Bei der ~Ausatmung~ (Exspiration) sind im wesentlichen diejenigen
Spannkräfte wirksam, welche während der Einatmung aufgespeichert worden
sind. Erschlaffen die Einatmungsmuskeln, so wirken einerseits die
Elastizität und die Eigenschwere des Brustkorbes und die Elastizität
der Lungen, andererseits die aktive Zusammenziehung der
Luftröhrenmuskulatur, welche nach ~Duchenne~ allein imstande ist, die
sauerstoffverbrauchte Luft aus den Enden des Luftröhrenbaumes
herauszupressen. Vergegenwärtigt man sich ferner, daß der Leibinhalt
durch die Darmgase einerseits und durch den Druck des herabgestiegenen
zusammengezogenen Zwerchfells und der gespannten Bauchmuskeln
andrerseits komprimiert ist, dadurch elastische Spannkräfte während der
Einatmung auch in der Bauchhöhle aufgespeichert werden, so ist es klar,
daß diese Spannkräfte während der Ausatmung frei werden müssen, um die
Schwerkraft des Zwerchfells zu überwinden. Die Erschlaffung der
Einatmungsmuskeln ist aber ebenso wie ihre Inanspruchnahme nicht nur
eine automatische unwillkürliche, sondern auch eine willkürliche. Wir
können die Bewegung der Ein- und Ausatmung fördern und hemmen, wir
können mehr oder weniger Willens- und Nervenkräfte für sie aufwenden,
das Atmungstraining demnach sowohl als Schule für die Lungen, als auch
der Baucheingeweide, als auch für das Herz- und Gefäßsystem, als auch
schließlich für die Nerven gebrauchen.
Auch die Ausatmung hat wie die Einatmung Reservemuskeln zur Verfügung,
die sie bei lautem Sprechen, beim Singen oder bei Atemnot während der
Ausatmung gebraucht, und zwar sind dies wiederum die ~Bauchmuskeln~, die
bei ruhiger Atmung wenig zur Geltung kommen. Fehlen dieselben jedoch
oder sind dieselben verkümmert, so kann ein einziger Hustenstoß bereits
Gefahr bringen. Es ist also die Bauchpresse, welche sowohl bei der
Einatmung wie bei der Ausatmung die aktive Rolle der Hilfsaktion
übernimmt, und zwar nehmen ihre einzelnen Muskeln in der Weise teil, daß
der breite Muskelgurt des queren Bauchmuskels während der Einatmung nur
dann aktiv wird, wenn sämtliche inspiratorische Hilfsmuskeln in Arbeit
sind und das Zwerchfell aufs äußerste zusammengezogen ist, um den Ball
der Baucheingeweide gegen die an der Kuppe bereits abgeflachte Wölbung
des erstarrten Zwerchfells anzupressen und die Rippen gewaltsam nach
außen zu heben, während der Ausatmung dagegen nur, wenn das Zwerchfell
bereits völlig erschlafft ist. Während für die forcierte Einatmung die
übrigen Bauchmuskeln nicht in Frage kommen, helfen bei der angestrebten
Ausatmung noch der innere und äußere schräge Bauchmuskel mit, welche die
Rippen nach abwärts ziehen.
Die ~Armbewegungen~, soweit sie den Arm vom Rumpf entfernen, dienen im
wesentlichen der ~Inspiration~, doch muß man dabei Acht haben, daß das
Zwerchfell nicht durch Aktivität der Bauchpresse in seiner Tätigkeit
eingeschränkt wird.
Die ~Beinbewegungen~, sofern sie mit aktivem Eingreifen der Bauchpresse
geschehen, dienen der ~Expiration~.
Für die mechanische tiefste Erweiterung des ~oberen
Brustkorbabschnittes~ mit Hebung des Brustbeins, wie wir sie beim Wogen
des weiblichen Busens durch Unterdrückung der Atmung in den unteren
Abschnitten wegen Korsettgebrauches finden, ist es gut die ~Exkursionen
im unteren Abschnitt~ durch Aufpressen der Hände zu beschränken, durch
welche Stellung der Arme gleichzeitig der Schultergürtel gehoben wird.
Dies kann einseitig und doppelseitig geschehen. (Einseitiges und
doppelseitiges Tiefatmen siehe Uebungstafel). Empfindet Jemand beim
forcierten Tief-, Ein- und Ausatmen ~Schwindel~, so darf nicht zu stark
forciert werden.
~Passiverweiterungen~ der Brusthöhle erreicht man durch ~Heben des
Schultergürtels~ und durch ~kräftiges Rückwärtsführen der
horizontalgestreckten Arme~. Dies kann durch Beihülfe eines Gymnasten
oder aber durch Hängen in Ringen, am Reck, an der Leiter etc. oder durch
~Biegungen der Wirbelsäule~ resp. des Rumpfes nach ~hinten und nach den
Seiten~, schließlich auch nach vorn geschehen.
~Die Uebung der exspiratorischen Hilfsmuskeln~ muß während der Einatmung
geschehen. Denn eine energische Zusammenziehung der Ausatmungsmuskeln
ist unmöglich, wenn die Baucheingeweide nicht energischen Widerstand
leisten. Das Zwerchfell darf also nicht nachgeben, dies erreicht man
leicht durch ~Kehlkopfverschluß~. Dies gilt jedoch nur für die spezielle
Schulung der exspir. Hilfsmuskeln.
Bei anderen Uebungen jeder Art soll nur die unregelmäßige und
oberflächliche Atmung bekämpft werden.
Dies erreicht man am sichersten, wenn man die Atmung ~rhythmisch~ und
~tief gestaltet~, und man diesen Atemtypus durch ~Kommando~ einübt.
Läßt man Beugen und Strecken als ~Selbsthemmungsbewegung~ ausführen, so
läßt man während des ~Beugens~ sowohl tief ein-, als auch tief ausatmen,
ebenso während der Streckung.
Bei einer ~Widerstandsbewegung~ dagegen läßt man während der ~Beugung~
tief einatmen, während der ~Streckung ausatmen~.
Die Einatmung erfolgt im allgemeinen am besten dann, wenn der Muskel
positive Arbeit leistet.
Bei allen Bewegungen, welche mit ~Erweiterung des Brustkorbes~
einhergehen, läßt man gleichzeitig ~ein~- nicht ausatmen.
Will man allein und einseitig die Hilfsmuskeln der Ausatmung üben, so
muß man ebenfalls die ~Einatmungsphase~ benutzen.
So ergeben sich die Regeln für die Atemschule von selbst.
~Jeder einzelne Akt der Atmung muß für sich methodisch geübt werden~,
die Einatmung, das Atemhalten, das Ausatmen und das Stufenatmen.
Derjenige Teil der Atmung, der dem Uebenden am schwersten ausführbar
ist, muß am meisten geübt werden. Nur so kommt man zu einer
vollständigen Beherrschung der Atemmuskeln.
~Dieser Atemgymnastik müssen Muskelübungen folgen~, welche Hals-,
Brust-, Schulter-, Bauch- und Rückenmuskeln kräftigen und ausdauernd
machen und schließlich durch Kräftigung aller Muskeln das Atembedürfnis
steigern. Denn eine zeitlang je nach dem Grade der Herrschaft, die wir
über unsere Lungen erlangt haben, können wir zwar den Atmungsprozeß
durch unsern Willen regulieren, dann aber tritt die ~Selbstregulation~
durch das Sauerstoffbedürfnis in Kraft. Letzteres aber können wir durch
Muskeltätigkeit erhöhen. ~Empfehlenswertes Training der Atemgymnastik
sind die Dauer- und Schnelligkeitsübungen~.
Ball- und andere Bewegungsspiele, Gehen, Marschieren, Laufen,
Bergsteigen, mäßiges Radfahren, Schlittschuhlaufen, Schwimmen und
Rudern. Jedoch darf keine der genannten Uebungen zur Kraftübung werden,
die ja durch die notwendige Pressung das Atmungsgeschäft hemmt.