5. Die Arbeitsleistung der menschlichen Haut.

Bekanntlich sondert die Haut, welche beim Erwachsenen eine Größe von

1½ ^qm^ hat, stetig feste, flüssige und gasförmige Stoffe ab. Die in

dauernder Abschilferung begriffenen Hornschichtsschüppchen, die

ausfallenden Haare, der von den Talgdrüsen abgesonderte Hautschmer,

welcher Haare und Haut einfettet und geschmeidig erhält, der von den ca.

2 Millionen Schweißdrüsen abgesonderte Schweiß sind solche

Absonderungsprodukte. Mit dem Schweiß verlassen Farb- und Riechstoffe,

sowie Selbstgifte den Körper. Die ~Hautatmung~ ist eine nicht

unerhebliche: Gasförmig entströmen der Hautpforte Kohlensäure und

Wasserstoff und wird Sauerstoff in geringer Menge vom Körper

aufgenommen. Die Kohlensäureausscheidung ist zwar für gewöhnlich nur

gering, nämlich nur ⅓-½% der gesamten Kohlensäure-Elimination; sie kann

jedoch mit zunehmender Außentemperatur und bei Körperbewegung bis zum

neunfachen wachsen. Die Wasserdampfabgabe durch die Haut ist dagegen

eine bedeutende. Während 24 Stunden beträgt sie im Ruhezustand des

Körpers 7-800 ^gr^, steigt jedoch bei Bewegung leicht auf 1500-2000 ^gr^

und darüber. Mit dem Körperwasser verlassen Kochsalz, Harnstoff, Fette,

flüchtige Fettsäuren, Cholesterien, Rodan und andere noch nicht

studierte, teils spezifisch riechende, teils giftige Stoffe den Körper.

Die hohe Giftigkeit des Schweißes steht unzweifelhaft fest und wird

durch Körperarbeit ebenso wesentlich erhöht wie sein Gehalt an

Bakterienkeimen. Die Haut vollzieht demnach die Funktion der ~Drainage~

(Trockenlegung) und der ~Entgiftung des Körpers~.

Nun entzieht aber jedes Liter Wasser, das bei 37° ^C^ verdampft wird,

dem Körper 580 Kalorien Wärme (unter Kalorie versteht man diejenige

Wärmemenge, welche nötig ist, um 1 Kilogramm Wasser von 0° auf 1°

Celsius zu erwärmen).

Die Haut wird also durch die Wasserabgabe zu einem vorzüglichen

~Kühlapparat~ des Körpers. Die Einrichtung zur Wärmeabgabe wird durch

die Fähigkeit der Haut, direkt Wärme auszustrahlen und auszuleiten

vervollkommnet. Andererseits ist die Haut die Vermittlerin der

Wärmezufuhr von außen, die unter Umständen eine größere sein kann als

die der Wärmeabgabe. Dadurch ferner, daß das Hautorgan ein großes

Blutgefäßnetz besitzt, das bei maximaler Erweiterung ein Drittel des

Gesamtblutes aufnehmen kann, und dieses Blutreservoir je nach Bedarf

weit und eng eingestellt werden kann, ist der Körper im stande an der

Oberfläche Wärme aufzunehmen oder abzugeben, Kälte, Wind und Nässe von

sich fern zu halten. Vermittels feinsinniger Nerven vermag der Körper

diese sogenannte physikalische Wärmeregulation aufs prompteste

einzustellen; denn sie zeigen feiner als die besten Barometer, Thermo-,

Anemo- oder Hygrometer, die geringsten Wetterkombinationen und

Wetternuanzen an, vorausgesetzt, daß man sie geübt hat. Unwillkürlich

richtet sich der Körper nach dieser Wetteranzeigevorrichtung, indem er

z. B. bei Kälte oder feuchter, windiger Luft einerseits die Wärmeabgabe

durch Zusammenziehung der Blutgefäße und der gesamten Haut verhindert

und andererseits die Muskeln durch Zittern, Frostschauer etc. in

Bewegung bringt und auch sonst das Gefühl erweckt, durch willkürliche

Bewegungen Wärme zu erzeugen.

6. Beeinträchtigung der Arbeitsleistung des Hautorgans durch die

Kleidung.

Bedenkt man alle diese wichtigen Lebensfunktionen des Hautorgans, die

der Atmung, der Trockenlegung der Gewebe, der Entgiftung, der Kühlung

und der Heizung, sowie schließlich der Wettereinstellung des Körpers, so

versteht man leicht, daß ein Aufhören ihrer Funktion gleichbedeutend mit

dem Aufhören des Lebens ist. Ja es braucht nicht einmal die

Gesamtoberfläche der Haut, sondern nur ein größerer Bezirk derselben

funktionsunfähig gemacht zu werden, wie dies so häufig bei

oberflächlichen Verbrennungen statt hat, und der Tod tritt ein.

Jede ~Behinderung der Hautfunktion führt zu Störungen der

Körperfunktionen~ in mehr oder weniger hohem Grade, so unter andern auch

durch unsere moderne Bekleidung.

Es ist experimentell von ~Schierbeck~ nachgewiesen worden, daß je mehr

der Körper bekleidet ist, um so mehr die Wasserdampfabgabe desselben

eingeschränkt wird. Damit ist aber bewiesen, daß durch die Kleidung die

Drainage- und Entgiftungsfunktion des Hautorgans, sowie die der

Wärmeregulation nicht unwesentlich beeinträchtigt wird. Es steht

wissenschaftlich ferner fest, daß der unbekleidete Körper, weil die Luft

ein schlechter Wärmeleiter ist, durch Leitung nur ganz geringe Mengen

Wärme verliert, dagegen durch Strahlung dreimal mehr. Dieser

Wärmeverlust durch Strahlung ist jedoch nicht so bedeutend, als man von

vornherein annehmen sollte, weil ja die Luft 20-25mal schlechter Wärme

leitet als das Wasser.

Erst ~die durchfeuchtete Luft~ leitet besser und steigert den

Wärmeverlust durch Strahlung, welcher aber nach Prof. ~Rubner~ durch

Bestrahlung der Sonne selbst bei geringem Hochstand derselben in

reichlichem Maße kompensiert wird.

~Die durchsonnte Luft~ kompensiert also den eventuellen Nachteil der

Luftdurchfeuchtung.

Bei feuchter Luft, selbst wenn dieselbe von stärkeren Niederschlägen

begleitet ist, hat der nackte Körper außer dem Schutz der

Sonnenbestrahlung noch den der Fettigkeit der Haut. Denn dieselbe sorgt

dafür, daß z. B. der Regen schnell an ihr abfließt, und der Körper so

vor zu großen Wärmeverlusten bewahrt bleibt.

~Durchwindete Luft~ schützt bei mittleren und höheren Temperaturen den

unbekleideten Körper vor zu großen Wasserverlusten und läßt

Temperaturen, die die Körpertemperatur übersteigen, leichter ertragen.

~Bei warmer aber windiger Luft~ beginnt der Körper frühzeitiger

unwillkürliche Muskelbewegungen wie Zittern, Zusammenschauern etc.

auszuüben und ist leichter aufgelegt, auch willkürlich die Muskeln zu

bewegen als bei windstiller, warmer Luft. Beide Arten der Bewegung

erzeugen Körperwärme, gleichen also den durch den Wind erzeugten

Wärmeverlust durch stärkere Wärmeproduktion aus.

Der Körper hat aber, wie wir gesehen haben, in dem großen Blutgefäßnetz

der Haut eine Kühl- oder Wärmevorrichtung je nach Bedarf.

~Bei windiger kalter, oder windiger nasser Luft~ zieht er die Blutgefäße

zusammen, drängt das Blut in das Körperinnere und verhindert so eine

abnorme Abkühlung, bei ~windiger warmer Luft~ läßt er die Blutgefäße

sich später erweitern als bei windstiller warmer Luft, weil er die

Blutwärme ja länger festhalten muß und läßt er frühzeitiger

unwillkürliche und willkürliche Bewegungen ausführen, als bei

windstiller warmer Luft, weil er ja früher auf die Erzeugung von

Körperwärme angewiesen ist.

Die Fähigkeit der Haut sich für jede mögliche Lufttemperatur

einzurichten, bedeutet demnach für den Körper einen Sonnen-, Nässe-,

Wind-, Kälte- und Wärmeschutz.

~Der unbekleidete Mensch ist, vorausgesetzt, daß er gesund und sein

Hautorgan ein durch die verschiedenen Wetterkombinationen geschultes

ist, stets dem Bekleideten gegenüber im Vorteil~. Gegen das etwaige

Zuviel des Lichtes der Sonne, hat er die Bräunung, gegen Regen die

Fettigkeit, gegen Wind, Kälte und Wärme die Erweiterung oder Verengerung

der Hautblutgefäße. So kann z. B. bei hohen Kältegraden der nackte

Mensch wärmer als der bekleidete sein, denn die Kleidung ist nur solange

ein Wärmeschutz, als sie selbst noch warm ist. Ist sie erst einmal kalt

geworden, so muß der Mensch durch Bewegung, Nahrung etc. eine größere

Wärmemenge erzeugen, einmal um den Körper selbst wieder auf die

gewünschte Temperaturhöhe zu bringen, zweitens um die kalt gewordene

Kleidung zu erwärmen. Kalte Kleidung entzieht dem Körper ziemlich

erheblich Wärme, zumal wenn dieselbe durchfeuchtet ist. Die Kleidung

tritt also nur da in ihr Recht, wo es gilt, dem Körper den produzierten

Wärmevorrat zu ~erhalten~.

Ein ähnliches Verhältnis ist bei hoher Lufttemperatur der Fall; auch

hier muß der Körper eine ~doppelte Leistung~ vollbringen, nicht blos

sich selbst, sondern auch die Kleidung abkühlen.

~So schnell als der Witterungswechsel in jeder Minute es erfordert, kann

man die Temperatur und den Feuchtigkeitsgehalt nicht abändern; eine gut

trainierte daher wetterfeste und regulationsfähige Haut vermag diese

Leistung aber blitzschnell für jede Wetterkombination zu vollbringen~.

~Dem Bekleideten kommt der produzierte Schweiß für die Abkühlung nicht

völlig zu gute~. Denn wie gelegentlich anstrengender Uebungen

nachgewiesen worden ist, enthält die Kleidung häufig 6-8000 ^gr^ Wasser,

welches bis in die äußeren Kleiderschichten eindringt. Daselbst erfolgt

die Verdampfung nur zum Teil auf Kosten des Körpers, vielmehr auf Kosten

der umgebenden Luft. Diese vom Körper aufgebrachten Schweißverluste

sind für den bekleideten Körper also ~nutzlos~ und sind bei

wasserdampfreicher Luft sogar zu fürchten, weil dann die Verdampfung in

der den Körper direkt umspielenden Luftschicht gehindert ist.

~Die mit Schweiß imprägnierte Kleidung ist wegen ihres Reichtums an

Toxinen und Bakterien eine Infektionsgefahr~, sowohl für den Träger

selbst, als auch für seine Mitmenschen, eine Brutstätte aller möglichen

Krankheitskeime.

~Die durchschweißte oder auch von außen durchnäßte Kleidung bietet die

Gefahr der Erkältung für einen in Bewegung Gewesenen~, wofern dieselbe

nicht rechtzeitig durch trockene ersetzt wird, sobald der Körper in Ruhe

kommt. Denn die nachträgliche Verdampfung entzieht dem Körper, der

während der Ruhe pro Stunde höchstens 80 Kalorien produziert, viele

hundert Kalorien, führt also zur abnormen Abkühlung des Körpers. Die

Durchblutung des Hautorgans während der Bewegung macht einer plötzlichen

Blutleere in der Ruhe Platz, bedingt also eine plötzliche

Blutüberfüllung der Eingeweide und stellt plötzlich und abnorm hohe

Anforderungen an die Regulierfähigkeit des Hautorgans.

Und so sehen wir denn tatsächlich, daß bei kühler Witterung unsere

unbekleideten Teile häufig wärmer sind als die bekleideten, so wird uns

der Regen und Schnee auf den unbekleideten Körperstellen weniger lästig

als in unserer Kleidung, die wir möglichst bald abzulegen suchen, so

sehnen wir uns bei heißer, sonniger Witterung darnach, den Körper zu

entblößen und alle die Vorteile, ~die Licht und Wärme der Sonne~

bringen, an unseren Körper heranzulassen. Denn die ~chemische,

bakterientötende, stoffwechselanregende~, die Wärme und lebenerwirkende

~Kraft des Lichtes~ ist ja nicht nur in der Heilwissenschaft, sondern

auch in weiten Laienkreisen bekannt.

Andrerseits bietet die Kleidung dem Menschen selbstverständlich auch

viele Vorteile, die für unsere heutige Kultur nicht zu unterschätzen

sind. In der Rauhkeit unseres Klimas sind wir auf dieselbe angewiesen.

Denn nur in der warmen Jahreszeit könnten wir dieselbe bei beruflicher

Tätigkeit zur Not auf längere Zeit entbehren. Wir können aber z. B. eine

sitzende Beschäftigung während der kühlen Jahreszeit nicht ohne Schaden

für unseren Körper unbekleidet ausüben. Die Kleidung tritt überall da in

ihr Recht, wo dem Körper durch unsere Lebensgewohnheiten, durch die Art

der Beschäftigung die Gelegenheit genommen wird, genügend Wärme zu

produzieren, wo sie uns hilft, mit dem produzierten Wärmevorrat Haus zu

halten.

Nun könnte man den Einwurf machen, daß die zeitweilige Lüftung des

nackten Körpers im Luftbade zwar für das sonnige Griechenland, nicht

aber für unsere rauhen klimatischen Verhältnisse geeignet sei. Dieser

Einwurf besteht jedoch nicht zu recht. Denn leben nicht noch heute die

Feuerländer in ihrem bekanntlich sehr rauhen Klima (Jahresmittel der

Temperatur ist 6,2°) dauernd fast nackt? Und hat nicht das

Massenexperiment unserer deutschen Luftbadler den Gegenbeweis bereits

erbracht?

Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft · 第 49 / 72 题