Durch die Sinne tritt der einzelne Mensch in Verbindung zur Außenwelt
und zu seinen Mitmenschen. Er empfängt die ersten Eindrücke durch
dieselben. Er riecht die Blumen vermöge des Geruchsinnes, er schmeckt
den Honig durch den Geschmacksinn, er sieht die Farben und Formen
mittels des Lichtsinnes, er hört Geräusche und Töne mittels des
Gehörsinnes, er tastet und orientiert sich im Raum mittels des
Hautsinnes. Das, was der einzelne Sinn beobachtet und erfahren hat, das
setzt er sich im Gehirn wieder zusammen und schafft sich vom Gesehenen,
Gehörten, Geschmeckten etc. geistige Bilder, die um so ausgeprägter im
Gedächtnis bleiben, je präziser und je feiner die Sinne beobachtet
haben. Hat das Gehirn einen gewissen Vorrat von Sinnesbildern
aufgespeichert, so kann es auch ohne Hilfe der Sinne sich Dinge
vorstellen, welche ihm nur geistig z. B. durch Erzählen vorgeführt
werden. Diese geistige Hervorbringung der Gedächtnisbilder ist aber nur
eine Reproduktion und Kombination der vorhandenen Sinnesbilder. ~Ohne
Sinnesbild kein geistiges Anschauungsbild~, kein Erinnerungsbild, kein
Urteilbild, kein Vergleichsfeld, kein Phantasiebild, kein Begriffsbild.
Umgekehrt, je feiner und sorgfältiger, je detaillierter und nüanzierter
das Sinnesbild, um so besser und ausgeprägter auch alle Arten der
geistigen Bilder. Zunächst muß man daher ~selbständig beobachten~
lernen, dann lernt man auch ~selbständig denken~ und wird ~geistig
stark~, im anderen Fall aber geistig schwach und nervös.
Außer dem Denkvermögen besitzt nun das Gehirn noch ein ~Gefühls~- und
ein ~Triebleben~. Denken, Fühlen und Wollen sind die drei
Haupteigenschaften desjenigen, was wir als Seele bezeichnen.
Die Gefühle benennen wir nach den Quellen, aus denen sie entspringen,
als Schönheits-, Wahrheits-, moralische und religiöse Gefühle.
Das ~Schönheitsgefühl~ entspringt der Wahrnehmung der Sinne. Die
feinsinnige Nase riecht Dinge, welche der stumpfsinnigen verborgen
bleiben; jene kann auch größere Geruchsmengen genauer beurteilen als
diese, kurzum, sie hat höhere Kraft und größere Leistungsfähigkeit, und
wird dementsprechend die Grenzen für Wohlgeruch und Ekel anders ziehen.
Ein gleiches Verhältnis hat für den Geschmacks-, den Haut-, den Gehör-,
den Augensinn statt.
Das ungebildete, stumpfe Ohr kann Unreinheit und Reinheit der Töne
weniger unterscheiden und beurteilen als das feinhörige, das stumpfe
Auge sieht weniger weit und detailliert inbezug auf Form und Farbe als
das feinsinnige, und kann weniger Licht verarbeiten.
~Je geübter die Sinnesorgane sind, desto mehr Kraft können sie in jeder
Beziehung entwickeln, und desto mehr wird das Schönheitsgefühl
vertieft~. Je vertiefter aber dasselbe ist, um so mehr schöne Handlungen
werden demselben entspringen. Ebenso wie die Sinne kann aber auch der
Geist das Schönheitsgefühl hervorrufen. Durch den Reichtum der
Darstellung und der Formen wird er uns für Schönheit begeistern.
~Die Kraft der Sinnesorgane und die Größe der Denkkraft bedingt demnach
die Vertiefung des Schönheitsgefühls~.
Dem Schönheitsgefühl ist das Gefühl für ~Wahrheit~ verwandt. Je genauer
eine malerische, architektonische, musikalische, rednerische etc.
Komposition die Haupt- und Nebenmomente trifft, um so lebenswahrer ist
sie, und desto lebhafter empfinden wir das Gefühl der Wahrheit. Dasselbe
kann aber auch rein geistiger Natur sein. Je eingehender wir einen
Gegenstand geistig durchdringen, je genauer wir Licht und Schattenseiten
erkennen, um so näher kommen wir der Wahrheit, um so mächtiger wird das
Lustgefühl für die Wahrheit in uns lebendig. ~Je größer also die
Denkkraft, um so intensiver das Gefühl für Wahrheit~. Je tiefer das
Wahrheitsgefühl ist, um so mehr wahre Handlungen entspringen demselben.
Aehnliches gilt auch für die sogenannten ~moralischen Gefühle~.
Betrachtet man das Aeußere des Tieres, der Pflanze oder schließlich des
Menschen, so kann im Menschen das ~Gefühl der Schönheit~ entstehen,
ergründet man die Lebensbedingungen der Wesen, so kann in uns das
~Gefühl der Wahrheit~ hervorgerufen werden, bringt man die
Lebensbedingungen der Wesen mit der Außenwelt der organischen und
unorganischen Natur in ordnende Verbindung, gibt man denselben
entsprechend ihrer erkannten Natur und Zweckmäßigkeit den richtigen
Platz, die gebührende Rücksicht und Pflege, so entsteht in uns das
~moralische Gefühl~; wir fühlen, daß wir unsere Pflicht tun möchten.
~Jede~ Tätigkeit unseres Organismus, jede beabsichtigte oder
unbeabsichtigte Handlung des Menschen steht aber entweder in Harmonie
oder Disharmonie mit den natürlichen Lebensbedingungen unserer selbst,
sowie aller anderen Organismen, ist also schon aus sich entweder
moralisch oder unmoralisch. Wir haben also die Pflicht, die Erkenntnis
dieser Lebensbedingungen in uns zu fördern, damit wir ihre
Zweckmäßigkeit erfahren. Diese Erkenntnis wird uns aber, wie wir gesehen
haben, in erster Linie durch unsere Sinne.
Die Schulung, resp. ~Veredelung der Sinne~ ist daher für die Erzeugung
einer gesunden Moral Voraussetzung. Pervers gerichtete Sinne bringen
auch eine perverse Moral hervor. Unser jetziges Kulturleben mit seinen
Perversitäten bezeugt dies.
In abnormer und übertriebener Weise wird das Sinnesleben der modernen
Menschen beansprucht, daher vorzeitig verbraucht und falsch gerichtet.
Was Wunder, daß Irrenhaus und Zuchthaus so bevölkerte Sammelplätze aller
derjenigen Personen geworden sind, deren Denk- und Handlungsweise so
sehr vom normalen abweicht, daß sie zur Gefahr für ihre Umgebung werden!
~Nur auf dem Wege der Gesundung und Gesunderhaltung der Sinne wird man
auch einen Gesundheitszustand der Moral erhalten~.
Dasselbe, was ich vom Schönheits-, Wahrheits- und moralischen Gefühl
gesagt habe, gilt von jeder Art des Gefühls, z. B. auch von dem
religiösen Gefühl, d. h. demjenigen Gefühl, welches uns in ein
bestimmtes ~persönliches~ Verhältnis zur Gottheit bringt.
Wie das Gefühl auch immer heißen mag, in jedem Fall wird dasselbe durch
die Kraft des Geistes vertieft.
~Nicht minder abhängig, als die Denk- und Fühlkraft der Seele von den
Sinnen ist, ist auch das Triebleben oder die Willenskraft von
denselben~.
Die geschulten Sinne melden früher und intensiver die Verunreinigung von
Wasser, Luft, Speisen etc. an als stumpfe Sinne, erzeugen demnach ein
viel lebhafteres ~Empfinden der energischen Abwehr~. Ebenso steigert
eine vertiefte Erkenntnis die Energie des Willens.
~Die Kraft der Sinnesorgane kann aber durch Leibesübungen erheblich
gesteigert werden~, wofern man nur jegliche ~einseitige~ Uebung eines
Sinnes ~vermeidet~, wofern man den richtigen ~Wechsel~ von Ruhe und
Arbeit der Sinnesorgane berücksichtigt und schließlich jegliche
~Uebermüdung~ der Organe ~ausschaltet~.
Die Sinnesorgane haben im wesentlichen ihren Sitz im Kopf und in der
Haut. ~Alle diejenigen Uebungen, welche eine Erholung des Kopfes und des
Hautorgans bewirken, werden auch die Sinnesorgane erfrischen~.
[Abbildung: Tafel II.
Fig. 8. Passive Kopfdrehung.
Fig. 9. Passives Auseinander- und Zusammenführen der Arme. (Künstliche
Atmung.)]
Ein wichtiges Moment, das bei der Uebung der Sinnesorgane beachtet
werden muß, ist, daß man den betreffenden Sinn nicht nur vielseitig
methodisch übt, sondern auch stets rechtzeitig ~ruhen~ läßt. Will man z.
B. das Fernsehen des Auges üben, so tut man gut, daß man den in der
Ferne zu schauenden Gegenstand zunächst nach Form, Farbe etc. ganz genau
aussieht, die Augen darauf schließt, und geistig sich das Gesehene
veranschaulicht. Hat man diese geistige Photographie in allen Nuancen
dem Gedächtnis einverleibt, so erweitert man die Entfernung.
Nachdem man durch Schließen der Augen denselben die nötige Ruhe
verschafft hat, besieht man mit dem erholten gekräftigten Sehorgan aus
weiterer Entfernung, sucht alle Details des Erinnerungsbildes unter
abwechselndem Schließen und Oeffnen der Augen wiederholt zu schauen. So
lernt das Auge methodisch das Fernsehen, auf ähnliche Weise trainiert
man dasselbe im Farben- und Perspektivsehen etc.
[Abbildung: Tafel III.
Fig. 10. Oeffnen und Schließen der Beine als Widerstandsbewegung.