Sie jagte über die Stufen hinunter, mit erloschenem Laut. »Du blutest!«

»Ich? Bluten?«

Wortlos streckte sie die Arme.

Friedl griff nach seiner Wange, sah die Hand an und lachte. »Is schon

wahr -- so a bißl!« Er ging zum Wassertrog und wusch das Blut von seinem

Gesicht und lachte wieder. »Wird mich halt an Astl gstreift haben. Net

amal gspürt hab ich's. Und fort muß ich wieder. Gleich. Der Förstner,

weißt --« Während er hinübersprang zum Talsteig, schwatzte er über die

Schulter: »Wann ich net da bin bis um fünfe, muß der Lenzl unser Büberl

abitragen -- auf der Alm dürf 's Kindl über Nacht net bleiben, es kunnt

sich verkühlen. Pfüe Gott derweil!«

Aus ihrer Lähmung erwachend, sah Modei in tiefer Erschütterung den Jäger

an, staunend in Qual und Freude. »Mensch! Was bist denn du für einer! Du

bist wie der Christophorus.«

Lautlos öffnete sich die Hüttentür, Blasi sprang über die Schwelle, riß

das versteckte Gewehr hervor und hob es an die Wange. Da schrillte

hinter ihm die Stimme Lenzls mit gedrosselten Lauten: »Friedl! Decken

mußt dich!« An Blasis Büchse knackte der Hahn. Und während Friedl sich

wandte und das Gewehr zum Anschlag hinaufriß, starrte der Wilddieb in

Bestürzung die versagende Waffe an, ließ sie aus den Händen fallen,

sprang über die Stufen hinunter und brach vor Modei in die Knie. Das

Gesicht in den Rock des Mädels wühlend, keuchte er: »Jetzt bin ich hin!«

Und droben bei der Hüttenschwelle schrillte das Gelächter des Alten.

Unter tonlosem Laut bedeckte Modei das Gesicht mit den zitternden

Händen.

Langsam ließ Friedl die Büchse sinken. »Ah so?« Sein Gesicht entfärbte

sich, daß es wie Asche war. Nur der Blutfaden, der ihm von der

Streifwunde über den Hals heruntersickerte, hatte Lebensfarbe. »Die

alten Strick, scheint mir, heben noch allweil a bisserl.« Er lachte

heiser. »So ebbes kann dem gscheidesten Menschen passieren -- _einmal_

in der Wochen _muß_ er a Schaf sein. Und heut hat's _mich_ troffen.« Er

ging zur Hütte und drehte auf den Stufen das Gesicht über die Schulter.

»Da kannst jetzt denken, was d' magst -- ich tu, was ich muß.« Während

er über die letzte Stufe hinaufstieg, griff er nach seiner Wunde und sah

die Hand an. »Blut? Is schon der Müh wert drum!« Das Gewehr unter dem

Arm, wollte er in die Hütte treten.

Von der Schwelle schrillte ihm die Stimme des Alten entgegen: »Friedl?

Bin _ich_ der Narr? Oder bist _du_ einer? Mach kein' Unsinn! Pack ihn

zamm, den Saukerl, den gottverfluchten!«

»Wie, ruck a bißl!« sagte der Jäger ruhig, schob den Alten mit dem

Ellbogen beiseit und trat in die Sennstube.

Verdutzt hob Blasi den Kopf und sperrte die Augen auf.

Einen Schritt vor ihm zurückweichend, sagte Modei mit stählernem Laut:

»Du -- mach, daß d' weiterkommst. Der Wasboden, über den a richtiger

Mensch gangen is, vertragt kein' söllenen, wie _du_ einer bist.«

Blasi schnellte sich vom Boden auf, sprang zu den Stauden hinüber und

blieb stehen. »Den hast dir aber gut dressiert! Paß auf, da komm ich

bald wieder -- wann's bei dir so ungfahrlich zugeht.« Lachend verschwand

er hinter den Latschenbüschen.

Modei stand unbeweglich, mit dem Arm vor den Augen. Und über den Stufen

droben setzte Lenzl sich auf den Stangenzaun und hob die gespreizten

Hände zum Himmel. »O du heiliger Unverstand!« Er ließ die Arme fallen

und kicherte: »Jetzt hab ich allweil gmeint, daß _ich_ verruckt bin.

Derzeit sind's alle andern -- und _ich_ bin der einzige mit Verstand!«

Der Jäger kam aus der Sennstube, hemdärmelig, hinter dem Rücken das

Gewehr, auf dem Arm das schlafende Kind, über das er die Joppe gedeckt

hatte. Mit dem Fuß stieß er Blasis Büchse beiseite, die auf den Stufen

lag. »Sooo? Hat er schon flinke Füß gmacht? Freilich, Kurasch muß der

Mensch haben. In Gotts Namen -- und 's Büberl trag ich wieder abi -- es

kunnt sich ebbes zuziehen da heroben.« Als er an Modei vorüberging,

sagte er bitter: »Heut bin ich a bißl unglegen kommen, gelt? Von morgen

an hast dei' Ruh vor mir. Pfüe Gott!«

»Aber Mensch!« kreischte Lenzl. »Sunst fallt dir _gar_ nix ein?«

»_Na!_« Der Jäger ging hinüber zum Steig.

»Friedl!« schrie Modei mit erwürgtem Laut, rannte ihm wie eine

Irrsinnige nach und umklammerte seinen Arm. »Laß dir doch sagen --

Jesus, Maria --«

In Zorn befreite er sich von ihren Händen und wurde wieder ruhig. »Ja

ja, is schon gut! Um 's Kindl brauchst dich net sorgen. Dös is gut

aufghoben bei meiner Mutter.« Er räusperte sich, als wäre ihm was in die

Kehle geraten, und ging mit jagendem Schritt davon.

Modei wollte schreien und hatte keinen Laut mehr. Sie wollte dem Jäger

nachlaufen, taumelte mit zitternden Knien und strauchelte. Lenzl kam von

der Hüttentür gesprungen, half der Schwester vom Boden auf und führte

sie. Als sie auf die Stufen hinfiel und in Schluchzen ausbrach, sagte

er: »No also! Jetzt tröpfelt 's Wasser. Der Himmel is blau -- und _doch_

is a Wetter da!« Sich aufrichtend, strich er langsam mit der Hand über

seine Stirn. »Und was mit _mir_ sein muß? Als wär mir ebbes aussigfallen

aus'm Hirnkastl! Wie mich der Blasi drosselt hat -- in der Stuben drin

-- da hab ich allweil a Fuier gsehen. A großmächtiges Fuier!« Er machte

eine wunderlich wilde Bewegung -- wie einer, der ansetzt zu einem

lebensgefährlichen Sprung. Dann löste sich plötzlich alle Spannung

seines Körpers, und er hatte die Augen eines ruhig Erwachenden. »He?

Schwester? Was is denn?« Er rüttelte sie an der Schulter. »'s Wasser

tröpfeln lassen? Und sunst kannst _gar_ nix?« Ein leises Lachen. »Hättst

ihn halt net gehn lassen! Aber no, es wird schon so sein müssen, daß eim

die besten Einfäll erst kommen, wann 's Glöckl schon gschlagen hat.« Er

wandte das Gesicht zum Steig hinüber, und etwas Scheues, Feierliches war

im Klang seiner Stimme. »Schwester! Jetzt weiß ich, was für an Menschen

's Allerschwerste is.«

Der Jäger von Fall · 第 42 / 63 题