselbst, weil sie die Jagd
liebten. Erst 1815 überließ die Gräfin Seydewitz dem Standesherrn,
ihrem Sohne, das Schloß zum freien, beliebigen Gebrauch. Vor allen
hat Fürst Pückler-Muskau sein Jagdschloß geliebt. Dorthin führte er
von der Grenze der Standesherrschaft seine Braut, die Tochter des
preußischen Staatskanzlers von Hardenberg; von dort aus hielt sie
einige Tage darauf, den 22. Juli 1817, ihren feierlichen Einzug in das
Schloß Muskau. In einem Nebengebäude des Schlosses hatte sich der Fürst
einige Zimmer nach seinem Geschmacke einrichten lassen. Bücher, Waffen,
Bilder und Schreibzeug waren die Zierde derselben. In dem Schweigen und
der Frische des Waldes ist ein großer Theil der Tutti Frutti und des
klassischen Gartenwerkes, sowie andrer Werke des Fürsten entstanden.
Einen lieblicheren Raum zum Sinnen und Denken konnte sich der
Schriftsteller unter den Fürsten nicht wählen. Mächtig wirkte der Wald
auf das Gemüth und erfüllte mit Begeisterung für die Natur; klarer und
übersichtlicher zogen in der Einsamkeit und Ruhe desselben die Bilder
des Lebens, die der Fürst, ein moderner Odysseus, bald hier, bald
dort, besonders in den höchsten Kreisen geschaut hatte, vor der Seele
vorüber, um ihre vorurtheilsfreie, originelle Würdigung zu empfangen.
Der jetzige königliche Standesherr hat das Jagdschloß im gothischen,
oder vielmehr im normännischen Style restauriren lassen. In dem
einstöckigen Hauptgebäude ist ein Saal, aus welchem man auf ein kleines
Plateau tritt, von dem Stufen auf die Wiese führen. Ueber jenem Saale
ist ein Dachzimmer; die übrigen Zimmer befinden sich in den beiden
Flügeln des Schlosses. Von beiden Seiten des Gebäudes aus zieht sich
eine Mauer hin, welche sich im Walde verliert und durch welche ein
schönes Portal in den Schloßraum führt. Die alte Försterwohnung ist
abgebrochen; die neue lehnt sich an den nahen Hügel. --
Hatten schon die frühern Besitzer der Herrschaft die Umgebungen des
Jagdschlosses zu verschönern gesucht, so konnte es nicht fehlen, daß
der Meister in der Landschaftsgärtnerei dieses Lieblingsplätzchen
seiner Ahnen, die Stätte, wo er selbst so gern weilte, nach seinem
Genius zu behandeln begann. Schon 1815 fingen dort seine Schöpfungen
an; doch gingen sie meistens gleichen Schritt mit denen des Muskauer
Parkes. Von diesem aus wurden anmuthige Waldwege nach dem Jagdschlosse
geführt. Es entstand um dasselbe herum ein zweiter Park, den Spaten und
Axt vereint geschaffen haben. -- Vor dem Plateau an der Südseite des
Schlosses breitet sich ein frischer Wiesengrund aus. Wohl schaut man da
herrliche Gruppen alter Laub- und Nadelhölzer; aber alsbald wird das
Auge durch das Dunkel des Waldes gehalten, und die große Schattenmasse
giebt dem Bilde den Charakter der tiefsten Ruhe. Der Wald westlich vom
Schlosse ist von Wiesenflächen umsäumt, welche sich an ihm weithin
ziehen. Da, wo sie in der Nähe des Schlosses beginnen, steht ziemlich
isolirt eine herrliche, alte Fichte, wohl mehr als 100′ hoch. Gar
gleichmäßig senken sich ihre Aeste mit den langen Nadelgehängen von
der Krone des Baumes an und die untern, die bis zur Erde herabhängen,
messen über 30′. Der Anblick dieses majestätischen, noch immer frischen
Baumes stimmt das Gemüth feierlich; aber er versetzt auch die Seele
in Spannung; denn es ist als wenn dieser Gigant aus der Tiefe des
Waldes hervorgetreten wäre, um seinem Bewunderer zuzurufen: „Gehe nur
in den Wald, dort findest du viele meines Gleichen!“ Auf der Wiese an
dem Walde sind mannigfach gestaltete Strauch- und Baumgruppen. Sie
gleichen den bald höheren bald niederen Vorbergen eines Hochgebirges.
Ueber dieselben erhebt sich der Blick zur Höhe des mächtigen Waldes mit
seinen Linien, welche er gegen den Horizont bildet; sie bringen den
Eindruck des Freundlichen und Heitern, der sich über sie hinaus zum
Gefühle des Erhabenen erweitert. Wie der Fürst mehr denn ein Anderer
in jenes Schönheits-Geheimniß der Natur eingedrungen ist, nach welchem
sie in ihren Formen und Gruppirungen nie grell abbricht; so hat er auch
hier den Hochwald in dem Wiesengrunde meisterhaft zu vermitteln und
in Einklang zu setzen gewußt, und hierin ruhet der Reiz der Partie.
Die Wiesenfläche verliert sich nach Nordwesten zu im Walde. An dem
Ostrande derselben ziehen sich chaussirte Wege und Gänge hin, und von
hier aus steigen Hügel sanft auf. Diese sind bis an den Wald mit
Laubholz-Pflanzungen bedeckt und von Gängen durchzogen. So aber ist in
die Umgebung des Jagdschlosses ein schönes Gleichgewicht, sowie eine
reiche Fülle von Abwechselung gebracht worden, und die groteske Natur
um dasselbe hat Bewegung erhalten. --
Doch wie lieblich auch die nächsten Umgebungen des Jagdschlosses sind,
mächtig reizet des Waldes Geheimniß. Schmale Waldwege führen in dies
Heiligthum, welches die Natur allein aufgebaut hat. Dort heben Kiefern,
schlank wie die Pinien, oft über hundert Fuß hoch, ihre Gipfel zu den
Wolken empor; dort grünen Eichen, die manche Generation überdauerten,
in unversiegbarer Frische; dort wetteifern riesige Fichten und
Tannen im Alter und himmelanstrebenden Wuchse; dort sind Aeste in
einander verschlungen; dort erneut sich unter erstorbenen Zweigen in
kräftigem Nachwuchse der Wald, und fast undurchdringlich ist die grüne
Wildniß; dort in dem quellenreichen, moorigen Boden ist die üppigste
Vegetation, ein titanenhaftes Streben der Pflanze zu dem Himmel empor
-- nach Sonnenlicht und Freiheit. Aber unter ihnen ist bald ein
Teppich von Heidel- und Preisselbeerkraut mit schwarzblauen und rothen
Früchten, bald eine Decke von Haidekraut mit blaßrother Blüthe weithin
ausgebreitet, und emsig verhüllen die mannigfachen, weichen, grünen
Moose das Grau des Bodens. Hier und da sind Büschel von wildem Rosmarin
und Farrenkraut in jenen Teppich gewebt. In der Tiefe wie in der Höhe
arbeiten die Kräfte des Waldes, der Natur.
Nicht bloß in seiner kräftigen, frischen Vegetation reizet der Wald;
er ist auch die Wohnung des scheuen, flüchtigen Wildes. Einst waren
gegen 8000 Morgen des Revieres um das Jagdschloß herum eingezäunt. Der
Fürst ließ das Gehege niederreißen, „weil er kein zahmes Wild haben
wollte.“ Der jetzige königliche Standesherr hat den Wildpark bedeutend
vergrößern lassen, so daß er über 12000 Morgen umschließt. --
Es gewährt eine gar hohe Freude, dem sinnigen Treiben der Thiere
in ihrem Bereiche zu lauschen. -- Der Sonnenball, dessen Strahlen
den Maiwuchs getrieben, ist im Sinken, und wie auf goldigem Grunde
ruhet der Wald. In seinen Tümpeln quaken die Frösche eifriger ihr
Abendlied, und die Vögel ziehen nach ihren Ständen, zu träumen von
den Freuden des Tages. Nur die geschwätzige Haidelerche und das spröde
Schnepfenweibchen können die Ruhe noch nicht finden; doch der Kauz
ruft, der Nachtwächter des Waldes. Die heilige Nacht lagert sich
über die Erde, und in dichte Schatten gehüllt stehet der Wald. Da
dringt von dem Himmel schwaches Dämmerlicht durch die Bäume. Kurz
ist die Ruhe der lebensfrohen Waldbewohner. Und es folgt der scheue
Auerhahn, der schlaue Birkhahn dem Locken seiner Hühner, und in der
Leidenschaft trifft ihn des Jägers Blei. Die Lerche weckt in dem Herzen
die Morgenandacht. Dompfaffen, Finken und zahllose Meisen stimmen
ein in den Gesang, und die schwarzen Krähen verlassen das Heiligthum
des Waldes. Geschäftig fliegt der Holzhäher von Stamm zu Stamm, der
Kuckuck erhebt seinen Ruf, an den hohlen Bäumen hämmert der Specht,
und auf den Lachen sucht sich die Ente ihr Frühstück. Rührig wie in
Zweigen und Lüften ist es auf der Erde. An des Waldes Saum eilet die
Hirschkuh, ihr zur Seite das Wildkalb. Scheu blickt sie in mütterlicher
Sorge um sich her, ehe sie den Halm erfaßt, während der starke Hirsch
schon längst auf dem grünen Plane weidet. In freudigen Sprüngen bricht
das Reh und der Dammhirsch aus dem Gebüsche hervor; aber behutsam
schleichend verläßt der Fuchs, der Diplomat der Haide, seinen Bau,
an Schalkheit Marder und Iltis überbietend. Langsam geht die Sau mit
den Frischlingen aus ihrem Lager. -- Die Morgensonne steht in voller
Pracht am Himmel. Immer lebendiger wird’s im Walde. -- Von Ast zu Ast
tanzet in verwegnen Sprüngen das Eichhörnchen; an des Dickichts Rande
sonnet sich die Schlange; rastlos bauen die Ameisen; Libellen flattern
von Halm zu Halm, und zahllose Käfer und Fliegen sind wach geworden. O
schöner Lenzes-Morgen im Walde! Welche Freude bringst du dem Herzen!
Wie erschließest du den spähenden Sinnen das geheimnißvolle Treiben in
dem Reiche der Thiere! Wie zeigst du ihre Leidenschaften, ihre Kämpfe,
ihre Siege, die große, wunderbare Staatsökonomie derselben.
Doch Aegidi ist da, und einen neuen Reiz hat der Wald. Auf den Feldern
hat der Landmann seine Ernte gehalten mit Sichel und Sense; es beginnt
die Ernte des Jägers im Waldreviere mit Pulver und Blei. Der Wald wird
die Stätte kühner und blutiger Thaten. Wohl gewähret die Jagd dem, der
sich ihren Reizen erschlossen hat, allenthalben ein großes Vergnügen,
wenn er auch nur des flüchtigen Hasen oder des schüchternen Rebhuhns
wegen das Feld durchschweift; aber mächtiger zieht es den Jäger in den
Wald, wo das Hochwild ist. Da erfüllt sich die Brust mit Muth wie vor
einem nahen Kampfe; da bemächtigt sich des Waidmanns ein ritterliches
Gefühl, ähnlich dem, das den Kämpfer gegen die Ungeheuer des Waldes
in einer Zeit beseelte, wo noch nicht das Feuerrohr, sondern Schwert,
Bogen und Lanze die Waffe war, mit der er den Bär, den Auerochsen, den
Eber u. s. w. erlegte; da werden Triumphe der Kraft, der Ausdauer, der
Gewandtheit und Entschlossenheit gefeiert, und wie zu großen, kühnen
Thaten zieht der Jäger, wenn die Sterne erlöschen, am frischen Herbst-
oder Wintermorgen in frischem Muthe in den Wald. Mancher Eber, der
verwundet, vor Zorn knirschend, seinen Mann annahm, ist in dem Reviere
um das Jagdschloß erlegt worden; mancher stattliche Hirsch ist dort
unter dem Feuer zusammengebrochen. Eine der größten Jagden war 1821 zu
Ehren des Staatskanzlers Hardenberg. -- Während das Hochwild anderwärts
immer mehr verschwindet, dauert es hier fort, und auch in dieser
Beziehung ist die Haide um das Jagdschloß wie ein Ueberrest eines
Urwaldes. --
Die Freuden der Jagd sind nur für Wenige; aber Jedem will der Wald
eine Freude bieten. Die Befriedigung, welche er gewährt, ist bedingt
durch die Stimmung, in welcher er betreten wird. Das Kind, dessen
Seele die Stürme des Lebens noch nicht bewegten, geht, geleitet
von schützender Hand, in den friedlichen Wald und freuet sich der
lieblichen Waldblumen. Es windet sich aus ihnen einen Strauß, es windet
seine Liebe zur Mutter hinein und gar lange und gern gedenkt es des
schönen Waldes. Andere Blumen hat der Wald für den, dessen Herz der
Liebe Macht gerühret. Inniger wird in der tiefen Ruhe der Natur das
Sehnen der Seele; näher tritt ihr in der Einsamkeit das Bild, in das
sie sich versenket; wie der Wald in frischem, grünen Leben athmet,
schlägt das Herz in Wonne und seligem Glücke, und unvergeßlich bleibt
die schöne Stunde, in dem Walde verlebt, allein und doch nicht allein.
-- Eine andere Gabe hat der Wald, der hohe, kräftige Wald, für den,
hinter welchem, wie hinter jenem, eine lange Vergangenheit liegt. Da,
wo unter kräftigen, alten Stämmen, neue frische Bäumchen emporwachsen,
tritt in dem Immergrün des Waldes die Erinnerung an uns heran. Und
sie führet uns zurück an diesem traulichen Plätzchen in die Tage und
Träume der Kindheit, in die herrlichen Tage der Jugend, wo in der
schwellenden Lebenskraft voller mannigfache, hohe Ideale der Seele
entblühten. Sie kommen wieder die alten, hohen Gestalten, die einst mit
wunderbarer Macht das Getriebe des Geistes bewegten, und gern gedenken
wir der Stunde, in welcher wir in dem Walde verweilten, an dem Borne
der Erinnerung, der uns gestärkt und erquickt hat. -- Und eine andere
Gabe hat der Wald für den, der sich losreißt aus dem Regelzwange, der
ihn täglich umgiebt: -- in ihm ist Freiheit und Wahrheit der Natur!
Einen reichen Trost hat der Wald für den Betrübten: -- da ist es,
als wenn die Zweige mitfühlend sich senkten, als wenn ersterbende
Aeste das Loos des Verwelkens theilten, als wenn des Lebens Kräfte
sich neu gestalteten über Verlusten, Trümmern und Ruinen. Eine Gabe,
eine Freude, eine Befriedigung hat für Jeden der Wald! -- Hierin aber
thut es diesem Walde mancher andere gleich. -- Aber worin liegt der
eigenthümliche Reiz, welchen grade das Jagdschloß mit seinen nächsten,
mit seinen entfernteren wilden Umgebungen auf das Gemüth ausübt? In
demselben Genusse, der uns wird, wenn wir in das Epos das liebliche
Idyll eingeflochten finden. In unwiderstehlichem Zauber wirkt dieser
Gegensatz, oder vielmehr dieser Verein des Erhabenen und Ernsten mit
dem Lieblichen und Heitern in dem klassischen wie in dem romantischen
Epos. Der Meister der Sänger, der alte Homer, lenket gar oft den Blick
von seinen Helden, von ihrem Ringen um Ilion, von den blutigen Preisen
desselben, auf des Hauses friedlichen Kreis, wo die Andromache den
geschäftigen Dienerinnen gebietet, wo sie webt an herrlichen Gewändern;
der göttlicher Dulder Odysseus findet nach Wogen und Stürmen, in
welchen ihn des Poseidon Groll verfolgte, manche liebliche, idyllische
Stätte, sei es bei der Kirke, sei es bei den Phäaken; selbst im alten
Testament erhält das herrliche Familien-Gemälde, das Buch Ruth,
abgesehn von Anderm, einen hohen Reiz, weil es mitten in die Kämpfe der
Richterzeit eingezeichnet ist. Und so findet sich, wollten wir weiter
blicken, gar oft das Idyll in das Epos meisterhaft eingewebt. Wie Idyll
und Epos verhalten sich die näheren und entfernteren Umgebungen des
Jagdschlosses. --
Da ist ein freundliches Schlößchen dazu bestimmt, von Zeit zu Zeit
Glieder einer hohen Familie aufzunehmen; da sind des Schlosses wegen,
in der Nähe desselben, einige Gebäude, in welchen die Stille des
Waldes von den Geschäften des Lebens unterbrochen wird. Gar freundlich
sind die nächsten Umgebungen der Gebäude. Blumen- und Strauchgruppen
verrathen die Hand, die sie sorgfältig, um zu erfreuen, gepflanzt
hat. Theils vereinzelt, theils in Gruppen folgen Bäume, deren Anblick
den Frohsinn weckt: Linden mit ihrem lebhaften Wuchse, Weiden, Erlen,
Akazien, Birken mit ihrer weißen Rinde, Ahorn und Eschen mit ihren
leichten Kronen. Die garten- und parkartige Umgebung des Schlosses
zeigt von ihrem Zwecke, dann und wann die Stätte reiner, ländlicher
Freuden zu sein, zu welchen es mächtig zieht aus dem Glanze der Paläste
und den gemessenen Formen des Lebens. Sie trägt den Charakter des
Idylls. -- Doch den Epos hat der nahe Hochwald. Da ist Unwirthlichkeit
und Wildniß; da hat nur die Natur gewirkt. Düstere Fichten wechseln
mit Kiefern, Tannen und Eichen. Die kräftigen gigantischen Gestalten
derselben scheinen nach einem Preise zu ringen, nach dem des
Hervorragens und der Höhe. Sie suchen gleich Helden ihren Feinden
zu trotzen: der Zeit, den Stürmen und Blitzen. Feierliche Stille,
geheimnißvolles Schweigen wie vor großen Thaten herrscht im Walde, und
wie das Epos bringt er das Gefühl des Erhabenen und Ernsten.
Der Genuß der Natur und die Freude an derselben hängt von den
Voraussetzungen für dieselbe in unserm Leben ab. Sie spiegelt die
Zustände desselben wieder. Daher aber wird das Jagdschloß mit seinem
herrlichen Walde einen bleibenden Reiz behalten für die, deren Leben
mehr oder weniger Epos ist, für die, welche durch Rang und Geburt
dazu bestimmt sind, einzugreifen in die Gestaltungen der Zeiten und
menschlichen Verhältnisse, für die, denen so ein Kranz des Ruhmes wie
die in dem eposgleichen Leben von Zeit zu Zeit die Freuden und den
Frieden der Natur suchen, um sich zu neuen Thaten zu stärken -- das
Idyll in dem Epos. Deshalb aber hat Fürst Pückler-Muskau, wie Andere,
das Jagdschloß besonders geliebt, und gern weilt daselbst der jetzige,
mächtige, königliche Standesherr, wenn er aus den fernen Niederlanden,
aus dem Glanze des Hofes nach Schloß Muskau mit seiner grünen Umgebung
kommt.
Schöner, grüner Hochwald! Wer hat dein Heiligthum so herrlich
aufgebaut? Aus dir selber tönet die Antwort: der Meister der Meister,
der Herr der Welt! Doch wir treten in dein mystisches Dunkel, um bei
Einzelnem zu verweilen.
XIV. Die Spiegelung.
Kaum ist man auf einem der schmalen Wege vom Schlosse aus in den Wald
eingedrungen, so öffnet sich ein liebliches Plätzchen. Ein kleiner
Teich wird ringsum vom Walde umschlossen, der hier in dem frischesten,
üppigsten Wuchse grünt. Selten kräuselt sich, von den Bäumen und
Sträuchern geschützt, seine Fläche in Wellen, und der Teich ist wie
ein Spiegel des Waldes. -- Dieser kleine Teich war schon früher, als
seine Ufer die jetzige, reizende Form erhielten; aber nur von Zeit zu
Zeit. Schmolzen in den Strahlen der Frühlingssonne endlich auch das Eis
und der Schnee der Wälder, flossen nach längeren Regengüssen voller
die Quellen und Waldbäche, so sammelte sich hier das Wasser. Dann aber
zeigte der Teich dem, der sich ihm nahte, wie im Spiegel die Gestalt,
und gar gern weilte an demselben das Landmädchen; denn hier war ihr
zu schauen vergönnt, was die ärmliche, dunkle Kammer nicht bot, ihr
eigenes frisches, liebliches Bild.
Diese Partie des Waldes fand bald ihre Würdigung durch den Fürsten.
Das Waldwasser wurde in dem Teich auf’s Lieblichste gebettet, und
die Ufer desselben erhielten schöne Formen. An seinem Süd-Westende
ist ein Brückchen mit einem Geländer von Fichten-Zacken. In der
Nachmittagssonne ist die Spiegelung am vollkommensten und klarsten.
Seine Anmuth erhält der Teich und dessen Umgebung durch den Charakter
des Traulichen und Lieblichen mitten in dem Erhabenen und Ernsten,
das dem Walde eigen ist, durch den erhöhten Eindruck des ersteren,
hervorgerufen durch den Contrast.