Ferner darf die Wirkung gesundheitlich betriebener Leibesübungen auf den
~Geschlechtsapparat~ nicht unerörtert bleiben.
Das durch Leibesübung betäubte (narkotisierte) Zentralnervensystem
beruhigt auch die Geschlechtssphäre. Dazu kommen die durch
Körpertätigkeit hervorgebrachten Veränderungen im Zirkulationsapparat.
Die häufigen und reichlichen Monatsblutungen (Menstruationen) der Frauen
werden meist am besten durch geeignete Leibesübungen reguliert, die
unfreiwilligen Samenergüsse (Pollutionen) eines abnorm reizbaren
Genitalapparates verlieren sich durch richtig dosierte Körperbewegungen.
Dem vorzeitigen Eintritt der Geschlechtsreife, dem geschlechtlichen
Ausschweifen der Phantasie in der Reifungszeit (Pubertätsperiode) wird
am besten durch systematisch betriebene Leibesübungen vorgebeugt.
So sehen wir denn, daß alle Teile des Körpers und des Geistes
wesentliche Vorteile von einer vernünftig und individuell betriebenen
Körperübung haben können.
Wichtig ist eine richtige Ernährung des Körpers, damit derselbe den
erhöhten körperlichen Anforderungen gewachsen bleibt. Zur Bewertung
derselben muß man den Einfluß der Leibesübung auf den Stoffwechsel und
die Wärmeregulation kennen.
8. Wirkung der Leibesübungen auf den Stoffwechsel und die
Wärmeregulation.
Daß der Gaswechsel von Sauerstoff und Kohlensäure (^CO^₂) durch
Muskeltätigkeit gesteigert wird, habe ich bereits besprochen. Nun haben
die Wärmemessungs- (kalorimetrischen) Versuche von ~Atwater~ und
~Benedict~ ergeben, daß die Wärmeerzeugung sowohl in der Ruhe, als
auch bei Muskeltätigkeit dem Gaswechsel und dem Verbrennungswerte,
der nach den Ausscheidungen bemessenen Verbrauchsnährstoffe entspricht.
Die zum Stoffwechsel verwendeten Nährstoffe werden also unter
normalen Verhältnissen ~vollständig~ zu Wasser, Kohlensäure und
Harnbestandteilen verbrannt. Nur bei Sauerstoffmangel in den
arbeitenden Muskeln steigt der respiratorische Quotient (Verhältnis von
Sauerstoff zu Kohlensäure = ^CO^₂). Man kann demnach aus der
Verbrauchsmenge der durch Harn und Schweiß ausgeschiedenen
Stickstoffsubstanzen und dem gleichzeitigen Gaswechsel die Höhe des
Nährstoffumsatzes während der Muskeltätigkeit berechnen. Da uns nun die
Verbrennungswärmen der Nährstoffe bekannt sind, so ergibt sich mit
Leichtigkeit die bei der Arbeit aufgewandte Energie. Die Arbeit ist nach
Meterkilogrammen meßbar. So fand man, daß für gewöhnlich bei
Muskeltätigkeit ⅓ (ca. 35%) der erzeugten Energie mechanische Arbeit, ⅔
Wärme werden. Bei starker Muskelermüdung, sowie bei Arbeiten, für welche
wir nicht trainiert sind, verringert sich der mechanische Nutzeffekt.
Uebung und guter Ernährungszustand setzen den Stoffverbrauch erheblich
herab. ~Der vernünftig Trainierte wird also den relativ geringsten
Stoffverbrauch haben~. Nun hat sich durch ~Zuntz’s~ Versuche
herausgestellt, daß Eiweiß, Fette und Kohlehydrate ~gleichwertig~[4] für
die Erzeugung der Muskelleistungen sind, jedoch kann nach ~Pflueger~ das
Eiweiß für sich allein zu hohen Muskelleistungen befähigen, während die
stickstoffreien Fette und Kohlehydrate gleichzeitig noch einen
bestimmten Eiweißumsatz nötig machen. Dagegen hat sich gezeigt, daß
durch körperliche Uebungen der Eiweißzerfall nicht entsprechend
(proportional) der geleisteten Arbeit gesteigert wird, wie dies beim
Umsatz der stickstoffreien Nährstoffe der Fall ist. Das stimmt auch
genau mit den Resultaten von ~Pettenkofer~ und ~Voit~ überein.
[4] Chauveau und Seegen nahmen den Zucker als ~einzige~
Muskelkraftquelle an und glaubten, daß Eiweiß und Fett nur insofern
zur Bildung mechanischer Leistungen zu gebrauchen wären, als aus ihnen
erst Zucker gebildet werden müßte. Diese Annahme ist aber deswegen
eine irrige, als durch diese Umbildung ja große Wärmemengen für die
Muskelarbeit verloren gehen müßten. Die aus Fett und Eiweiß gebildeten
Kalorien müßten also einen geringeren Nutzeffekt haben. Das stimmt mit
den physiologischen Tatsachen jedoch nicht überein.
~Der Stoffverbrauch während der Leibesübung betrifft also in erster
Linie die Kohlehydrate und Fette~.
Damit ist bewiesen, daß der Muskel imstande ist, für die Arbeitsleistung
die benötigte Spannkraft aus Fett oder Kohlehydraten zu entnehmen, es
ist aber damit nicht gesagt, daß die Muskeln etwa gar kein Eiweiß
gebrauchen und verbrauchen können. Es wird im Gegenteil nach den
übereinstimmenden Resultaten aller Physiologen eine gewisse Menge der
Eiweißzufuhr gefordert zur Erhaltung der Kraft und zur Wärmebildung
besonders bei gesteigertem Stoffwechsel, wie er bei Leibesübungen
auftritt.
Da nun Eiweiß eine höhere Verdauungsarbeit als die stickstoffreien
Körper beansprucht, den arbeitenden Muskeln also mehr Blut entzieht, als
sie zu ausgiebiger Arbeit gebrauchen, da sie ferner die durch die
Leibesübung an sich gesteigerte Wärmebildung noch erhöhen, so ist es
nicht ratsam, während der Leibesübungen eine eiweißreiche Kost zu
genießen. ~Casparis~ Versuche haben ferner gelehrt, daß bei längere Zeit
betriebenem Training der Eiweißzerfall stetig geringer wird, ein Umstand
mehr, der dem Trainierenden zu gute kommt und ihn heißt, ~die
Eiweißzufuhr auf ein physiologisches Minimum herabzusetzen~.
Für die ~schnelle Beseitigung~ einer bereits eingetretenen ~Ermüdung~
während der Dauer einer Leibesübung eignet sich am besten der ~Zucker~,
wahrscheinlich deswegen, weil er am schnellsten verdaut wird.
Leibesübungen ~steigern~ in jedem Falle ~die Körpertemperatur~ und zwar
erheblich stärker in der Peripherie, als im Körperinnern. Die periphere
Erwärmung der Extremitätenmuskeln befördert den Stoffwechselumsatz und
damit die Arbeitsleistung. Die Muskeln leisten daher zu Anfang weniger,
als wenn sie 10-15 Minuten gearbeitet, und damit einen Kalorienzuwachs
von ca. 50 Kalorien erfahren haben.
Auf die näheren Wärmeverhältnisse während des Trainings komme ich später
erst zurück, hier sei nur die Tatsache der Erhöhung der Arbeitsleistung
durch Erhöhung der Wärmeproduktion bei den Uebungen festgelegt.
Bezüglich der Trainingdiät sei weiter gesagt, daß es nun nicht allein
auf den genügenden Stoffersatz ankommt, sondern auch darauf, ~daß
möglichst wenig Ermüdungstoffe entstehen~, und wofern sie entstanden
sind, ~leicht zum Export gelangen~. Nach den praktischen Erfahrungen hat
sich eine harnsäurefreie, reizlose und mehr feste Ernährung
herausgestellt als diejenige, die am wenigsten zur Ermüdung disponiert,
und bei der die Ermüdung am schnellsten überwunden wird. Die Nahrung
darf ~nicht heiß~ genossen werden, und nicht in größerer Menge, als vom
Körper ~mit Leichtigkeit~ vollständig verbrannt werden kann.