Fragen wir uns weiter, ~wie wirken Leibesübungen auf das Nervensystem~?
Die Leibesübungen sind im Gegensatz zu den Reflexbewegungen (das sind
diejenigen Bewegungen, die selbsttätig durch Erregung von den
Empfindungsnerven hervorgerufen werden) gewollte, also dem Einfluß des
~Willens~ unterworfen. Der Willenreiz kommt im ~Gehirn~ zur Geltung.
Das Gehirn schickt den Reiz durch die ~periphere Nervenleitung~ zum
Endorgan, also zum Muskel, der durch Zusammenziehung seinen Gehorsam
beweist. Das ~Gehirn~ hat demnach bei Leibesübungen ~Arbeit~ zu leisten,
die mit der Zahl der Erregungen wächst. Alle Bewegungen, die wir
ausführen, sind ~(tetanische) anhaltende Bewegungen~, die eine Reihe von
Reizen in schneller Aufeinanderfolge und zwar, wie ~Helmholtz~ gezeigt
hat, ca. 20 in 1 Sekunde erfordern. Mit der Zahl der Reize steigert sich
auch die Kraft der Einzelkontraktion. Je stärker der Reiz, desto
schneller zieht sich der Muskel zusammen. Ein ermüdeter Muskel ist nur
durch starke Reize noch zur Arbeit zu bewegen.
„~Die vom Gehirn geleistete Arbeit ist daher um so größer, je länger die
Kontraktion dauert, je größer die Kraftleistung des Muskels ist und je
schneller die Bewegungen ausgeführt werden~.” Bei allen Bewegungen, die
wir ausführen, ist nicht ein Muskel, sondern sind ~Muskelgruppen~ zu
bewegen. Das Gehirn muß zu allen Muskeln nicht nur Bewegungsreize
schicken, sondern sie auch in ~richtiger Reihenfolge~ und in bestimmter
~Abstufung~ wirken lassen. Diese ordnende Tätigkeit des Gehirns
bezeichnet man als ~Koordination~. Man unterscheidet bei der
Koordination einer Bewegung dreierlei Arten von Muskeltätigkeit.
1. Die ~eigentliche kraftleistende~ Bewegung („Impulsive
Muskel-Association” Duchenne),
2. Die ~mäßigende~ Bewegung („Moderatorische Muskel-Association”
Duchenne),
3. die ~statische oder haltende~ Tätigkeit („Kollaterale Association”
Duchenne.)
Jede dieser Arten kann in den Vordergrund treten, z. B. bei den
~Gleichgewichtsübungen~ die haltende oder die mäßigende bei den
~Handfertigkeiten~, ebenso wie bei der Tätigkeit, der an der
Stimmbildung oder bei der Mimik beteiligten Muskeln, kurzum bei der
Tätigkeit aller nahe zusammengelegener und zusammengehörender Muskeln.
Müssen Muskeltätigkeiten koordiniert werden, welche größere Teile des
Skeletts bewegen, so daß ~große, weit entlegene Muskelbezirke
gleichzeitig in Anspruch~ genommen werden, so spricht man von
~Geschicklichkeitsübungen~, wie wir sie beim Frei- und besonders beim
deutschen Gerätturnen haben.
Je verwickelter eine Bewegung, desto schwieriger ist auch die
Koordination und desto größer die vom Gehirn zu leistende Arbeit.
Letztere kann jedoch durch Uebung auf ein Minimum herabgesetzt werden,
wenn die Bewegung „~mechanisiert~” worden ist, d. h. wenn im
Zentralorgan von der auszuführenden Bewegung ein ~deutliches
Erinnerungsbild~ entstanden ist. Bei der ~Erlernung~ einer jeden neuen
Bewegung wird nun unnötig viel ~Kraft verschwendet~. Steifheit der
Bewegung und Mitbewegungen offenbaren das Ungeübtsein. Ist dagegen die
Bewegung ~mechanisiert~, so geschieht sie leicht und zweckentsprechend,
damit wird sie aber ~kraftsparend und schön~.
Unser ~deutsches Turnen~ schult aber vorzugsweise die Geschicklichkeit,
ist also eine Schule der Koordination; es ist in der Hauptsache eine
~Nerven- und dann erst eine Muskelgymnastik~. Die Koordinationsaufgaben
müssen eine systematische Uebungsfolge haben, so daß jede des
Kraftaufwandes eine Steigerung erfährt, sobald die vorangehende erlernt
ist. Je größer im Zentralnervensystem die Zahl der Erinnerungsbilder
vielfacher Bewegungen ist, desto besser wird die Koordinationsfähigkeit
auch für bisher unbekannte Bewegungen, desto sicherer wird die
Beherrschung des Körpers in allen Lagen.
Unser deutsches Turnen genügt aber nicht für alle Seiten der
Nervengymnastik. Eine wohlkoordinierte Bewegung erfordert
Ueberlegungszeit wie jeder andere Denkakt. Die vorhergehende
Koordination wird bei den sogenannten ~Aufmerksamkeitsübungen~ geschult,
zu welchen wir die Ordnungsübungen und den Reigen rechnen. Ihr
Uebungswert für die Muskeln, für Stoffwechsel, Atmung und Kreislauf ist
ein minimaler, dagegen ein maximaler für das Gehirn. Deshalb soll man
Menschen, deren geistige Tätigkeit sowieso hohe Ansprüche an die
Aufmerksamkeit stellt, mit diesen Uebungen verschonen, um ihr Gehirn
nicht zu überlasten. Die Gerätübungen genügen zur Schulung der
Aufmerksamkeit allermeist.
Anders liegen die Verhältnisse für die Ausbildung der ~plötzlichen
Koordination~.
Im Leben geschehen oft genug Ereignisse, wo man auch schnellste
Bewegungen ausführen muß, bei denen man zuvor nicht überlegen kann. Es
kommt nicht darauf an, ~wie~ die Bewegung ausgeführt, ob ordentlich oder
unordentlich, sondern nur, daß ~aufs schnellste~ der tatsächliche Zweck
erreicht ist. Ich erinnere nur an die Wichtigkeit, welche das schnellste
und sicherste Ueberwinden von Hindernissen in der heutigen Kriegführung
hat. Die Schnelligkeit der Ausführung der Bewegung ist abhängig von der
Schnelligkeit der Innervation und ihre Uebung ein wesentlicher Teil der
Nervengymnastik, die in einer harmonischen Leibeserziehung nicht
vernachlässigt werden darf.
Diese Art der Nervenübung erzeugt Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit
und heißt ~Schlagfertigkeitsübung~. Solche Schlagfertigkeitsübungen sind
die Lauf- und Ballspiele sowie Kampfspiele, das Fechten, Boxen und
besonders auch das Ringen. Die Schlagfertigkeitsübungen stellen hohe
Anforderungen an die Gehirntätigkeit und die übrige Nervenkraft, sie
dürfen daher nur von Nervenstarken, nicht von Neurasthenikern oder
sonstigen Nervenkranken ausgeübt werden. Für die letzteren sind die
~automatischen oder halbautomatisch~ ausgeführten Bewegungen ~Erholung~.
Von hohem Einfluß ist die ~Psyche~ bei der Nervengymnastik.
Nacktsein während der Uebung, freundliches Wetter, muntere Gesellschaft,
ein lustiges Lied etc. sind Unterstützungsmittel des Nerventraining.
Die Nerventätigkeit geht natürlich mit dem Stoffverbrauch Hand in Hand.
Da derselbe während der Tätigkeit nicht schnell genug gedeckt werden
kann, so erschöpft sich der Energievorrat. Das Nervensystem bedarf, um
Ersatz zu schaffen, Ruhe. ~Ist bei regelmäßiger Wiederkehr der
Ermüdungstätigkeit die Erholung stets eine vollkommene, so wächst die
Leistungsfähigkeit, es lernt, weniger schnell zu ermüden~.
Besteht jedoch ein ~Mißverhältnis von Nervenanspannung und Erholung~, so
entstehen vorzeitige Ermüdung, Nervosität, Neurasthenie und andere
Nervenkrankheiten. Daran wird auch nichts durch den Gebrauch von
künstlichen Anregungsmitteln des Arzneischatzes oder der Genußmittel
geändert. Vorübergehend wird zwar eine erhöhte Nerventätigkeit erzielt,
aber nur, damit nachher die Erschlaffung um so größer wird.
Daß ~Leibesübungen tatsächlich die Geistesermüdung beseitigen~, dafür
spricht die tägliche Erfahrung, ~von Ziemßen~ äußert sich darüber
folgendermaßen: „Die Erfrischung und Erholung des angestrengten
Nervensystems wird am besten durch körperliche Arbeit bewirkt; die
körperliche Arbeit muß an Stelle der geistigen treten, die Glieder
müssen sich rühren, während der Kopf ausruht.”[3] Leibesübungen
verlangen zwar von dem ermüdeten Gehirn eine neue Arbeitstätigkeit, aber
sie nehmen andre Gehirnteile in Anspruch, wofern es nicht
Aufmerksamkeitsübungen sind. Sie wirken trotzdem erholend, weil
Muskeltätigkeit, wie wir gesehen haben, die Blutzirkulation beschleunigt
und dadurch die Ermüdungsstoffe fortschwemmt und die ermüdeten Hirnteile
häufiger mit sauerstoffreichem Blute durchspült.
[3] Siehe auch Forel, Prof. Dr. Hygiene der Nerven und des Geistes im
gesunden und kranken Zustande. Brosch. 2.50. Verlag von Ernst Heinrich
Moritz, Stuttgart.
Nun hat ~Mosso~ auf Grund seiner mit dem Ergographen gemessenen
Leistungsfähigkeit der Muskeln, welche er nach intensiver Geistesarbeit
erheblich herabgesetzt fand, behauptet, daß es physiologisch falsch
wäre, Geisteserholung durch körperliche Uebungen schaffen zu
wollen, weil die Muskelanstrengung nach Geistesanstrengung den
Erschöpfungszustand des Gehirns nur steigere. Aber ~Mossos~ eigene
Versuche widerlegen diese Behauptung. Denn nur ~nach mehrstündiger,
übermäßiger Geistesanstrengung~ war die körperliche Leistungsfähigkeit
~herabgesetzt~, dagegen nach ~mäßiger~ Geistestätigkeit ~erhöht~. Mäßige
körperliche Anstrengung erholt, übermäßige erschöpft das Gehirn.
Daß der ~Wechsel von körperlicher und geistiger Arbeit erholend~ wirkt,
wird leicht verständlich, wenn wir die Erfahrungen des täglichen Lebens
uns zu Nutze machen. Sehen wir nicht angestrengt geistig Tätige sich
Erholung verschaffen durch andere geistige Arbeit, z. B. Musik-,
Schach-, Karten- und andere Erholungsspiele? In jedem Fall wird der
psychische Apparat gebraucht, aber stets ein anderer Abschnitt
desselben, so daß der zuvor tätige sich erholt, wenn der nächstfolgende
arbeitet. Um wie viel größer muß die Erholung des Gehirns sein, wenn man
nicht nur einzelne Teile desselben, sondern deren Summe untätig sein
läßt durch körperliche Uebungen. ~Zuntz~ urteilt darüber: „~Die
Muskeltätigkeit richtig dosiert, liefert dem Zentralnervensystem durch
ihre Stoffwechselprodukte die wirksamsten Narkotika, die einzigen,
welchen man auch bei dauerndem Gebrauche eine schädliche Wirkung nicht
nachsagen kann~.”
Man kann sowohl für die Nerven, als auch für die Muskeln ~zwei Arten der
Ermüdung~ unterscheiden, die normale (physiologische) und die krankhafte
(pathologische). Erstere tritt nach ~mäßigen~ geistigen oder
körperlichen Anstrengungen auf und kann durch Willensenergie und starke
äußere Eindrücke überwunden werden, um noch eine erhebliche
Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, dann aber folgt die zweite, für
welche eine weitere Kraftreserve nicht mehr vorhanden ist. Die
physiologische Ermüdung des Gehirns wird durch maßvolle
individualisierte Leibesübung am besten beseitigt. Die Ermüdungsstoffe,
die durch körperliche Tätigkeit erzeugt werden, wirken betäubend
(narkotisch), wie ~Mosso~ nachgewiesen hat, indem er das Blut eines
durch Arbeit erschöpften Hundes auf einen gesunden übertrug.
~Die physiologische Ermüdung muß nach dem Angeführten für das Training
benutzt werden. Je weiter man durch Uebung dieselbe hinausschieben
lernt, desto später wird die pathologische Ermüdung eintreten, d. h.
desto größer wird die absolute Leistungsfähigkeit~.