9. Praxis des Nacktturnens.

Nachdem wir die Gesetze der Bewegung, des Lichtes und der Luft und ihre

Einwirkung auf den menschlichen Körper kennen gelernt haben, steht es

außer Frage, daß Leibesübungen jeder Art logischer Weise ~nackend~

betrieben werden müssen.

^a^) ~Die Notwendigkeit des Nacktturnens~.

Durch die Gymnastik wird schneller als durch die Bewegungen des

täglichen Lebens Aufbau und Abbau der Stoffe des Körpers erzielt;

trotzdem lernt derselbe, sich den Uebungen anzupassen, und produziert

weniger Ermüdungsstoffe, je ausdauernder er trainiert wird. Diese sind,

wie Erfahrung und Experiment bewiesen haben, ~Giftstoffe~. Je schneller

dieselben entfernt werden, um so schneller ist die ~Erholung~. Der

menschliche Körper ist vergleichbar dem Ofen. Beschickt man denselben

mit Heizmaterial und schließt frühzeitig die Ofenklappe, so wird das

Feuer nur langsam glimmen und allmählich ausgehen und viel unverbrannte

Schlacken zurücklassen; öffnet man dagegen die Ofenklappe, gewährt also

der Luft ausgiebigsten Zutritt in den Ofen, so wird das Feuer lustig und

hell aufflackern und das Heizmaterial vollkommen und ohne Bildung von

Schlacken verbrennen. Wenn im menschlichen Körper die Millionen

Oeffnungen der Haut zum Eintritt für Licht und Luft offenstehen, so wird

auch das Lebensfeuer hell brennen und alle, auch die schwerverbrennbaren

Heizstoffe des Körpers vollkommen verbrannt werden. ~So wird die Bildung

von Belastungs- und Ermüdungsstoffen hintangehalten, so aber auch für

eine schnelle und ausgiebige Erholung gesorgt~. Denn die Giftstoffe

treten ungehindert an die Oberfläche des Körpers und werden hier durch

die Desinfektionskraft des Lichtes unschädlich gemacht, von der

Feuchtigkeit der Luft, dem Regen etc. abgewaschen, von dem Winde

verweht. Gleichzeitig erfolgt von denselben Naturkräften der ~stete

Antrieb zu erneuter Bewegung~. So sehen wir denn auch in der Praxis die

Nacktgymnastik sich als eine charakteristisch unbelastete vollziehen.

~Geist und Seele sind freudig animiert, der Körper arbeitet spielend~.

(Fig. 35, 36, 37, 38.) Die Krafterzeugung, der schönheitliche Aufbau und

die Erziehung des Körpers zur Ausdauer, geschehen ungehindert und

vollkommener.

^b^) ~Die Hilfsmittel des Nacktturnens~.

Der Nacktturner hat nun zur Erlangung einer gesundheitlichen Entwicklung

seines Körpers zu Kraft und Schönheit mehrfache ~Hilfsmittel~. Sobald er

in irgend einem Teile des Körpers die Ermüdung fühlt, tut er gut, sich

denselben zu streichen und zu reiben, d. h. sich selbst zu ~massieren~.

Er bringt durch die Selbstmassage die Ermüdungsstoffe zur schnellen

Aufsaugung und wird wieder schnell übungsfähig.

Ein weiteres Hilfsmittel ist die ~richtige Anwendung des Wassers~. Wenn

der Körper durch die Bewegung und unter dem Einfluß des Lichtes und der

Luft in den Zustand ~erhöhter Reaktionsfähigkeit~ gekommen ist,

unterstützt man die Abhärtung, d. h. die Anpassung des Körpers an

sämtliche Licht-Luftfaktoren, die durch das Luftbad an sich schon in

hohem Maße erzielt wird, durch den ~systematischen Gebrauch~ des

Wassers. Man beginne ~nicht gleich mit schroffen~ Temperaturgegensätzen,

sondern mit Temperaturen, welche der Körpertemperatur ziemlich nahe

kommen und gehe erst allmählich entsprechend der Individualität des

Körpers zu extremen Temperaturen über, bis man ~jede beliebige~

Temperatur ertragen gelernt hat. Man wähle auch nur ~kurzdauernde~

Wasserprozeduren z. B. milde Douchen auf Brust und Rücken in Dauer von

10-15 Sekunden, Halbbäder in Dauer von 6-8 Sekunden etc. und ähnliche

Prozeduren. Die mit der Wasseranwendung verbundene ~Reinlichkeit~ des

Körpers ist ein weiterer Gewinn desselben. Sehr wichtig ist für die

Benutzung des Wassers, namentlich wenn man dasselbe kalt gewählt hat,

die Sorge für ~schnelle Wiedererwärmung~ des Körpers in der einen oder

anderen Weise, durch Bewegung, Umhüllung, Besonnung etc.[8]

[8] Siehe Rieder, Prof. Dr., Körperpflege durch Wasseranwendung. Mit

vielen Abbildungen. Eleg. geb. 2 M. -- Verlag von E. H. Moritz,

Stuttgart.

^c^) ~Die hygienische Regelung des ganzen Lebenshaushaltes~.

Schließlich ist die hygienische ~Regelung des gesamten Lebenshaushaltes~

von ungemeiner Wichtigkeit. Eine ~nüchterne, reizlose und mäßige

Ernährung~, welche der Individualität des Menschen und der Kraft seiner

Verdauungsorgane angepaßt ist, wird einen Kraftaufbau am meisten

begünstigen. ~Alkohol~ in jeder Form, ~Gewürze~, ~Nikotin~, ~Kaffee~,

~schwarzer Tee~ und sonstige empfohlene Anregungsmittel sind

~Genußmittel~, welche zwar im Augenblick der Ermüdung das trügerische

~Gefühl~ der Frische und Anregung geben. Man bedenke aber bei ihrem

Genusse stets, daß sie keine ~Krafterzeuger~ sind, sondern daß sie nur

die Reservekräfte des Körpers anregen und verbrauchen, die ~letzte

Kraftquelle ausschöpfen~ und die Ermüdung, die nach ihrem Gebrauche

nachfolgt, eine ~krankhafte Erschöpfung~ des Organismus bedeutet. Das

~Zuviel~ der Nahrung schafft Faulheit und Ungelenkheit der Glieder und

erzeugt Belastungsstoffe, welche den Körper namentlich bezüglich der

Ausdauer behindern. Die ~Temperatur~ der ~Nahrung~ komme der

Körpertemperatur möglichst nahe; die sehr ~heiße~ oder kalte Nahrung

wirkt wie die gewürzige Nahrung als innerer Reiz, welcher erschöpft. Das

~gute Zerkauen~ der Nahrung schafft eine höhere Ausnutzbarkeit

derselben. ~Gewohntgemäßiger Gebrauch~ von reichlichen ~Flüssigkeiten~,

wie Suppen, Getränken (auch Wasser und Limonaden) sind überflüssig und

eventuell schädlich. Sie verdünnen und spülen die Verdauungssäfte aus,

schwemmen den Körper auf, machen ihn weich und nachgiebig, nutzen die

Nieren, Blutgefäße und das Pumpwerk des Herzens vorzeitig ab, und machen

den Körper wenig ausdauernd. ~Man trinke nie ohne Durst~. Derjenige

Durst, welcher sich durch Gurgeln mit klarem Wasser oder durch den Genuß

fester Nahrung überwinden läßt, ist kein Durst, sondern nur etwas

Angewöhntes.

Die ~Mäßigkeit im geschlechtlichen Verkehr~ ist für die Erzeugung von

Kraft und Ausdauer ebenfalls von immenser Wichtigkeit. Man bedenke, daß

jeder Beischlaf eine bestimmte Menge Lebenskraft des Körpers verausgabt,

und daß jede Vergeudung dieses Kraftkapitals zu einem frühzeitigen

Bankerott führen muß. Nur der ~Ueberschuß~ an Lebenskraft, die

Kraftzinsen, dürfen ohne Schädigung verbraucht werden.

Da wir unter den heutigen Kulturverhältnissen nur wenig Gelegenheit zur

ausgiebigen Lüftung des Körpers haben, so müssen wir durch richtige

Bekleidung und Schlafen in ~gut ventilierten Räumen~ einen möglichst

guten Ausgleich zu schaffen suchen.

[Abbildung: Tafel XII.

Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft · 第 52 / 72 题