»Fort, fort!« keuchte der Jäger, während sein Blick die Höhe suchte.
»Ich muß! Der Förster -- ja, der Förster wartet da droben auf mich. Und
da wird er gschossen haben, weil ich so lang net komm!« Er wand seinen
Arm aus Modeis Händen und sprang auf den Steig zu, der hinaufkletterte
gegen die Berghöhe. Bürschl, der schlafend unter der Bank gelegen, fuhr
knurrend auf und folgte in flinken Sätzen dem Jäger.
Regungslos stand Modei an der Hüttenecke. Da kam der Bruder zu ihr und
flüsterte: »Dös war net der Förster!« Modeis Gesicht verfärbte sich.
Friedl war schon eine Strecke emporgestiegen; ohne die Hast seiner
Schritte zu mindern, bückte er sich und legte um Bürschls Hals die
Schlinge der Hundsleine, die in den Tragriemen des Rucksackes
eingeknotet war. Und jetzt verschwand der Jäger im Bergwald.
Zwischen den ersten Bäumen blieb er stehen, streifte die Schuhe herunter
und steckte sie in den Rucksack. Nun sah er die Patronen in seiner
Büchse nach und lauschte vorgestreckten Halses hinein in den steilen,
von hohem Gestrüpp durchwucherten Wald. Er hörte nur das leise Rauschen
der Wipfel und das matte Gurgeln einer nahen Quelle. Doch der Hund, der
an allen Gliedern fieberte, streckte den Kopf und spähte mit funkelnden
Augen zwischen die Bäume, während seine zitternden Nüstern den Wind
einsogen, der ihm durch die Büsche entgegenstrich. Friedl machte einen
sachten Ruck an der Leine, und leise klang von seinen Lippen ein
mahnender Zischlaut zu Bürschl nieder. Scheu wich der Hund hinter
Friedls Füße zurück, schüttelte die Ohren und starrte wieder in die
Büsche.
Langsam, Schritt für Schritt, jedes dürre Reis vermeidend, schlich
Friedl unter den Bäumen hin. Seine Augen suchten, während er die Büchse
schußfertig in den Händen hielt. Manchmal warf er einen unwilligen Blick
auf den Hund, wenn unter Bürschls trippelnden Füßen das Reisig
raschelte.
Die Stelle, wo der Schuß gefallen, konnte nicht mehr weit sein.
Dort drüben, nur ein paar hundert Schritt entfernt, wo sich die Bäume
enger aneinanderschlossen und kleine Felswände sich heraushoben aus dem
buschigen Grund, da hielten die Gemsen gern ihre Mittagsrast, wenn sie
aus der Sonne niederzogen, um den Schatten zu suchen.
Je mehr sich Friedl dieser Stelle näherte, desto vorsichtiger wurde sein
Schritt, desto achtsamer sein Aug und Ohr -- desto unruhiger wurde aber
auch der Hund.
Als der Jäger die erste der kleinen Felswände erreichte, gewahrte er auf
feuchtem Grund eine frische Gemsfährte. Aus der Fährte mußte Friedl
schließen, daß die Gemse in der Flucht gewesen, entweder aufgeschreckt
vom Schritt des Wilddiebes oder schon getroffen von seiner Kugel. Ja,
getroffen! An den Blättern eines Almrosenbusches hing in roten Tropfen
der frische Schweiß.
Bürschl war kaum mehr zu halten; er hatte die Fährte schon angenommen
und hing mit gesenktem Hals an der straff gespannten Leine. So ließ sich
Friedl von dem Hunde langsam auf der Fährte fortziehen, während er die
Blicke forschend voraussandte in jeden Busch, nach jeder Wandecke und in
den Schatten eines jeden Baumes. Sein scharfes Auge war jetzt sein
Leben.
Nun ein Laut wie das Klirren einer Messerklinge, die auf Stein fällt.
Und hinter dem Astgewirr eines Latschenbusches gewahrte Friedl einen
beweglichen weißen Schimmer. Es konnte nicht anders sein: dort auf der
Erde kniete einer, der die Joppe abgelegt hatte und mit den Händen an
einem Etwas hantierte, das vor ihm auf dem Boden lag. Wer war das? Ein
deutliches Erkennen war durch die Büsche hindurch nicht möglich -- aber
eine Ahnung, nein, eine untrügliche Stimme nannte dem Jäger den
verhaßten Namen.
Rasch entschlossen hob Friedl die Büchse. Schon wollte er die Lippen
öffnen zum Anruf, da klang aus dem Busch das Röcheln eines verendenden
Tieres. Heulend machte Bürschl einen wilden Satz und überschlug sich im
Rückprall der Leine. Friedl wankte. Taumelnd faßte er, um nicht zu
stürzen, nach einem Ast. Hinter den Latschen da drüben tauchte ein Kopf
herauf und ein Büchsenlauf -- ein Blitz, ein Knall -- und Friedl spürte
ein Brennen an der linken Wange. Er fuhr mit der Hand ins Gesicht und
fühlte das Blut, das zu rinnen begann.
Dort drüben brachen die Äste, und die Steine kollerten unter den Füßen
des Raubschützen, der in wilder Flucht den Berghang hinunterstürmte.
Noch einen Augenblick stand Friedl regungslos. Dann riß er das Messer
aus der Tasche, durchhieb mit einem Streich die Hundleine, in deren
Schlinge Bürschl sich würgte. Winselnd sauste der Hund den Büschen zu,
und Friedl stürmte, seiner nackten Füße nicht achtend, durch den Wald
hinunter, in dem die Sprünge des Flüchtigen verhallten.
Hinter Modeis Hütte saßen sie alle beisammen, denen Friedl sein lustiges
Lied gesungen hatte. Freilich, mit dem Jäger war auch der rechte
Frohsinn verschwunden. Die Art seines Abschiedes hatte allen zu denken
gegeben. Aber keines sprach seine Meinung offen aus. Immer wieder
stockte das Gespräch -- und als Gori auf der Zither ein paar altersgraue
Schnaderhüpfeln zum besten gab, fand er wenig Anklang.
Modei war verloren für jede Unterhaltung. Kaum vermochte sie die Unruhe
zu verbergen, die an ihr nagte. Unter dem Vorwand, den Tisch zu räumen
oder was zu holen, verließ sie immer wieder ihren Platz. In der Almstube
stand sie klopfenden Herzens vor der Kammertür und lauschte, ob nicht
das Büberl erwacht wäre -- oder sie trat geräuschlos in den kleinen,
kühlen Raum, ließ sich auf den Boden nieder, hauchte einen Kuß auf die
im Schlummer glühende Wange des Kindes und blieb, bis ihre wachsende
Unruh sie wieder aus der Hütte scheuchte. Einmal traf sie an der
Hüttenecke mit dem Bruder zusammen. »Lenzl!« stammelte sie. »Ich halt's
schier nimmer aus vor lauter Angst.«
»Was? Angst?« Seine Stimme hatte harten, fast boshaften Klang. »Um den
ein' oder um den andern?«
Mit ihren trauernden Augen sah sie ihn schweigend an, tat einen schweren
Atemzug und ging zurück in die Hütte.
Unter leisem Lachen streckte sich der Alte, hob die Fäuste und knirschte
gegen die Berghöhe: »Wart, Mannderl! Heut kunnt der Tanzboden ebba noch
ausrucken!« Wie ein Erwachender sah er um sich her und murmelte: »Wo bin
ich denn wieder gwesen?« Beim Kaffeetisch hinter der Hütte fand er einen
lustigen Spektakel. Da hatten sie den Veri und die Punkl hintereinander
gehetzt. Vor Zorn pippernd, mit den Fäusten rudernd, knirschte die Alte:
»Was? Ich, sagst, _ich_ soll schuld dran gwesen sein, daß selbigsmal vor
a zwanzg a dreißg Jahr mit uns zwei nix füranand gangen is? Ah na! Ah
na!«
»Laß mir mei' Ruh!« knurrte der Nachtwächter von ehemals.
»Ah na! Ich bin allweil a verstandsams Weiberleut gwesen. Ich hab
allweil begriffen, was für a kostbars Gut die Gsundheit is. Aber du
warst der Unverstand. Du Leimsieder, du gsundheitsfeindlicher! Gar net a
bißl ebbes hast dir traut. Gar nix, gar nix, noch viel nixer als gar
nix. Mach Reu und Leid und sag aufrichtig, ob's wahr is oder net!«
»Ah!« Diese erbitterte Verneinung aus seiner Torkelseele herausgurgelnd,
wälzte Veri sich auf die Seite, vergrub das Gesicht in den Armen und
wurde heftig vom alkoholischen Bock gestoßen.
Weil seine Schulterstöße anzusehen waren wie das Zucken eines
Schluchzenden, verwandelte Punkls Empörung sich in klagende
Rührseligkeit. »Gelt, siehst es endlich amal ein, wieviel ich deintwegen
leiden muß?« Mit hohen Gicksern fing sie zu weinen an. »Wann den
angstifteten Schaden wieder -- gutmachen willst -- nacher kann ich auch
net so sein -- und -- in Gotts Namen --« Während sie schnuffelnd mit der
einen Hand über Augen und Nase fuhr, streckte sie versöhnlich die
anderen fünf Finger. »Da hast -- mei' Hand -- du reumütigs Mannsbild,
du!«
Einen galligen Zug in der sonst so zufriedenen Säuferphysiognomie,
wackelte der Bekneipte sich mühsam vom Rasen in die Höhe. »Mei' Ruh laß
mir!« Die leere Kraxe wie ein Kinderwägelchen hinter sich herziehend,
taumelte er über den Berghang hinauf.
Entgeistert guckte ihm die Alte nach. Als sie den lustigen Rumor der
anderen hörte, drehte sie sich wütend um. »Was is denn jetzt dös für a
dumms Glachter? Heut hat er halt a bißl z'viel aufgladen, der Meinig.
Wann er morgen sein Räuscherl ausgschlafen hat, so wird er schon mit ihm
reden lassen.«
Da gewahrte Monika den Lenzl, der die Hände als Sonnenschirm über den
Augen hatte und immer gegen den Bergwald hinaufspähte. »He, du, was
speggalierst denn allweil da auffi?«
»Ich? So schauen tu ich halt a bißl -- kunnt sein, daß heut noch a
Wetter kommt! A grobs!«
»Was? A Wetter?« lachte Gori. »Geh, du Narr! Aus'm Tirol glanzen die
Berg ummi wie Glas. Und die verwunschene Alm schaut her, so weiß wie a
frisch gwaschens Jungfernhemmed.«
Alle guckten sie zu der breiten Bergscharte hinauf, durch die aus blauer
Weite die Zillertaler Gipfel mit ihrem silberweißen Ferner
herüberblickten. Und Philomen fragte: »Was muß denn auf der verschneiten
Alm da drüben passiert sein, daß man's die verwunschene heißt?«
In erregter Heiterkeit antwortete Lenzl: »Dö Gschicht, dö hat sich vor
tausend Jahr schon zutragen. Da mußt die Punkl drum fragen. Dö is
selbigsmal schon Sennerin gwesen.«
Die Schwerhörige, mit dem Rest der Kaffeekanne beschäftigt, hatte ihren
Namen vernommen. »Was hast gsagt?«
Philomen schrie ihr ins Ohr: »Dö Gschicht von der verwunschenen Alm
sollst verzählen!«
»Ja, ja, dös is a schöne Gschicht. Tuts enk herhocken! Jaaa, da drüben,
wo jetzt der ewige Schnee liegt, da is vor viele hundert Jahr die
schönste Alm gwesen. 's Viech hat glanzt vor lauter Fetten, is kugelrund
gwesen und hat Milli geben, ich kann gar net sagen, wieviel!«
Modei kam aus der Hütte. In ihrer quälenden Unruh hörte sie nicht, was
am Tisch geredet wurde. Und immer irrten ihre Augen.
»Jaaa, Leutln, auf der selbigen Alm, da sind drei Sennbuben gwesen,
einer a gottsfürchtiger, und zwei waren grausame Sünder.«
»Die schlechten sind allweil die mehrern!« nickte Philomen.
»Was dö alles trieben haben! Dös is gar net zum glauben. Mit Kaaslaibln
haben s' d' Hütten pflastert aus Übermut, und Kegel habens s' gschoben
mit die Butterballen.«
»Dös hat net weh tan«, meinte Gori, »wann's dem Kegelbuben auf d' Füß
gangen is.«
Die Punkl hatte sich bekreuzigt um der Sünde willen, von der sie da
erzählen mußte. »So haben sie's trieben, ja! Aber wann a hungriger armer
Teufel kommen is, haben s' Steiner ins Wasser glegt und haben s' ihm
geben als Nachtmahl. Oft hätt so a Verirrter verschmachten müssen, wann
ihm der Gottsfürchtige net heimlich a Trumm Kaas zugschoben hätt.
Deswegen haben ihn dö zwei Sündhaften wieder gmartert, den
Gottsfürchtigen. Und dös hat sich gstraft.«
Die Spannung am Tisch erhöhte sich.
Den Zwiebelkopf zwischen die Schultern ziehend, machte Punkl sonderbare
Bewegungen mit dem Zeigefinger. »Amal, auf'n Abend zu, is wieder a
Fremder in d' Hütten kommen, a magrer, langer, langer, endslanger Kerl
--«
»Jöises«, staunte Philomen, »der is ja so lang, daß er gar nimmer
aufhört!«
»Rappenschwarze Haar hat er ghabt und zwei Mordstrumm Augen wie
brennheiße Glutbrocken --«
»Net schlecht!« warf Binl ein. »Dös wär einer für der Punkl ihr
Gsundheit gwesen.«
»Und der hat gsagt --« Punkl fiel ins Hochdeutsche: »Üch habe ain
Verlangän.«
Gori schüttelte den Kopf. »Wann er die Alte gsehen hätt, glaub ich kaum,
daß er's gsagt hätt.«
»Üch habe ain Verlangän, hat'rrr gsagt, gäbet mür zu ässen und zu
drünken! Und da haben ihm die zwei Sündhaften wieder Wasser mit Steiner
geben. Und selber haben s' die größten Brocken Kaas verschluckt.«
In Monika rührte sich die barmherzige Seele. »Dö müssen schön
Magendrucken kriegt haben.«
»Und auf amal --« Geheimnisvoll ließ Punkl den Zeigefinger kreisen. »Auf
amal, da fangt er zum Lachen an, der lange, lange Lange --« Sie ahmte
mit tiefer Stimme ein diabolisches Gelächter nach. Es klang, wie wenn
ein Rehbock schreckt. »Und gsagt hat er:
Heut auf d' Nacht
Werds alle umbracht.
Zwei werden gschunden grausi,
Den dritten schmeiß ich durchs Hüttendach außi!
Und wie er's gsagt ghabt hat, da is er verschwunden -- fffft -- weg is
er gwesen.«
Den Mädeln wurde gruslig zumut, und Monika konstatierte: »Dös war der
Tuifi.«
»Jöises«, fieberte Philomen, »wird's da nach Schwefel gstunken haben.«
»Dös kannst dir denken!« nickte Punkl. »Und in der Nacht, wie's auf
zwölfe gangen is, da kommt a schauderhafts Unwetter.« Ihre Hand machte
eine flinke Bewegung im Zickzack. »A Blitz fahrt abi, und nacher tut's
an Kracher --« Punkl schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch, daß die
Löffel hüpften und die Tassen klingelten. Im gleichen Augenblick fiel
droben im Wald ein Schuß -- jener zweite Schuß des Wildschützen -- und
wie Donner rollte das Echo über die Felswände. Die drei Sennerinnen
kreischten in ihrem abergläubischen Schreck. Dann herrschte beklommenes
Schweigen am Tisch, und eines guckte das andre an.
Modei tastete nach einer Stütze. »Schwester!« stammelte Lenzl und
umschlang die Wankende. »Was hast denn?«
»Mir is net gut!« Mit geschlossenen Augen fiel ihr Kopf auf die Schulter
des Bruders.
»Was is denn mit der Modei?« fragte Monika und erhob sich.
»Nix, nix!« brummte Lenzl. »'s Madl is halt a bißl schreckhaft.« Er
wandte sich zur Schwester. »Komm, ich führ dich in d' Stuben eini! Da
kannst dich niederhocken in Ruh und a Tröpfl Wasser trinken.« Er führte
sie um die Hüttenecke.
»Kunnt sein, sie hat a schlechts Gwissen?« kalkulierte Philomen. »Dös
druckt allweil auf'n Magen, wann vom Tuifi d' Red is.« Ungeduldig schrie
sie in Punkls Ohr: »Tu weiterverzählen! Gar net derwarten kann ich's,
bis er ihnen 's Gnack umdraht. So ebbes is soviel schön!«
»Du!« flüsterte Gori seinem Kameraden zu. »Da droben, mein' ich, kunnt's
ebbes geben haben!« Der andere zwinkerte mit den Augen und nickte.
»Wo war ich denn gleich?« Um die Sinne zu sammeln, faßte Punkl mit
beiden Händen ihren Kopf. »Ja, also, an Kracher hat's tan, un d'
Hüttentür springt auf, und der rappenschwarze, lange, lange Kerl kommt
eini --«