umschlossen. An dem Oberwerke desselben war einst in kunstvoller
Schnitzerei nach dem Geschmacke der Zeit die heilige Geschichte
dargestellt, so für uns geschehen, in der Mitte des Altars das
Hauptstück derselben, der Herr am Kreuze, der sich selbst für uns
geopfert hat. Mächtig wurden in der Erinnerung an die großen Thaten der
göttlichen Gnade und Liebe Menschenseelen ergriffen, näher fühlte man
sich dem Heiligen und Barmherzigen, und zahllose Opfer, Herzen voll
Dank und voll Liebe, sind dem Herrn dargebracht worden an dem Altare
der Kirche, seitdem ihm da, wo einst Menschenwohnungen von den Flammen
zerstört worden waren, von den frommen Burggrafen von Dohna sein Feuer
und Heerd an- und aufgerichtet worden ist.
Den 27. April 1605 in der Woche des Sonntags ~Miser. Dom.~ ist der
Grundstein zu dem Hause gelegt worden, in welchem von der Gnade und
Barmherzigkeit des Herrn gesungen und gepredigt werden sollte. Ps.
89, 1. Bei der Taufe der Ursula Catharina, Tochter des Burggrafen
Karl Christoph zu Dohna, nachmaligen Reichsgräfin von Callenberg, den
19. Mai 1622 ist die Kirche feierlich eingeweiht worden. Das erste
Paar, welches an dem Altare getraut wurde, war Christoph Richter, ein
Tagelöhner, Hans Richters, Zimmermanns und Inwohners in der Schmelze
Sohn, und Jungfrau Martha Spärrichin, auch eines Zimmermanns in der
Schmelze Tochter.
Die Umgebungen der Kirche sind durch den Fürsten zu einem lieblichen
Vorhofe derselben umgewandelt worden. Anfänglich bildete der Kirchhof
ein rings von Mauern eingeschlossenes Viereck. Zwischen die Mauer
nach der Gasse zu war ein großer Röhrbottich gesetzt, um das schöne
Gotteshaus in Feuersgefahr schützen zu können. Die Mauer wich 1779
einem von zwei großen Thorwegen durchbrochenen Stackete, zwischen
welchen auf einem etwas eingerückten Rondele das eiserne Monument
stand, den Helfern in der Theurung 1771/72 gesetzt. Noch stehen einige
der alten Linden, welche sonst auf der Morgen- und Mittagsseite den
Gräbern des Kirchhofs Schatten brachten. Jetzt zieht sich von dem
Ostende der Kirche aus gleich einer grünen Ranke eine Kette von Bäumen
und Sträuchern an der Südseite des Kirchplatzes hin. Zwischen ihr
und der Kirche ist ein Rasenteppich. Von der Hauptstraße aus dringet
der Blick über niedriges Gesträuch zu dem schönen Gotteshause. Das
eiserne Monument stehet jetzt da, wo sich die beiden Hauptwege zur
Kirche vereinen.[B] -- Wohl hat sich die Umgebung der Kirche geändert,
wohl ist sie selbst nach dem Brande 1766 in einfachem, edeln Schmucke
renovirt worden; aber die hohe Bestimmung des Heiligthums bleibt
fort und fort dieselbe, zu sein ein Heerd des Herrn, an welchem
Christenherzen der ewigen Liebe die Opfer ihres Dankes darbringen. --
_Anmerk._ Ueber die deutsche Kirche s. Musk. Kirchenzierde --
auch ~sub tit. Muskov. decus eximium~, Guben 1668 -- u. Langner
S. 16-20. Der Baumeister dieses Gotteshauses, dessen Bogen nur
sich selbst und keinen dieselben im Inneren stützenden Pfeilern
anvertraut sind, war der Italiener ~Bevelaqua~. Den 2. April 1766
brannte die Kirche aus. Das Altarblatt ist von dem Maler Huttin.
Der Thurm ist nicht in der Höhe wieder hergestellt worden, die er
früher hatte. --
Fußnote:
[B] Dieses Monument befindet sich gegenwärtig auf dem freien Rasenplatz
an der Südseite der Kirche. An seiner früheren Stelle erhebt sich das
Siegesdenkmal -- eine Victoria von Drake -- gestiftet zum Andenken an
die Kriege von 1866 und 1870/71, ein Werk von hohem Kunstwerth.
Anm. d. Herausgebers.
IX. Die standesherrliche Gruft.
Während sich die freundliche, lichtreiche, deutsche Kirche Muskaus
über ihrer Gemeinde wölbt, umschließt die Gruft vor dem Altare eine
Versammlung edler, ehrwürdiger Todten. Sie gleichet einer jener
Krypten, jener unterirdischen, spärlich beleuchteten Kapellen unter dem
Chore mittelalterlicher Kirchen. Sie birgt die Gebeine derer, welche
einst Schirmvoigte des Gotteshauses waren und welche von dem Schlosse
aus hierhin zu ihrer Ruhestätte übersiedelten.
Zugleich mit der Kirche ließ Karl Christoph, Burggraf zu Dohna, jene
Gruft für sich und seine Nachkommen bauen. Hatte sich der berühmte
Weltumsegler Franz Drake, ein Freund des Vaters des Burggrafen, das
Element, auf welchem er gelebt hatte, zu seiner Grabesstätte erkoren,
hatte er verordnet, daß einst sein Leichnam auf bleierner Bahre in
das Meer gesenkt würde; in dem Hause des Herrn, das er gebaut und
geliebt, wollte der fromme Burggraf einst ruhen, und die Gruft unter
dem Altare sollte ihm und Vielen werden ein stiller Hafen nach den
Stürmen des Lebens. -- Die Gruft, in welcher die Standesherrn und deren
Familienglieder beigesetzt sind, ist den Bewohnern der Herrschaft
immerdar eine heilige, ehrwürdige Stätte gewesen, nicht aber den wilden
Kroaten, welche, als sie im dreißigjährigen Kriege, 1633 den 8., 11.
und 12. October, die Herrschaft, Stadt, Schloß und Kirchen plünderten,
die Särge aufschlagen, um dort verborgene Schätze zu finden. -- Sonst
führte eine steinerne Stiege, verdeckt durch eine Fallthüre, nahe bei
der Kanzel in das düstere Gewölbe. Es ist ziemlich geräumig und zieht
sich bis unter den Altar hin. In ihm sind diejenigen, welche sich
einst an dem Altare des Herrn bei dem Genusse des gesegneten Brotes
und Kelches nicht nur als Glieder einer und derselben hohen Familie,
sondern auch des Hauptes, Jesu Christi, des Todüberwinders, ewig
verbunden fühlten, im Todesschlafe vereint. Aber wer sind die Schläfer
der stillen Gruft? Wie heißen die, welche die dunkle Krypte der Kirche
versammelt hat? Nicht lassen sich die Namen aller mit Bestimmtheit
angeben; denn da sind Särge, große und kleine, metallene und hölzerne,
welche das Loos derer theilen, die sie bergen, -- das Loos des
Zerfallens.
Jene beiden ältesten, zinnernen Särge standen anfänglich nicht hier,
sondern in einem Gewölbchen neben der Sakristei der alten Stadtkirche.
In ihnen ruhen die Gebeine des Burggrafen Wilhelm zu Dohna, welcher
den Grundstein der Kirche legte, und seiner Gemahlin Catharina. Beide
haben das Gotteshaus, dessen Baues sie sich freuten, nicht in seiner
Vollendung gesehen. Erst nach derselben kam eine feierliche Stunde, in
welcher ihre Leichname in die Gruft der Kirche gebracht wurden. Vier
Kinder gingen den Eltern im Tode voran, deren drei wohl bei ihnen in
der Gruft ruhen. Die Särge mehrten sich. Der Tod bettete aus Wiege in
den Sarg ein Knäblein, Caspar Wilhelm, der Herrschaft ihren einstigen
Herrn entreißend. Dem Sohne folgten die Eltern in die Gruft, Burggraf
Karl Christoph zu Dohna und seine Gemahlin Ursula Brigitta von der
Schulenburg.
Wohl schloß sich also die kurze Reihe der Dohnas, welchen einst die
Herrschaft gehörte; aber nicht die Gruft für ihre Nachkommen. Die
einzige Erbin der Standesherrschaft, Ursula Catharina, Burggräfin zu
Dohna, vermählte sich den 11. December 1644 mit dem Landvoigte der
Oberlausitz Curt Reinicke von Callenberg. Die Eltern sahen in die
Gruft senken ihren Erstgeborenen, Herrmann, in dem ersten Jahre seines
Lebens, seinen Bruder Karl Christoph und dessen Schwester Catharina
Elenora, deren Sarg zu Häupten anagrammatisch die Inschrift trägt: ~C.
E. F. V. C.~ -- ~Cath. E. Freiin v. Cal.~ -- Christi Erlösung Fördert
Unsere Crönung. -- Unter ihren Kindern ruhen die Eltern, der Landvoigt
und dessen Gemahlin, in ihrer Jugend eine Waise, aber nicht im späteren
Alter, wie im Tode.
Doch unter den Särgen der Gruft ist ein sinnig verzierter Sarg.
In dem einen Schilde des Deckels ist der Sonne Untergang und der
Sterne Aufgang dargestellt, und um den Rand desselben zieht sich die
Umschrift: ~Pulchra in prole superstes!~ Sechszehn Kinder, neun Söhne
und sieben Töchter, wurden dem zweiten Standesherrn aus Callenbergschen
Geschlechte, welcher in jenem Sarge ruht, geboren. Einige derselben
starben frühzeitig, als Johann Georg, Curt Reinicke, Georg Wilhelm,
Ludwig August, Maria Margaretha, Ursula Catharina, Johanna Sophia;
die andern wurden der Eltern Freude. Die Söhne, namentlich Heinrich
und Otto Karl, erlangten durch Tapferkeit und Weisheit die höchsten
Ehrenstellen. Eine Tochter Louise vertauschte ihrer Väter Glauben mit
dem katholischen und in der Firmung ihren Namen mit dem Eleonora.
Ihrem Gatten folgte freudig zur Ruhestätte die Ursula Regina, geb.
Freiin von Friesen. Sie verordnete, bei ihrem Begräbnisse nur Lob- und
Danklieder zu singen ob all’ der Barmherzigkeit und Treue, die der
Herr an ihr und den Ihrigen gethan hatte. In der Gruft sind ferner
beigesetzt der Standesherr Johann Alexander von Callenberg und mehrere
der Seinen, worunter eine Enkeltochter, ein Kind der Gräfin zur Lippe.
G. A. H. Herrmann von Callenberg ruht allein in der wendischen Kirche.
Die Gruft birgt ferner die irdische Hülle des Standesherrn Ludwig
Karl Hans Erdmann, Reichsgrafen von Pückler, so wie die des Vaters
desselben, August Heinrich, einst Administrator der Herrschaft. Den 7.
Februar 1815 wurde die Leiche der Schwiegermutter des Grafen Curt von
Callenberg, der Frau von Bassewitz, aus Eichberg in die Gruft gebracht;
den 21. Januar 1817 starb der Graf selbst zu Dresden; den 27. Januar
wurde seine Leiche hier feierlich beigesetzt. Er war der Letzte der
Familie, welcher die Herrschaft lange Zeit gehört hatte, aber auch der
Letzte, welchen die Gruft aufnahm. Muskau wurde verkauft. Seine Fürstin
ist zu Branitz bestattet. --
Eine heilige Stätte ist jeder Grabhügel, ist die Gruft der Kirche
zu Muskau. Sie, die dort schlummern, waren einst die väterlichen
Leiter und Führer von Geschlechtern, zu ihnen schauten Generationen
vertrauensvoll empor und gleich ihnen gingen sie zu Grabe. Wie an
des eigenen Hauses Glücke haben die Standesherren an dem Glücke
der Herrschaft gearbeitet, und Zeugen davon sind Gebäude, die sie
aufführten, Institutionen, die sie trafen, ist der bessere Zustand,
welcher auch dieser Gegend wurde.
Einen unverwelklichen Lorbeer haben sich einige derselben gewunden
aus Verdiensten um das Vaterland, aus hochherzigen, in blutigen
Kämpfen vollbrachten Thaten. Immer wird in der Geschichte der Lausitz
gedacht werden des Landvoigts, welcher der Unordnung steuerte, die der
dreißigjährige Krieg auch dem Markgrafthume gebracht hatte, der bei
Janckau dem Feinde zehn Fahnen und zwei Standarten abnahm, der bei
Wittstock, Schweidnitz, Leipzig u. s. w. tapfer kämpfte. Nimmer wird
vergessen werden des blutigen Tages vor Wien, wo die Türken von dem
edlen Sobiesky in ihrem Lager, von den Kurfürsten aber unter den Mauern
der alten Kaiserstadt überwältigt wurden und wo sich unter den Sachsen
vor Allen auszeichnete eines heldenmüthigen Vaters heldenmüthiger Sohn
-- Curt Reinicke von Callenberg II.
Vieles hat sich geändert, seitdem jene Todten die Gruft aufgenommen
hat. Andere sind in ihr Schloß eingezogen. An der Gruft der Kirche
weilt sinnend die Erinnerung. Und sie schauet die, welche die Särge
bergen; sie gedenket der Geschlechter, unter denen sie einst lebten.
Mächtig ergehet ein Wort an die Nachwelt: „Wir haben hier keine
bleibende Stätte!“ Aber über der Versammlung der Todten in der Gruft,
dort in dem Hause des Herrn, ertönet fort und fort das Wort des Lebens,
dahin weisend, wohin ihre Seelen vorausgegangen.
_Anmerk._ Nachrichten über die Gruft finden sich in der Musk.
Kirchenzierde B. 716-756 und in der Anm. dazu.
„Es ruhn in dieser Kirch’ auch sonst vornehme Leichen, Die nicht
bemerket sind mit Grabe-Stein und Zeichen, Dieweil der ganze Platz
mit Ziegeln überall Gepflastert und besetzt, gleich wie ein schöner
Saal.“
Ueber die Standesherrn und deren Familien vergl. -- die Adelslexica
von Zedlitz, Gauhe u. s. w. -- Carpzovs Ehrentempel u. A. --
insbesondere: Grab- und Ehrenmale von v. Martin Francisci,
Superintendent. der Erbherrsch. M., Einleitung -- Leichenreden: auf
Wilhelm, Burgg. z. Dohna v. ~M.~ M. Zeidler, Wittenb. 1606, auf
Karl Christoph, Burgg. zu Dohna von demselben, Görlitz 1625, und d.
Stationspred. v. G. Mathesius, weil. Past. zu Zibelle, Görl. 1625
-- auf den Landvoigt -- ~Con. conc. fun. D. Geieri, Theol. celeb.,
habit. Dresdae a. 1672~ -- auf dessen Sohn, C. Reinicke v. ~M.~ K.
G. Engelschall -- dazu: ~Magnatum~ Καρδιοκόλλα, drei Leichenreden
v. Jai, Stöcker u. s. w. --
X. Die Taube des Schlosses.
Stirbt auf dem Schlosse zu Muskau ein Kind seiner Herren, fällt eine
Knospe, eine Blüthe ab von dem Baume des Lebens, so zeigt sich der
Sage nach oft, wenn der Todeskampf bald zu Ende ist, die weiße Taube
des Friedens. Ihrer erwähnt Jacobus Stöckerus, weiland Superintendent
zu Muskau, in einer von ihm 1662 gehaltenen Leichenrede „Geistlicher
Brautkranz und Ehrenkron aus Pauli Lustgarten“.
Dem um die Lausitz wie um die Standesherrschaft hochverdienten
Landvoigte Curt Reinicke von Callenberg wurden vier Kinder geboren.
Drei derselben starben frühzeitig, unter ihnen eine Tochter an der
Grenze der Kindheit und des jungfräulichen Alters. Catharina Eleonore
von Callenberg war die Freude ihrer Eltern. Gesundheit, Schönheit,
fröhlicher Muth, Tugend und Frömmigkeit stritten in ihr um den Preis.
Rasch und reich entfaltete sich der Geist des Mädchens, am herrlichsten
im Glauben und in der Liebe zum Herrn. Doch es glich einer Blume,
welche der Erde entblühen und für den Himmel aufblühen sollte.
Unabweisbare Todesahnungen durchzogen die kindlich reine Seele. Die
Anfangsbuchstaben ihres Namens C. E. F. V. C. deutete sie also: Christi
Erlösung Fördert Unsere Crönung -- ein Wort, welches ihr Symbolum und
später die Inschrift ihres Sarges zu Häupten wurde. Nach dem Tode ihres
Bruders K. Christoph behauptete sie, daß sie ihm bald nachfolgen würde.
Eine hitzige Krankheit warf sie nieder. Die Eltern flehten den Herrn
um Rettung ihres Lieblinges an; aber die glaubensstarke Tochter bat
die Mutter, von den Klagen und Thränen zu lassen, denn sie sei ja des
Herrn. Unter den Stunden des 26. Juni 1662 war ihre Todesstunde.
Der Tod hatte seinen Sieg über das junge Leben bald vollendet. Die
Scheidende stand an der Grenze der frohen Ewigkeit. Aber wie die Sonne,
welche dichtes Abendgewölk durchbrochen hat, in ihrem Sinken noch
einmal so lieblich mit ihrem Golde spielt, so war das fromme Mädchen
in seiner Todesstunde. Ein tiefer Friede hatte sich über ihre Züge
ergossen, ihr Antlitz war verklärt, ihre Blicke leuchteten in Trost
und Freude, das Auge des Glaubens schaute klarer und weiter denn je;
es war einer jener Augenblicke in dem Tode dieser Frommen gekommen,
wo ein Vorgefühl der nahen Seligkeit mächtig in die Seele trat. Da
richtete sich die Sterbende plötzlich auf ihrem Lager auf. Sie fragte:
„Wo blieb denn die weiße Taube, welche um mein Bett flog?“ Ein heiliger
Schauer erfaßte die Umstehenden. Indeß kam Magister Stöckerus. Indem er
des Mädchens Hand ergriff, sprach er: „Haltet ja euern Herrn Jesum im
Herzen recht fest!“ Da sank ihr Haupt, es brachen die schönen, hellen
Augen, und unter innigen Gebeten übergab der glaubensstarke Magister
die Seele seines Lieblings dem Herrn.
Der fromme Stöckerus giebt viel auf jenes Gesicht und sollte er darob
für einen Thoren gehalten werden. Das Täublein, meint er, war das
rechte Täublein Noä mit dem Oelblatte des Friedens, nachdem die
Fluthen der Schmerzen vorüber waren, Jesu Taube 1. Mos. 8, 11. Matth.
3, 16. Er schließt die herrliche Leichenrede, in welche er sein ganzes
Herz gelegt hat, mit den Worten ~Hieronym. ad Paul. suam: Faveamus
Blesillae -- Cath. Eleon. -- nostrae, quae de tenebris migravit ad
lucem, et inter fidei incìpientis ardorem, consummati operis percepit
coronam~. --
_Anmerk._ Jacobus Stöckerus, 1606 zu Jena geb., war 1630
Feldprediger bei der sächsischen Armee, dann Superintendent zu
Muskau von 1646 bis 1678. Sein Bild, wiederhergestellt durch die
Hand des Herrn Obrist Köhler, jetzt in der Sakristei der deutschen
Kirche, zeigt einen ehrwürdigen, kräftigen Mann.
XI. Die Thränenwiese.
Die Ursula Catharina, geborene Burggräfin zu Dohna, war einst nicht
die milde, fromme Frau, die sie später an der Hand des Landvoigts
Curt Reinicke von Callenberg geworden ist. Die Sage schildert sie
herrschsüchtig, hartherzig, ja grausam. Sehr früh waren ihr die Eltern
gestorben. Ihre wackern Vormünder, die Gebrüder Sigismund und Seyfried
von Kittlitz, nahmen sich zwar des verwaisten Burgfräuleins väterlich
an; aber es fehlte die Erziehung der Eltern, besonders die der Mutter,
welche edle Gefühle des Herzens weckt und pflegt. In den gefahrvollen
Zeiten des dreißigjährigen Krieges wurde die Erbin der Herrschaft
zwar bald hierhin, bald dorthin in Sicherheit gebracht; aber sie sah
die Gräuelthaten des Krieges und viele Schlechtigkeiten verwilderter
Menschen, und dies blieb nicht ohne Einfluß auf ihr Herz.
Unweit des Schlosses nach dem Westende der Stadt zu ist die
Thränenwiese, eine der schönsten Partien des Parks. Fast regelmäßig,
wenn das Gras derselben zum ersten Male gemäht wird, beginnt es zu
regnen, so daß die Heuernte verdirbt; denn auf der Wiese ruhet ein
Unsegen, ein Fluch. Fabian von Schönaich hatte armen Bewohnern der
Gegend gestattet, sich dort anzubauen, wo jetzt die Wiese ist. Auch
die Burggrafen von Dohna duldeten die niedrigen Hütten in der Nähe des
Schlosses. Anderer Gesinnung als ihre Eltern war die Ursula Catharina.
Sie wollte den Platz zur Vergrößerung des Gartens haben; mitten im
Januar mußten die armen Bewohner der Hütten, ohne daß anderweitig für
sie gesorgt wurde, ihr schützendes Obdach verlassen. Die Hütten wurden
abgebrochen. Nur eine derselben blieb stehen. In ihr wohnte ein armes
Elternpaar. Drei Knäblein wärmten sich am Ofen. Neben dem Bette der
Mutter stand eine Wiege mit ihrem Lieblinge. Ein alter, treuer Diener
der Burggräfin hatte, gerührt durch den Anblick des neugeborenen
Mägdleins, bei der Herrin ein gutes Wort für die arme Familie
eingelegt. Die letzte der Hütten durfte noch stehen bleiben; aber nur
kurze Zeit, bis zum ersten Februar. --
Der erste Februar war herangekommen. Grimmiger denn je war die Kälte,
und selbst die Vögel suchten Schutz vor derselben unter den Dächern
der Gebäude. Vergebens war jener arme Mann die Stadt und die Dörfer
durchlaufen, um für sich und die Seinen ein Obdach zu finden. Gern
hätte er dafür gezahlt mit seiner Hände Arbeit. Traurig kehrte er in
seine Hütte zurück. Doch mit grimmigen Blicken schaute die Ursula an
jenem Tage nach der Hütte. Denn, als sie hörte, daß dieselbe noch
nicht geräumt sei, hielt sie dies für Saumseligkeit, Mißbrauch ihrer
Güte, Ungehorsam, Starrsinn. Der Abend nahte. Immer zorniger ward die
Gräfin; immer größer die Verzweiflung des Armen. Sie gab ihm den Muth,
auf das Schloß zu gehen und die Herrin um Mitleiden anzuflehen. Der
alte Diener, welcher für ihn gesprochen hatte, öffnete die Pforte. In
schlichten Worten schilderte der Bedrängte seine vergeblichen Mühen,
ein Unterkommen zu finden, bat er um Verlängerung der Frist, um Gnade
für die Seinen. Aber in dem Herzen der schönen Gräfin hatte der Zorn
jedes Mitleiden erstickt, und in das Roth ihrer Wangen mischte sich
die Gluth desselben. Harten Worten folgten noch härtere. Sie hieß
den Armen gehen und augenblicklich die Hütte räumen. Er fiel vor ihr
auf die Knie nieder, er flehte mit Worten und Thränen das Erbarmen
der Gräfin an, daß Steine hätten gerührt werden mögen. Aber wie es
bisweilen zu geschehen pflegt, daß die Leidenschaft, je mehr sie
sich ihrer Herrschaft über ihr Opfer sicher fühlt, desto wilder und
unaufhaltsamer wächst: -- die Gräfin stieß den Flehenden von sich, und
immer heftiger wurde ihr Zorn. Die Gluth ihres Antlitzes verkündigte,
was sie befehlen würde. Sie schellte. Der alte, treue Diener kam. In
einer Viertelstunde, so lautete der Befehl an denselben, sollte das
Haus der Ungehorsamen brennen, der, nach ihrer Meinung, wie Viele
vergessen hätte, daß sie noch die Herrin Muskaus sei. Der im Dienste
des Hauses ergraute, treue Diener bat die gestrenge Herrin, ihm diesmal
zu erlassen, was sie befohlen. Sie drohte ihm mit augenblicklichem
Abschiede. Da siegte die Liebe zu seinem Dienste über das Gefühl des
Mitleidens und des Rechtes in des Alten Brust. --
Es begann dunkel zu werden. An dem Fenster des Schlosses stand die
schöne Ursula nach der Hütte schauend und ungeduldig wartend, ob man
ihren Befehlen gehorsam sein würde. Die Zornesgluth ihrer Wangen
verflog allmählig; aber bald sollten die Zornesflammen dort draußen
die Nacht erhellen. Eilig rafften die Armen, bald Obdachslosen ihre
wenigen Kleider zusammen. Die Mutter nahm den Säugling aus der Wiege
und drückte ihn fester an die Brust. Die Knaben hingen sich furchtsam
an die Eltern. Sie verließen das Haus. Die Thüre wurde geschlossen. Der
alte Diener vollzog seiner Herrin Befehl, und ein brennender Kienspan
zündete das Strohdach.
Grimmiger wehte der eisige Morgenwind. Die Armen hatten den Hügel dem
Eichbusche gegenüber erreicht. Hier mußten sie Halt machen. Die Knaben
bebten vor Kälte und weinten, und das zarte Leben an der Mutter Herzen
umfing des Nachtwinds kalter Hauch, so daß es zu erstarren begann.
Indeß schlug zu ihren Füßen die Flamme der Hütte zum Himmel empor.
Wohl weidete sich an diesem Anblicke die hartherzige Gräfin; aber dort
auf dem Hügel, in der äußersten Noth, von Allen verlassen, da der Wind
wie des Todes Hauch ihr Kind anwehte, schaute die Mutter zu der Stätte
zurück, wo seine Wiege gestanden, und als die lichte Lohe wie Regen
zur Erde herabfiel, fluchte sie in ihrer Verzweiflung einen Fluch gar
ernst und schauerlich: „Nie werde dieser Stätte die erste Ernte! Wie
die Lohe, welche jetzt auf sie herabfällt, treffe sie Vernichtung von
oben!“ Und wie sie geflucht, so ist es geschehen. Wohl erbarmte sich
ein Bauer, mitleidiger als die Gräfin, der Armen, wohl zogen sie fort
zu einem glücklichern Loose; -- aber der Fluch, der Unsegen liegt noch
immer auf jener Wiese des Parks, und wird das Gras derselben zum ersten
Male gemäht, so fällt gewöhnlich Regen und es verdirbt.
_Anmerk._ Die Ursula Catharina lebt in der Sage fort. Ueber ihre
Jugend bis zu ihrer Vermählung s. Musk. Kirchenz. Anm. zu B. 533.
XII. Der Fremdling unter den Todten.