9. Wirkung der Leibesübungen auf die Sinnesorgane.

Durch die Sinne tritt der einzelne Mensch in Verbindung zur Außenwelt

und zu seinen Mitmenschen. Er empfängt die ersten Eindrücke durch

dieselben. Er riecht die Blumen vermöge des Geruchsinnes, er schmeckt

den Honig durch den Geschmacksinn, er sieht die Farben und Formen

mittels des Lichtsinnes, er hört Geräusche und Töne mittels des

Gehörsinnes, er tastet und orientiert sich im Raum mittels des

Hautsinnes. Das, was der einzelne Sinn beobachtet und erfahren hat, das

setzt er sich im Gehirn wieder zusammen und schafft sich vom Gesehenen,

Gehörten, Geschmeckten etc. geistige Bilder, die um so ausgeprägter im

Gedächtnis bleiben, je präziser und je feiner die Sinne beobachtet

haben. Hat das Gehirn einen gewissen Vorrat von Sinnesbildern

aufgespeichert, so kann es auch ohne Hilfe der Sinne sich Dinge

vorstellen, welche ihm nur geistig z. B. durch Erzählen vorgeführt

werden. Diese geistige Hervorbringung der Gedächtnisbilder ist aber nur

eine Reproduktion und Kombination der vorhandenen Sinnesbilder. ~Ohne

Sinnesbild kein geistiges Anschauungsbild~, kein Erinnerungsbild, kein

Urteilbild, kein Vergleichsfeld, kein Phantasiebild, kein Begriffsbild.

Umgekehrt, je feiner und sorgfältiger, je detaillierter und nüanzierter

das Sinnesbild, um so besser und ausgeprägter auch alle Arten der

geistigen Bilder. Zunächst muß man daher ~selbständig beobachten~

lernen, dann lernt man auch ~selbständig denken~ und wird ~geistig

stark~, im anderen Fall aber geistig schwach und nervös.

Außer dem Denkvermögen besitzt nun das Gehirn noch ein ~Gefühls~- und

ein ~Triebleben~. Denken, Fühlen und Wollen sind die drei

Haupteigenschaften desjenigen, was wir als Seele bezeichnen.

Die Gefühle benennen wir nach den Quellen, aus denen sie entspringen,

als Schönheits-, Wahrheits-, moralische und religiöse Gefühle.

Das ~Schönheitsgefühl~ entspringt der Wahrnehmung der Sinne. Die

feinsinnige Nase riecht Dinge, welche der stumpfsinnigen verborgen

bleiben; jene kann auch größere Geruchsmengen genauer beurteilen als

diese, kurzum, sie hat höhere Kraft und größere Leistungsfähigkeit, und

wird dementsprechend die Grenzen für Wohlgeruch und Ekel anders ziehen.

Ein gleiches Verhältnis hat für den Geschmacks-, den Haut-, den Gehör-,

den Augensinn statt.

Das ungebildete, stumpfe Ohr kann Unreinheit und Reinheit der Töne

weniger unterscheiden und beurteilen als das feinhörige, das stumpfe

Auge sieht weniger weit und detailliert inbezug auf Form und Farbe als

das feinsinnige, und kann weniger Licht verarbeiten.

~Je geübter die Sinnesorgane sind, desto mehr Kraft können sie in jeder

Beziehung entwickeln, und desto mehr wird das Schönheitsgefühl

vertieft~. Je vertiefter aber dasselbe ist, um so mehr schöne Handlungen

werden demselben entspringen. Ebenso wie die Sinne kann aber auch der

Geist das Schönheitsgefühl hervorrufen. Durch den Reichtum der

Darstellung und der Formen wird er uns für Schönheit begeistern.

~Die Kraft der Sinnesorgane und die Größe der Denkkraft bedingt demnach

die Vertiefung des Schönheitsgefühls~.

Dem Schönheitsgefühl ist das Gefühl für ~Wahrheit~ verwandt. Je genauer

eine malerische, architektonische, musikalische, rednerische etc.

Komposition die Haupt- und Nebenmomente trifft, um so lebenswahrer ist

sie, und desto lebhafter empfinden wir das Gefühl der Wahrheit. Dasselbe

kann aber auch rein geistiger Natur sein. Je eingehender wir einen

Gegenstand geistig durchdringen, je genauer wir Licht und Schattenseiten

erkennen, um so näher kommen wir der Wahrheit, um so mächtiger wird das

Lustgefühl für die Wahrheit in uns lebendig. ~Je größer also die

Denkkraft, um so intensiver das Gefühl für Wahrheit~. Je tiefer das

Wahrheitsgefühl ist, um so mehr wahre Handlungen entspringen demselben.

Aehnliches gilt auch für die sogenannten ~moralischen Gefühle~.

Betrachtet man das Aeußere des Tieres, der Pflanze oder schließlich des

Menschen, so kann im Menschen das ~Gefühl der Schönheit~ entstehen,

ergründet man die Lebensbedingungen der Wesen, so kann in uns das

~Gefühl der Wahrheit~ hervorgerufen werden, bringt man die

Lebensbedingungen der Wesen mit der Außenwelt der organischen und

unorganischen Natur in ordnende Verbindung, gibt man denselben

entsprechend ihrer erkannten Natur und Zweckmäßigkeit den richtigen

Platz, die gebührende Rücksicht und Pflege, so entsteht in uns das

~moralische Gefühl~; wir fühlen, daß wir unsere Pflicht tun möchten.

~Jede~ Tätigkeit unseres Organismus, jede beabsichtigte oder

unbeabsichtigte Handlung des Menschen steht aber entweder in Harmonie

oder Disharmonie mit den natürlichen Lebensbedingungen unserer selbst,

sowie aller anderen Organismen, ist also schon aus sich entweder

moralisch oder unmoralisch. Wir haben also die Pflicht, die Erkenntnis

dieser Lebensbedingungen in uns zu fördern, damit wir ihre

Zweckmäßigkeit erfahren. Diese Erkenntnis wird uns aber, wie wir gesehen

haben, in erster Linie durch unsere Sinne.

Die Schulung, resp. ~Veredelung der Sinne~ ist daher für die Erzeugung

einer gesunden Moral Voraussetzung. Pervers gerichtete Sinne bringen

auch eine perverse Moral hervor. Unser jetziges Kulturleben mit seinen

Perversitäten bezeugt dies.

In abnormer und übertriebener Weise wird das Sinnesleben der modernen

Menschen beansprucht, daher vorzeitig verbraucht und falsch gerichtet.

Was Wunder, daß Irrenhaus und Zuchthaus so bevölkerte Sammelplätze aller

derjenigen Personen geworden sind, deren Denk- und Handlungsweise so

sehr vom normalen abweicht, daß sie zur Gefahr für ihre Umgebung werden!

~Nur auf dem Wege der Gesundung und Gesunderhaltung der Sinne wird man

auch einen Gesundheitszustand der Moral erhalten~.

Dasselbe, was ich vom Schönheits-, Wahrheits- und moralischen Gefühl

gesagt habe, gilt von jeder Art des Gefühls, z. B. auch von dem

religiösen Gefühl, d. h. demjenigen Gefühl, welches uns in ein

bestimmtes ~persönliches~ Verhältnis zur Gottheit bringt.

Wie das Gefühl auch immer heißen mag, in jedem Fall wird dasselbe durch

die Kraft des Geistes vertieft.

~Nicht minder abhängig, als die Denk- und Fühlkraft der Seele von den

Sinnen ist, ist auch das Triebleben oder die Willenskraft von

denselben~.

Die geschulten Sinne melden früher und intensiver die Verunreinigung von

Wasser, Luft, Speisen etc. an als stumpfe Sinne, erzeugen demnach ein

viel lebhafteres ~Empfinden der energischen Abwehr~. Ebenso steigert

eine vertiefte Erkenntnis die Energie des Willens.

~Die Kraft der Sinnesorgane kann aber durch Leibesübungen erheblich

gesteigert werden~, wofern man nur jegliche ~einseitige~ Uebung eines

Sinnes ~vermeidet~, wofern man den richtigen ~Wechsel~ von Ruhe und

Arbeit der Sinnesorgane berücksichtigt und schließlich jegliche

~Uebermüdung~ der Organe ~ausschaltet~.

Die Sinnesorgane haben im wesentlichen ihren Sitz im Kopf und in der

Haut. ~Alle diejenigen Uebungen, welche eine Erholung des Kopfes und des

Hautorgans bewirken, werden auch die Sinnesorgane erfrischen~.

[Abbildung: Tafel II.

Fig. 8. Passive Kopfdrehung.

Fig. 9. Passives Auseinander- und Zusammenführen der Arme. (Künstliche

Atmung.)]

Ein wichtiges Moment, das bei der Uebung der Sinnesorgane beachtet

werden muß, ist, daß man den betreffenden Sinn nicht nur vielseitig

methodisch übt, sondern auch stets rechtzeitig ~ruhen~ läßt. Will man z.

B. das Fernsehen des Auges üben, so tut man gut, daß man den in der

Ferne zu schauenden Gegenstand zunächst nach Form, Farbe etc. ganz genau

aussieht, die Augen darauf schließt, und geistig sich das Gesehene

veranschaulicht. Hat man diese geistige Photographie in allen Nuancen

dem Gedächtnis einverleibt, so erweitert man die Entfernung.

Nachdem man durch Schließen der Augen denselben die nötige Ruhe

verschafft hat, besieht man mit dem erholten gekräftigten Sehorgan aus

weiterer Entfernung, sucht alle Details des Erinnerungsbildes unter

abwechselndem Schließen und Oeffnen der Augen wiederholt zu schauen. So

lernt das Auge methodisch das Fernsehen, auf ähnliche Weise trainiert

man dasselbe im Farben- und Perspektivsehen etc.

[Abbildung: Tafel III.

Fig. 10. Oeffnen und Schließen der Beine als Widerstandsbewegung.

Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft · 第 28 / 72 题