»Ja, schon, warum net? Zum Heustadl müssen S' halt auffisteigen! Da
haben S' a ganz a guts Liegen droben. Herin in der Hütten können S' net
bleiben. Im Kreister is grad Platz für mich und mein' Brudern.« Sie
deutete nach einer Brettertruhe, die in Mannshöhe vom Boden die ganze
Breite der hinteren Stubenwand einnahm und quer durch die Mitte von
einem bis an die Decke reichenden Verschlage abgeteilt war; die eine
Hälfte, mit getrocknetem Berggras angefüllt, diente als Schlafstätte für
Modeis Bruder; in der für die Sennerin bestimmten Hälfte war über das
aufgeschüttete Heu ein grobes Leintuch gebreitet, und darüber lag noch
ein bauschiges, blau überzogenes Kissen und eine wollene Decke. Unter
dem Kreister, den drei plumpe, in den Lehmboden eingerammte Pfähle
stützten, lag dürres Scheitholz aufgebeugt; die vorstehenden Scheite
wurden beim Aufsteigen zum Bett als Trittsprossen benützt.
Benno betrachtete den Kreister; diese Brettertruhe kam ihm vor wie ein
an die Wand genagelter Sarg, den der Herr der Gräber seinem
Zwillingsbruder, dem Schlaf, zur Benutzung überlassen hatte. Nein!
Lieber ins Heu!
An den Kohlen, die auf dem Herde glühten, steckte er einen Holzspan in
Brand und zündete sich eine Zigarre an. Dann trat er hinaus ins Freie.
»Soll ich dem Herrn noch ebbes kochen?« wandte sich Modei an Friedl.
»Ah na! Für'n Abend hat er schon selber ebbes im Rucksack. Aber morgen
in der Fruh kunnt ihm ebbes Warms net schaden.«
Friedl hatte noch nicht ausgesprochen, da schrie im Freien draußen eine
zerbrochene Stimme: »Modei, Modei, ich hab ihn gfunden!« Hastig
schlorpende Tritte näherten sich der Hütte, und in der Tür erschien ein
weißhaariger Mensch: Lenzl, der Bruder Modeis. Ein zerrissener Strohhut,
dicht besteckt mit Alpenblumen, bedeckte den Kopf und überschattete das
von einem struppigen Weißbart umrahmte Gesicht. Eine verwetzte Lederhose
umhüllte die mageren Beine bis zu den Knöcheln, um Brust und Arme hing
in Falten ein grobes Hemd, und darüber trug der Alte eine kurze Jacke,
die weder Knöpfe noch Ärmel hatte. Keuchend lallte er auf der Schwelle:
»Ich hab ihn gfunden!« Dann preßte er die Fäuste auf die arbeitende
Brust.
»Is wahr?« rief Modei in Freude.
»Ja! Ja!«
»Wen hast gfunden?« fragte der Jäger.
Lenzl blickte auf. »Jeh, du bist da!« Er legte die Hände auf Friedls
Schultern. »Ich freu mich jedsmal, sooft als kommst. Bist a guter
Mensch, und ich hab dich gern.«
Friedl zog den Alten an sich. »Und mir geht's grad so mit dir! Hab
allweil mei' Freud, wann ich a Stündl plauschen kann mit dir.«
»Ich weiß schon, ja!« murmelte Lenzl und sah mit irrendem Blick an
Friedl vorüber. »Völlig anders bist als wie die anderen, die allweil
spötteln und ihren Narren haben mit mir. Aber wart nur --« Der Alte
schien sich in ein anderes Geschöpf zu verwandeln. Das Gesicht
erstarrte, die Augen erweiterten sich, und seine Stimme, die tief
geklungen hatte, bekam einen hohen, fast knabenhaften Klang. »Es gibt an
Zahltag, wie's an Gott im Himmel gibt. Der hockt da droben und paßt, bis
's richtige Stündl schlagt! Nacher -- nacher --« In wortlosem Brüten
sank ihm der Kopf auf die Brust. Dann sah er verwundert auf, strich
langsam mit dem Daumen über die Augenbrauen, war der gleiche wie früher,
hatte wieder die tiefklingende Stimme und rief seiner Schwester lachend
zu: »Weißt, wo ich ihn gfunden hab?«
»Wen denn?« fragte der Jäger.
»Den Muckerl, unsern Geißbock! Zwei Tag is er uns abgangen, und d' Modei
hat sich schier d' Augen ausgweint. Drum bin ich heut den ganzen Tag
umanandgstiegen. A Stündl kann's her sein, daß ich ihn gfunden hab,
droben im Luderergwänd, auf eim Steinspitzl, wo er sich nimmer rühren
hat können, der arme Teufel!«
Modei war näher getreten und sah nun erst, daß Lenzls Ärmel zerrissen
und die Hose an Hüfte und Schenkel zerschunden war. »Jesus, wie schaust
denn aus!«
»Wie ich den Muckerl aussitragen hab, da hat's a kleine Schlittenfahrt
geben. Macht nix, macht nix! Ich stirb net im Gwänd.« Wieder verwandelte
sich sein Gesicht, seine Stimme. »Für mich gibt's kein Sterben. Ich muß
warten bis zum Jüngsten Tag. Wann nacher mein Lisei aufsteht aus'm Grab,
nacher wird Hochzet gmacht, juhu!« Lenzl schnalzte mit den Fingern und
bewegte die Arme wie zum Tanz. Dann hatte er die Augen eines
Erwachenden, warf den blumenbesteckten Hut auf die Bank, und während er
zum Herd ging, strich er mit zitternden Händen die langen, weißen Haare
glatt, die ihm bis auf die Schultern hingen.
Modei setzte sich an seine Seite, und während sie ihn liebkoste gleich
einem Kind, fragte sie in Sorge: »Tut dir auch gewiß nix weh? Hast dich
net aufgrissen an eim Felsen oder an die Latschen?«
»Na, Modei, gwiß net! So a kleins Rutscherl is lustig. Dös tut eim nix.«
Er schloß die Augen und lehnte den Kopf an die Brust der Schwester.
Still war's in der Hütte. In Lenzls tiefe, wohlige Atemzüge mischte sich
nur das leise Knistern der auf dem Herde glimmenden Kohlen, und von
draußen klang das Läuten der Schellen und das Gemurmel des Brunnens.
Friedl saß auf der Bank. Er hatte die Pfeife angezündet und blies den
Rauch vor sich hin. Die blauen Fäden schlangen sich in den roten
Sonnenglanz, der durch Tür und Fenster hereinfiel in das Halbdunkel der
Hütte. Da sagte Lenzl mit der hohen Knabenstimme: »Grad so, wie d'
Schwester, hat mein Lisei allweil schmeicheln können.« Ein schrilles
Lachen. »Wie, Jager? Kann's ebba _dein_ Schatz auch so gut?«
»Schatz? Ich hab kein'!« sagte Friedl ruhig und griff nach Lenzls Hut,
um die aufgesteckten Blumen zu betrachten.
»Gelt! Schöne Blümeln!« kicherte Lenzl und richtete sich auf. »So a
Blümel is ebbes Liebs! Und a jeds verzählt, wieviel der Herrgott kann!
Dö saubern Farben, dö s' haben! So rot und so frisch wie 's Almröserl,
so rot und so frisch war meim Lisei sein Göscherl! Und Äugerln hat s'
ghabt, so samtbraun wie's Gamsrogerl. Und so fein und so schlingig wie
d' Fäden von der Steinrauten sind ihre Haar gwesen. Aber auf der Welt,
da gibt's kein Blüml, dös so falsch sein kunnt, als wie mein Lisei war!«
Mit zitternden Händen zerknüllte Lenzl den Hut, riß die Blumen aus dem
Band, zerrupfte die Blüten, warf sie zur Erde und trat sie mit Füßen.
»Weißt, Jager, da is amal a Sonntag gwesen. Und beim Wirt, da haben s' a
Musi ghabt. Und ich kein' lucketen Kreuzer im Sack. Drum is mein Lisei
mit'm Grubertoni tanzen gangen. Und gsungen haben s' und gjuchezt. Und
tanzt haben s' allweil --« Lenzl klatschte in die Hände und stampfte im
Tanztakt mit den Füßen. »Grad zittert hat alles. Und auf amal, da
kracht's. Und der ganze Tanzboden bricht ein. Und sechs junge Leut hat's
derschlagen. Und den Grubertoni!« Ein gellendes Lachen. Weiß traten dem
Alten die Augen aus den Höhlen. »Alle hat's derschlagen -- den
Grubertoni -- und 's Lisei --« Das Lachen verstummte. Nun ein leises,
klagendes Weinen.
Da klang von ferne der langgezogene Juhschrei einer Sennerin. Lenzl fuhr
lauschend auf. »'s Lisei kommt!« Er sprang zur Tür und taumelte ins
Freie. »Lisei! Lisei!« hörte man ihn schreien. Dann wieder sein Wimmern:
»A Narr -- ich bin a Narr, a verruckter -- alle hat's derschlagen --«
Schweigend saß Modei auf dem Herd, das Gesicht in die Hände gedrückt.
Friedl nagte stumm an der kalt gewordenen Pfeife, bis ein Geräusch ihn
aufblicken machte. Benno stand bei der Tür und winkte ihm. Der Jäger
stand auf. Als er vor die Tür trat, faßte ihn Benno am Arm und zog ihn
zu einem Grashang, von dem man hinuntersah nach Fall und in das weite,
von den Schatten des Abends umflossene Tal.
Durch das Fenster hatte Benno das Gebaren des Alten mit angesehen und
wollte wissen, was die Worte des Irrsinnigen zu bedeuten hätten.
Friedl seufzte. »Man kann net sagen, daß er verruckt wär. Und kann net
sagen, daß bei ihm unterm Hirnkastl alles in Ordnung is. Die meiste Zeit
is er ganz beinand, und da redt er gscheider als mancher andre. Aber
diemal kommt's halt so über ihn. Verargen kann man's ihm net, dem armen
Teufel! Was der schon durchgmacht hat im Leben! Über die zwanzg Jahr
mag's her sein -- d' Modei war selbigsmal noch a Kindl und der Lenzl a
Bursch in die besten Jahr --«
»Ist das möglich?« unterbrach ihn Benno. »Ich hätte den Alten auf
Siebzig und darüber geschätzt.«
»So schaut er aus. Und is noch net amal in die Fufzg. Und selbigsmal is
dem Lenzl sein Haus niederbrennt. 's ganze Anwesen und 's Vieh, alles
war hin. Und Vater und Mutter sind ihm verbronnen. 's kleine Modei hat a
Bauer in Pfleg gnommen, der keine Kinder ghabt hat. Dös wär a guts
Platzl gwesen, wann net der Bauer a bißl gar z'fruh gstorben wär. Wie d'
Verwandten den Hof übernommen haben, war's für d' Modei aus mit der
guten Zeit. Kaum fufzehn Jahr war s' alt und hat sich als Hütermadl
verdingen müssen. Herr, dös is a sauers Brot. No, wenigstens hat s'
nacher keine Schläg und schiechen Reden mehr leiden müssen. Und den
Bruder hat s' bei ihr haben können und hat den Burgermeister net allweil
jammern hören, was der Lenzl der Gmeind für Unkösten macht. Wissen S',
der Lenzl is selbigsmal nach der Brandnacht in a schwere Krankheit
verfallen. Ich weiß net, wie s' der Dokter gheißen hat. Lang hat's
dauert. Z'erst is der Lenzl bei meim Vater im Haus glegen. Aber wie's
allweil ärger worden is, hat er nach Tölz ins Krankenhaus müssen. Wie er
aufgstanden is, hat er ganz weiße Haar ghabt. Und alls, was früher
gwesen is, war ihm aussigfallen aus'm Köpfl. Erst nach und nach is ihm
diemal wieder ebbes eingfallen.«
Friedl klopfte an einem Stein die erloschene Pfeife aus und steckte sie
in die Joppentasche.
»In die ersten Jahr hat's mit'm Lenzl so ausgschaut, als ob's aus und
gar wär mit seim bißl Verstand. Und wie ihm 's Köpfl halb wieder licht
war, is dös ander Elend kommen. Sie wissen ja, wie d' Leut oft sind --
schlechter als schlecht oder dümmer als dumm. Die Burschen und Madln
haben allweil ihren unguten Gspaß mit'm Lenzl trieben und haben ihn zum
Narren ghalten. Am ärgsten hat's dem Rudhammer sein Madl mit ihm gmacht.
Dö hat Lisei gheißen und war der Schatz vom Grubertoni. 's Madl is
sauber gwesen, aber boshäftig wie drei Katzen. Sooft d' Lisei den Lenzl
gsehen hat, hat s' ihre Dummheiten mit ihm trieben und hat ihm
fürplauscht, wie arg er ihr gfallen tät. Und schön hat s' ihm tan, wie
wann er richtig ihr Gspusi wär. Daß dem Lenzl dös gfallen hat, können S'
Ihnen denken! So ebbes glaubt man leicht.«
Die ernsten Augen des Jägers glitten hinüber zu Modeis Hütte.
»Alls hat der Lenzl für Ernst gnommen und hat von der Lisei gredt und
träumt bei Tag und Nacht. Die andern haben ihn aufzogen und gspöttelt.
Und d' Lisei selber am allerärgsten. Unser Herrgott hat s' aber auch
gstraft dafür. Amal, wie Kirta war und Musi beim Wirt, da is d' Lisei
mit'm Grubertoni zum Tanz gangen. Dös hat er gmerkt, der Lenzl. Auf der
Straßen vor'm Wirtshaus hat er s' gstellt. Da hat ihn d' Lisei an Narren
gheißen, an verruckten Deppen, und hat ihm ins Gsicht gspieben. Und der
Grubertoni hat ihn packt und hat den krankhaften Menschen so
verdroschen, daß der Lenzl schier liegenblieben is am Platz. Wie für die
andern zwei dö Lustbarkeit ausgfallen is, dös haben S' ja grad vom Lenzl
selber ghört. Wort für Wort is alles wahr!«
»Armer Kerl! Schau, da drüben steht er!« flüsterte Benno und deutete
nach einer Felsplatte, die frei hinausragte über den waldigen Hang.
Regungslos stand der Alte da drüben. Im ziehenden Bergwind flatterten
seine langen weißen Haare und die Fetzen des zerrissenen Ärmels.
Friedl blickte sinnend hinunter ins dunkel gewordene Tal und sagte
langsam: »A bißl hart zum verstehn is so a Herrgottsstraf. A
Menschenunsinn, dümmer als boshaft! Und deswegen gleich auf'm Tanzboden
sechs junge Leut derschlagen und vier Unschuldige mit einireißen? Wann
einer weiß, wie gut unser Herrgott is, möcht man gar net glauben, wie
grob als er sein kann.«
»Der Herrgott?« Benno lächelte. »Ob man das nicht dem Maurer und
Zimmermeister auf die Rechnung schreiben muß? Hoffentlich ist das Dach,
unter dem ich jetzt schlafen will, besser gebaut als der gottssträfliche
Tanzboden von Lenggries.«
Als Friedl vom Heustadl zurückkehrte, in dem er Benno untergebracht
hatte, und wieder zu Modei in die Hütte trat, war's in der niederen
Stube schon dunkel geworden. Das Mädel hatte die Bank ans Fenster
gezogen, durch das die letzte Helle des Abends hereinfiel, und war damit
beschäftigt, in einem Holzgeschirr die kleinen Flanelltücher zu waschen,
die zum Läutern der frischgemolkenen Milch dienen.
»Bist noch allweil bei der Arbeit?« fragte Friedl. »Siehst ja nix mehr.«
»Grad tut's es noch.«
»Wann amal gstorben bist, ich glaub, da muß man deine fleißigen Händ
extra totschlagen, damit s' endlich amal zur Ruh kommen.«
»Es is net so arg.«
»Dein Almbauer hat's neulich selber gsagt: wie er seim Herrgott net gnug
danken kunnt, daß er dich zur Sennerin hat. Schaffen und arbeiten tätst
für zwei.«
»Wird wohl so sein müssen, weil daheroben auch zwei vom Bauern seim Sach
essen. Und wann auf der Alm net die richtig Freud zur Arbeit hast von
Fruh bis auf d' Nacht, nacher bringt dich d' Langweil um.«
»Zeitweis spricht doch a Bauer oder an Almer zu. Oder a Bursch?«
Modei schüttelte den Kopf. »Ich kann schon gar nimmer denken, daß wer
heroben gwesen is. Du halt! Und der Hies.«
In scheinbarer Ruhe guckte Friedl zum Fenster hinaus. »Grad heut, hätt
ich gmeint, wär einer dagwesen. Drunt am Steig hab ich frische
Trittspuren gmerkt. Hab mir halt denkt, es war dein Bauer.«
»Ah na! Bei mir is kei' Menschenseel net gwesen. Und ich will dir's frei
raus sagen: froh bin ich, wann niemand auffikommt zu mir. Wann eins so
dran is wie ich, muß man allweil ebbes hören, was eim weh tut.«
»So a schiechs Wörtl muß man halt abischlucken und nachher fest
zuhalten, daß 's nimmer in d' Höh kann.«
Modei seufzte. »Du tust dir bei so was leichter, weil kei' stille Arbeit
net hast, wo allweil sinnieren mußt, und wo so a harts Wörtl Zeit hat
zum Drucken und Nachwurmen. Du steigst umanand im Wald, allbot siehst
ebbes anders, und allweil ebbes Schöns, dös gar kein' schwarzen Gedanken
aufkommen laßt. Ich sag's, a Jager hat a nobels Leben!«
»Ah ja -- wann d' Lumpen net wären!« Ein harter Zug senkte sich in die
Stirn des Jägers. »Kei' Stündl bist sicher, daß dir net einer a Kügerl
auffibrennt auf'n Buckel, so a Spitzbub, so a verfluchter!«
»Schimpfst halt, weil a Jager bist! A jeds Gschäft hat sein' neidischen
Unverstand. Der Schmied schimpft auf'n Schlosser und der Pfarr auf die
Luthrischen. Deswegen kann a Wildschütz a ganz an ehrenhafter
Bursch sein, der halt 's Jagern net lassen kann, weil er d'
Leidenschäftlichkeit im Blut hat. Und weil's ihm in die Finger juckt,
wann er an Wald sieht und an Berg anschaut.«
Langsam hatte Friedl den Kopf gehoben und blickte forschend in Modeis
erregtes Gesicht. »Du? Was für ein' meinst denn du?«
Jähe Röte flog über die Wangen des Mädels. »Kein' Bsondern. Ich hab
mir's halt grad so denkt.«
»So? Aber ich sag dir: net wahr is, daß 's an söllenen Burschen gibt. So
einer möcht weidgrecht jagern und net niederschießen, was Haar am Leib
hat. Freilich, ich weiß, wie d' Leut oft reden. Daheim hab ich a Büchl,
so a dumms. Da stehen söllene Gschichten drinn von die heiligen
Wilderer. Und allweil is a schlechter Jager dabei, so einer, wie s' der
Teufel braucht ins unterste Schubladl. Der miserablige Kerl von eim
Jager schießt von hinterrucks den heiligen Wildschützen abi über d'
Wand. Hunderttausend Fuß fallt er über d' Felsen in die grausige Tief
und bleibt am Leben, bis ihn sein treus Daxhundl findt und auffitragt im
Maul, gradhin vor d' Sennhütten von seim gottsfürchtigen Madl. Dö pflegt
ihn nacher. Und wann er gsund is, macht ihn der König zum Förstner und
gibt ihm a Gnadenzulag. Den Jager holt der Teufel. Ja, ja! So steht's
drin. Derlebt hab ich's noch nie. D' Wahrheit is anders. Einer, der's im
Blut hat, findt allweil sein' richtigen Posten als Jager. Aber da
heißt's, eiserne Knochen haben. Wer kein Richtiger is, der plagt sich
net gern. Und jede Wochen amal a Gamsgeiß stehlen, dös is allweil noch
leichter, als sechs Tag lang in der Werkstatt schwitzen. Und gar so a
nixnutziger Bauernbursch! Der wildert am Werktag, daß er am Sonntag mehr
Geld hat zum Verspielen und Versaufen. Und gwildert, meint er, is
allweil nobliger als gradweg gstohlen. So a Tropf, so an eiskalter!«
Modei war auf einen Stuhl gestiegen, um die Milchtücher zum Trocknen
über die Herdstangen zu hängen. Eben wollte sie die Arme heben, ließ sie
aber wieder sinken und wandte das Gesicht: »Du? Wen meinst denn _du_
jetzt?«
»Ein', den ich öfters spüren muß, als mir lieb is. Den wann ich amal
derwisch, dem gnad unser Herrgott! So an Haderlumpen gibt's kein'
zweiten nimmer. Ich und der ander Jagdgehilf, wir heißen ihn allweil den
Neunnägel.«
Die Milchtücher hingen über den Stangen, und Modei trat vom Stuhl
herunter. »A gspassiger Nam!«
»Der kommt von seiner Fährten. Jeder von seine Schuh is in der Mitten
mit neun Nägel bschlagen. Wo dö Fährten hinführt, möcht's eim grausen!
Alles bringt er um, jahrige Gamskitzeln, Rehgeißen, Hirschkälber. Und an
neumodischen Hinterlader hat er, daß er sich beim Stehlen leichter tut.
Fünf abgschossene Patronen hab ich schon gfunden.«
»Gelt, mit so eim Hinterlader schießt man gschwinder?« fragte Modei,
während sie mit der abgebundenen Schürze die Wasserflecken von der Bank
wischte.
»No freilich«, lachte Friedl, »weil man halt gschwinder laden kann!
Jetzt hab ich mir auch so an Leffoschee kaufen müssen, daß ich als Jager
net schlechter dran bin als wie der Lump.« Er nahm sein Gewehr vom
Haken, hielt es dem Mädel hin und zog den Verschlußhebel auf, so daß der
Lauf sich öffnete. »Schau, da mußt grad so a Druckerl machen. Nacher
kannst die verschossene Patron aussiziehen und die ander dafür
einischieben.«
Modei war näher getreten und beugte aufmerksam das Gesicht. Als Friedl
den Lauf wieder einschnappen ließ, erschrak sie ein bißchen. »Geh,
fuchtl net so umanand mit'm Gwehr! Wann ebbes passiert!«
»Ah na! Was _ich_ in der Hand hab, macht kein' Schaden. Da geht schon
ehnder dein Millikübel los, als mir mei' Büchs!« Friedl ging zur Tür, um
das Gewehr wieder an den Holznagel zu hängen. Da sprang der Lenzl in die
Stube und tuschelte aufgeregt der Schwester was ins Ohr.
»Is wahr?« fuhr Modei auf. »Hast ihn du --« Sie verstummte, die Augen
auf Friedl gerichtet, der neben der Tür stand. Lenzl flüsterte immer
weiter. »Sei stad!« raunte ihm die Schwester zu und umklammerte mit
zitternden Händen seinen Arm. Wär' es nicht so dunkel gewesen in der
Hüttenstube, so hätte sie sehen müssen, wie bleich der Jäger geworden
war. Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund, als er das Gewehr über
die Schulter warf. Dann griff er nach dem Bergstock. Seine Stimme klang
rauh: »Pfüe Gott, Sennerin!«
»Was is denn?« stammelte Modei. »Warum willst denn auf amal so gschwind
davon?«
»Finster wird's!« klang Friedls Antwort von der Tür. »Ich hab noch an
weiten Weg bis ins Pirschhäusl.«
Mühsam rang das Mädel nach einem Wort. »Gelt, gib fein acht -- kunntst
leicht fehltreten bei der Finstern.«
Mit erzwungenem Lachen sagte der Jäger: »Da brauchst dich net sorgen!
Ich schau fest hin auf'n Weg, kein' Blick nach rechts oder links --
verstehst?« Das war wunderlich betont. »Und somit gut Nacht!«
Modei brachte keinen Gruß heraus. Und plötzlich huschte Lenzl dem Jäger
nach, drängte sich an seine Schulter und flüsterte: »Du! Ich kunnt dir
an Wildschützen verraten!«
Forschend spähte Friedl in das Gesicht des Alten, der mit lauerndem
Blick an seinen Augen hing. »Ich dank dir schön! Dös braucht's net.« Er
drückte Lenzls Hand und schritt hinaus in die Nacht.
Noch waren Friedls Schritte nicht verklungen, als Modei in Zorn und
Sorge auf ihren Bruder zusprang. »Lenzl? Was hast du dem Friedl gsagt?«
Unwillig riß der Alte seinen Arm aus Modeis Händen. Seine Stimme klang
gereizt: »Was ich ihm gsagt hab? Daß er mir besser gfallt als der
ander!« Er spähte hinaus in die Nacht. Es war schon zu dunkel, als daß
er Friedls Gestalt noch hätte unterscheiden können. Die Tritte des
Jägers klangen noch vom Steig herüber, wenn auch kaum vernehmbar. Als
sie ganz verhallten, tat Lenzl einen kurzen Pfiff, trat zurück in die
Stube und ging zum Herd, an Modei vorüber, die auf der Bank saß, mit den
zitternden Händen im Schoß.
Auf dem Herd blies Lenzl die Asche von den Kohlen, legte kurze Späne
über die glimmenden Reste und fächelte mit einem Rabenflügel Luft in die
Glut. Knisternd züngelte ein Flämmchen auf, an dem der Alte eine
Kienfackel entzündete. Als sie brannte, steckte er sie in den eisernen
Ring, der neben dem Herd in der Holzwand befestigt war.
Eine Weile war Stille. Draußen ein leises Klirren. Modei sprang auf. In
die Stube trat ein hochgewachsener, bildschöner Bursch und drehte auf
der Schwelle lachend das Gesicht über die Schulter, um dem Jäger
nachzuspähen. Nun sah er das Mädel an, mißtrauisch und dennoch heiter.
»Lang hab ich stehn müssen da draußen, in der Finstern und in der Kält.«
»Heut? Und kalt?« sagte Modei tonlos.
»Schauern tut's mich wie an Hund, und müd bin ich wie a Mühlesel!« Er
warf den Rucksack in den Winkel, Bergstock und Hut dazu, stieß mit dem
Fuß die Tür ins Schloß, und während er zum Fenster ging und den Laden
zuzog, lachte er: »Du hast freilich net Zeitlang ghabt. Was hast denn so
Wichtigs verhandeln müssen mit dem jagerischen Windbeutel?«
Ein Zug von Zorn und Stolz legte sich über Modeis Stirn. Dennoch klang
ihre Stimme ruhig. »Blasi? Meinst net, du hättst mir nach so langer Zeit
an anders Grüßgott sagen müssen? Ich hätt mir denkt --«
»Ah, da schau!« wurde sie von Blasi unterbrochen. »Wie 's Maderl
aufputzt is! Wo hast denn du den Buschen her? Leicht vom Jager? So was
verbitt ich mir!« Er riß ihr die Blumen vom Mieder und schleuderte sie
ins Herdfeuer. »So! Jetzt möcht ich ebbes z'essen haben. Und bald!«
»D' Hauptsach kommt bei dir allweil z'letzt!« höhnte Lenzl, der mit
aufgezogenen Beinen auf dem Herd hockte.
In Modeis Augen hatte etwas aufgeleuchtet wie hoffende Freude. »Blasi?
Tust eifern?« Wo Eifersucht brennt, ist immer noch Liebe.
Er hatte sich auf die Bank gesetzt und machte verdutzte Augen. »Ich? Und
eifern? Geh, so ebbes Dumms!« Das Wort war lachend gesagt und wirkte
doch wie ein Messerstoß. Das schien er zu merken, wollte ein Pflaster
legen und gab seiner Stimme einen Klang von Zärtlichkeit. »Du bist du.
Ich weiß doch, was ich hab an dir. Und wann ebbes mein ghört, bin ich
noch allweil sicher gwesen, daß mir kein andrer net drantappt.«
Modei blieb stumm. Ihr Bruder, der mit einem Scheit in den Kohlen
stocherte, sah zu ihr hinüber und sagte gallig: »Schwester! A bißl _gar_
viel tust dir gfallen lassen!«
»Du?« Blasi erhob sich. »Fangst schon wieder zum hetzen an?«
»Sei halt du der Gscheider!« sagte Modei mit erwürgtem Klang. »Vier
Wochen lang hab ich dich nimmer gsehen. Und eini in d' Hütten, und
gleich muß der Unfried wieder da sein!«
»Hätt er net angfangt, der! Und was muß er denn allweil den Jager
einizügeln in d' Hütten?«
»Höi, höi!« kicherte Lenzl. »Wann net eifern tust, da kann's dir ja
gleich sein, wer einikommt.«
»D' Hütten kann ich ihm net verbieten«, sagte Modei müd, »er kommt halt,
und a Hüttentür is allweil offen.«
»No ja, meintwegen!« brummte Blasi. »Schau, daß ich ebbes z'essen krieg.
Hungern tut mich, daß mir der Magen springt.«
Ein schrilles Lachen im Herdwinkel. »Gschwind, Schwester, tummel dich,
der Herr Baron will's haben. Hungern tut ihn, da muß er essen. Dürsten
tut ihn, da muß er trinken. A Fuierl mach auf, a warms! Und nacher
spring eini ins Bett. So taugt's ihm. Alle vier Wochen amal!« Wieder das
grelle Lachen. »Schwester! Du bist gnügsam!«
»Himmel Herrgott Sakrament noch amal --« Wütend sprang Blasi auf den
Alten zu.