Monika preßte die Hand auf die Mitte ihres runden Lebens und brüllte:
»Da drinn -- ebbes Kalts tu ich allweil spüren, ebbes Kalts.«
»Ah naaa!« grinste Punkl verschämt. »_So_ dumm bin ich _net_. A bißl
ebbes versteh ich schon von der Lieb. Jaaa, d' Lieb is ebbes Warms --
sagen d' Leut.«
Die beiden verschwanden hinter den Latschenstauden, bis zu deren
Nadelfahnen schon der Waldsaum sein langes Schattengezack herüberwarf.
Auch die Hütte war halb schon vom schleichenden Abendschatten umwoben.
Lenzl saß auf der Stubenschwelle. Flackernde Unruh in den Augen,
lauschte er immer gegen die Kammer hin. Dort sang die Schwester. Das
klang nicht wie ein Lied, es war wie ein leises Stöhnen in müder Qual.
Nun schwieg die Stimme. Und nach einer Weile kam die Schwester und
flüsterte: »'s Kindl schlaft wieder, Gott sei Dank!«
Der Bruder blieb stumm. Er sah nur die Schwester immer an.
Da trat sie aus der Hüttentür und krampfte die Hand in seine Schulter.
»Lenzl! Halb umbringen tut mich d' Angst!«
»Ah so? Wegen dem zweiten Schuß, meinst?« Nach kurzem Schweigen sagte er
hart: »Da brauchst net Angst haben! Der Blasi is a Feiner. Heut, am
Sonntag, wird er gmeint haben, sind alle Jagdghilfen beim
Scheibenschießen.« Er lachte dünn. »Da hat er sich a bißl täuscht. Aber
Angst? Ah na! Dem Blasi passiert net so leicht was.«
Unwillig schüttelte Modei den Kopf. »Ich mein' ja net --« Sie stockte,
und die Blässe ihres Gesichtes verwandelte sich in Glut.
Schmunzelnd erhob sich Lenzl, wandte der Schwester den Rücken und machte
sich mit dem Brennholz zu schaffen, das unter dem Schutz des
vorspringenden Daches zum Trocknen an der Hüttenwand aufgeschichtet war.
Schnell und eindringlich sagte er: »Arg gern muß dich der Friedl haben.
Sonst hätt er dös schwere Kindl net bis da auffi tragen.« Ein kurzes
Lachen. »Oder meinst, es hätt sich der _ander_ so plagt für dich?«
Lautlos preßte Modei den Arm vor die Augen und ließ ihn wieder fallen,
von einem Schauer gerüttelt. »Ich muß in d' Hütten eini. Mein Kindl muß
ich anschaun -- oder ich halt's nimmer aus.« Sie wandte sich, blieb
stehen, hob lauschend den Kopf und sah hinüber zu der Felshöhle, die
nicht weit von der Hütte aus dichten Almrosenbüschen aufstieg.
Auch Lenzls Augen spähten da hinüber -- Augen, in denen ein wildes Feuer
brannte.
Droben, über dem Rand der Felsen, klang es wie flüchtige Sprünge auf
lockerem Gestein. Nun kam es näher. Jetzt tauchte ein Kopf aus den
Stauden.
»Blasi!« schrie das Mädel erblassend.
Wie der Wilddieb herunterkam über die Wand, in der einen Hand die
Büchse, mit der anderen da und dort nach einer Stütze haschend -- das
war kein Niedersteigen, es war wie ein Fallen und Stürzen. Kies und
Erdstücke kollerten hinter ihm her, und pfeifende Steine schlugen in die
Büsche. Und wie er aussah! An Brust und Armen war das Hemd zerrissen,
und wo die Fetzen niederhingen, war die Haut bedeckt von blutigen
Schrunden. Die Haare klebten ihm naß und wirr an den Schläfen, und das
erschöpfte, mauerbleiche Gesicht war übergossen von Schweiß.
Keuchend wankte er auf die Hütte zu. »Modei! Verstecken mußt mich! Der
Jager is hinter mir!«
Unbeweglich, mit verstörtem Gesicht, mit schlaff hängenden Armen, stand
das Mädel gegen den Pfosten der Hüttentür gelehnt. Und neben ihr
schrillte in grausamer Freude die Stimme des Bruders: »Haben s' dich
amal! So hat's kommen müssen! Hörst es rumpeln über deim Haardach?
Tanzboden! Tanzboden, heut kriegst an Arbet!« Unter irrem Lachen
krampfte Lenzl die Faust um den Arm der Schwester. »Lisei! Her da zu
mir! _Dir_ laß ich nix gschehen --« Seine erwachenden Augen irrten.
Atemlos hetzte Blasi über die Hüttenstufen herauf. »Mit jedem Schnaufer
geht's um mein' Hals! Ich hab bloß noch a Schrotpatron in der Büx --«
Sein Blick huschte zum Wald hinüber. »Und der ander hat a Kugel im
Lauf.« Er taumelte zu dem aufgebeugten Holz hinüber und stieß die Büchse
hinter die Scheiterbeuge. »Modei! Verstecken mußt mich!«