5. Wirkung der Leibesübung auf das Nervensystem.

Fragen wir uns weiter, ~wie wirken Leibesübungen auf das Nervensystem~?

Die Leibesübungen sind im Gegensatz zu den Reflexbewegungen (das sind

diejenigen Bewegungen, die selbsttätig durch Erregung von den

Empfindungsnerven hervorgerufen werden) gewollte, also dem Einfluß des

~Willens~ unterworfen. Der Willenreiz kommt im ~Gehirn~ zur Geltung.

Das Gehirn schickt den Reiz durch die ~periphere Nervenleitung~ zum

Endorgan, also zum Muskel, der durch Zusammenziehung seinen Gehorsam

beweist. Das ~Gehirn~ hat demnach bei Leibesübungen ~Arbeit~ zu leisten,

die mit der Zahl der Erregungen wächst. Alle Bewegungen, die wir

ausführen, sind ~(tetanische) anhaltende Bewegungen~, die eine Reihe von

Reizen in schneller Aufeinanderfolge und zwar, wie ~Helmholtz~ gezeigt

hat, ca. 20 in 1 Sekunde erfordern. Mit der Zahl der Reize steigert sich

auch die Kraft der Einzelkontraktion. Je stärker der Reiz, desto

schneller zieht sich der Muskel zusammen. Ein ermüdeter Muskel ist nur

durch starke Reize noch zur Arbeit zu bewegen.

„~Die vom Gehirn geleistete Arbeit ist daher um so größer, je länger die

Kontraktion dauert, je größer die Kraftleistung des Muskels ist und je

schneller die Bewegungen ausgeführt werden~.” Bei allen Bewegungen, die

wir ausführen, ist nicht ein Muskel, sondern sind ~Muskelgruppen~ zu

bewegen. Das Gehirn muß zu allen Muskeln nicht nur Bewegungsreize

schicken, sondern sie auch in ~richtiger Reihenfolge~ und in bestimmter

~Abstufung~ wirken lassen. Diese ordnende Tätigkeit des Gehirns

bezeichnet man als ~Koordination~. Man unterscheidet bei der

Koordination einer Bewegung dreierlei Arten von Muskeltätigkeit.

1. Die ~eigentliche kraftleistende~ Bewegung („Impulsive

Muskel-Association” Duchenne),

2. Die ~mäßigende~ Bewegung („Moderatorische Muskel-Association”

Duchenne),

3. die ~statische oder haltende~ Tätigkeit („Kollaterale Association”

Duchenne.)

Jede dieser Arten kann in den Vordergrund treten, z. B. bei den

~Gleichgewichtsübungen~ die haltende oder die mäßigende bei den

~Handfertigkeiten~, ebenso wie bei der Tätigkeit, der an der

Stimmbildung oder bei der Mimik beteiligten Muskeln, kurzum bei der

Tätigkeit aller nahe zusammengelegener und zusammengehörender Muskeln.

Müssen Muskeltätigkeiten koordiniert werden, welche größere Teile des

Skeletts bewegen, so daß ~große, weit entlegene Muskelbezirke

gleichzeitig in Anspruch~ genommen werden, so spricht man von

~Geschicklichkeitsübungen~, wie wir sie beim Frei- und besonders beim

deutschen Gerätturnen haben.

Je verwickelter eine Bewegung, desto schwieriger ist auch die

Koordination und desto größer die vom Gehirn zu leistende Arbeit.

Letztere kann jedoch durch Uebung auf ein Minimum herabgesetzt werden,

wenn die Bewegung „~mechanisiert~” worden ist, d. h. wenn im

Zentralorgan von der auszuführenden Bewegung ein ~deutliches

Erinnerungsbild~ entstanden ist. Bei der ~Erlernung~ einer jeden neuen

Bewegung wird nun unnötig viel ~Kraft verschwendet~. Steifheit der

Bewegung und Mitbewegungen offenbaren das Ungeübtsein. Ist dagegen die

Bewegung ~mechanisiert~, so geschieht sie leicht und zweckentsprechend,

damit wird sie aber ~kraftsparend und schön~.

Unser ~deutsches Turnen~ schult aber vorzugsweise die Geschicklichkeit,

ist also eine Schule der Koordination; es ist in der Hauptsache eine

~Nerven- und dann erst eine Muskelgymnastik~. Die Koordinationsaufgaben

müssen eine systematische Uebungsfolge haben, so daß jede des

Kraftaufwandes eine Steigerung erfährt, sobald die vorangehende erlernt

ist. Je größer im Zentralnervensystem die Zahl der Erinnerungsbilder

vielfacher Bewegungen ist, desto besser wird die Koordinationsfähigkeit

auch für bisher unbekannte Bewegungen, desto sicherer wird die

Beherrschung des Körpers in allen Lagen.

Unser deutsches Turnen genügt aber nicht für alle Seiten der

Nervengymnastik. Eine wohlkoordinierte Bewegung erfordert

Ueberlegungszeit wie jeder andere Denkakt. Die vorhergehende

Koordination wird bei den sogenannten ~Aufmerksamkeitsübungen~ geschult,

zu welchen wir die Ordnungsübungen und den Reigen rechnen. Ihr

Uebungswert für die Muskeln, für Stoffwechsel, Atmung und Kreislauf ist

ein minimaler, dagegen ein maximaler für das Gehirn. Deshalb soll man

Menschen, deren geistige Tätigkeit sowieso hohe Ansprüche an die

Aufmerksamkeit stellt, mit diesen Uebungen verschonen, um ihr Gehirn

nicht zu überlasten. Die Gerätübungen genügen zur Schulung der

Aufmerksamkeit allermeist.

Anders liegen die Verhältnisse für die Ausbildung der ~plötzlichen

Koordination~.

Im Leben geschehen oft genug Ereignisse, wo man auch schnellste

Bewegungen ausführen muß, bei denen man zuvor nicht überlegen kann. Es

kommt nicht darauf an, ~wie~ die Bewegung ausgeführt, ob ordentlich oder

unordentlich, sondern nur, daß ~aufs schnellste~ der tatsächliche Zweck

erreicht ist. Ich erinnere nur an die Wichtigkeit, welche das schnellste

und sicherste Ueberwinden von Hindernissen in der heutigen Kriegführung

hat. Die Schnelligkeit der Ausführung der Bewegung ist abhängig von der

Schnelligkeit der Innervation und ihre Uebung ein wesentlicher Teil der

Nervengymnastik, die in einer harmonischen Leibeserziehung nicht

vernachlässigt werden darf.

Diese Art der Nervenübung erzeugt Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit

und heißt ~Schlagfertigkeitsübung~. Solche Schlagfertigkeitsübungen sind

die Lauf- und Ballspiele sowie Kampfspiele, das Fechten, Boxen und

besonders auch das Ringen. Die Schlagfertigkeitsübungen stellen hohe

Anforderungen an die Gehirntätigkeit und die übrige Nervenkraft, sie

dürfen daher nur von Nervenstarken, nicht von Neurasthenikern oder

sonstigen Nervenkranken ausgeübt werden. Für die letzteren sind die

~automatischen oder halbautomatisch~ ausgeführten Bewegungen ~Erholung~.

Von hohem Einfluß ist die ~Psyche~ bei der Nervengymnastik.

Nacktsein während der Uebung, freundliches Wetter, muntere Gesellschaft,

ein lustiges Lied etc. sind Unterstützungsmittel des Nerventraining.

Die Nerventätigkeit geht natürlich mit dem Stoffverbrauch Hand in Hand.

Da derselbe während der Tätigkeit nicht schnell genug gedeckt werden

kann, so erschöpft sich der Energievorrat. Das Nervensystem bedarf, um

Ersatz zu schaffen, Ruhe. ~Ist bei regelmäßiger Wiederkehr der

Ermüdungstätigkeit die Erholung stets eine vollkommene, so wächst die

Leistungsfähigkeit, es lernt, weniger schnell zu ermüden~.

Besteht jedoch ein ~Mißverhältnis von Nervenanspannung und Erholung~, so

entstehen vorzeitige Ermüdung, Nervosität, Neurasthenie und andere

Nervenkrankheiten. Daran wird auch nichts durch den Gebrauch von

künstlichen Anregungsmitteln des Arzneischatzes oder der Genußmittel

geändert. Vorübergehend wird zwar eine erhöhte Nerventätigkeit erzielt,

aber nur, damit nachher die Erschlaffung um so größer wird.

Daß ~Leibesübungen tatsächlich die Geistesermüdung beseitigen~, dafür

spricht die tägliche Erfahrung, ~von Ziemßen~ äußert sich darüber

folgendermaßen: „Die Erfrischung und Erholung des angestrengten

Nervensystems wird am besten durch körperliche Arbeit bewirkt; die

körperliche Arbeit muß an Stelle der geistigen treten, die Glieder

müssen sich rühren, während der Kopf ausruht.”[3] Leibesübungen

verlangen zwar von dem ermüdeten Gehirn eine neue Arbeitstätigkeit, aber

sie nehmen andre Gehirnteile in Anspruch, wofern es nicht

Aufmerksamkeitsübungen sind. Sie wirken trotzdem erholend, weil

Muskeltätigkeit, wie wir gesehen haben, die Blutzirkulation beschleunigt

und dadurch die Ermüdungsstoffe fortschwemmt und die ermüdeten Hirnteile

häufiger mit sauerstoffreichem Blute durchspült.

[3] Siehe auch Forel, Prof. Dr. Hygiene der Nerven und des Geistes im

gesunden und kranken Zustande. Brosch. 2.50. Verlag von Ernst Heinrich

Moritz, Stuttgart.

Nun hat ~Mosso~ auf Grund seiner mit dem Ergographen gemessenen

Leistungsfähigkeit der Muskeln, welche er nach intensiver Geistesarbeit

erheblich herabgesetzt fand, behauptet, daß es physiologisch falsch

wäre, Geisteserholung durch körperliche Uebungen schaffen zu

wollen, weil die Muskelanstrengung nach Geistesanstrengung den

Erschöpfungszustand des Gehirns nur steigere. Aber ~Mossos~ eigene

Versuche widerlegen diese Behauptung. Denn nur ~nach mehrstündiger,

übermäßiger Geistesanstrengung~ war die körperliche Leistungsfähigkeit

~herabgesetzt~, dagegen nach ~mäßiger~ Geistestätigkeit ~erhöht~. Mäßige

körperliche Anstrengung erholt, übermäßige erschöpft das Gehirn.

Daß der ~Wechsel von körperlicher und geistiger Arbeit erholend~ wirkt,

wird leicht verständlich, wenn wir die Erfahrungen des täglichen Lebens

uns zu Nutze machen. Sehen wir nicht angestrengt geistig Tätige sich

Erholung verschaffen durch andere geistige Arbeit, z. B. Musik-,

Schach-, Karten- und andere Erholungsspiele? In jedem Fall wird der

psychische Apparat gebraucht, aber stets ein anderer Abschnitt

desselben, so daß der zuvor tätige sich erholt, wenn der nächstfolgende

arbeitet. Um wie viel größer muß die Erholung des Gehirns sein, wenn man

nicht nur einzelne Teile desselben, sondern deren Summe untätig sein

läßt durch körperliche Uebungen. ~Zuntz~ urteilt darüber: „~Die

Muskeltätigkeit richtig dosiert, liefert dem Zentralnervensystem durch

ihre Stoffwechselprodukte die wirksamsten Narkotika, die einzigen,

welchen man auch bei dauerndem Gebrauche eine schädliche Wirkung nicht

nachsagen kann~.”

Man kann sowohl für die Nerven, als auch für die Muskeln ~zwei Arten der

Ermüdung~ unterscheiden, die normale (physiologische) und die krankhafte

(pathologische). Erstere tritt nach ~mäßigen~ geistigen oder

körperlichen Anstrengungen auf und kann durch Willensenergie und starke

äußere Eindrücke überwunden werden, um noch eine erhebliche

Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, dann aber folgt die zweite, für

welche eine weitere Kraftreserve nicht mehr vorhanden ist. Die

physiologische Ermüdung des Gehirns wird durch maßvolle

individualisierte Leibesübung am besten beseitigt. Die Ermüdungsstoffe,

die durch körperliche Tätigkeit erzeugt werden, wirken betäubend

(narkotisch), wie ~Mosso~ nachgewiesen hat, indem er das Blut eines

durch Arbeit erschöpften Hundes auf einen gesunden übertrug.

~Die physiologische Ermüdung muß nach dem Angeführten für das Training

benutzt werden. Je weiter man durch Uebung dieselbe hinausschieben

lernt, desto später wird die pathologische Ermüdung eintreten, d. h.

desto größer wird die absolute Leistungsfähigkeit~.

Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft · 第 25 / 72 题