»Der Modei ihr Büberl.«
»Jesses! Friedl!«
Sanft drückte er mit beiden Händen die Mutter auf das Kissen zurück und
fing zu erzählen an, die ganze lange Geschichte der verwichenen vierzehn
Tage bis zu Modeis letztem Wort. Schweigend lauschte die alte Frau. Und
sie schwieg auch noch, als Friedl schon lang geendet hatte. »Mutter?«
brach der Jäger endlich mit leiser Stimme das Schweigen. »Hast jetzt gar
kein Wörtl für mich?«
»Bub -- du weißt, wie ich über söllene Sachen denk. Ich will dir heut
net weiter fürreden, was ich oft und oft schon zu dir gsagt hab. Aber
ich bin allweil a verstandsames Weiberleut gwesen, dös sich mit allem
hat abfinden können, was an ausgmachte Sach war. Du mußt ja 's Madl
besser kennen als ich. Unter allem, was ich von ihr ghört hab, hat mir
dös am besten gfallen, daß 's Madl heut net gleich an verliebten
Purzelbaum gmacht hat. Aber wie mir scheint, wird dös Na bald a richtigs
Ja werden. So kann ich nur hoffen, daß sich 's Madl nach allem, was
gschehen is, deiner wert halt in Ehren. Tag und Nacht will ich zu
unserem Herrgott beten, daß er dir alles zum besten ausananderkletzelt.
Was hat schließlich der Mensch auf der Welt, wann er Glück, Ruh und
Fried net hat im Herzen und im Haus? Dös soll dir unser lieber
Himmelvater halt geben! Nacher bin ich mit allem einverstanden. So! Und
jetzt geh schlafen, Bub! Und morgen bringst mir halt unser Kindl! Gut
Nacht!«
»Du liebs Mutterl du! Gut Nacht!« Friedl drückte in seiner lachenden
Freude die Hände der Mutter so ausgiebig, daß die alte Frau einen
Wehlaut ausstieß und ärgerlich murrte: »Hörst net auf! Du narreter
Schüppel! Meinst denn, ich hab Pratzen wie a Holzknecht?«
»Mar' und Joseph!« stotterte Friedl erschrocken. »Hab ich denn gar so
narret druckt?«
»An Schwachen hätt's umgworfen. Gut, daß ich im Bett glegen bin!«
»Jesses, jesses!« Und auf den Zehen schlich Friedl aus der Kammer,
während er immer die Hände schlenkerte, als könnte er den gefährlichen
Überschuß an Kraft aus sich herauswerfen.
Leis zog er hinter sich die Tür ins Schloß.
Anderen Tages, am Sonntag, wurde es in Fall mit aller Frühe laut und
lebendig. Schon um fünf Uhr morgens knallte der Wirtsknecht mit seiner
Peitsche neben dem Wagen her, auf dem er in der Nacht das frische Bier
von Tölz gebracht hatte; dann rasselte die Faßleiter, und dröhnend
kollerten im Wirtshaus die schweren, vollen Banzen über die Flursteine.
Vater Riesch, in großen Pantoffeln und mit winzigem Hauskäppl, einen
kalten Zigarrenstummel zwischen den Zähnen, stand dabei, um das Abladen
zu überwachen. Benno kam und erkundigte sich angelegentlich nach dem
Fäßchen Hofbräu, das er von München mit nach Tölz gebracht und dort in
der Post eingestellt hatte. Vater Riesch zuckte die Achseln: davon wisse
er nichts, das Fäßchen müsse wohl vergessen worden sein. Benno war außer
sich. Da tröstete ihn der Wirt mit Lachen: »Haben S' kein Angst, es
liegt schon drunt im Keller, kalt einschlagen in nasse Tücher!«
Flink sprang Benno die Treppe zum ersten Stock des Wirtshauses hinauf
und weckte die drei Holzknechte, die der Förster herbeordert hatte, um
die Schießstätte zu richten. Das kleine Sommerhaus des Wirtes, das über
der Straße drüben am Ufer der Isar lag, sollte zur »Schützenhalle«
umgewandelt werden. Von da aus wollte man über den Fluß hinüberschießen
nach einem etwa hundertfünfzig Schritt entfernten Felsen, der drüben am
Ufer kahl aus dem Waldgehäng hervorsprang, eine leichte Aufstellung der
Scheibe gestattete und dem Zieler Schutz vor den Kugeln bot. Benno wies
an Ort und Stelle den Holzknechten die Arbeit an, rannte zum Forsthaus
zurück, in dem er wohnte, und warf sich in festlichen Staat.
Als er wiederkam, war im Sommerhaus die Arbeit schon in vollem Gang. Die
Holzknechte hatten sich noch ein paar Leute zur Aushilfe geholt; nun
wurde hier gesägt und gehämmert, dort wurden Pfähle eingerammt, hier
wurden aus breiten Brettern die Scheiben geschnitten, dort hockte einer
auf der Erde und schnitzelte aus Weidenästen kleine Holzklötzchen zum
Verschließen der Schußlöcher, und vom Wirtshaus herüber kamen die einen
und anderen, um nach den Fortschritten der Arbeit zu sehen. Ganz Fall
war Leben und Bewegung; um neun Uhr sollte ja schon das Schießen
beginnen. Der Eifrigen Eifrigster war Benno; er zirkelte die Scheiben
aus, bemalte die Kreise mit schwarzer und weißer Leimfarbe und gab dem
Sohn des Wirtes Anweisung, wie mit Tannenreis die »Schützenhalle« am
hübschesten zu schmücken wäre. Dann nagelte er die seidenen Fahnen, um
die er eigens nach München gefahren war, an blau und weiß geringelte,
goldbeknaufte Fahnenstangen und steckte sie rechts und links vom Eingang
der »Festhalle« in den Rasen, wo die Tücher lustig im leichten Winde
flatterten und ihre Seide in der Sonne schimmern ließen.
Zwischen den klatschenden Hammerschlägen und dem Ächzen der Holzsäge
schollen vom Garten des Forsthauses herüber hallende, von rollendem Echo
begleitete Schüsse. Da drüben probierten der Förster und die
Jagdgehilfen ihre Büchsen. Und draußen an der Scheibenstatt übte sich
der Jüngste des Wirtes mit Juhschreien und Purzelbäumen in seinem Beruf
als gewissenhafter Zieler.
Als auf dem Schießplatz alles fix und fertig war, ging es mit der Zeit
schon knapp auf neun Uhr. Bald war auch die kleine Schützengesellschaft
versammelt: der Förster, Hies und die anderen Jagdgehilfen mit ihren
Pirschstutzen; Vater Riesch mit seinem Vorderlader alten Kalibers; der
»Herr Götz«, ein Elsässer, der an der Isar zwischen Fall und Lenggries
eine Papierfabrik stehen hatte, und sein auf Besuch anwesender Bruder,
die zusammen mit einem funkelnagelneuen Martinigewehr zu schießen
gedachten; und schließlich Benno mit seinem bewunderten Scheibenstutzen.
Nur Friedl fehlte noch. Ein paarmal schon hatte Benno nach ihm gefragt;
niemand wollte ihn gesehen haben. Und Friedl kam nicht, obwohl der
Beginn des Schießens immer näherrückte. Punkt neun Uhr, als der Böller
krachte, gab's auf der Schießstätte einen fidelen Jubel. Benno war mit
einer letzten, bis zu diesem Augenblick geheimgehaltenen Überraschung
herausgerückt. Während seines Aufenthaltes in München hatte er einen ihm
befreundeten Maler aufgesucht, und das Ergebnis dieses Besuches war eine
prächtige Ehrenscheibe, deren Bild die Schlußszene von Bennos letzter
Gemsjagd darstellte. Über dem Bilde stand in fetten Buchstaben:
»Jagdschießen zu Fall, 1881.« Und am untersten Rande war im Bogen auf
die Scheibe geschrieben: »Gewidmet vom freiwilligen Jagdgehilfen Benno
Harlander.«
Lang umstand man das hübsche Bild; dann wurde es, bis es seinem Zwecke
dienen sollte, in der »Schützenhalle« aufgehängt.
Das Schießen begann. Benno als Festgeber tat den ersten Schuß, dann
knallte und knallte es in ununterbrochener Folge, und das kleine Tal war
angefüllt mit Donner und Echo. Doch Benno wollte, so fröhlich es um ihn
her zuging, nicht in die richtige Festlaune kommen, weil Friedl noch
immer fehlte. Als er wieder einmal geschossen hatte, lief er zum Haus
des Jägers hinüber. Die alte Frau machte ihm die Haustür auf. »Was ist
denn, Mutter? Ist der Friedl gestern nicht heimgekommen?« Zu einer
Antwort blieb der alten Frau keine Zeit. Hinter den beiden knarrte das
Zauntürchen, und als Benno sich umblickte, stand der Jäger vor ihm, auf
den Armen ein Kind, das die kleinen Ärmchen fest um seinen Hals
geschlungen hielt.
»Friedl?« fragte Benno. »Bei wem bist denn du als Kindsmädel
eingestanden?«
»Seit gestern bei mir selber!« lachte Friedl.
»No, wenn auch das Kindsmädel ein bißl massiv geraten ist, so ist das
Kindl um so netter und feiner! Geh, du kleines Kerlchen mit deinen
Haselnußaugen, gib mir ein Patscherl!« Das Kind löste einen Arm von
Friedls Hals und streckte Benno das Händchen hin. »Schau, wie schön du
das kannst!« scherzte Benno, während er dem Bübchen freundlich die Wange
streichelte. Dann sagte er zu Friedl: »Jetzt mach aber, daß du
nüberkommst, sonst schießen dir die andern die schönsten Preise vor der
Nase weg!«
»Ja, ja! Von aller Weiten hab ich's schon krachen hören. Lassen S' Ihnen
net aufhalten, Herr Doktor! Ich komm gleich.«
Benno ging und hörte die alte Frau noch sagen »Geh, komm zu mir,
Schatzerl!« Sie nahm den Kleinen von Friedls Arm. »Na, so was Liebs!
Gelt, Herzerl, jetzt bleibst bei uns, und so gut sollst es haben, so gut
--«
Als Benno wieder in die Schützenhalle trat, klang ihm lauter Jubel
entgegen. Vater Riesch hatte einen Punkt geschossen. »So an alter
Kalfakter!« brummte der Förster. »Sehen und hören tut er bloß halb. Aber
beim Scheibenschießen wackelt er's allweil noch eini. In der Schußlisten
steht ein Dreier um den andern drin.«
Nun, der Förster selbst, ebenso wie jeder andere, war auch zufrieden mit
seinem Erfolg. Und als Friedl kam und den ersten Schuß mitten hinein ins
Schwarze brannte, war ihm das eine gute Verheißung für den weiteren
Verlauf. Nur der »Herr Götz« -- du mein Gott -- der hatte ein Kreuz mit
seinem funkelnagelneuen Martinigewehr. Bald versagte ein Schuß, dann
wollten die Patronen nicht in den Lauf, dann wieder wollten sie nicht
_aus_ dem Lauf. Und krachte der Schuß, so ging das Gewehr bald zu hoch,
bald zu tief, bald zuviel rechts, bald zuviel links. Der »Herr Götz«
wurde ärgerlich und klagte: »Heiliger Chrischtof! Jetzt macht mi aber
die Sach mit dem Schtutze schon bald e bissele schtutzig!«
Die Schützen lachten, und es lachten auch die Bauern und Burschen, die
den Eingang der Schützenhalle umdrängten. Da stand der Lenggrieser
Bauer, der seine Alm besuchen wollte, der Flößer, der von Tölz
zurückgewandert kam, nachdem er seinen Floß gut an den Mann gebracht, da
stand der eine und der andere Bursch, den auf die Nacht sein Schatz in
der Sennhütte oder in einem fernen Dorf erwartete, da stand auch ein
Tiroler Hausierer, den Warenkasten auf dem gekrümmten Rücken -- und alle
lachten sie. Besonders einer lachte so laut, daß man ihn aus allen
heraushörte, ein rohes, hölzernes Lachen.
Hastig drehte Friedl den Kopf. Alles Blut wich ihm aus dem Gesicht --
der Lacher war der Huisenblasi! Breit stand er unter der Tür, den Hut
schief gesetzt, den Schnurrbart aufgedreht und die Daumen in die
gestickten Hosenträger eingehakt. Den Augen Friedls begegnete ein
stechender Blick, und ein spöttisches Lächeln zuckte um den Mund des
Burschen.
In Friedl kochte das Blut, seine Hände zitterten und krampften sich um
den Gewehrschaft. Mit Gewalt mußte er sich zur Ruhe zwingen, um nicht
auf den Burschen loszustürzen. Auch in seiner glühenden Erregung sah er
ein, wie widersinnig und nutzlos das wäre. Auf frischer Tat muß der
Jäger den Wilddieb fassen, mit dem Gewehr in der Hand, wenn seine
Anklage Wert und Kraft haben soll. Jede Unvorsichtigkeit des Jägers
hätte den Blasi nur zur Vorsicht gemahnt oder ihn veranlaßt, die
räuberische Büchse für lange Zeit wieder an den Nagel zu hängen, während
sie wohl jetzt noch droben in der Grottenbachklamm versteckt lag unter
Moos und Steinen.
Auch der Förster und die anderen Jagdgehilfen hatten Blasi bemerkt und
waren von seiner Gegenwart unerquicklich berührt. Sie dachten jener
Geschichte, die sich vor Jahren an der Isar abgespielt hatte. Wenn sie
auch vermuteten, daß Blasi vom Wildern nicht völlig kuriert war, so
hatten sie doch nicht die leiseste Ahnung von dem, was Friedl wußte: daß
die beiden Füße dort in den sauberen Feiertagsschuhen auf den Bergen
droben jene langen, breiten Spuren traten, jene Spuren mit den neun
Nägelköpfen. Friedl hatte, was er wußte, vor dem Förster verschwiegen
wie vor den anderen Jagdgehilfen. Er allein wollte mit dem Blasi
Abrechnung halten. Da hatte er keinen Helfer nötig. Und als ihn am
Schießstand wieder die Reihe traf, als er die Büchse zum Schuß an die
Wange legte, schwamm es ihm vor den Augen -- das Rauschen der Isar wurde
zum Rauschen des Bergwaldes, statt der Scheibe sah er Bäume und ragende
Felsen, und dort im Schatten einer überhängenden Wand lag ein
verendender Hirsch. Über das Wild gebeugt, mit schiefgesetztem Hut und
aufgedrehtem Schnurrbart, stand ein schwarzhaariger Bursch, der in
Schreck das Gesicht hob, hineinspähte zwischen das Dunkel der Bäume,
dann in langen Sätzen hinunterflüchtete über Geröll und Latschenbüsche
-- nun krachte Friedls Schuß -- und der Jäger sah nur noch die Scheibe
da draußen und den Zielerbuben, der vergeblich den Treffer des
verhallten Schusses suchte.
»Aber Friedl«, brummte der Förster, »jetzt sollst dich aber doch
schamen! A Jager, und d' Scheiben fehlen!«
Friedl hörte das Gelächter nicht, das sein schlechter Schuß bei allen
Schützen hervorgerufen hatte. Und als er, das rauchende Gewehr in der
Hand, seinem Platz am Ladetisch zuschritt, sah er nur wieder den
Huisenblasi und sein spöttisches Lächeln.
Es war ihm, als vermöchte er keinen Augenblick länger auf dem Fleck Erde
auszuharren, auf dem auch jener andere stand. Verjagen konnte er den
andern nicht. Drum wollte er selber gehen. Er nahm die Büchse auf den
Rücken und sagte zu Benno, daß er heim müsse, um den Lauf, in dem sich,
nach dem schlechten Schuß zu schließen, wohl ein »Brand« angesetzt
hätte, mit heißem Wasser wieder sauber zu wischen.
Als er zur Türe kam, sah er, daß Blasi verschwunden war. Und hörte noch,
wie Hies dem Förster zuflüsterte: »Wann der Blasi die ganze Zeit nimmer
gangen is, so geht er _heut_ -- wo er gsehen hat, daß keiner von uns im
Revier is!« Dem Jäger fuhr eine Sorge durch den Kopf, doch er wurde
ihrer nicht recht bewußt, weil hinter ihm ein fideles Gebrüll von der
Schießstätte herüberscholl. Hier war der schwerbäuchige Grenzaufseher
Niedergstöttner, der alles dreimal sagte, mit seinem ratzenkahlen
Dampfnudelköpfl und seiner fiskalischen Kugelspritze als Scheibenschütz
erschienen. Das weckte ein Gelächter ohne Ende. Und wenn die Zwerchfelle
im Dutzend wackeln, kann sich in einem Menschen, der das hört, eine
Sorge nicht bedrohlich auswachsen.
Aufatmend, halb erlöst von einer drückenden Last, trat Friedl in den
Flur seines Hauses und hängte die Büchse an das Zapfenbrett. In der
Stube, vor dem blankgescheuerten Tisch, der zwischen den beiden
Eckfenstern stand, kniete seine Mutter auf den Dielen. Über die eine
Hand hatte sie ein weißes, an drei Enden geknüpftes Taschentuch gezogen
und ahmte am Rand des Tisches die Bewegungen einer Marionette nach,
während sie dazu mit tiefer Stimme eine selbsterfundene Rede sprach. Auf
dem Tisch saß Modeis Bübchen und guckte auf das bewegliche Spiel der
drei weißen Tuchzipfeln, jauchzend vor Freude und mit den nackten
Ärmchen zappelnd.
Wohltuend legte sich der Anblick des heiteren Bildes auf das erregte
Gemüt des Jägers. Als er näher trat, streckte ihm das kleine Franzerl
die Ärmchen entgegen und jubelte: »Att, Atti!«[2] Und deutete nach dem
weißleinenen Theaterhelden, als wollte es den Jäger einladen, an seiner
Freude teilzunehmen.
[2] Vater.
Schon am Morgen, auf dem Heimweg von Lenggries, hatte Friedl ein frohes
Staunen darüber empfunden, mit welch rascher Zärtlichkeit das Kind sich
an ihn anschloß. Und da es ihm jetzt so herzlich entgegenlachte und den
kindlichen Liebesnamen rief, erwachte in ihm ein warmes Gefühl. Er hob
das Kind an seine Brust und küßte ihm Mund und Wangen. Doch ein Schatten
fiel über seine Freude, als die Mutter sich erhob und fragte: »Was is
denn, Bub, warum kommst denn heim? Bist schon fertig mit'm Schießen?«
»Es hat mich drüben nimmer glitten!« Verstummend sah er an dem Kind
vorüber auf das irdene Schüsselchen, in dem ein paar Fliegen von dem
spärlichen Rest einer Milchsuppe naschten. Als seine Mutter den Napf in
die Küche trug, setzte Friedl sich auf die Bank. Während das Kind mit
den runden, grübchenübersäten Fingerchen in seinem Bart wühlte, spähte
er forschend in die von kindlicher Freude überhauchten Züge. Er mühte
sich, darin eine Ähnlichkeit mit jenem anderen zu finden. Das gelang ihm
nicht. Wohl war das Haar des Kindes dunkel und gelockt, aber das war
nicht jene schwarze krause Wolle, es waren die gleichen
dunkelglänzenden, seidenweichen Löckchen, wie sie unter Modeis Flechten
sich hervorstahlen und um ihre Schläfen ringelten. Mit linder Hand
strich Friedl dem Kind über das Köpfchen und hielt das liebe, frische
Gesichtl neben das Bild, das er lebendig in seinem Herzen trug. Und als
ihm aus den Zügen des Kindes immer nur die Züge der Mutter
entgegenblickten, stieg in seinem Herzen eine dürstende Sehnsucht nach
der Geliebten auf, die er lange Tage nimmer sehen sollte. Warum nicht?
Erst der kommende Morgen rief ihn wieder zu seinem Dienst. Den heutigen
hatte er frei. Er wollte ihn nützen.
Was kümmerte ihn da drüben die Schießstätte, von welcher Schuß um Schuß
herüberhallte! Um Modei zu sehen, hätte er noch anderes geopfert als die
Hoffnung auf eine seidene Fahne für einen guten Schuß.
Ob Modei sich freuen würde über seinen unerwarteten Besuch? Was hinderte
ihn, sich diese Freude zu erzwingen, wenn er der Geliebten nicht nur
einen Gruß von ihrem Kind -- wenn er ihr das Kind selbst brachte, das
sie seit Monaten nicht mehr an ihr Herz hatte drücken können!
Friedl sprang auf und rief in den Flur hinaus: »Mutter! Gschwind! Komm
eini!«
»Was is denn?« Die Mutter kam gelaufen und guckte verwundert auf ihren
Sohn, der in Hast seine gute Feiertagsjoppe gegen die mürbe Dienstjoppe
vertauschte.
»Mutter, sei so gut und zieh dem Franzerl a bißl ebbes an!« Friedl
brachte flink seinen Rucksack in Ordnung. »Ich will zur Modei auffi und
will ihr 's Büberl auf a Stündl mitbringen. Jetzt geht's auf elfe, um
zwei bin ich droben, und wann ich bis um fünfe abschieb von der Alm, da
bin ich gut wieder herunten, eh d' Nachtkühlen da is!«
»Aber Bub! Was fallt dir denn ein! Du bist ja net gscheid!«
Friedl ließ sich sein Vorhaben nimmer ausreden. Für jede Besorgnis hatte
er eine Widerlegung in Bereitschaft, so daß seine Mutter schließlich das
kleine Kittelchen und die gestrickten Schuhe des Kindes holte.
Noch war Franzerl nicht völlig angekleidet, als Friedl schon wegbereit
vor dem Tische stand, Bergsack und Büchse hinter dem Rücken; den
Bergstock mußte er daheim lassen, um beide Arme zum Tragen des Kindes
frei zu haben. Auch Bürschl, der freudig winselnd an Friedl
hinaufsprang, wurde zu Stubenarrest verurteilt. »Wann ich 's Kind hab,
kann ich net auch auf den Hund noch aufpassen!«
Nun hob die Mutter selber das Kind auf den Arm ihres Buben und steckte
ihm noch für den kühlen Abend ein seidenes Tuch in die Joppentasche. Und
bei der Stubentür besprengte sie die beiden so ausgiebig mit Weihwasser,
daß Franzerl vor diesem Getröpfel das Gesicht versteckte.
Friedl, um nicht am Wirtshaus vorüber zu müssen, machte einen Umweg, so
daß er erst eine gute Wegstrecke hinter Fall auf den richtigen Fußpfad
wieder einbog. Gemütlich wanderte er unter dem Schatten des Jungholzes
dahin, immer mit dem Kinde schwatzend, dem er jede bunte Blume zeigte,
die am Wege stand, und jeden schillernden Falter, der umhergaukelte in
der sonnigen Luft. Als mit dem Weg auch die Hitze stieg, unter der das
Kind schläfrig wurde, zog Friedl die Joppe aus und deckte sie zum Schutz
gegen die Sonne über das Franzerl, dessen glühendes Gesicht an seiner
Schulter ruhte. Vorsichtig machte er Schritt für Schritt, um den
Schlummer des Kindes nicht zu stören.
Gegen zwei Uhr war die Alm erreicht. Von dem Rasenfleck, der hinter der
Hütte im Schatten lag, hörte Friedl schwatzende Stimmen und Gelächter.
Das vernahm er nicht gern, er hätte Modei lieber, wenigstens beim ersten
Gruß, allein gefunden. Durch die offene Hüttentür sah er, daß Modei in
der Almstube war. Als er zur Tür wollte, hörte er in der Stube auch die
Stimme des alten Lenzl. Rasch duckte er sich hinter das aufgeklafterte
Scheitholz, um zu warten, ob sich Lenzl nicht entfernen würde. Und da
hörte er, was die beiden Geschwister da drinnen sprachen.
»Meinst net, heut kommt noch wer?« fragte Lenzl.
»Die da draußen sind schon alle da«, klang Modeis Antwort, »wer soll
denn sonst noch kommen?«
»Ich kunnt mir schon ein' denken, der kommt.«
»Geh, du! Heut hat er ja dienstfrei und is beim Scheibenschießen.«
Dem Jäger in seinem Versteck begann das Herz zu hämmern; lauschend
streckte er den Hals, um keinen Laut zu überhören.
»Was, Scheibenschießen?« staunte Lenzl. »Wen meinst denn du?« Ein
spottendes Lachen. »_Ich_ hab den alten Veri gmeint. Höi, Schwester, was
bist denn auf amal so fuirig übers ganze Gsicht? Bis in Hals eini?«
Eine Weile blieb's in der Sennstube mäuschenstill. Dann grollte Modei:
»Lenzl, tu mich net plagen! So a Hitz, wie's heut hat! Da wär's kein
Wunder, wann eim 's Blut a bißl auffisteigt. Aber jetzt mach weiter und
trag mir d' Schüssel mit die Schucksen aussi! Die hungrigen Gäst müssen
ebbes kriegen.«
Kichernd trat Lenzl aus der Tür und ging um die Hüttenecke, ohne den
Jäger zu gewahren. Rasch erhob sich Friedl und sprang über die Stufen
hinauf: »Grüß dich, Modei!«
»Jesus!« klang es mit leisem Schrei vom Herd, und ein Teller klirrte.
»Du bist da!«
»Ja! Und schau a bißl her, was ich mitbracht hab.« Er zog die Joppe weg,
die das Kind verhüllte, und Franzerl, aus dem Schlummer aufgeschreckt,
guckte mit verschlafenen Augen in der Stube herum und auf die Mutter.
»Franzerl!« schrie Modei in Freude, sprang auf Friedl zu, riß das Kind
an ihre Brust, und während sie ihm das Gesicht mit Küssen überströmte,
sprudelte ihr Jubel heraus: »Mein Franzerl! Franzerl! Liebs Schatzl, wie
geht's dir denn? An Ewigkeit hab ich dich nimmer gsehen! Engerl! Und wie
schön bist worden! Schau nur, Friedl! Dös liebe, nette, süße kleine
Gsichterl! Dö Äugerln! Dös Göscherl! Du mein liebs, liebs Kinderl du!«
Der Sturm dieser Zärtlichkeit war nicht nach Franzerls Geschmack. Das
Kind schnitt ein Pfännlein. Und Friedl mahnte: »Geh, plag's net so! 's
Kindl is müd und verschlafen. Drei Stund am Weg! Und so a Hitz dazu!«
»Ja, Herzerl!« flüsterte Modei. »Komm, jetzt mach ich dir recht a schöns
Betterl. Da kannst nacher schlafen! Und wachst wieder auf, nacher sing
ich dir Liederln, gelt, mein Herzl, mein liebs.« Ihr Blick suchte in der
Stube. »Daherinn mag ich's net schlafen legen, der Herd macht soviel
heiß, und alle Augenblick springt wer eini!« Sie trat auf den Kreister
zu, zog eine Decke und das Kissen vom Heu, ging in die Kammer und
richtete auf dem kühlen Backsteinboden dem Kind eine Schlummerstatt.
Friedl hatte Gewehr und Rucksack auf die Bank vor der Hütte gelegt. Nun
kam er und lehnte sich an den Pfosten der Kammertür. »Weißt, 's Kindl
hat am Herweg schon a bißl gschlafen. Aber beim Steigen hat's halt die
richtig Ruh net ghabt und is allweil wieder aufgwacht. So a guts Kindl!
Ich kann dir gar net sagen, was für a bravs Kindl dös is. Die ganze
Mutter halt! Und drunt beim Kreuz, da hat's a bißl zum weinen angfangt.
Da hab ich mich mit ihm in Schatten eini ghockt und hab ihm Blümerln
bracht. Und den Kuckuck hab ich nachgmacht, ja. Und an Spielhahn, wie er
falzt. Da war's nacher gleich wieder zfrieden. Und pappelt hat's, als ob
wir schon hundert Jahr gut Freund wären mitanand. Und in d' Haar und in
Bart hat's mi eini griffen mit die kleinen Handerln und hat mich
beutelt, als ob's a Schulmeister wär. Und bei der Nasen hat's mich
packt, und allweil hat's mich Atti gheißen, Atti, Atti --«
»Net so laut!« mahnte Modei. »Es schlaft schon ein!«
»Ja, und denk dir«, sprach Friedl flüsternd weiter, »dö Freud, dö d'
Mutter ghabt hat, wie ich's bracht hab in der Fruh! Und wie mir
eingfallen is, daß ich 's Kindl auffitragen möcht zu dir, hat d' Mutter
gstritten und hätt's am liebsten gar nimmer herlassen!«
Auf den Zehenspitzen trat Modei aus der Kammer und schloß mit leiser
Vorsicht die Tür. »Dös freut mich von deiner Mutter. Jetzt wird s' mir
mein Büberl aber doch a paar Tag lang lassen müssen!«
»Na na, Modei! Am Tag tut's es schon daheroben. Aber bei der Nacht is d'
Luft a bißl scharf für so a kleins Dingerl. Bis um fünfe müssen wir
wieder durch. Da komm ich grad noch vor'm Schatten heim.«
»Geh«, schmollte Modei, »jetzt hab ich mich schon soviel gfreut!«
»Sei gscheid, Madl! Weißt, jetzt hab ich 's Büberl, jetzt muß ich auch
sorgen dafür.«
Mit frohem Lächeln sah Modei zu ihm auf und faßte seine Hand: »Schau, in
der Freud hab ich ganz vergessen, daß ich dir a Vergeltsgott sag.«
»Geh, was fallt dir denn ein!«
»Soviel Plag hast dir aufgladen! Den weiten Weg! Und so a Kindl hat a
Gwicht!«
Friedl lachte. »Ja, der Arm is mir a paarmal eingschlafen. Wann ich aber
denkt hab, wieviel Freud als d' haben wirst, da hat mir d' Muschkelatur
gleich wieder pariert.«
Ein heißes Leuchten war in ihren Augen. »Friedl -- soll's ausschauen,
wie's mag -- ich _muß_ dir a Bußl geben!« Sie schlang den Arm um seinen
Hals und drückte einen herzhaften Kuß auf seinen Mund.
»No also!« Er preßte sie in Freude an sich. »Gut bist mir eh! Jetzt
brauchst bloß noch ja sagen, und wir zwei sind Brautleut!«
»Hörst net auf!« Lachend entwand sie sich ihm, schob ihn hurtig zur
Hüttentür hinaus und sprang zum Herd, auf dem die kochende Milch mit
Zischen überlief.
Draußen in der Sonne griff der Jäger mit den Fäusten in die Luft. »Jetzt
hab ich mein Glück! Jetzt hab ich's! Und auslassen tu ich's nimmer!«
Als Friedl die Hütte umschritten hatte, fand er eine kleine
Gesellschaft, die im Schatten des vorspringenden Daches beisammenhockte.
Auf einer Holzbank, die man aus der Almstube herbeigetragen hatte, saßen
Punkl, Monika und ihre Freundin von der Scharfreiteralm, die Philomena.
Die war so breit, wie ihr Name lang war. Vor den dreien stand der Tisch,
dessen Alter erst eine Stunde zählte: zwei in den Boden gerammte Pfähle
und ein darüber genageltes Brett. Auf dem Tisch, in dessen Mitte die
mächtige Schüssel mit den frisch gebackenen, appetitlich aussehenden
»Schucksen«, prangte, standen vier Kaffeetassen von verschiedener
Qualität: die eine wollte nicht mehr gerade stehen, an zweien fehlte der
Henkel, und bei der vierten ließen nur noch kleine Flimmerchen am Rand
erkennen, daß sie vorzeiten einen schmalen Goldreif besessen hatte. Die
vier Blechlöffel, die zwischen den Tassen lagen, zeigten eine
schaufelartige Größe.
Der alten Punkl gegenüber, auf einer zweiten Bank, saß die andere
Sennerin vom Scharfreiter, ein schlankgewachsenes, pfiffiges Mädel, die
Binl, zwischen zwei Bauernburschen, dem Schnaderer-Hans von Winkel und
dem Gauveitl-Gori von Achental. Während Lenzl auf dem Rasen ein bequemes
Plätzchen gewählt hatte, deutete eine umgestürzte Wasserbutte an der
Schmalseite des Tisches den Platz an, der für Modei bestimmt war.
In kummervollen Klagetönen, unter dem Schmunzeln der lauschenden
Gesellschaft, erörterte Punkl die medizinischen Schwierigkeiten ihres
leidvollen Daseins. »Ich sag's enk, Madln, laßts enk verwarnigen von
mir, solang's noch Zeit is, und tuts an enker kostbare Gsundheit denken!
Wann a Mensch da ebbes versaumt, da kommen zwidere Folgen. Die ganze
Nerviatur verschlagt sich aufs Konstiduziament. Dös is a
Naturgesetz, hat der Doktermartl gsagt. Und da hab ich an argen
Gsundheitsversaumnisfehler verübt. Soviel reuen tut mich dös. Und
spaternaus wird's allweil rarer mit die Kurglegenheiten.« Sie seufzte
tief. »Auf'n gestrigen Abend hätt ich soviel Zutrauen ghabt. Aber es hat
halt net mögen, es hat net mögen.«
»Was _mich_ anbelangt, ich sorg allweil fleißig für mei' Gsundheit!«
erklärte Philomen mit ernster Breite. »Eh daß ich da ebbes versaum,
bleib ich lieber amal von der Kirch daheim.«
»Ah, was, geh«, stichelte die Binl, »wer wird denn so unchristlich sein!
Für'n Herr Pfarr muß man allweil ebbes übrig haben.«
Da gewahrte Lenzl den Jäger und sprang mit einem Jauchzer vom Rasen auf.
»Ah, schau, der Friedl! Gar net träumen hätt ich mir's lassen, daß du
heut noch da auffi kommst.« Er kicherte und wurde leis: »Ich wart schon
allweil seit in der Fruh!«
Auch von den anderen wurde Friedl munter begrüßt. Nur Punkl schien in
schlechte Laune zu geraten, weil sie durch den Anblick des Jägers an den
unbarmherzigen Hies und an die Enttäuschung des verwichenen Abends
erinnert wurde. »Du, dein Kamerad, dös is a schiechs Luder!« schimpfte
sie erbost. »Äpfelschmarren kann er fressen. Aber sonst kann er nix.«
»Da tust d' Mannsbilder unterschatzen«, sagte Philomen, »wann s' mögen,
können s' alles.«
Noch hatte Friedl mit Gruß und Handschlag die Runde nicht gemacht, als
Modei den Kaffee brachte. »Sooo!« Sie stellte das Geschirr auf den
Tisch. Die Punkl fuhr gleich mit der Nase schnuppernd in den Duft. Als
sie zugriff, um die Tassen zu füllen, sah man es ihrem Eifer an, daß sie
flinker den eigenen Genuß als den ihrer Freundinnen beschleunigen
wollte. »Zucker! Zucker! Wo is denn der Zucker?«
»Geh, Lenzl«, sagte Modei, »drin am Herd steht er.« Lachend sprang sie
dem Bruder nach und flüsterte: »Schau a bißl ins Kammerl eini! Aber
stad!«