In Rücksicht auf die gesundheitlichen Schädigungen, die die Beschränkung
des Licht-Luftgenusses für das Einzelindividuum und für die Gesamtheit
hat, muß man auf Abhilfe sinnen. Diese Uebelstände zu mildern resp. zu
beseitigen, ist Aufgabe der Licht-Luftsportbäder.
Die Erfahrung in unseren modernen Sanatorien und in dem einzigen
Krankenhaus des deutschen Reiches, welches vorurteilsfrei das
Lichtluftbad als Heilfaktor benutzt, (es ist dies das Kreiskrankenhaus
Groß-Lichterfelde bei Berlin unter Leitung des Geheimen Medizinalrat
Professor Dr. E. Schweninger) hat gezeigt, daß eine große Zahl kranker
Menschen allein durch den richtigen Gebrauch der Luft in den Luftbädern
gesunden, daß sie aber in vielen Fällen wegen des Mangels bestehender
Luftbäder ihrem Bedürfnis nach Lüftung später nicht mehr genügen können
und von neuem erkranken. Es fehlt ihnen also das ~gesunderhaltende~
Mittel.
Für die ~Lösung vieler Gesundheitsfragen~, z. B. der Tuberkulose- oder
der Carcinomfrage, sowie für die Menschen dichtbewohnter Großstädte, ist
die Schaffung derartiger Licht-Luftsportplätze ein dringendes
Erfordernis.
Die hygienische Forderung der Luftbäder besteht für ~jeden Beruf~ zu
Recht, für Reich und Arm, für Mann und Weib, für Kind, Jüngling und
Greis, für Turner, Soldaten und für alle, welche irgend einem Sport
huldigen.
So ergeben sich die ~sozialen Vorteile~ von selbst.
Ein abgehärtetes, seuchenfestes Volk, das seine Freude in natürlichen
Genüssen sucht, den Luft- und Naturgenuß eintauscht gegen die so
zweischneidigen Freuden des Alkohols, Nikotins, der geschlechtlichen
Exzesse und anderer Genüsse, ist der Gefahr der ~Rasseentartung~
erheblich weniger ausgesetzt als eine immer mehr und mehr
verweichlichende, genußsüchtige Bevölkerung.
Die ~Wehrfähigkeit des deutschen Volkes~ würde nicht unerheblich durch
die Einrichtung von Luftbädern erhöht werden.
Die ~praktische Reformierung des Gasthauswesens~ würde durch
Luftbäderanlagen wesentlich gefördert und erleichtert.
Das ~deutsche Turnwesen, alle Arten des Sports, das Schul-, Sport- und
militärische Training würden gesundheitlich und ästhetisch gestaltet~.
Die ~sozialen Gegensätze würden gemildert~. Denn dem nackten Körper
fehlen die Insignien von Reich und Arm, und das gemeinsame Ziel, den
Körper im gemeinsamen, wagemütigen Spiel gesund und schön zu gestalten,
wozu der Luftgenuß den unbekleideten Körper einladet, erhöht das Gefühl
der Zusammengehörigkeit aller Volksgenossen.
Die wenigen Luftbadeanstalten, die bisher im Reiche bestehen, haben
praktisch bewiesen, daß dieselben stark besucht werden, daß die
Besucher, je länger sie den Luftgenuß hatten, desto gesunder wurden, daß
sie mehr und mehr im steigenden Kraftgefühl den frischen Wagemut fanden,
den nur das Vertrauen auf die eigene Kraft und Gesundheit schaffen, daß
sie an Stelle der Genußsucht die Mäßigkeit setzten.
Die Luftbadeanstalten sind schließlich nicht nur eine hygienische und
soziale Forderung, sondern auch eine ~Forderung der Aesthetik~.
Der nur an den Hüften bekleidete Mensch, bei welchem etwaige
Unebenheiten des Körpers nicht durch die Kleidung verdeckt werden, der
andere nackte, schönheitliche Körper vorbildlich im Luftbade sieht,
sucht alsbald seiner Eitelkeit folgend seinen Körper schönheitlich zu
gestalten. Er benutzt die körperliche Uebung zur ~Modellierung~ seines
Körpers und übt im Gegensatz zum Gipfelturner oder Radfahrer oder
Berufsathleten nicht nur ~einzelne~ Muskeln, sondern sämtliche
Muskelgruppen in harmonischer Weise. Die Einseitigkeit jener, die sich
in übermäßiger Dicke der Arme bei gleichzeitiger Dünne der Beine oder
umgekehrt, oder in irgend welchem Mißverhältnis der Körperproportionen
zeigt, imponiert dem Nacktübenden nicht, er erkennt das ~Unschöne~ mehr
und mehr und ruht nicht eher, bis er die Schwäche und das Häßliche
seiner Körperformen beseitigt hat. So wird er allmählich, je schöner
seine Körperformen sich modellieren, selbst ein schöner Vorwurf für den
Künstler (s. Titelbild).
Dabei lernt das Auge des Beschauers, der zuvor das Nackte als anstößig
und unsittlich betrachtete, dieses wieder als sittlich, rein und schön
auffassen.
Der griechische Künstler, der in den Palaestren den in der Nacktheit
schön gebildeten Körper in Ruhe und Bewegung dauernd vor Augen hatte und
darum vorbildlich Schönes schaffen konnte, hat vor dem deutschen
Künstler dann nichts mehr voraus. Das Auge des Künstlers, sowie jedes
Beschauers, wird schönheitlich erzogen, die Sinne werden veredelt, die
Kunst wird mehr und mehr Allgemeingut.
Die Einrichtung von Luftbädern ist nun aber tatsächlich ein ~Bedürfnis
weiter Volksschichten~ geworden.
Das geht vor allem daraus hervor, daß sich zahlreiche Vereine mit
derartigen Bestrebungen in fast allen größeren Städten des deutschen
Reiches gebildet haben, die unter dem Namen des „~Deutschen Vereins für
vernünftige Leibeszucht~” ~bekannt~ sind, daß Privatleute aus eigenen
Mitteln im Kleinen derartige Luftbäder an vielen Orten schufen, daß
Zeitschriften entstanden, welche ähnliche Forderungen aufstellten. Die
beste und bekannteste Zeitschrift dieser Art ist „~Kraft und
Schönheit~”.
Endlich ist darauf hinzuweisen, daß die Einrichtung von Luftbädern ~dem
Staate keine wesentlichen Kosten verursachen würden~. Turnplätze,
Kasernenhöfe, Spielplätze inmitten und an der Peripherie der Städte sind
zur Genüge vorhanden; eine etwaige Umzäunung der Plätze, Angliederung an
Badeanstalten und Armierung mit Turn- und Sportgeräten erfordern nur
ganz geringe Mittel. Turn- und Schullehrer, welche mit den für den
Licht-Luftgebrauch nötigen Vorsichtsmaßregeln bekannt gemacht werden
müßten, sind in genügender Zahl vorhanden. Eine höhere Belastung des
Etats wäre also unnötig, Ersparnisse an anderen hygienischen Instituten
sehr wahrscheinlich. Als Beispiel und Vorbild ist das städtische
Freilicht-Luftbad Münchens anzuführen, welches diese Stadt an eine
Volksbadeanstalt angliederte. Das Luftbad war bei einem Eintrittspreis
von 10 Pfennig trotz des regnerischen Sommers von einer täglichen
Mindestzahl von 500 Besuchern frequentiert. An den Sonntagen stieg die
Besucherzahl bis auf 900. Das Terrain erwies sich für das ungeheure
Bedürfnis, obwohl es eine Größe von 400 Quadrat-Ruten hatte, als viel zu
klein und soll deswegen um das vierfache vergrößert werden.