»Hörst es? Der Tanzboden rumpelt. Der lauft ihm nach. Dem kommt er net
aus.« Ein grelles Lachen. »Hörst es? Alle hat's derschlagen. Den
Grubertoni! Und 's Lisei -- mein Lisei --« Mit einem Kichern, das sich
wie ein Kinderweinen anhörte, kletterte Lenzl über die Scheiterbeige zum
Kreister hinauf und wühlte sich ins Heu.
Die Kienfackel erlosch.
Modei hob den Kopf, sah verloren in den rötlichen Zwieschein der
Sennstube, ließ das Holzscheit fallen und preßte das Gesicht in die
Hände.
Das Grau der ersten Dämmerung lag noch über den Bergen, als Benno am
anderen Morgen von Friedl geweckt wurde. Rasch war er auf den Beinen und
schüttelte das Heu von sich. Am Brunnen wusch er Gesicht und Hände.
Friedl war ihm vorausgegangen und fand an Modeis Hüttenstube die Tür
schon offen. Als er mit freundlichem Gruß in den Kaser trat, sah er
Lenzl und seine Schwester am Herd sitzen, auf dem schon ein Feuer
flackerte.
»Was is denn, Modei? Hast du's mit der Arbeit so nötig, daß du schon
vor'm Tag auf die Füß bist?«
In Lenzls Augen hatte es wie Freude geblitzt, als er den Jäger eintreten
sah. Er wollte aufspringen. Ein Blick der Schwester hielt ihn am Herde
fest. Sie ging auf Friedl zu und reichte ihm die Hand. »Ich bin net
schlafen gangen. Seit a paar Tag is a Stückl Vieh net gut. Heut in der
Nacht war's schlecht mit ihm. Drum hab ich mich heut net niederlegen
können.«
Friedl erschrak. Modei hatte nie viel Farbe gehabt; jetzt schien auch
der letzte Tropfen Blut aus ihren Wangen verschwunden zu sein. Dazu lag
die Müdigkeit einer in Schmerzen durchwachten Nacht in ihren bleichen
Zügen. Einen Blick nur brauchte Friedl auf ihr abgehärmtes Gesicht zu
werfen, um zu wissen, daß Modei, wenn auch keine Lüge, doch auch die
Wahrheit nicht gesagt hatte. Was war geschehen? Es legte sich ihm bei
dieser Frage wie eine eiserne Klammer um das Herz. Wußte er doch allzu
gut, wer gestern noch gekommen war!
Modei hatte keine Ahnung, daß der Jäger ihr gehütetes Geheimnis kannte.
Was Friedl nicht durch eigene Beobachtung erkundet hatte, erfuhr er aus
dem für ihn immer mitteilsamen Mund des Alten, der ihn bei allen Sorgen
um die Schwester zum Vertrauten gewählt hatte, gerade ihn, der am
allerwenigsten dazu paßte. Wie hatten Zorn und Eifersucht im Herzen des
Jägers oft getobt bei allem, was er da hören mußte! Seine tiefe, treue
Neigung hatte immer wieder die Oberhand gewonnen über jedes erbitterte
Gefühl.
Dieses Treue und Heiße lag auch jetzt in seinem Blick. Es war gut, daß
Benno in die Hüttenstube trat. Sonst hätte Friedl wohl kaum die Frage
zurückgehalten, die sich aus seinem gepreßten Herzen herausdrängte.
Während Benno sich auf die Bank setzte, nahm Friedl seinen Platz auf dem
Herdrand neben Lenzl. Modei ging ab und zu, um zu holen, was sie für
Benno brauchte. Während sie still am Herd stand, um das Sieden des
Wassers abzuwarten, plauderten Friedl und Lenzl von allerlei Dingen: ob
wohl am Tage, der schön zu werden versprach, das gute Wetter anhalten
würde -- daß ein baldiger Regen not täte, weil das Quellwasser zu
versiegen begänne -- und von anderem mehr.
Dann trank Benno seinen Kaffee, lobte ihn redlich und machte Modei um
ihrer Kochkunst willen Komplimente; schließlich bat er noch um ein Glas
Wasser. Kaum war Modei zur Türe draußen, als Friedl schon einen stummen,
bang fragenden Blick auf Lenzl warf. Der Alte flüsterte in Friedls Ohr:
»Am Abend wart ich beim Heustadl auf dich.«
Ein paar Minuten später machte Benno sich mit dem Jäger auf den Weg. Als
Friedl der Sennerin die Hand reichte, klang seine Stimme so warm und
herzlich, daß das Mädel betroffen zu ihm aufsah.
Eine gute Stunde hatten die beiden Jäger zu steigen, bis sie den Grat
des Berges erreichten. Droben machten sie Rast, um der aufgehenden Sonne
zuzuschauen, wie sie erst mit zarten Farben die langgezogenen Wolken
säumte und dann mit leuchtendem Rot die felsigen Höhen übergoß. Dort
unten auf weiter Alm lagen Punkls und Modeis Hütten, und in ferner Tiefe
das kleine Tal von Fall, über dem noch die Nebel und Schatten des frühen
Morgens schwebten.
Friedl nahm sein Fernrohr aus dem Rucksack und richtete das Glas auf
eine der Hütten da drunten. Er sah die Sennerin -- sie saß auf der
Steinbank vor der Tür, hielt die Hände hinter dem Nacken verschlungen
und lehnte den Kopf an die Hüttenwand, regungslos aufblickend zum
lichten Morgenhimmel.
Benno mußte zum Aufbruch mahnen. Der Jagdeifer zuckte ihm in allen
Gliedern.
Während die beiden über den Grat hinaufstiegen, der die Landesgrenze
zwischen Bayern und Tirol bildet, war Friedl wortkarg und zerstreut.
Sonst, wenn Benno mit ihm ausgezogen, hatte Friedl ihn auf alles
Sehenswerte aufmerksam gemacht, hatte ihm jede Wildfährte, jeden Wechsel
und jeden Steig gezeigt. Heute war er schweigsam. Freilich verlor sich
seine Zerstreutheit ein wenig, als sie in Wildnähe kamen; gesprächiger
wurde er nicht, eher noch stiller; aber das war jetzt jene vorsichtige
Stille des Jägers, die das Geräusch eines rollenden Kiesels scheut, das
Knarren der Schuhe und das Klirren des Bergstockes.
Mühsam waren sie den steilen Pfad zur Höhe des Stierjoches
emporgeklettert. Von hier aus bis hinüber zum Torjoch zieht sich das
Luderergewänd, dessen zerrissener Gurt gegen Fall in nackten
steilen Felsen abfällt. Diese Wände sind im heißen Sommer ein
Lieblingsaufenthalt der Gemsen, die vor der brennenden Sonnenhitze
Kühlung finden auf den Schneeresten in den schattigen Klüften.
Langsam pirschten die beiden den Grat entlang, lautlos auf- und
niedersteigend über seine Buckeln und Risse. Manchmal legten sie sich an
gedeckten Stellen nieder auf die Erde und spähten über die Wände
hinunter in die Gräben und Felslöcher. Da sahen sie bald ein größeres
Rudel, bald wieder einzelne Gemsen auf den Sandreisen und Latschenhängen
äsen. Wenn Friedl einen Bock erkannte, lagen sie auf langer Paß, ob sich
das Wild nicht den Wänden und auf Schußweite nähern würde. Diese
Hoffnung wurde immer getäuscht; es war noch früh am Tag, die Sonne
brannte nicht allzu heiß, und so ästen die Gemsen zwischen den Latschen
oder taten sich auf freiem Gehäng zur Ruhe nieder.
Benno begann verdrießlich zu werden, aber Friedl vertröstete ihn auf den
heißeren Mittag.
Stunde um Stunde hatten sie mit Passen und Pirschen verbracht, als
Friedl, der über eine Felswand hinuntergeblickt hatte, hastig
zurückfuhr, sich auf die Erde warf und Benno zuwinkte, ein gleiches zu
tun. Vorsichtig schoben sie den Kopf bis zu den Augen über die Felskante
hinaus. »Sehen S' ihn, Herr Dokter?« flüsterte Friedl. Benno nickte;
gleich auf den ersten Blick hatte er den Gemsbock erspäht, der am Fuß
der Wand auf einem schmutzigen Schneefleck ruhte. Hastig griff Benno
nach seiner Büchse; Friedl flüsterte: »Nur langsam! Lassen S' Ihnen Zeit
und verschnaufen S' z'erst a bißl!« Bennos Gesicht glühte vor Erregung,
als er an seiner Büchsflinte den Hahn des Kugellaufes spannte. »Schauen
S' ihn nur recht schön sauber zamm«, mahnte Friedl, »am Platz muß er
liegenbleiben. Wir haben kein' Hund net bei uns.«
Da krachte der Schuß. Das Wild sprang auf, und in wilder Flucht ging's
dahin, ein Stück die Wand entlang, dann hinunter über Geröll und
Latschen.
»Auweh, Herr Dokter! Den haben S' aber sauber gfehlt!« brummte Friedl.
Benno schüttelte den Kopf. »Das ist nicht möglich! Der Bock ist
getroffen, gut getroffen!«
»Wann Sie's glauben! Steigen wir halt abi zum Schußplatz, damit S' Ihnen
überzeugen können.«
Wäre Friedl allein gewesen, er wäre gleich an Ort und Stelle
hinuntergestiegen; Bennos Mut und Gewandtheit wollte er ohne Zwang nicht
auf die Probe stellen. Sie schritten den Grat entlang einer Stelle zu,
wo der Abstieg weniger mühsam und gefährlich war.
Als sie den Schneefleck erreichten, auf dem der Bock gelegen,
untersuchte Friedl auf das genaueste die Lagerstatt und die Fährte,
konnte aber weder ein abgeschossenes Haar entdecken noch eine Spur von
Schweiß. »Schauen S' selber, Herr Dokter! Nix is!« brummte er. »Jetzt
schamen S' Ihnen aber! Der is daglegen -- mit'm Hut hätt man ihn
umwerfen können!«
Benno wollte nicht glauben, daß er einen so schlechten Schuß getan.
Ärgerlich glitt sein Blick über Schnee und Geröll, und langsam stieg er
am Fuß der Felswand den Weg entlang, den der Bock auf seiner Flucht
genommen hatte. Plötzlich neigte er sich gegen einen vorspringenden
Felsen und stieß einen Juhschrei aus. »Friedl! Da ist Schweiß! Ein
Tropfen! Ganz frisch!«
Flink sprang der Jäger herbei und sah in halber Mannshöhe vom Boden
einen roten Tropfen am Felsen hängen. »Was dös für a Schuß is, dös kann
ich bei Gott net begreifen! Wann's a Streifschuß auf der Seiten wär,
hätten wir am Schnee ebbes finden müssen. Also müssen S' ihn am Kreuz
troffen haben. Sonst kunnt auch der Schweißtropfen net so weit in der
Höh sein. Aber nacher wär der Bock am Platz blieben, oder ich hätt sehen
müssen, daß ihm ebbes fehlt. Freilich, so a Bock hat oft a Leben,
zaacher als a Katz. Sakra, sakra! Wie sollen wir jetzt den Bock finden?«
Da klang eine lachende Stimme über die Felswand herunter: »Friedl, was
machst denn da?« Ein braunes, bärtiges Gesicht neigte sich über den
Absturz heraus.
»Jeh, Anderl! Grüß dich Gott! Wie kommst denn du daher?« rief Friedl
hinauf.
»Den Schuß hab ich ghört und bin drauf zugangen. Es kunnt ja sein, daß
wer andrer gschossen hätt.«
»Wer ist das?« fragte Benno.
»A Jagdgehilf von der Hinterriß, der Anderl!« erwiderte Friedl. Dann
rief er in die Höhe: »Hast dein' Hund bei dir?«
»Ja!«
»Dös is gscheid! Da kannst uns an Gamsbock suchen helfen. A paar hundert
Schritt weiter vorn is a guter Abstieg.«
»Ah was!« klang es von droben. »Ich steig gleich da übers Wandl abi!
Komm her, Bürschl!« Das braune Gesicht dort oben verschwand. Dann kam
die ganze Gestalt des Jägers an einem Felseinschnitt des Grates zum
Vorschein. Erst warf er seinen Bergstock herab, der unten mit der Spitze
tief in den Sand fuhr. Nun betrat er selbst den steilen Weg. Die Büchse
über dem Rücken, und Brust und Wange eng angedrückt an die Felswand, so
klomm er langsam herunter, mit den Füßen immer vorsichtig voraustastend
nach einer Steinecke oder einer Wandschrunde; aus seinem Rucksack guckte
dabei der weiß und schwarz gesprenkelte Kopf seines Hundes heraus, der
den Hals reckte und unruhig in die Tiefe blinzelte.
Als Anderl unten anlangte, schüttelte er Bennos und Friedls Hand und zog
den Bergstock aus dem Sande. »Geh, sei so gut und nimm mir den Bürschl
aus'm Rucksack!« Friedl faßte den Hund an der Nackenhaut und zog ihn
lachend an die Luft. »Is dir a bißl grausig z'mut worden, Bürscherl?« Er
setzte den Hund auf die Erde und klopfte ihm schmeichelnd den Rücken; es
war ein schönes, zierliches Tier; freudig winselnd, sprang es an Friedl
hinauf und schmiegte den Kopf an seinen Schenkel; man sah es dem Hunde
an, wie wohl ihm die Liebkosung tat. »Du, dein Bürschl hat's aber gern,
wann einer gut mit ihm is! Mir scheint, der kriegt bei dir mehr Schläg
als z'essen!«
»Da kannst recht haben! Mit Jagdhund und Weiberleut is auf d' Läng kein
Auskommen, wann s' einer net durchhaut alle Täg.«
»Geh, mich dauert er, der arme Kerl! Schau, da hätt er an mir an bessern
Herrn!«
»Kannst ihn gleich haben, wann d' ihn magst! Vierzg Markln, und der
Handel is fertig.«
»Gilt schon!« rief Friedl und streckte dem Jäger die Hand hin.
»Und ich zahle die vierzig Mark«, fiel Benno ein, »wenn er den Bock
findet. Kann er was, der Hund?«
Beleidigt fuhr Anderl auf. »A meiniger Hund? Ob der ebbes kann? Der
versteht mehr von der Jagerei als wir alle drei mitanand. Da können S'
an zweiten suchen, Herr! Aber wissen S', ich bin so a vergrimmts Luder,
ich muß mich mit dem Hund schon ärgern, wann er nach einer Fliegen
schnappt. Drum is besser, ich gib ihn weg. Ich tät ihn noch amal in der
Wut derschlagen. Da wär doch schad drum.«
»Gelt, Bürscherl, wir zwei kennen uns schon!« schmeichelte Friedl,
während er dem Hund die Leine um den Hals legte. Längst hatte Bürschl
der Gemsfährte zugewindet, und als ihn Friedl an die Felswand führte,
senkte der Hund die Nase, zog die Leine straff und spürte über das
Geröll hin. Benno und Anderl stiegen hinter Friedl her, und je weiter
sie die Fährte den Berg hinunter verfolgten, um so häufiger und stärker
wurden die Schweißspuren, um so hitziger wurde der Hund. Endlich hielten
sie vor einem wirr verwachsenen Latschendickicht, das ein weiteres
Vordringen der Jäger unmöglich machte. Friedl ordnete an, daß Anderl zur
Felswand zurücksteigen, Benno aber den bequemeren Weg einschlagen, das
Dickicht von unten umgehen und sich dort auf einer Lichtung aufstellen
sollte, die er ihm genau bezeichnete. Es dauerte eine geraume Weile, bis
Friedl den Pfiff hörte, der ihm Bennos Eintreffen auf seinem Platz
anzeigte. Fiebernd und winselnd hatte Bürschl an der Leine gezogen, und
als er nun gelöst wurde, sprang er mit langen Sätzen in das Dickicht.
Kaum eine Minute war verflossen, als der Hund schon Laut gab; dann
polterten Steine, Äste knackten, ein paarmal sah Friedl den Kopf des
Gemsbockes im Sprung über die schwankenden Zweige herauftauchen;
dazwischen klang das helle Geläut des Hundes; jetzt krachte drunten, wo
Benno stand, ein Schuß, und über die Felswand rollte das Echo her. Nun
war alles still. Dann hörte Friedl das Läuten des Hundes weit da drüben,
wo unter hohen Fichten die weißen Holzwände der neuen Jagdhütte
herüberblinkten.
»Zum Teufel noch amal!« Friedl sprang, die Büchse in der Hand, hinunter
zu Benno. »Was is denn, Herr Dokter?«
»Da vorn ist der Bock heraus!« Benno deutete mit dem Bergstock die
Richtung an. »Gefehlt hab ich ihn nicht, doch muß ich in der Flucht zu
kurz geschossen haben.«
Friedl legte die hohle Hand hinter das Ohr und lauschte. »Der Hund gibt
Standlaut. Herr Dokter, den Bock kriegen wir! Drunt am Wasser steht er.
Da muß er arg krank sein. Flink, Herr Dokter!«
»Aber der Anderl?«
»Der findt uns schon!« Friedl warf die Büchse über die Schulter und
sprang der Richtung zu, aus der von Zeit zu Zeit der Standlaut des
Hundes klang. Und Benno folgte.
Als sie die Jagdhütte erreichten, standen sie wieder still und horchten.
»Drunt am Steig muß er sein! Dort hör ich den Hund!« sagte Friedl, und
ihm voraus sprang Benno über die Stufen hinunter, die von der Hütte zum
Steige führten. Je näher er dem lautgebenden Hunde kam, um so hastiger
rannte er den schmalen Pfad entlang. Nun bog er um eine Felsecke, und da
bannte die Überraschung seinen Fuß.
Zu einem dumpfen Winkel zusammenlaufend, stiegen da zwei Felswände in
Stufen und Platten hoch hinauf; überall wucherte ein gelbgrünes Moos,
das dickbuschig in allen Winkeln saß, wie ein glatter Teppich die
Flächen überzog oder in langen Fäden niederhing über Vorsprünge und
Kanten; aus allen Fugen und Rissen quoll ein milchweißes Wasser, tropfte
in zahllosen Perlen über Stein und Moos, von Platte zu Platte, und
sammelte sich zu kleinen Bächen, die plätschernd und sprühend von Stufe
zu Stufe sprangen und sich zu einem kleinen Fall vereinigten, von dem
aus ein leichter Nebel wieder aufwärts stäubte gegen die Wände. Dunkle
Latschenbüsche und saftgrüne Almrosensträucher umrahmten dieses Bild,
überleuchtet von der Nachmittagssonne, die einen feinen Farbenbogen
durch die aufsteigenden Wassernebel spannte und die fallenden Tropfen
funkeln, glühen und blitzen machte wie Diamanten. Dazu noch diese
seltsame Staffage: auf einer der untern Stufen Bürschl, am ganzen Leibe
naß und glatt wie eine Wassermaus, mit den Vorderfüßen gegen die Wand
gestellt, aufbellend zu dem Gemsbock, der hoch über ihm mit
enggestellten Läufen auf einer vorspringenden Felsplatte stand und mit
starren Lichtern auf den kläffenden Hund herunteräugte.
Es war ein Bild, das auch den glühendsten Jagdeifer beschwichtigen
konnte. Doch als der Bock eine Bewegung machte, wie um einen Fluchtweg
auszuspähen, riß Benno flink die Büchse in Anschlag. Da faßte ihn Friedl
am Arm: »Net schießen, Herr Dokter, es braucht's nimmer.«
Noch hatte der Jäger nicht ausgesprochen, als der Bock da droben schwer
und müde den Hals neigte; jetzt brachen ihm die Läufe ein, und er
stürzte über die Felsplatten herunter, bis vor Bennos Füße.
»Da haben S' ihn!« lachte Friedl und rückte den Hut. Dann pfiff er dem
Hund, strich ihm mit der Hand das Wasser vom Leib und tätschelte ihm
unter schmeichelndem Lob die fiebernden Flanken. Freudig erregt und mit
heißem Jägerstolz betrachtete Benno das erbeutete Wild und dachte sich
dabei in seiner Studierstube schon die Stelle aus, die er nach seiner
Rückkehr in die Stadt mit dem schönen schwarzen Krickl des Bockes
schmücken wollte.
Friedl verschränkte dem Bock die Läufe und schwang ihn auf den Rücken.
»Feist is er!« Dann stieg er mit Benno zur Jagdhütte hinauf. Es war das
ein aus Baumstämmen erbautes Häuschen, das den diensttuenden Jägern bei
Nacht und Unwetter Herberge bot; das Innere war in zwei Räume geteilt,
von denen der eine als Küche, der andere als Schlafstube diente.
Als die beiden zur Hütte kamen, legten sie Jagdzeug und Joppe ab, und
während sich Benno vor der Hütte behaglich auf eine Holzbank streckte,
schickte sich Friedl an, den Bock aufzubrechen. Da fand er auch Bennos
erste Kugel, die zwischen den Schultern eingedrungen und im Brustknochen
steckengeblieben war. Er hatte seine rote Arbeit noch nicht vollendet,
als Anderl eintraf, der nun gerechtermaßen den seltsamen Schuß, die
»Güte« des Bockes und seine schönen Krickeln bestaunte. Friedl hängte
das ausgeweidete Wild an einen Holznagel der Hüttenwand und schürte in
der Herdstube ein Feuer an. Anderl holte Wasser von einer nahen Quelle,
und bald schmorte und brodelte es in zwei eisernen Pfannen: die Leber
des erlegten Wildes für die Jäger, die Lunge für den Hund. Während
Friedl gewissenhaft das werdende Mahl überwachte, saß Anderl auf einer
Herdecke und rauchte aus seiner kurzen Porzellanpfeife einen Tabak von
zweifelhaftem Wohlgeruch. Dabei erzählte er von seinen Jagderlebnissen
in der Hinterriß, erzählte, daß ein paar Fälle von Wildseuche
vorgekommen wären, daß man den Jagdherrn für einige Wochen erwarte, und
daß Pater Philippus, der Seelsorger von Hinterriß, einen neuen
Kräuterschnaps erfunden hätte, der ganz vorzüglich munde, besonders
nüchtern genommen des Morgens, mittags vor und nach dem Essen, und
abends beim Schlafengehen. »Und wachst in der Nacht a bißl auf, da
schmeckt er am besten. So a Schnapserl! Wer's net kennt, der weiß net,
was dös is! Ich sag dir's, Friedl, es wär der Müh wert, daß d' bald amal
hinter kämst in d' Riß, um dir vom Pater Philippus so a Glasl
einschenken z'lassen!«
»Ich lauf doch wegen eim Glasl Schnaps net bis in d' Hinterriß. Da möcht
der Förstner a schöns Gsicht machen, wann ich um Urlaub zum schnapsen
einkäm.«
»So such dir an andern Fürwand! Vielleicht gehst deim verehrten Freund
und Spezi auf d' Hochzeit?«
»Hochzeit? Wer macht denn Hochzeit?«
»Weißt denn du nix davon, daß der Huisenblasi in sechs Wochen dem
Grenzbauern von Hinterriß sein Madl heiret, die Margaret?«
Friedl erschrak. Er dachte an Modei und an alles Leid, das diese
Nachricht ausschütten mußte über ihr Leben. Er sah sie wieder, wie sie
am Morgen vor ihm gestanden, bleich und stumm. Nun wußte er zu deuten,
was am verwichenen Abend in Modeis Hütte geschehen war. Er sprang vom
Herd auf. Ihm war, als müßte er hinausstürmen zur Tür, hinüber zu der
einsamen Hütte.