4. Die Luft in Beziehung zum menschlichen Körper.

Hat sich das Licht in vieler Beziehung als ungemein wertvoll, ja

unersetzbar für den menschlichen Körper erwiesen, und haben wir das

Licht als diejenige ~Nahrung~ kennen gelernt, welche unser ~Blutorgan

fast~ völlig ~verschluckt~, um daraus ungeahnte Energiemengen im Körper

aufzuspeichern und daraus Kräfte der verschiedensten Mächtigkeit zu

bilden, so können wir dennoch, wenn auch nur als Sieche, unser Dasein

ohne dasselbe fristen. ~Ohne Luftnahrung aber können wir nur wenige

Minuten sein, ohne Luft müssen wir sterben~. Diese unterhält alle unsere

Lebensprozesse, sie ist also von noch größerer Bedeutung für uns als das

Licht.

Die Erde ist von einer Lufthülle umgeben, welche im wesentlichen aus

20,75% Sauerstoff, 78,38% Stickstoff, 0,03% Kohlensäure und 0,84%

Wasserdampf besteht, dazu kommen Spuren von salpetriger Säure, Ammoniak,

Grubengas und Sonnenstäubchen. Unter letzteren versteht man Kieselsäure,

Staub und die mit dem Staub aufgewirbelten Partikeliten der belebten und

unbelebten Natur. Wie alle auf der Erde befindlichen festen oder

flüssigen Körper wird auch die Luft von der ~Anziehungskraft~ der Erde

festgehalten. Die Luft übt demnach einen ~Druck~ auf die Oberfläche der

Erde und ihre Bewohner aus; dies ist der sogenannte Luftdruck, der mit

einem Gewicht von 5 Trillionen Kilogramm auf die Erde drückt.

Dieser Luftdruck zeigt infolge der hohen ~Beweglichkeit~ und

~Ausdehnungsfähigkeit der Luft unausgesetzt Schwankungen~. Ebenso ist

der ~Wassergehalt~ und der ~Wärmezustand~ der Luft in stetiger

Veränderung. Den Einfluß der Sonnenstrahlung haben wir ja bereits kennen

gelernt.

Aber wir leben ja nicht nur in durchsonnter, sondern auch in

durchfeuchteter, durchwindeter, heißer, warmer und kalter Luft in ihren

verschiedenen Kombinationen.

Ihr Verhältnis zum menschlichen Körper verstehen wir am besten, wenn wir

erstens die verschiedenen atmosphärischen Einflüsse und zweitens die

Funktionen desjenigen Organs kennen, welches uns von derselben

abschließt und wiederum mit ihr verbindet, nämlich des Hautorgans.

Die Luft äußert eine mehr oder weniger starke ~Wärme~- resp.

~Kälte~wirkung.

Diejenige Luft, welche höhere oder niedrigere Temperaturen, als die

augenblickliche Hauttemperatur hat, wirkt als ein Reiz von der

Oberfläche aus, ruft die sogenannte Reaktion hervor. Je größer die

Reizwirkung ist, d. h. je mehr die Lufttemperatur von der Hauttemperatur

sich entfernt, um so stärker ist auch die Reaktion von seiten des

Körpers.

Diese Reizwirkung ist für den Kältereiz eine etwas andere als für den

Wärmereiz. Beide reizen die Empfindungs- und die Gefäßnerven; leiten den

Reiz zu den nervösen Zentralorganen und wirken von dort aus umstimmend

und verändern daselbst den Blutumlauf, sie verändern reflektorisch die

Peristaltik im Verdauungsapparat und die Tätigkeit der Eingeweide, sie

beeinflussen die Herz- und Gefäßarbeit, sie verändern Atmung und

Körpertemperatur, kurzum sie wirken von der Oberfläche aus reflektorisch

in die Tiefe auf ~alle~ Organe. Ist diese Reizwirkung eine

vorübergehende und der Kraft des Körpers individuell angepaßte, so wird

die Anregung zu ~erhöhter~ Lebensbetätigung die Folge sein, ist der Reiz

ein mehr gleichbleibender, nicht wechselnder oder für die Reaktionskraft

zu starker in seiner Höhe oder seiner Dauer, so wirkt er ~ermüdend~,

abspannend, erschlaffend und lähmend. Bei ~fortdauernder~ Wärmewirkung

wird der Körper von der Oberfläche aus mehr und mehr mit ~Wärme geladen~

bis zur vollkommenen Wärmestauung, auf welche der Körper dann mit

erhöhter Verdunstung des Körperwassers und mit Schweißausbruch antwortet

und damit den Ausgleich zur Norm anstrebt.

Bei ~fortdauernder Kälteeinwirkung~ auf den Körper kommt es zur abnormen

Abkühlung von der Oberfläche aus, die mehr und mehr in die Tiefe

eindringt. Aber auch gegen die Gefahr der Durchkältung hat der

trainierte Körper Schutzvorrichtungen.

~Die Wärme~- und ~Kälteeinwirkung der Luft ist jedoch für denjenigen

Körper der abgehärtet ist, d. h. welcher sich an die verschiedenen

Temperaturen gewöhnt hat, niemals eine Gefahr und niemals eine

Verminderung der Lebensenergie, sondern stets eine Mehrung derselben~.

Denn die Lufttemperatur ist in jeder Sekunde eine etwas andere, stetig

stuft sie sich nach oben oder unten ab, und jede Veränderung derselben

bedeutet stets ~einen neuen Lebensreiz~. Denn die Luftkomponenten sind

vielfache und sich gegenseitig verändernde, so daß auch die von ihnen

ausgehende Wirkung auf den Körper eine wechselnde, vielseitige und

anregende sein muß. ~Und gerade in dem steten Wechsel und

Ineinandergreifen der Luftfaktoren liegt das Charakteristische des

sogenannten Luftbades~.

Die Wissenschaft hat bisher nur die ~einzelnen~ Faktoren der Luft

isoliert betrachtet und zu hygienischen und Heilzwecken benutzt, z. B.

die Sonnenwirkung in ihren Eigenschaften der Wärme und des Lichtes, die

Luftverdichtung und Luftverdünnung etc., nicht aber in ihrer

Gesamtwirkung und ist deshalb zu einer Kenntnis und Bewertung des

~Luftbades~ bisher noch nicht vorgedrungen. Würde dieselbe aber den

Luftfluß, die Luftelektrizität, die Luftfeuchtigkeit, die Luftgerüche u.

s. w. berücksichtigt haben, so würde sie zu der Erkenntnis gekommen

sein, daß die Luft für den menschlichen Körper der mannigfachste aller

Lebensreize ist, der durch seine Vielseitigkeit stetig die

Lebensenergien vermehrt. Man gehe nur aus der Sonne in den Schatten und

bemerke den Gegensatz der Temperaturen, man trete nur auf die

freiliegende Ebene aus dem Walde heraus, der Schutz vor dem Winde

bietet, um die bald mildere, bald gewaltigere ~Massagewirkung der

Luftbewegung~ am Körper zu fühlen, wie sie die heiße, warme oder kalte,

trockene oder feuchte Luft in den Körper zu pressen sucht, wie sie den

Körper austrocknet oder die Oberfläche spröde oder feucht oder warm oder

kalt macht; man bemerke, wie wir die Muskeln anspannen müssen um dem

mehr oder minder starken Luftdruck zu begegnen. Dieselbe Luftbewegung,

die wir als Druck der veränderten Temperatur an unserem Körper fühlen,

sehen wir sie nicht mit unseren Augen und hören dieselben nicht mit

unseren Ohren deutlich vor uns, wie der Wind heult, wie die Bäume

rauschen, das Meer braust und wogt, wie die Blumen die Köpfchen neigen,

wie die Wolken jagen! Riechen wir nicht die uns zugewehten Gerüche!

Allein dieser Anreiz unserer Sinnesnerven genügt, um schon mehr oder

minder starke Bewegungen unserer Seele hervorzurufen.

Aber noch vielseitiger ist der Luftreiz. Kombinieren wir die Sonnen-,

die Temperatur- und Luftflußwirkungen mit denen der ~Luftfeuchtigkeit~

in ihren verschiedenen Abstufungen. In der feuchten Luft können wir

sämtliche Bäder nehmen, die wir sonst nur in den Wasser-Badeanstalten zu

bekommen gewöhnt sind. Kalte und warme Wasser-Bäder von kurzer oder

langer Dauer, wechselnd in ihrer Temperatur mit stärkerer oder

schwächerer Wasser-Bewegung, gleichsam ein Wellenbad oder Regendouche

oder Strahlendouche, mit mehr oder weniger Elektrizität oder chemischer

Lichtkraft geladen.

Fügen wir schließlich noch den Faktor der ~Luftelektrizität~ zu allen

bisherigen, von der wir wissen, daß sie bei jeder Temperatur besteht,

daß sie mit ihrer Erhebung bei nebligem Wetter zunimmt, daß ihre

Niederschläge bald positiv, bald negativ elektrisch sind, daß sie in

ihrer Positivität und Negativität wechselt, daß sie eine tägliche

Periode hat. Da wir ferner wissen, daß auch der menschliche Körper

elektrische Ströme beherbergt und daß unser Hautorgan in wechselndem

Grade die Elektrizität zurückhält und aufnimmt, so sind wir auch

berechtigt anzunehmen, daß unser Körper von der Luftelektrizität

beeinflußt wird, auch wenn wir die speziellen gesundheitlichen Gesetze

noch nicht wissenschaftlich erforscht haben.

So sehen wir denn, daß sämtliche Reizarten, die wir zur Unterhaltung des

Lebens nötig haben, in der Luft enthalten sind, nämlich der thermische,

chemische, mechanische, elektrische und physiologische Reiz. Haben wir

den Körper mit sämtlichen gymnastiziert, so ist er an die dieselben

gewöhnt, d. h. gesund, hat er sich derselben entwöhnt, so ist die

Reaktion darauf eine quantitativ aber qualitativ veränderte und der

Körper krank. Wie die Entwöhnung dieser Lebensreize den Körper siech

macht, so läßt ihn die Gewöhnung an dieselben wieder gesunden.

Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft · 第 48 / 72 题