Dann die lachende Stimme des Mädels: »Was soll ich gsehen haben?«

»Ob net an --« Der Alten schien die Luft zu entrinnen. Dann pfiff sie im

höchsten Diskant: »Herr jesses, so sag mir doch, hast net an Grenzer

gsehen?«

»Was schreist denn a so? Ich hör ja ganz gut.«

Lenzl guckte und trat zur Hüttenecke. Ein paar Schritte hinter dem

Almbrunnen standen die beiden Weibsleute beisammen, in der Sonne

leuchtend wie goldene Figürchen.

»Weißt, a Grenzer«, schnatterte Punkl, »a Grenzer is bei mir in der

Hütten gwesen. So a liebs Mannsbild! Ah, _der_ hat mir gfallen! Und

_gleich_ hab ich ihm a fünf a sechs Flascherln Bier aus'm Keller

auffigholt. Und derweil wir so gredt haben mitanand -- no ja, und diemal

a bisserl medazinisch, weißt -- da hat er gahlings gmeint, ich soll ihm

a frisch gmolchene Milli einiholen vom Stall. Was braucht er denn a

frisch gmolchene Milli, hab ich mir denkt, wann er bei mir a Bier haben

kann? Und alls, was er mag? Aber no, wann a Mannsbild, a liebs, ebbes

haben will, da tut man's doch gleich. Gelt ja? Und wie ich mit der

frisch gmolchenen Milli einikomm in d' Hütten, is mein Grenzer nimmer

da! Is nimmer da! Und gar nimmer zum finden is er! Jesses, jesses, ich

kann mir gleich gar nimmer denken, was da passiert sein muß! Geh, komm!

Und hilf mir a bißl suchen!«

Die Monika lachte. »Is er ebba so zwirnsfadendünn, daß er hart zum

derschauen is?«

»Ah na! Der hat a noblige Breiten.«

Erheitert wollte Lenzl zum Brunnen hinüber. Da hörte er hinter sich in

den Stauden ein Gekoller von Steinen, ein Rumpeln und Rascheln.

Die fiskalische Mordwaffe über der Hemdbrust, unter dem linken Arm den

Uniformrock und den Bergstecken, in der rechten Hand eine Bierflasche,

rutschte der Grenzaufseher Niedergstöttner schwitzend und mit

angstvollen Augen aus den Stauden heraus und flüsterte: »Stad sein, stad

sein, stad sein! Verrat mich net, Mensch! Dös Weibsbild därf mich net

finden, net finden, net finden!«

Im gleichen Augenblick gewahrte Punkl den Alten an der Hüttenecke und

kreischte: »Höi! Du da drunten! Lenzerl! Hast net an Grenzer gsehen?«

Abwehrend fuchtelte Niedergstöttner mit der Bierflasche. »Verrat mich

net! Um Gottschristi Barmherzigkeit willen! Verrat mich net! Dö hat mich

-- hat mich -- hat mich für an Dokter ghalten, weißt! Ah na! Da dank ich

schön!« Er zappelte sich aus den Stauden heraus, setzte die Flasche an

den Mund, nahm einen Stärkungsschluck und hopste in der Sonne hurtig

über das Almfeld, den tiefer stehenden Bäumen zu. Es war ein sehr

auffallender Vorgang. Punkl konnte die springenden drei Zentner nicht

übersehen. »Mar' und Joseph!« zeterte sie. »Da hupft er ja!« Der Sinn

dieses flinken Ereignisses konnte ihr nicht verschlossen bleiben. »O

jöises, jöises«, klagte sie, »fünf Flascherln hat er ausbichelt, 's

sechste hat er noch mitgnommen -- -- und _so_ viel Zutrauen hab ich

ghabt. Wann d' Mannsbilder söllene Feigling sind -- da gib ich's auf! Da

muß ich krankhaft bleiben bis an mein gottseligs Absterben!«

Lachend trommelte Lenzl mit den Fäusten auf seine Schenkel. »O du

verruckte Welt! Der Ernst und d' Narretei, und Tag und Nacht, a junge

Freud und der letzte Schnaufer -- und alls geht Ellbogen an Ellbogen!«

Wie ein lustiger Junge, der Freude am Springen hat, tollte der Alte zum

Waldsaum und guckte kichernd dem hemdärmeligen Zollkürbis nach, der

zwischen den schütter stehenden Bäumen flink hinunterkollerte ins

sichere, unmedizinische Tal.

Da drunten war, wenn der Sonnenwind schärfer aufwärts zog, das Läuten

einer großen Kuhschelle und das Gebimmel von zwei kleinen Glocken zu

hören. »Mar' und Joseph!« murmelte Lenzl erschrocken. »Da is ja die

Blässin drunt! Und a paar von die Kalbln! No also, jetzt hab ich's! So

geht's, wann einer herlauft hinterm Glück, statt daß er sei'

Schuldigkeit bei der Arbet tut!« Am Vormittag hatten die drei Stück

Vieh, als sie unbehütet waren, den Almzaun durchbrochen und hatten sich

verlocken lassen durch die saftigen Grasflächen, die vom Gehänge der

Dürrachschlucht heraufschimmerten. »Dö muß ich auffitreiben! Und gleich!

Da kunnt sich a Stückl derfallen!«

Seiner Mahlzeit vergessend, die auf ihn wartete, hetzte Lenzl durch den

steilen Wald hinunter mit dem gellenden Hirtenschrei: »Kuh seeeh, Kuh

seeeh, Kuh seeeh!«

In der goldschönen Nachmittagssonne qualmte der blaue Herdrauch durch

das wettergraue Schindeldach der Grottenhütte. An den Türbalken, die

schon beschattet waren von der Ausladung des Daches, spielte der

rötliche Flackerschein des Feuers, über dem die Pfanne mit Lenzls

Mahlzeit dampfte.

Kaum ein Laut war in der flimmernden Stille des Almfeldes. Der Brunnen

plätscherte leis, manchmal bimmelte irgendwo eine Kälberschelle, und von

Zeit zu Zeit klang aus dem tieferen Wald herauf das Hämmern eines

Spechtes. Drunten in der Talsohle rauschten die fernen Dürrachfälle so

sanft, daß es sich anhörte, wie wenn eine Hand über starre Seide

gleitet.

Noch war der Himmel rein. Doch über den schattseitigen Waldgehängen

begannen schon weißliche Flocken aus dem Blau herauszuwachsen, zarte

Wolkenkinder, so fein wie Apfelblüten. Manche verschwanden wieder,

andere erschienen und wuchsen zu luftigen Bällen, die sacht im Blau zu

schwimmen begannen. Wenn zwei einander nahe kamen, schmiegten sie sich

Seite an Seite, ließen nimmer voneinander und schmolzen in eins

zusammen. Liebe und Sehnsucht auch da droben!

Nun ließ sich, erst ferne, dann immer näher, in gleichmäßigen

Zwischenräumen von der doppelten Dauer eines Menschenschrittes, ein

klirrendes Geräusch vernehmen, als käme über den Steig aus der Tiefe des

Waldes einer langsam heraufgestiegen, der nicht auf _zwei_ genagelten

Sohlen wanderte, nur auf einer.

Mit suchenden Augen tauchte Friedls Gesicht aus dem Steingewirr der

Steigstufen. Es war ihm anzusehen, welch eine schwere Mühsal dieser

Bergweg für ihn geworden. An seinem rechten Fuß hatte sich der Filzschuh

in eine so unförmliche Sache verwandelt, daß man den Jäger -- wär' es

Mitternacht und finster gewesen -- für den berühmten Hinkenden mit dem

Pferdefuß hätte halten können. In der Sonne sah dieses Fußknappen eher

drollig als unheimlich aus. Friedl, die Zähne übereinanderbeißend, gab

sich auch alle Mühe, so fest und aufrecht wie möglich zu schreiten. In

Unruh und Sorge spähten seine huschenden Augen. Als er den Rauch sah,

der aus den Schindeln qualmte, dachte er: eine barmherzige Nachbarin ist

da, die Monika oder die Punkl, um für die Kranke zu kochen. Erst tat er

noch einen tiefen Atemzug und trocknete die Perlen seiner Plage vom

erhitzten Gesicht. Dann ging er auf die Hüttenstufen zu.

Aus der Sennstube scholl eine klingende Stimme: »Geh, Bruder, komm eini!

Dei' Mahlzeit is fertig.«

Dem Jäger war es anzumerken, daß ihm das Herz heraufschlug bis in den

Hals. Dabei glänzten ihm die Augen in froher Erleichterung. »Dös

Stimmerl is gar net krankhaft. Da kann's doch so weit net fehlen, Gott

sei Lob und Dank!«

Nun wieder dieser gesunde Klang: »Wo bleibst denn, Lenzl? So komm doch

eini!«

Erst jetzt fiel es dem Jäger auf, daß Modei mit dem Bruder redete, der

in Lenggries beim Doktor war, um das »heilsame Trankl« zu holen. In

Verwunderung weiteten sich Friedls Augen. »Dös kommt mir a bißl gspassig

für --« Bevor er dieses Klarstellende zu Ende denken konnte, befiel ihn

ein anderer Gedanke mit fürchterlichem Schreck: »O heilige Mutter, dös

Madl weiß nimmer, was mit 'm Bruder is! Dös Madl fiebert!« Er machte ein

paar Sprünge, bei denen er wieder die Zähne übereinanderbeißen mußte,

kam bis zu den Hüttenstufen -- und im gleichen Augenblick trat Modei,

ein bißchen blaß, sonst aber kerngesund, aus dem schwarzen Türschatten

in die goldwarme Sonne heraus.

Was den beiden beim gegenseitigen Anblick über die Gesichter blitzte?

War es Freude, Verblüffung, Schreck? Oder alles zugleich?

»Friedl!«

»Modei!«

Zwei Namen, zwei Stimmen, und doch nur ein einziger Laut aus gleichem

Gefühl. Dann standen sie stumm, und jedes hing mit dürstendem Blick an

den Augen des andern, bis die Verlegenheit sich störend dazwischenschob.

Im Verlaufe dieses Schweigens schienen sich die Empfindungen der beiden

ein bißchen nach verschiedener Richtung zu entwickeln. Während Modei

ratlos das Geheimnis des deformierten Filzkübels betrachtete, regten

sich Verblüffung und Mißtrauen im Jäger. Jener böse Sonntag, dem Bennos

kluge Ratschläge den Giftzahn schon ausgebrochen hatten, wurde

neuerdings bedrohlich, Friedl vergaß aller guten Vorsätze, und was nach

diesem Purzelbaum in seinen taumelnden Sinnen noch übrigblieb, war

eigentlich eine ganz vernünftige Sache, aber gerade _des_halb für Glück

und Liebe verhängnisvoll: die Feststellung des Tatsächlichen, die

übelschmeckende Witterung einer Unwahrheit. Ein bißchen rauhtönig brach

der verdutzte Jäger das Schweigen: »Mit deiner gfahrlichen Krankheit

kann's doch net _gar_ so gfahrlich ausschauen? Weil schon wieder so

munter auf die Füß bist?«

»Krankheit?« fragte sie scheu. »Wieso? Was meinst denn da? Wie kommst

denn drauf, daß ich krank sein soll?«

Der Jäger von Fall · 第 58 / 63 题