Er wurde heftig. »Is dös am End gar net wahr?«

Sein Ton und die Bitterkeit dieser Worte machten sie hilflos. »Mit 'm

besten Willen, da weiß ich nix davon.«

»So so? Und da schreit man auf der sonnscheinigen Straßen: Jesus Maria,

Jesus Maria!« Ein kurzes Lachen. »Mir scheint, da bin ich _wieder_ amal

's gutmütige Rindviech gwesen -- und kann wieder umkehren.« Friedl

wandte sich rasch. »Pfüe Gott!«

Erschrocken die Hände streckend, jagte Modei über die Stufen herunter.

»Mar' und Joseph!«

Friedl war blind und taub. Wesentlich verständiger benahm sich in diesem

Augenblick der grausam mißhandelte Filzkübel, der sich als hilfreicher

Freund erwies, indem er rutschte. Der Jäger machte eine gaukelnde

Bewegung, brach auf der leidenden Seite halb ins Knie, verbiß den

quälenden Schmerz und versuchte zu lachen.

»Hast dir weh tan?« stammelte das Mädel in Sorge. »Am Fuß?«

»Ich?« Dieses Fürwort erinnerte im Klang an das »Ah« des ehemaligen

Nachtwächters von Lenggries. Dabei guckte Friedl halb über die Schulter,

noch immer krampfhaft lachend. »Meine Füß derleiden schon a bißl ebbes.«

Er wollte wandern. Das ging nicht. Mit blassen Lippen sagte er:

»_Gleich_ marschier ich wieder. Aber a Recht zum Rasten hat der Mensch

allweil, wann der Weg weit is. Und an kühlen Trunk muß ich haben -- mir

is, als müßt mir einwendig alls verbrennen.« Er schleppte sich zum

Brunnen hinüber. Modei blieb ratlos stehen und sah ihm nach, sah immer

den knappenden Fuß an. Dabei gewahrte keins von den beiden, daß am

unteren Saum des Almfeldes die Blässin und zwei Kälber aus dem Wald

heraufgaloppierten. Die Blässin rasselte mit der großen Schelle, eins

von den Kälbern bimmelte. Das andre kam stumm gesprungen -- es war

irgendwo im Wald, bei der Dürrach drunten, an einer Staude

hängengeblieben und hatte den ledernen Schellengurt vom Hals gerissen.

Mit Steinen werfend, hetzte Lenzl hinter den drei eingeholten

Flüchtlingen her. Und gleich gewahrte er das Paar beim Brunnen. Sich

duckend, kicherte er seine Freude vor sich hin und huschte gedeckt zur

Hütte hinauf. »Mir daucht, da muß ich noch a bißl schieben. Bei der Lieb

liegt allweil der Verstand überzwerch.«

Friedl hatte Gewehr und Bergstock an die Brunnensäule gelehnt, ließ sich

hinfallen auf den Trog, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und

schlürfte gierig.

Da sprang das Mädel auf ihn zu und riß ihm die Hand von den Lippen. »Du!

Dös tust mir net! In d' Hitz eini so a kalts Wasser trinken.«

»Ah was! Der Schlag wird mich net gleich treffen. So verzartelt bin ich

net. Mich haben ganz andere Sachen net umgworfen.« Ein wehes Schwanken

war in seiner Stimme. »Und 's Wasser is allweil ebbes, wo man sich drauf

verlassen kann. Wann 's Wasser klar is, weiß man: da därfst trinken

davon. Und wann's trüb is, kennt man sich auch gleich aus. Da is nie

ebbes Unsichers dran, wo man net weiß, was man sich denken soll.« Weil

er an ihren Augen sah, wie nah ihr diese Worte gegangen waren, stammelte

er erschrocken: »Deswegen brauchst net so traurig dreinschauen. Ebbes

Bsonders hab ich mir net denkt dabei. Bloß a bißl beispielmaßig hab ich

gredt. Und jetzt hab ich mich gut abkühlt, jetzt kann ich wieder

marschieren.« Nach dem Gewehr greifend, erhob er sich.

»Na, Friedl!« Sie war ruhig geworden. »So därfst mir net fort -- mit

deim armen Fuß --«

Er wurde ungeduldig. »Fuß, Fuß, Fuß? Was willst denn allweil mit meim

Fuß? Der is schon lang wieder gut.«

»Wie kann er denn gut sein, wann noch allweil kein' Schuh net tragen

därfst?«

»_Muß_ denn der Mensch an Schuh tragen? Dös ghört noch lang net zur

ewigen Glückseligkeit. Im Himmelreich laufen d' Leut mit die nacketen

Füß umanand. Oder hast vielleicht in der Kirch schon amal an Engel

gsehen mit gnagelte Schuh oder mit Röhrenstiefel?« Weil ihm das Stehen

sauer wurde, hockte er sich wieder auf den Brunnentrog, blickte

kummervoll in den Sonnenglanz und sagte, um Modeis Sorge zu

beschwichtigen: »Mein, a bißl aufgangen hab ich mich halt.«

Was war an diesem Wort, daß es in Modei eine so tiefe, deutlich merkbare

Erschütterung hervorrief. Und dann huschte ein stilles, schönes Lächeln

über ihr vergrämtes Gesicht. »Friedl!« sagte sie leis. »Dös war wieder

eins von _deine_ Wörtln.«

»_Meine_ Wörtln?« maulte er und betrachtete sie verdutzt. »Ich weiß net,

was d' meinst. So ebbes kann jeder sagen.«

»Na, Friedl!« Immer froher wurde ihr Lächeln. »So ebbes sagst bloß du,

sonst keiner.«

»Geh, laß mich aus!« In Unbehagen rührte Friedl die Schultern. »Und wann

ich amal sag, ich hab mich aufgangen, so hab ich mich aufgangen. Da

schlupft einer gern in an Filzschlorpen eini, der net druckt. Und von

Fall bis da auffi, dö lausigen drei Stündln, da braucht man noch lang

kein' gnagelten Schuh.«

»Von Fall? Bis da auffi?« Jetzt erlosch ihr Lächeln. »Kommst denn du net

vom Rauchenberg ummi?«

»Ich? Na. Ich komm von daheim.«

»Jetzt kenn ich mich aber gar nimmer aus.«

»Da geht's dir grad so wie mir.«

Schwer atmend legte Modei den Arm an die Stirn, als befände sich die

Ursache dieser sonderbaren Dunkelheiten unter ihren Zöpfen. »Ganz

verschoben is mir alles -- und wann's wahr sein tät, daß dich bloß

aufgangen hast, so müßt mich der ander anglogen haben.«

»Anglogen?« Friedl wurde unruhig. »Was? Wer?«

»A Grenzer hat mir gsagt: wie mein Kindl tragen hast, da is dir --« sie

konnte nicht weitersprechen, »da is dir a Stein über'n Fuß gangen -- hat

er gsagt.«

Wütend fuhr Friedl auf: »So a schafhaxeter Ochsenschüppel! Was muß denn

der söllene Sachen reden und muß dich aufregen für nix und wieder nix.«

Er wurde ruhiger. »Ich hab mich aufgangen. Punktum. So sag ich und so

bleibt's.«

»Friedl!« Nun fand sie ihr glückliches Lächeln wieder. Dabei wurden ihr

die Augen feucht. »Lügen? Dös heißt doch net: gut sein.«

Dem Jäger fuhr das Blut in den Kopf. »No ja, wann schon meinst, es _muß_

a Stein gwesen sein, in Gotts Namen, so war's halt einer. Steiner gibt's

gnug in die Berg. Da is schon oft einer gfallen. Deswegen brauch ich

noch lang net lügen. Deim Kindl is nix passiert. Dös is rund und gsund.

Und dös is d' Hauptsach. Und geht sich an andrer _überm_ Stein auf, so

hab halt ich mich _unterm_ Stein aufgangen. Da wird der Unterschied net

so schauderhaft sein. Marschieren kann ich auch schon wieder. Dös wirst

gleich merken.« Er wollte aufstehen.

»Du!« In Sorge faßte Modei seinen Arm und hielt ihn fest. »Jetzt tust

mir sitzenbleiben! Auf der Stell!«

So verblüfft, daß sein Gesicht sich völlig veränderte, guckte Friedl an

ihr hinauf. »Ah, _die_ schau an!« Er befreite seinen Arm. »Aufbegehren

tät s' auch noch! Und sagt: ich tu lügen! Sagst vielleicht _du_ allweil

d' Wahrheit? Vom letzten Sonntag --« Dieses rote Kalenderwort zerdrückte

ihm die Stimme. »Da will ich net reden davon. Kunnt allweil sein, daß er

recht hat -- der Herr Dokter -- mit seim guten Menschenglauben.« Friedl

schien sich dem einsichtsvollen Augenblick mit Gewalt entreißen zu

wollen. »Aber _heut_ wieder? Dös mit deim Kranksein? Is dös ebba _net_

glogen gwesen?«

»O du heiliger --« klagte Modei. »So red doch endlich amal a Wörtl, dös

man verstehn kann! _Wer_ soll denn krank gwesen sein?«

»Du!«

»Ich? Wer hat denn dös gsagt?«

»In Fall drunt hat mir's der Lenzl einigjammert übern Zaun.«

Zuerst ein hilfloser Blick, dann ein frohes Aufleuchten in Modeis Augen.

Und ihre Hände griffen zum leuchtenden Himmel hinauf. »O du heilige

Mutter! Jetzt glaub ich dran, daß er sei' lichte Vernunft wiederhat!«

»So? Da kannst dich noch freuen drüber?« murrte Friedl in Zorn. »Und

_ich_ bin derschrocken, daß ich gmeint hab, jetzt hab ich kein Tröpfl

Blut nimmer in der Haut. Schier narrisch bin ich worden. Und im

Filzschlorpen hab ich auffi müssen zu dir -- da hat nix gholfen --«

Immer heißer wurde seine Empörung. »Und _so_ kann mich einer anlügen!

No, Gott sei Lob und Dank, Madl, weil nur gsund bist! Aber _so_ lügen

können! So lügen!«

Da klang es mit lustigem Kichern um die Hüttenecke: »Wann ich net glogen

hätt, wärst ja zum Madl net auffi, du Narr!«

Beklommen staunte Friedl: »Heut stellt sich d' Welt am Kopf! _Der_ da --

und sagt _Narr_ zu _mir_!« Er sah zu dem kichernden Alten hinüber. »Wer

von uns zwei der Gscheidere is --«

»Friedl!« fiel Modei unter glücklichem Lachen ein. »Da kunnt man heut

doch a bißl in Zweifel sein.«

Das heitere Lachen der beiden schien den Jäger noch um den letzten Rest

seiner klaren Besinnung zu bringen. »_Mir_ is net lacherisch z'mut. Und

ich sag dir's, Madl --«

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, und ihre Augen glänzten.

»Brauchst mir _gar_ nix nimmer sagen. Alles weiß ich schon. Dein

Filzschuh hat mir alles verzählt.«

»O du verruckter Strohsack!« schimpfte Lenzl. »Laß doch amal sein' Fuß

in Ruh. Und wann er net selber 's richtige Wörtl findt, so mußt ihm halt

_du_ ebbes sagen, was Verstand hat!«

»Ja, Friedl!« Modeis Stimme bekam einen Klang, daß dem Jäger die Hände

zu zittern begannen. »Dös muß ich dir sagen -- weil ich weiß, daß dir

alles a Freud wird, was für mich a Freud is. Friedl, heut is ebbes

Heiligs hergfallen über uns. Ebbes Glückhafts hat sich zutragen mit meim

Bruder --«

»Jöises, jöises!« Lenzl schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Jetzt

fangt s' von mir zum reden an! Dös is ja doch zum Verzweifeln!« Mit

klappernden Schuhen kam er über die Hüttenstufen herunter.

Ratlos stotterte Friedl: »Was hat er denn, der?« Und Modei lachte leis:

»Verstand hat er.«

Jetzt stand der Alte vor den beiden und schalt: »An Ewigkeit wart ich

schon allweil drauf, daß eins von enk zwei 's richtige Wörtl findt. Oder

_muß_ dös ebba so sein in der Welt: daß 's Allerleichteste allweil 's

Allerhärteste wird? Bloß fragen brauchst: Wie is denn dös gwesen am

Sonntag? Und 's ander, dös braucht bloß sagen: So! Und alls is gut. Aber

na! Net zum derleben! Der Mensch is allweil an ungscheider Lapp. Und

soll er noch _ganz_ vertäppen, da muß ihm d' Lieb noch an Schubbser

geben und muß ihm den Verstand durchanand beuteln wie 's Millifett im

Butterfaßl. Meiner Seel, der Narr muß kommen und nachhelfen.« Er griff

in den Hosensack. »Du! Da schau her!« Auf der flachen Hand hielt er dem

Jäger eine Schrotpatrone vor die Nase hin.

»Jesus!« stammelte Modei in Schreck und dennoch aufatmend. Und Friedl

fragte perplex: »Was macht er denn da schon wieder für an Unsinn? Dös is

ja a Schrotpatron --«

»Dö ich gfunden hab, ja! Da drüben in der Stauden. Wo s' d' Schwester

einigschmissen hat -- am Sonntag. Verstehst jetzt bald?«

Der Jäger von Fall · 第 59 / 63 题