Sie klagte: »'s Elend tragen müssen, dös man verschuldt hat?«

»Na, Schwester! 's Allerschwerste für an Menschen is: verstehn, was gut

sein heißt.«

Während sie langsam das Gesicht hob, ging er hinüber zum Steig und

blickte hinunter in die Waldtiefe. Der Jäger war nimmer zu sehen; nur

den Klapperschlag seiner Schuhe auf dem steinigen Bergweg hörte man

noch. Lenzl lachte ein bißchen. »Von der Sonn weiß ich's gwiß: morgen

kommt s' wieder.« Über die Schulter sah er zur Schwester hinüber. »Und

der Mensch, sooft's ihn abdruckt in d' Nacht, der ruckt sich allweil

wieder auffi. Drum muß er ebbes haben in ihm, was mit der Sonn a

Verwandtschaft hat.« Wieder spähte er hinunter in die schattige Tiefe.

Dann schrie er einen klingenden Jauchzer in den Abend hinaus, dessen

Himmel zu leuchten begann.

Diesen frohen Schrei hätte Friedl noch hören müssen, wenn seine Ohren

nicht so taub gewesen wären, wie seine Augen blind. Er hetzte mit

solcher Hast über den steilen Waldweg hinunter, daß er oft dem drohenden

Sturz nur entging durch einen noch flinkeren Sprung. Nie des Weges

achtend, immer mit dem Blick im Leeren, drückte er mit den Armen das

wach gewordene, verschüchterte Kind an sich, als müßte er dieses kleine,

hilflose Leben mit Gewalt hineinpressen in seine zuckende Seele. Unter

seiner Stirne war ein Wirbel von Gedanken -- keinen konnte er fassen und

halten; an seinen Schläfen hämmerte das Blut; und die Streifwunde auf

seiner Wange fing zu brennen und zu schmerzen an.

Als er zu einer Quelle kam, hielt er das Kind auf dem rechten Arm,

tauchte mit der linken Hand sein Taschentuch in das Wasser und preßte es

auf die Wunde. Das tat ihm wohl. Die Kälte des nassen Tuches beruhigte

ein wenig das tobende Blut. Aber je freier sein Kopf wurde, um so

dumpfer fühlte er eine lähmende Müdigkeit in allen Gliedern. Und immer

schwerer wurde die Last des Kindes auf seinem Arm.

Immer wieder blieb er stehen und lehnte sich zu kurzer Rast an einen

Baum. Er fand keine Ruh, es trieb ihn heim. Kalte Schauer liefen ihm

über den Rücken. Und es war doch die Sonne, nachdem sie schon gesunken,

in einer Bergscharte wieder herausgetaucht und goß ihre warmen Strahlen

auf ihn nieder durch das Gewebe der Äste!

Als könnte er diesen roten Glanz nicht ertragen, so schloß er immer

wieder die Augen. Er tat es nur, um das Bild zu verjagen, das ihn quälte

und nicht weichen wollte -- das Bild des Mädels, dem die Angst aus den

entstellten Zügen redete, die Angst um den Vater ihres Kindes, der sie

verraten hatte -- und dem zuliebe sie jenen verriet, dessen Herz ihr

gehörte mit jedem Blutstropfen!

Dann wieder war ihm, als hätte er nur einen wüsten Traum, aus dem er

plötzlich erwachen müßte, um die liebe Wirklichkeit und das lachende

Gesicht seines Glückes zu schauen. Aber die harten Steine auf seinem

Weg, die schreiende Qual in seinem Herzen, die brennende Wunde auf

seiner Wange, das Kind auf seinen Armen -- alles mahnte ihn: das ist

Wahrheit! Und dennoch konnte er diese Wahrheit nicht fassen, nicht

begreifen. Er wußte nur, _was_ er getan. _Warum_ er so getan, und wem zu

Nutz und Liebe -- auf diese Frage fand er keine Antwort. Was mußte ihm

nur da droben durch den Kopf gefahren sein, daß er, im Augenblick der

Entscheidung, seiner geschworenen Rache vergessen konnte, seines

Jägerblutes und seiner Dienstpflicht, die ihm gebot, den Wilddieb zu

fassen und vor den Richter zu liefern!

Die Hälfte des Weges hatte Friedl schon zurückgelegt, und in der Tiefe

sah er schon die dunklen Felsklüfte der Dürrach. Da hörte er hinter sich

die leichten Sprünge eines Tieres. Er brauchte sich nicht umzuschauen,

um zu wissen, daß es sein Hund war, der wohl droben im Bergwald die von

Blasi erlegte Gemse aufgespürt und nach langem Harren und Tot verbellen

die Fährte seines Herrn gesucht hatte.

Friedl brachte es nicht über sich, dem Hund einen Blick zu gönnen.

Bürschl trug die meiste Schuld, daß alles so gekommen war. Im ersten

Groll, den Friedl gegen das Tier empfand, hätte er am liebsten die

Büchse von der Schulter gerissen und dem Hund eine Kugel durch den Kopf

gejagt! Doch er trug das Kind auf den Armen -- und dann wieder schalt er

sich selbst um dieser Regung willen. Er hätte voraus bedenken müssen,

daß der Laut des Hundes ihm gefährlich werden konnte. Und war es denn

nicht gerade die Treue des Tieres gewesen, die es bellend aufspringen

machte gegen den Feind seines Herrn?

Auch Bürschl schien mit der Zurücksetzung, die er erfahren mußte, nicht

einverstanden. Winselnd stieß er immer wieder seine Schnauze an die Wade

des Jägers.

»Hörst net auf!« So hatte Friedl schon ein paarmal hinuntergescholten zu

dem Hund, dessen Zudringlichkeit ihn beim Gehen hinderte. Bürschl wollte

nicht Ruhe geben. Unweit der Dürrachbrücke, wo rechts vom Pfad die

Felsen sich niedersenken zur Tiefe des Bergwassers, während sie zur

Linken steil emporsteigen, ließ Friedl sich endlich erweichen, beugte

sich zu dem Hund hinunter, tätschelte ihm die fiebernden Flanken und

hieß ihn durch eine Geste vorausspringen auf dem schmalen Weg.

Als der Jäger sich aufrichtete, hörte er über der Felswand ein Knistern

und Rascheln. Er blickte hinauf und sah einen großen Felsblock sich

neigen, von dessen Rand zwei Hände sich lösten und verschwanden. Mit

lautem Schrei wich Friedl einen Schritt zurück und deckte noch schützend

seinen Arm über den Kopf des Kindes. Dann krachte und prasselte es

nieder über die Steinecken der Wand, vor seinen Augen vorüber auf den

Steig, den zerschmetterten Hund mit hinunterreißend in die

Dürrachschlucht.

Auf Kopf und Arme waren dem Jäger die Steinsplitter geflogen, und ein

schwerer Felsbrocken hatte seinen Fuß getroffen.

Grauen befiel ihn. Er jagte den Steig hinunter, wie von Sinnen die Arme

um das Kind geklammert.

Die Wälder sah er tanzen und die Berge laufen. Und als er die Häuser

erreichte, machten sie Purzelbäume -- alle gegen seinen Kopf hin über

das Franzerl weg.

Da war seine Stube -- seine Mutter -- er streckte ihr das Kind entgegen

-- »Jesus, Maria!« dann brach er zusammen und stürzte mit

blutübergossenem Gesicht auf die weißen Dielen.

Benno hatte sich über Friedls Verschwinden beim Scheibenschießen bös

geärgert. Und als auch die Preisverteilung am Nachmittag vorübergegangen

war, ohne daß Friedl sich sehen ließ, hatte Benno verdrossen ein

Wägelchen bestellt, um einen Ausflug nach dem Achensee zu machen. Dort

unterhielt er sich so gut, daß er seinen Aufenthalt im sanglustigen

Rainerhof über fünf Tage ausdehnte. Dann wanderte er durch den Bergwald

zurück nach Fall.

Es wurde späte Nacht, bis er seine Sommerstation wieder erreichte. Im

Forsthaus war alles schon in Schlaf und Ruhe. Erst nach langem Klopfen

öffnete ihm die Försterin das Haus.

»Da bin ich wieder! Schlaft denn der Förster schon?«

»Ah na! Der is gar net daheim. Im Rauchenberg muß er Aufsicht halten,

seit der Friedl liegt.«

»Liegt? Der Friedl?«

»Ja! Was sagen S', Herr Doktor! Mit'm Friedl sind schöne Gschichten

passiert! Am selbigen Abend, wie S' davonkutschiert waren -- ich bin

grad vor der Haustür gstanden --, da kommt der Friedl hergrennt von der

Dürrachklamm. Kein' Hut hat er ghabt, über und über blutig im Gsicht, a

Kindl am Arm -- und auf kein' Ruf hat er ghört, und fortgrennt is er,

allweil zu, und eini in seiner Mutter ihr Haus. Natürlich, der Förster

und ich, wir springen gleich ummi. Und drüben in der Stuben steht dös

alte Weibl, 's Kind am Arm, vor lauter Schrecken halber narret. Und der

Friedl liegt am Boden im Blut und macht kein' Muckser nimmer!«

»Ach, du lieber Himmel!«

»Ja, dös sind Gschichten gwesen! Und kein Mensch hat sich denken können,

was passiert is! Da hat's jetzt gheißen: zugreifen! Ich und mein Mann,

wir haben den Friedl aufpackt und ummitragen aufs Bett. Und wie ihm der

Meinige den Schuh vom Fuß zieht, is 's Blut nur so gstanden drin, und

der Fuß hat grausam ausgschaut. Gleich hat der Meinige einspannen müssen

und einifahren auf Lenggries und den Dokter holen. Und der Friedl hat

kein' Menschen nimmer kennt, vor lauter Fieber, und so liegt er jetzt

schon im sechsten Tag.«

»Und weiß man, was da geschehen ist?«

»Wissen! Was heißt wissen? Freilich weiß man was -- und weiß wieder nix!

Der Friedl selber hat noch net reden können. Dafür reden d' Leut um so

mehr. Dös Büberl drüben, wissen S', dös is der Modei ihr Kind. Und der

Friedl hat ihr 's Büberl am Sonntag auf d' Alm auffitragen. Und jetzt

sagen halt d' Leut, der Friedl müßt schon lang mit der Modei im Gspusi

sein und wär der Vater von ihrem Kind. Aber was am Sonntag auf der Alm

droben gschehen is? Auf'm Heimweg hat ihn halt a Steinschlag troffen.

Aber d' Leut plauschen so hin und her, und a jeder denkt ebbes anders.

Jetzt ich denk mir gar nix. Ich kann's abwarten, 's wird schon noch

alles aufkommen! Also, gut Nacht! Und schlafen S' Ihnen ordentlich aus!«

Das war keine gute Nacht für Benno. Was er gehört hatte, ließ ihn nicht

zur Ruhe kommen.

Am Morgen nahm er sich kaum Zeit für das Frühstück. Ohne Hut, in den

Hausschuhen, sprang er hinüber zu Friedl. Als er in den Flur trat, kam

die Bäuerin gerade aus der Kammer ihres Buben. In ihrem Gesicht stand

der Kummer zu lesen, mit allen Zeichen durchwachter Nächte. Und bei

Bennos Anblick schossen ihr gleich die Tränen in die Augen.

»Wie geht's dem Friedl?«

»Ich dank schön, a bißl besser! Seit gestern am Abend hat sich 's Fieber

glegt. Aber schwach is er halt, arg schwach.«

»Darf man zu ihm hinein?«

»Ja, Sie schon! An Ihnen hängt er gar arg!«

Benno trat in die Krankenstube und drückte lautlos hinter sich die Tür

wieder zu. Wenn auch draußen die Sonne niederglänzte über Fall und seine

Häuser, so füllte doch ein tiefes Dunkel den kleinen, stillen Raum. Nur

durch die schmalen Klunsen der geschlossenen Fensterläden stahlen sich

feine Lichtbündel herein in die kühle Dämmerung und zeichneten goldene

Linien und farbige Punkte auf die gegenüberliegende Wand.

Jedes Geräusch vermeidend, ging Benno zum Bett und hörte einen schweren

Atemzug. Im Zwielicht sah er auf geblumten Kissen das blasse,

verpflasterte Gesicht des Jägers liegen, mit einem weißen Bund über

Stirn und Augen.

»Friedl?« fragte er leis.

Keine Antwort. Es schien nur, als würde dem Kranken das Atmen leichter.

»Kennst du meine Stimme?«

Der Jäger von Fall · 第 43 / 63 题