Er wurde ruhig. »Hast recht!« Und lachte. »Was willst denn von so eim
Narren?«
Lenzls Augen funkelten. Er warf das Scheit auf die qualmenden Kohlen.
»Narr? So? Narr? Für dich bin ich allweil noch gscheider, als dir lieb
is.«
Modei, als sie den Burschen wehrend aus der Nähe des Bruders fortschob,
fühlte, daß seine Kleider durchnäßt waren wie nach schwerem Regen.
Erschrocken sagte sie: »Jesus, Bub, du bist ja tropfnaß am ganzen Leib!
So zieh doch d' Joppen aus und d' Schuh! Und red a Wörtl! Es hat doch
net gregnet. Wie kommst denn a so daher?«
Mißmutig zerrte Blasi die Joppe herunter und begann auf der Bank die
Schuhriemen zu lösen. »No ja -- weil mich doch keiner net ausspionieren
soll -- wann ich auffikomm zu dir.«
»Von mir aus kannst dich anschaun lassen vor jedem.« Sie stieg auf den
Herd, um die nasse Joppe über die Stange zu hängen. »Dös wird nimmer
offenbarer, als wie's eh schon is.«
»Freilich, ja! Bei dir is schon a bißl ebbes an d' Sonn kommen.« Blasi
lachte über seinen Spaß. »Deswegen muß unsereiner allweil an Aug auf
sein' Leumund haben. Da such ich mir gern an Weg aus, wo mir keiner
begegnet. Heut hab ich mir denkt, ich steig durch 's Grottenbachklamml
auffi.«
»A sichers Platzl!« höhnte der Alte im Herdwinkel. »Da därf kein Senn
und kein Holzknecht einisteigen. Weil's der beste Gamsstand is. Gelt
ja?«
Mit rascher Bewegung wandte Modei das blasse Gesicht.
Der Zorn brannte in Blasis Augen. Ohne zu antworten, streifte er die
Schuhe von den Füßen. »Hast keine Schlorpen, Madl? Ich kann net barfuß
laufen.«
»Da hast die meinigen!« Lenzl schleuderte die Pantoffel von seinen
Füßen. »Du Prinz, du verzartelter!«
Noch immer schweigsam, Kummer und Sorge in den erweiterten Augen,
stellte Modei hinter dem auflebenden Feuer die nassen Schuhe des
Burschen zum Trocknen an die Wand. Sie wusch die Hände und begann den
Teig zu einem Eierschmarren einzurühren.
In den klappernden Pantoffeln trat Blasi zum Herd und drehte sich vor
dem Feuer hin und her, um trocken zu werden und sich zu wärmen. »No, und
da bin ich halt so durchigstiegen durchs Klamml, wo 's Wasser vom
Grottenbach haushoch abifallt.« Das erzählte er gemütlich und heiter.
»Aber grad, wie ich ums Eck ummi will, da scheppert a Bergstecken.
Weißt, der Hies war's, der ander Jagdghilf. Füß muß er haben wie an
Olifant. Auf a halbe Stund weit hörst ihn schon allweil. Bis _der_ amal
an heimlichen Schützen derwischt, da springt noch leichter a Floh auf'n
Kirchturm auffi.« Ein munteres Lachen. »Ja, freilich, denk ich mir, du
kommst mir lang schon z'spat! Und mach an Satz übern' Bach und stell
mich eini untern Fall, daß 's Wasser wie a Dach über mich hergschossen
is. Da drin is fein schön gwesen. Hinterm Wasser hat d' Welt ausgschaut
wie a buckleter Regenbogen. A gute Stund bin ich so gstanden und hab
allweil gschaut. Und bin auf und davon, wie d' Luft wieder sauber war.«
Er lachte wieder. »Und jetzt bin ich da, hab an damischen Hunger und
krieg nix z'essen.«
»Mußt halt Geduld haben an Schnaufer lang!« Modeis Stimme hatte einen
fremden Klang. »Oder 's nächstemal mußt an Fürreiter schicken, daß der
Schmarren schon fertig auf der Bank steht, wann den Fuß einistellst in
d' Hütten.«
Verwundert sah Blasi auf und musterte das Mädel von oben bis unten,
während er die Spitzen seines schwarzen Schnurrbarts drehte. Daß Modei
ärgerlich wurde und diesem Ärger in Worten Luft machte, das war für ihn
etwas Neues. Es erschien ihm so sonderbar, daß er nicht wußte, was er
sagen sollte. Er behalf sich mit einem spöttischen Lächeln und folgte
mit den Augen jeder Bewegung Modeis. Sie goß den Schmarrenteig in die
eiserne Pfanne, in der das heiße Schmalz mit Gebrodel zischte.
Da klang es dünn aus dem Herdwinkel: »Du, Blasi? Hast ebba d' Joppen um
dei' Büxen ummigwickelt? Oder hat ihr 's Wasser an Schaden bracht?«
Blasi fuhr auf. »Geht's dich was an, du verruckter Tuifi?« Er warf einen
scheuen Blick auf Modei. »Für was soll ich denn a Büxen bei mir ghabt
haben?« Seine Stimme bekam einen zärtlichen Schmeichelton. »Wann ich zu
meim Schatzl auffisteig, da bring ich a warms Herzl mit. Sonst nix.«
»So?« spottete Lenzl. »Meinst, ich hätt's net gsehen, wie draußen dein'
Stutzen versteckt hast hinter'm Scheiterhaufen?«
Modei trat auf den Burschen zu und fragte ernst:
»Blasi? Is dös wahr?«
»Ah was, woher denn!« Blasi lachte. »Täuscht hat er sich im Zwielicht.
Auf Ehr und Seligkeit.«
»Ja, glaub's ihm wieder!« klang es schrill über die Herdflamme. »Glaub's
ihm wieder! Wie d' ihm allweil glaubt hast!«
»Geh, laß ihn reden, Schatzl!« Kosend legte Blasi den Arm um das Mädel.
»Schau lieber, daß dein Bub a Bröserl zum Schlucken kriegt, dös ihm
Kraft macht. Geh, sei gscheid, und tu a bißl Pfeffer in' Schmarren eini!
Pfeffer macht Blut!«
»Na, Blasi!« Ihre Stimme war schwer. »Mit so ebbes kommst mir heut net
aus. Heut mußt mir d' Wahrheit sagen.«
Er rüttelte sie munter und scherzte: »Wie denn? Was denn? Warum denn?
Duuuu, Weiberl, willst mir ebba heut a kleine Predigt halten? Mir
scheint, an dir is a Kapuziner verloren gangen. Bloß der Bart hätt dir
noch wachsen müssen. Jöises, jöises, und dreinschauen tust! Wie der
Kaplan beim heiligen Grab! Ui jegerl! Da muß ich schon Reu und Leid
machen.« Er faltete auf kindliche Art die Hände. »Heilige, gütige
Jungfrau Maria, bitt für mich!«
»Höi, Schwester«, warnte Lenzl, »heut hat er ebbes Heimlichs auf der
Muck! Weil er sich gar so schmalzfreundlich aufspielt. Heut treibt er's
wie der Fuchs, der vor'm Hehndl seine lustigen Unschuldshupferln macht.«
Blasi wollte auffahren, bezwang sich und lachte gemütlich.
Schweigend sah ihn das Mädel an. Dann sagte sie unmutig über die
Schulter: »Gib a Ruh, Lenzl! Es is schon wahr: allweil tust hetzen!«
Im Herdwinkel ein leises Kichern.
Blasi atmete erleichtert auf. »Gelt, Schatzl, wir zwei für uns allein,
wir täten soviel gut mitanand auskommen. Aber allweil muß sich der ander
zwischeneini schieben. Und da kriegt der gute Hamur allweil wieder an
Riß.« Er ging zur Bank hinüber, gähnte melodisch und lümmelte sich
nieder.
Eine Weile blieb Modei bei der Pfanne beschäftigt. Dann trat sie auf den
Burschen zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Schau, Blasi«,
ihre Stimme hatte warmen und herzlichen Klang, »daß diemal a bißl jagern
gehst, dös weiß ich doch. Aber ich hab mir allweil denkt: wann's amal
sein därf, daß d' mich heiretst, und wann ich dein Weib bin -- da wirst
wohl a bißl hören auf mich, wann ich dir so ebbes ausreden muß in Güt
--«
»Freilich, ja!« nickte er belustigt. »Ich folg dir amal, wie 's Vögerl
der Vogelmutter!«
Sie mußte lächeln über dieses drollige Wort. »Versprich net z'viel! Ich
bin schon zfrieden mit der Halbscheid.«
Ein kurzes Auflachen neben der qualmenden Pfanne. »Schwester! Allweil
sagen d' Leut, daß d' Welt a runde Kugel is.«