Die Schwester tuschelte: »Sei stad und sag nix! Sonst rennt mir die
ganze Gsellschaft eini und weckt mir's Kindl wieder auf.« Sie wandte
sich zum Tisch. »Also, greifts zu! Jeder muß selber schauen, daß er
ebbes kriegt. Zureden, dös gibt's net bei mir.«
Punkl griff mit beiden Händen in den Schucksenberg. »Wer trutzt bei der
Schüssel, der schadt sich am Rüssel. Essen muß der Mensch. Dös is a
Grundbedingnus für alles, was Gsundheit heißt.«
Während die Gäste sich mit ihrem Kaffee und den frisch gebackenen Nudeln
beschäftigten, über deren Vorzüglichkeit sie sich in langen Lobsprüchen
ergingen, ließ sich vom Steig ein lautes Putzen und Schnaufen hören.
Veri bog um die Hüttenecke, die leere Kraxe auf dem Rücken. Bedenklich
schwankte der Alte hin und her. Gori sagte: »Mir scheint, der möcht
seiltanzen und kann's noch net recht. Kerl, du hast ja an Rausch!«
»Ah!« verneinte der Alte energisch.
»A schöns Quantl mußt aufgladen haben«, meinte Monika, »wann du's net
amal bis da auffi wieder ausgschwitzt hast!«
»Laß mir mei' Ruh!« brummte Veri, während er die Kraxe ablud und sich
neben Lenzl in das Gras plumpsen ließ.
Friedl trat vor ihn hin. »Wann ich von dir nur amal an anders Wörtl
hören möcht als dein ewigs >Ah< und dein >Laß mir mei' Ruh<. Was denkst
denn eigentlich du den ganzen Tag?«
»Nix!«
»A bißl ebbes _mußt_ doch denken!«
»Wann _du_ so dumm bist, ich net!«
Ein schallendes Gelächter. Und an Veris Worte knüpfte sich eine lange
Debatte, ob der Alte mehr Ursache hätte, von sich zu sagen: Ich bin net
so dumm, als ich ausschau! oder: Ich schau viel dümmer aus, als ich bin!
Veri kümmerte sich wenig um die Unterhaltung, die auf seine Kosten
geführt wurde. Lang ausgestreckt lag er auf dem Rasen, hielt die Hände
unter dem Nacken verschlungen, guckte mit steifen Augen in den blauen
Himmel und machte einen Versuch, zu pfeifen, sooft der Gauveitl-Gori an
den Saiten der Zither zupfte, die er neben sich auf der Bank hatte.
»Was is denn, Gori?« sagte Monika. »Zupf net allweil unterm Tisch! Leg
s' auffi, die Klampfern, und spiel a bißl ebbes! Und gsungen muß werden!
Nacher wird's erst fidel!«
»Was hast gsagt?« fragte Punkl.
»Daß man ebbes singen soll!«
»Ja, ja, wer fangt denn an?«
»Du, weil du die Schönste bist!«
Ein kokettes Lächeln grinste über das Gesicht der Alten. »Na, schön bin
ich net, aber --«
»Tugendhaft, mager und wüst!« rief Monika lachend.
Gori hatte die Zither auf den Tisch gestellt und seinem Kameraden
zugenickt. Nun begannen die beiden jenes alte, im ganzen Hochland gern
gesungene Lied: vom Hütterl beim Baum am Bacherl.
»Bei eim Bacherl steht a Hütterl,
Bei dem Hütterl steht a Bam,
Und sooft ich da vorbeigeh,
Find und find ich halt net ham.
In dem Hütterl haust a Maderl,
Is so frisch als wie a Reh.
Und sooft ich 's Maderl anschau,
Tut mir 's Herzerl halt so weh!
Und dös Maderl, dös hat Äugerln,
Wie am Himmel drobn die Stern,
Und sooft ich d' Äugerln anschau,
Möcht ich halber narrisch wern!
Und ich kann's halt net vergessen,
Ob ich wach bin, ob ich tram,
Allweil denk ich an dös Hütterl
Bei dem Bacherl, bei dem Bam.«
In Friedls heitere Stimmung schien das Lied mit seiner fast
schwermütigen Melodie nicht recht zu passen. Immer klopfte er mit den
Fäusten auf die Knie, um den Takt des Liedes zu beschleunigen. »Ich
glaub gar, ös zwei seids eingschlafen!« rief er den beiden Burschen zu,
als sie das Lied beendet hatten. »Auf d' Alm ghört ebbes Lustigs!« Er
griff nach der Zither. Da fuhr ihm was Flinkes und Schnaubendes auf den
Schoß herauf. »Jesses, mein Bürschl!« Lang und rot ließ der Hund die
Zunge zwischen den Zähnen heraushängen und keuchte, daß ihm die Flanken
zitterten; dazu schnappte er freudig winselnd an der Brust seines Herrn
hinauf, der den Kopf wenden und den Hals recken mußte, damit ihm Bürschl
mit der zärtlichen Schnauze nicht ins Gesicht käme. »Du Tropf du! Bist
am End gar daheim durch d' Fensterscheiben aussi? Ich glaub, du hast es
schon heraus, daß von mir keine Schläg net fürchten mußt? Aber jetzt
mach weiter!« Lachend streckte der Jäger die Knie, so daß der Hund auf
die Erde rutschte. Dann rückte Friedl die Zither zurecht und sang in
flottem Tempo:
»Ich bin halt vom Gebirg,
Und ich hab a frisches Blut,
Und ich hab a treues Herz
Und schöne Federn auf'm Hut.
Schöne Federn auf meim Hut
Stehn mir sakrisch gut,
Und a Schnurrbart dazua,
Bin a lustiger Bua!«
Bei den letzten vier Zeilen hatte sich der Taktschlag der Melodie noch
verschnellert, und während Friedl spielte und sang, patschten Lenzl und
die beiden Burschen die Hände zusammen, und die Mädchen schlugen im Takt
mit den Blechlöffeln an die Kaffeetassen.
»A Sennrin, dö hat's gern,
Hat's gern, wann einer kimmt,
Der neue Liedeln kann
Und schöne Sträußerln bindt;
Der schön jodelt und schön singt
Und sein Hütl lustig schwingt,
Der schön jodelt und schön pfeift,
Und um d' Almen ummaschleift.
Der Bua klopft leise an
Bei der Sennrin ihrer Tür:
Liebe Sennrin, geh, mach auf
Und laß mich 'nein zu dir!
Ja ja, so sagt die Sennrin gleich,
Komm eini, Herzensbua;
Wir kochen uns a Rahmsuppen,
Und alles haben mer gnua!
Sie bleiben da beisamm
In stiller Einsamkeit,
Bis fruh die Sonn aufgeht
Und bis der Kuckuck schreit!
Und wann der Kuckuck kugezt hat,
Geht's wiederum vom Platz,
Gschwind noch a Busserl, oder zwei,
Und pfüet dich Gott, mein Schatz!«
Ein klingender Jodler, in den die andern einfielen, schloß sich an das
Lied. Dann schwiegen plötzlich die Saiten und der Jodler verstummte --
von den Bergen hallte ein Schuß, und rollend ging das Echo über die
Wände hin.
Weiß wie die Mauer, war Friedl aufgesprungen. Der da geschossen hatte,
das war der Förster nicht und keiner von den Gehilfen. Die waren drunten
in der Schützenhalle zu Fall! Friedls Augen blitzten über den Berg
hinauf. Wo der Schuß gefallen war, das konnte nicht weit sein, kaum eine
halbe Stunde von der Alm. Und nun sprang der Jäger wortlos vom Tisch und
verschwand um die Hüttenecke.
Modei, als sie den ersten Schreck überwunden hatte, wollte ihm folgen.
Da kam Friedl ihr schon wieder entgegen, die Büchse in der Hand, den
Rucksack über die Schultern ziehend.
»Friedl? Was is denn?«
»Fort muß ich!«