Um die Frage, ob der kranke Mensch Nutzen vom Luftbade hat, korrekt zu
beantworten, müßte ich eigentlich ein Buch für sich schreiben. Der
Rahmen dieser Blätter gestattet nur eine mehr summarische Beantwortung.
Nur wenige ~Hautkranke~ gibt es, welche bei ~richtiger~ Ausnutzung des
Luftbades von demselben keinen Vorteil haben. Alle diejenigen Patienten,
denen die Haut brennt, schmerzt, juckt und sonstige abnorme Empfindungen
verursacht, finden sehr schnelle Linderung und schließlich Heilung, wenn
sie Schattentemperaturen und die kühleren Temperaturen der Frühjahrs-,
Herbst- und milderen Winterszeit benutzen. Je nach dem Kräftezustand des
Körpers und nach dem Kältegrad und Luftfluß der Atmosphäre sollen sich
die stärkere oder schwächere allgemeine Körperbewegung machen. Das
Hautorgan wird durch den Wetterreiz einerseits und durch die
Muskelbewegung andererseits in Bewegung gebracht, gymnastiziert. Durch
diese direkte und indirekte Hautgymnastik, die gleichzeitig die Vorteile
der Körpergymnastik und der Abhärtung mit sich bringt, wird die Ursache
der abnormen Hautempfindungen beseitigt. Die kühlen Lufttemperaturen
wirken bei denjenigen Kranken, die infolge einer akuten Hautentzündung
ein ausgesprochenes Gefühl der Hitze und der Spannung haben, ebenfalls
ungemein angenehm und heilend. Diese entspannende und kühlende
Luftwirkung kann man durch zuvoriges Einölen mit irgend einem
gereinigten Oel erheblich unterstützen. Auch da wo die Haut rauh und
rissig geworden ist, soll man zuvor tüchtig und wiederholt einölen,
sonst würde sie namentlich bei etwas stärker bewegter Luft noch rissiger
und eventuell blutend. Diese Behandlung empfiehlt sich besonders bei
~Rotlaufkranken~, die jede Temperatur und jede Lichtstärke der Luft
benutzen können, nur die Oelung der Haut vorausgesetzt. Einen auffallend
schnellen und unkomplizierten Verlauf beobachtet man bei allen
denjenigen ~Fieberkranken~, welche gleichzeitig einen ~Ausschlag~ am
Körper zeigen, der im ursächlichen Zusammenhang mit der Fiebererkrankung
steht, z. B. bei Masern-, Scharlach-, Pocken-, Typhuskranken, die
vorwiegend einer Sonnenbehandlung unterworfen werden. Umhüllt man diese
Kranken mit dünnen porösen roten Schleiern, schützt ihre Augen durch
farbige Gläser, läßt sie selbstverständlich in absoluter Ruhelage und
wechselt je nach der Intensität der Körperreaktionen mit
Schattentemperaturen und leichteren Wasserapplikationen, so ist ihre
Genesung eine schnellfortschreitende und vollständige.
Die Kranken, deren Haut das Symptomenbild des sog. ~Exzems mit oder ohne
bakterielle Komplikation~ zeigt, bedienen sich in allen Stadien der
Erkrankung mit Vorteil des Lichtbrandes, dem sie sich in möglichst
ausgiebiger Weise viele Stunden aussetzen. Nässung, Schuppung etc.
verschwinden, die kranke Haut wird auf dem Wege der Entzündung durch
eine neue gesunde Haut ersetzt. In ähnlicher Weise gesunden Kranke, bei
welchen in das geschwächte Hautorgan von außen Bakterien eingedrungen
sind und dort ihr Parasitenleben auf Kosten des Organismus führen.
Besonders deutlich sichtbar ist die Genesung der Kranken mit
~Schuppenflechte~. Auch bei denjenigen Menschen, deren Haut
wassersüchtige Schwellung zeigt, erweist sich die ausgiebige Belichtung
und die windige heiße trockene Luft als unschätzbares Heilmittel. Die
vorteilhafte Behandlung ~Lupuskranker~ und Patienten mit ~Hautkrebs~ mit
dem Sonnenbrand ist wohl allgemein bekannt.[7] Auch ~Hautwunden~ und
selbst tiefere Wunden, die von der Oberfläche aus zugänglich sind,
heilen unter Besonnung und Eintrocknung ungemein schnell und ergeben
ebenso wie bei Lupus und Hautkrebskranken schöne glatte Narben. Auch die
Wintersonne genügt in ihrer Intensität, wofern man nur ausgiebig die
wenigen Sonnenscheinstunden ausnutzt.
[7] Vergl. Rieder, Prof. Dr. H., Die bisherigen Erfolge der
Lichttherapie. Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart. Preis 75
Pfg.
Von auffallend günstiger Wirkung ist die Luftbadbehandlung bei allen
~Stoffwechselkranken~; sie ist am stärksten an ~lichtvollen, windigen
Tagen~, zumal wenn sie mit ~individueller Körpergymnastik~ und
~individuell angepaßten Wassermaßnahmen~ vereinigt wird. Zuckerkranke,
Fettsüchtige, Rheumatiker, Gichtiker, Blutarme, Bleichsüchtige,
Rhachitische, Skrofulöse etc. verlieren relativ schnell die fehlerhafte
Verarbeitung der Körperstoffe.
Bei denjenigen Menschen, bei welchen der Stoffwechsel derart
darniederliegt, daß sie schlecht ernährt und siech sind, empfiehlt sich
eine häufige leichte ~Massage~ in der ~Sonne~.
Bei ~Nervenkranken~ ist vorzüglich das ~farbige~ Licht je nach dem
Erregungszustand der Nerven zu wählen. Diejenigen Centren, welche den
Sitz der Erkrankung darstellen, sind besonders vor den chemisch
wirksamen Strahlen zu schützen und erst allmählich an dieselben zu
gewöhnen. Kühlere Temperaturen, besonders der frühen Morgenstunden
werden von Nervösen im Luftbade im Allgemeinen angenehmer empfunden und
wirken schneller erholend. ~Fernhalten aller Luft- und Licht-Kontraste~,
verbunden mit ~absoluter Ruhe~ und öfteren ~einförmigen~ Reizen im
Anfange, sodann bei fortschreitender Erholung ~Gymnastik der Sinne~
durch ~Naturbeobachtung~, verbunden mit ~Atemgymnastik~ im ~Liegen~,
sodann mit leichter Streichmassage und Passiv- und Förderungsbewegungen,
sodann Aktiv-Bewegung durch ~Nacktbeschäftigungsbehandlung~ der
Gartenarbeit, dazu milde Wasserbehandlung und schließlich systematisch
aufsteigende aktive Freiluftgymnastik, bis Gewöhnung an sämtliche
Luftfaktoren, so besonders auch an ausgiebige ~Lichtfülle~ und starke
Licht-Luftkontraste eingetreten ist und eine energische Körperbetätigung
spielend geleistet wird, garantieren die Heilung. Neben dieser
Behandlung ist eine seelisch individuell angepaßte Suggestionstherapie
mit eventueller Benutzung der Hypnose anzuraten. ~Lungenschwache~ sollen
vorsichtige Lungengymnastik zunächst unter teilweiser Entblößung treiben
und ~scharfe~ Luftkontraste vermeiden, allmählich dreister werden, bis
das Hautorgan als Hülfslunge genügend erzogen ist. Besonders
~Schwindsüchtige~ mit und ohne Tuberkelbazillencomplikation sollen so
vorsichtig beginnen und anfangs ~warme~, ~trockene~, staubfreie,
womöglich ozonreiche und ~lichtstarke~ Luft bevorzugen.
Von ~längeren Freiluft-Liege-Kuren~ habe ich weniger Vorteil gesehen.
Ist die Neigung zu reichlichen Schweißen und zu Blutungen vorüber, dann
sollen sie dreist jede Lufttemperatur und jeden Luftwechsel
selbstverständlich staubfreie Luft und stärkere Atemgymnastik und
schließlich Allgemeingymnastik und Dauerlauf zur Genesung benutzen.
Eine vorsichtige örtliche und später allgemeine Wasserbehandlung
begünstigen die Genesung. Patienten mit Lungenerweiterung sollen bei
erschwertem spärlichem Abhusten feuchte Luft bevorzugen und
hauptsächlich forcierte ~Ausatmungsgymnastik~ betreiben im Gegensatz zum
Einatmungs- und Atemhalten-Training Schwindsüchtiger. Die erfolgreiche
Freiluftbehandlung Keuchhustenkranker ist wohl bekannt genug, um hier
noch weiter erörtert zu werden.
Von geradezu verblüffendem Erfolg ist die Freiluftbehandlung
~Herzkranker~, bei welchen man das Herz durch ~blaue Herzkühler~
schützt. Auch bei ihnen beginne man mit milderen Temperaturreizen,
obwohl man die Wärme- und Lichtstauung des Körpers nicht sonderlich zu
fürchten braucht. Hat der Herzkranke Gelenkerscheinungen, rheumatische
Schmerzen, Blausucht, Eiweißharnen, wassersüchtige Symptome, so schalte
man ebenso wie bei ~Nierenkranken~ ~feuchte~ und ~kalte Luft~ in der
Behandlung aus, man denke jedoch daran, daß der Kranke nicht eher als
gesundet betrachtet werden kann, als bis er auch an diese Luftfaktoren
wieder gewöhnt ist. Massagebehandlung, individuelle Wasserbehandlung,
Diät, passive und Förderungsgymnastik, später Aktivgymnastik, besonders
der Rotationsbewegungen der ~Extremitäten~ (keine Rumpfgymnastik),
Atmungstraining sind unterstützende Heilfaktoren.
~Infektions~-, ~Vergiftungs~- und ~Verdauungs-Kranke~ der
verschiedensten Art sind nicht minder erfolgreich bei richtiger
Ausnutzung der Lichtluftfaktoren als ~unterleibskranke Frauen~; bei
jenen sind die örtlichen hydrotherapeutischen und insbesondere die
diätetischen Maßnahmen, bei diesen neben örtlicher Hydrotherapie
(Wasserbehandlung) vor allem die ~Thure Brandt~-Massage und Gymnastik
unterstützende Hilfsmittel.
Selbstverständlich ist es wohl, daß diejenigen Menschen, deren
Krankheitserscheinungen wir mit dem Namen der ~Erkältungskrankheiten~
bezeichnen, gerade durch Anwendung der Luftfaktoren am schnellsten
genesen und durch Gewöhnung an die Luftfaktoren einer Wiederkehr der
krankhaften Reaktionen ihres Körpers vorbeugen.
Nicht unwichtig ist der Umstand, daß diejenigen Menschen, die unter der
Behandlung der Luftfaktoren ihre Gesundheit wiedergewonnen haben, mit
denselben umgehen und ihrer individuellen Körperveranlagung anpassen
lernen, also den guten Zustand ihres Körpers zu erhalten wissen und
diese ~Gesundheitsarbeit spielend~ und frohsinnig in ~bester seelischer
Verfassung~ geleistet wird.