Hat sich das Licht in vieler Beziehung als ungemein wertvoll, ja
unersetzbar für den menschlichen Körper erwiesen, und haben wir das
Licht als diejenige ~Nahrung~ kennen gelernt, welche unser ~Blutorgan
fast~ völlig ~verschluckt~, um daraus ungeahnte Energiemengen im Körper
aufzuspeichern und daraus Kräfte der verschiedensten Mächtigkeit zu
bilden, so können wir dennoch, wenn auch nur als Sieche, unser Dasein
ohne dasselbe fristen. ~Ohne Luftnahrung aber können wir nur wenige
Minuten sein, ohne Luft müssen wir sterben~. Diese unterhält alle unsere
Lebensprozesse, sie ist also von noch größerer Bedeutung für uns als das
Licht.
Die Erde ist von einer Lufthülle umgeben, welche im wesentlichen aus
20,75% Sauerstoff, 78,38% Stickstoff, 0,03% Kohlensäure und 0,84%
Wasserdampf besteht, dazu kommen Spuren von salpetriger Säure, Ammoniak,
Grubengas und Sonnenstäubchen. Unter letzteren versteht man Kieselsäure,
Staub und die mit dem Staub aufgewirbelten Partikeliten der belebten und
unbelebten Natur. Wie alle auf der Erde befindlichen festen oder
flüssigen Körper wird auch die Luft von der ~Anziehungskraft~ der Erde
festgehalten. Die Luft übt demnach einen ~Druck~ auf die Oberfläche der
Erde und ihre Bewohner aus; dies ist der sogenannte Luftdruck, der mit
einem Gewicht von 5 Trillionen Kilogramm auf die Erde drückt.
Dieser Luftdruck zeigt infolge der hohen ~Beweglichkeit~ und
~Ausdehnungsfähigkeit der Luft unausgesetzt Schwankungen~. Ebenso ist
der ~Wassergehalt~ und der ~Wärmezustand~ der Luft in stetiger
Veränderung. Den Einfluß der Sonnenstrahlung haben wir ja bereits kennen
gelernt.
Aber wir leben ja nicht nur in durchsonnter, sondern auch in
durchfeuchteter, durchwindeter, heißer, warmer und kalter Luft in ihren
verschiedenen Kombinationen.
Ihr Verhältnis zum menschlichen Körper verstehen wir am besten, wenn wir
erstens die verschiedenen atmosphärischen Einflüsse und zweitens die
Funktionen desjenigen Organs kennen, welches uns von derselben
abschließt und wiederum mit ihr verbindet, nämlich des Hautorgans.
Die Luft äußert eine mehr oder weniger starke ~Wärme~- resp.
~Kälte~wirkung.
Diejenige Luft, welche höhere oder niedrigere Temperaturen, als die
augenblickliche Hauttemperatur hat, wirkt als ein Reiz von der
Oberfläche aus, ruft die sogenannte Reaktion hervor. Je größer die
Reizwirkung ist, d. h. je mehr die Lufttemperatur von der Hauttemperatur
sich entfernt, um so stärker ist auch die Reaktion von seiten des
Körpers.
Diese Reizwirkung ist für den Kältereiz eine etwas andere als für den
Wärmereiz. Beide reizen die Empfindungs- und die Gefäßnerven; leiten den
Reiz zu den nervösen Zentralorganen und wirken von dort aus umstimmend
und verändern daselbst den Blutumlauf, sie verändern reflektorisch die
Peristaltik im Verdauungsapparat und die Tätigkeit der Eingeweide, sie
beeinflussen die Herz- und Gefäßarbeit, sie verändern Atmung und
Körpertemperatur, kurzum sie wirken von der Oberfläche aus reflektorisch
in die Tiefe auf ~alle~ Organe. Ist diese Reizwirkung eine
vorübergehende und der Kraft des Körpers individuell angepaßte, so wird
die Anregung zu ~erhöhter~ Lebensbetätigung die Folge sein, ist der Reiz
ein mehr gleichbleibender, nicht wechselnder oder für die Reaktionskraft
zu starker in seiner Höhe oder seiner Dauer, so wirkt er ~ermüdend~,
abspannend, erschlaffend und lähmend. Bei ~fortdauernder~ Wärmewirkung
wird der Körper von der Oberfläche aus mehr und mehr mit ~Wärme geladen~
bis zur vollkommenen Wärmestauung, auf welche der Körper dann mit
erhöhter Verdunstung des Körperwassers und mit Schweißausbruch antwortet
und damit den Ausgleich zur Norm anstrebt.
Bei ~fortdauernder Kälteeinwirkung~ auf den Körper kommt es zur abnormen
Abkühlung von der Oberfläche aus, die mehr und mehr in die Tiefe
eindringt. Aber auch gegen die Gefahr der Durchkältung hat der
trainierte Körper Schutzvorrichtungen.
~Die Wärme~- und ~Kälteeinwirkung der Luft ist jedoch für denjenigen
Körper der abgehärtet ist, d. h. welcher sich an die verschiedenen
Temperaturen gewöhnt hat, niemals eine Gefahr und niemals eine
Verminderung der Lebensenergie, sondern stets eine Mehrung derselben~.
Denn die Lufttemperatur ist in jeder Sekunde eine etwas andere, stetig
stuft sie sich nach oben oder unten ab, und jede Veränderung derselben
bedeutet stets ~einen neuen Lebensreiz~. Denn die Luftkomponenten sind
vielfache und sich gegenseitig verändernde, so daß auch die von ihnen
ausgehende Wirkung auf den Körper eine wechselnde, vielseitige und
anregende sein muß. ~Und gerade in dem steten Wechsel und
Ineinandergreifen der Luftfaktoren liegt das Charakteristische des
sogenannten Luftbades~.
Die Wissenschaft hat bisher nur die ~einzelnen~ Faktoren der Luft
isoliert betrachtet und zu hygienischen und Heilzwecken benutzt, z. B.
die Sonnenwirkung in ihren Eigenschaften der Wärme und des Lichtes, die
Luftverdichtung und Luftverdünnung etc., nicht aber in ihrer
Gesamtwirkung und ist deshalb zu einer Kenntnis und Bewertung des
~Luftbades~ bisher noch nicht vorgedrungen. Würde dieselbe aber den
Luftfluß, die Luftelektrizität, die Luftfeuchtigkeit, die Luftgerüche u.
s. w. berücksichtigt haben, so würde sie zu der Erkenntnis gekommen
sein, daß die Luft für den menschlichen Körper der mannigfachste aller
Lebensreize ist, der durch seine Vielseitigkeit stetig die
Lebensenergien vermehrt. Man gehe nur aus der Sonne in den Schatten und
bemerke den Gegensatz der Temperaturen, man trete nur auf die
freiliegende Ebene aus dem Walde heraus, der Schutz vor dem Winde
bietet, um die bald mildere, bald gewaltigere ~Massagewirkung der
Luftbewegung~ am Körper zu fühlen, wie sie die heiße, warme oder kalte,
trockene oder feuchte Luft in den Körper zu pressen sucht, wie sie den
Körper austrocknet oder die Oberfläche spröde oder feucht oder warm oder
kalt macht; man bemerke, wie wir die Muskeln anspannen müssen um dem
mehr oder minder starken Luftdruck zu begegnen. Dieselbe Luftbewegung,
die wir als Druck der veränderten Temperatur an unserem Körper fühlen,
sehen wir sie nicht mit unseren Augen und hören dieselben nicht mit
unseren Ohren deutlich vor uns, wie der Wind heult, wie die Bäume
rauschen, das Meer braust und wogt, wie die Blumen die Köpfchen neigen,
wie die Wolken jagen! Riechen wir nicht die uns zugewehten Gerüche!
Allein dieser Anreiz unserer Sinnesnerven genügt, um schon mehr oder
minder starke Bewegungen unserer Seele hervorzurufen.
Aber noch vielseitiger ist der Luftreiz. Kombinieren wir die Sonnen-,
die Temperatur- und Luftflußwirkungen mit denen der ~Luftfeuchtigkeit~
in ihren verschiedenen Abstufungen. In der feuchten Luft können wir
sämtliche Bäder nehmen, die wir sonst nur in den Wasser-Badeanstalten zu
bekommen gewöhnt sind. Kalte und warme Wasser-Bäder von kurzer oder
langer Dauer, wechselnd in ihrer Temperatur mit stärkerer oder
schwächerer Wasser-Bewegung, gleichsam ein Wellenbad oder Regendouche
oder Strahlendouche, mit mehr oder weniger Elektrizität oder chemischer
Lichtkraft geladen.
Fügen wir schließlich noch den Faktor der ~Luftelektrizität~ zu allen
bisherigen, von der wir wissen, daß sie bei jeder Temperatur besteht,
daß sie mit ihrer Erhebung bei nebligem Wetter zunimmt, daß ihre
Niederschläge bald positiv, bald negativ elektrisch sind, daß sie in
ihrer Positivität und Negativität wechselt, daß sie eine tägliche
Periode hat. Da wir ferner wissen, daß auch der menschliche Körper
elektrische Ströme beherbergt und daß unser Hautorgan in wechselndem
Grade die Elektrizität zurückhält und aufnimmt, so sind wir auch
berechtigt anzunehmen, daß unser Körper von der Luftelektrizität
beeinflußt wird, auch wenn wir die speziellen gesundheitlichen Gesetze
noch nicht wissenschaftlich erforscht haben.
So sehen wir denn, daß sämtliche Reizarten, die wir zur Unterhaltung des
Lebens nötig haben, in der Luft enthalten sind, nämlich der thermische,
chemische, mechanische, elektrische und physiologische Reiz. Haben wir
den Körper mit sämtlichen gymnastiziert, so ist er an die dieselben
gewöhnt, d. h. gesund, hat er sich derselben entwöhnt, so ist die
Reaktion darauf eine quantitativ aber qualitativ veränderte und der
Körper krank. Wie die Entwöhnung dieser Lebensreize den Körper siech
macht, so läßt ihn die Gewöhnung an dieselben wieder gesunden.