Nachdem wir die Gesetze der Bewegung, des Lichtes und der Luft und ihre
Einwirkung auf den menschlichen Körper kennen gelernt haben, steht es
außer Frage, daß Leibesübungen jeder Art logischer Weise ~nackend~
betrieben werden müssen.
^a^) ~Die Notwendigkeit des Nacktturnens~.
Durch die Gymnastik wird schneller als durch die Bewegungen des
täglichen Lebens Aufbau und Abbau der Stoffe des Körpers erzielt;
trotzdem lernt derselbe, sich den Uebungen anzupassen, und produziert
weniger Ermüdungsstoffe, je ausdauernder er trainiert wird. Diese sind,
wie Erfahrung und Experiment bewiesen haben, ~Giftstoffe~. Je schneller
dieselben entfernt werden, um so schneller ist die ~Erholung~. Der
menschliche Körper ist vergleichbar dem Ofen. Beschickt man denselben
mit Heizmaterial und schließt frühzeitig die Ofenklappe, so wird das
Feuer nur langsam glimmen und allmählich ausgehen und viel unverbrannte
Schlacken zurücklassen; öffnet man dagegen die Ofenklappe, gewährt also
der Luft ausgiebigsten Zutritt in den Ofen, so wird das Feuer lustig und
hell aufflackern und das Heizmaterial vollkommen und ohne Bildung von
Schlacken verbrennen. Wenn im menschlichen Körper die Millionen
Oeffnungen der Haut zum Eintritt für Licht und Luft offenstehen, so wird
auch das Lebensfeuer hell brennen und alle, auch die schwerverbrennbaren
Heizstoffe des Körpers vollkommen verbrannt werden. ~So wird die Bildung
von Belastungs- und Ermüdungsstoffen hintangehalten, so aber auch für
eine schnelle und ausgiebige Erholung gesorgt~. Denn die Giftstoffe
treten ungehindert an die Oberfläche des Körpers und werden hier durch
die Desinfektionskraft des Lichtes unschädlich gemacht, von der
Feuchtigkeit der Luft, dem Regen etc. abgewaschen, von dem Winde
verweht. Gleichzeitig erfolgt von denselben Naturkräften der ~stete
Antrieb zu erneuter Bewegung~. So sehen wir denn auch in der Praxis die
Nacktgymnastik sich als eine charakteristisch unbelastete vollziehen.
~Geist und Seele sind freudig animiert, der Körper arbeitet spielend~.
(Fig. 35, 36, 37, 38.) Die Krafterzeugung, der schönheitliche Aufbau und
die Erziehung des Körpers zur Ausdauer, geschehen ungehindert und
vollkommener.
^b^) ~Die Hilfsmittel des Nacktturnens~.
Der Nacktturner hat nun zur Erlangung einer gesundheitlichen Entwicklung
seines Körpers zu Kraft und Schönheit mehrfache ~Hilfsmittel~. Sobald er
in irgend einem Teile des Körpers die Ermüdung fühlt, tut er gut, sich
denselben zu streichen und zu reiben, d. h. sich selbst zu ~massieren~.
Er bringt durch die Selbstmassage die Ermüdungsstoffe zur schnellen
Aufsaugung und wird wieder schnell übungsfähig.
Ein weiteres Hilfsmittel ist die ~richtige Anwendung des Wassers~. Wenn
der Körper durch die Bewegung und unter dem Einfluß des Lichtes und der
Luft in den Zustand ~erhöhter Reaktionsfähigkeit~ gekommen ist,
unterstützt man die Abhärtung, d. h. die Anpassung des Körpers an
sämtliche Licht-Luftfaktoren, die durch das Luftbad an sich schon in
hohem Maße erzielt wird, durch den ~systematischen Gebrauch~ des
Wassers. Man beginne ~nicht gleich mit schroffen~ Temperaturgegensätzen,
sondern mit Temperaturen, welche der Körpertemperatur ziemlich nahe
kommen und gehe erst allmählich entsprechend der Individualität des
Körpers zu extremen Temperaturen über, bis man ~jede beliebige~
Temperatur ertragen gelernt hat. Man wähle auch nur ~kurzdauernde~
Wasserprozeduren z. B. milde Douchen auf Brust und Rücken in Dauer von
10-15 Sekunden, Halbbäder in Dauer von 6-8 Sekunden etc. und ähnliche
Prozeduren. Die mit der Wasseranwendung verbundene ~Reinlichkeit~ des
Körpers ist ein weiterer Gewinn desselben. Sehr wichtig ist für die
Benutzung des Wassers, namentlich wenn man dasselbe kalt gewählt hat,
die Sorge für ~schnelle Wiedererwärmung~ des Körpers in der einen oder
anderen Weise, durch Bewegung, Umhüllung, Besonnung etc.[8]
[8] Siehe Rieder, Prof. Dr., Körperpflege durch Wasseranwendung. Mit
vielen Abbildungen. Eleg. geb. 2 M. -- Verlag von E. H. Moritz,
Stuttgart.
^c^) ~Die hygienische Regelung des ganzen Lebenshaushaltes~.
Schließlich ist die hygienische ~Regelung des gesamten Lebenshaushaltes~
von ungemeiner Wichtigkeit. Eine ~nüchterne, reizlose und mäßige
Ernährung~, welche der Individualität des Menschen und der Kraft seiner
Verdauungsorgane angepaßt ist, wird einen Kraftaufbau am meisten
begünstigen. ~Alkohol~ in jeder Form, ~Gewürze~, ~Nikotin~, ~Kaffee~,
~schwarzer Tee~ und sonstige empfohlene Anregungsmittel sind
~Genußmittel~, welche zwar im Augenblick der Ermüdung das trügerische
~Gefühl~ der Frische und Anregung geben. Man bedenke aber bei ihrem
Genusse stets, daß sie keine ~Krafterzeuger~ sind, sondern daß sie nur
die Reservekräfte des Körpers anregen und verbrauchen, die ~letzte
Kraftquelle ausschöpfen~ und die Ermüdung, die nach ihrem Gebrauche
nachfolgt, eine ~krankhafte Erschöpfung~ des Organismus bedeutet. Das
~Zuviel~ der Nahrung schafft Faulheit und Ungelenkheit der Glieder und
erzeugt Belastungsstoffe, welche den Körper namentlich bezüglich der
Ausdauer behindern. Die ~Temperatur~ der ~Nahrung~ komme der
Körpertemperatur möglichst nahe; die sehr ~heiße~ oder kalte Nahrung
wirkt wie die gewürzige Nahrung als innerer Reiz, welcher erschöpft. Das
~gute Zerkauen~ der Nahrung schafft eine höhere Ausnutzbarkeit
derselben. ~Gewohntgemäßiger Gebrauch~ von reichlichen ~Flüssigkeiten~,
wie Suppen, Getränken (auch Wasser und Limonaden) sind überflüssig und
eventuell schädlich. Sie verdünnen und spülen die Verdauungssäfte aus,
schwemmen den Körper auf, machen ihn weich und nachgiebig, nutzen die
Nieren, Blutgefäße und das Pumpwerk des Herzens vorzeitig ab, und machen
den Körper wenig ausdauernd. ~Man trinke nie ohne Durst~. Derjenige
Durst, welcher sich durch Gurgeln mit klarem Wasser oder durch den Genuß
fester Nahrung überwinden läßt, ist kein Durst, sondern nur etwas
Angewöhntes.
Die ~Mäßigkeit im geschlechtlichen Verkehr~ ist für die Erzeugung von
Kraft und Ausdauer ebenfalls von immenser Wichtigkeit. Man bedenke, daß
jeder Beischlaf eine bestimmte Menge Lebenskraft des Körpers verausgabt,
und daß jede Vergeudung dieses Kraftkapitals zu einem frühzeitigen
Bankerott führen muß. Nur der ~Ueberschuß~ an Lebenskraft, die
Kraftzinsen, dürfen ohne Schädigung verbraucht werden.
Da wir unter den heutigen Kulturverhältnissen nur wenig Gelegenheit zur
ausgiebigen Lüftung des Körpers haben, so müssen wir durch richtige
Bekleidung und Schlafen in ~gut ventilierten Räumen~ einen möglichst
guten Ausgleich zu schaffen suchen.
[Abbildung: Tafel XII.