52. Eine Weltkatastrophe.

»Wenn ich mir erlauben darf, auch eine Beobachtung meinerseits gemacht

zu haben,« begann John, als die Sannah sich vom Planeten des Grauens

entfernte, »so sehe ich dort einen andern schwarzen Erdball daherkommen,

sozusagen herabstürzen.«

»Das könnte uns gefährlich werden,« rief Schultze, in der von John

bezeichneten Richtung hinaussehend: »Es scheint in der Tat ein

Zusammenstoß zweier gewaltiger Körper bevorzustehen. Ich schätze Scheol

auf die zehnfache Größe der Erde, und der mit rasender Geschwindigkeit

auf ihn herabstürzende Weltkörper scheint nahezu ebensogroß.«

Der Lord sprach kein Wort, schaltete aber die Parallelkraft in vollster

Stärke ein und die Sannah entfernte sich mit Lichtgeschwindigkeit von

der bedrohlichen Stelle.

Auf einmal wurde es hell; ein Licht, wie von zehn Sonnen auf einmal,

erfüllte den Raum mit blendendem Glanze: Die beiden Weltkugeln waren auf

einandergeprallt und in weniger als einer Sekunde hatten sie sich zu

einer weißglühenden Masse vereinigt, von der flammende Stücke nach allen

Richtungen hinausgeschleudert wurden und Stichflammen von Millionen

Kilometer Höhe emporschlugen.

Alles Leben mit seinem grausigen Kampf mußte auf dem Scheol in einem

Augenblick vernichtet worden sein; aber den Insassen der Sannah drohte

das gleiche Schicksal: das Weltschiff war in glühende Gase gehüllt, eine

Stichflamme hatte es erreicht; gleichzeitig aber wurde es, wie von dem

Druck einer ungeheuerlichen Explosion emporgeschleudert mit einer

Geschwindigkeit, die alles übertraf, was sie bisher geleistet.

Durch und durch wurde das Fahrzeug erschüttert und eine Zeitlang lagen

alle, plötzlich zu Boden geschleudert, durcheinander. Nur Heliastra

schwebte in ihrer Leichtigkeit über dem Boden und half nun den

Gestürzten auf die Beine.

Jetzt erst ließ sich ein fürchterliches Krachen, Rollen und Donnern

vernehmen. Noch einmal erbebte die Sannah in allen Fugen, vom

erschütterten Weltstoff geschüttelt. Eine furchtbare Hitze entwickelte

sich in dem Antipodenzimmer und alle flüchteten auf Tod und Leben in die

innersten Räume des Fahrzeugs.

Hier war es noch auszuhalten, und die unausdenkbare Wucht, mit der das

Weltschiff von den zusammengeprallten Planeten fortgeschleudert wurde,

brachte es in kürzester Zeit aus dem Bereiche der Stichflamme, so daß es

sich allmählich wieder abkühlte, ohne ernstlichen Schaden genommen zu

haben.

»Wir haben eine Weltkatastrophe erlebt,« sagte nun Flitmore, »wie sie

gar nichts so Seltenes ist.«

»Allerdings,« bestätigte der Professor: »Seit uns der Fixsternhimmel

näher bekannt ist und man gelernt hat, auf derartige Erscheinungen zu

achten, hat man das Aufleuchten neuer Sterne öfters beobachten können.

Charakteristisch für diese Erscheinungen ist die Nova Persei, das heißt

der neue Stern, der im Jahre 1901 im Sternbild des Perseus aufleuchtete.

Er erschien zunächst als Stern 12. Größe, wurde innerhalb dreier Tage zu

einem Stern erster Größe, dem hellsten am ganzen Firmament außer Sirius:

sein Licht hatte um das 250000fache zugenommen, nahm aber dann ab, bis

es wieder so schwach war, daß der Stern als zwölfter bis dreizehnter

Größe erschien. Er muß mindestens 100 Lichtjahre von der Erde entfernt

gewesen sein und umgab sich nach dem Ausbruch mit einer Nebelhülle, die

wenigstens das 1400fache des Erdbahndurchmessers umfaßte und

Verdichtungsstreifen und Lichtknoten aufwies, die sich, gering

geschätzt, mit mehr als 3000 Sekundenkilometern Geschwindigkeit

fortbewegten.«

»Diese neuen Sterne entstehen also durch das Aufleuchten zweier dunkler

Weltkörper, wenn sie sich durch einen Zusammenstoß erhitzen?« fragte

Heinz.

»Eigentlich glaubt man das weniger,« entgegnete Schultze, »da dann das

rasche Erkalten und Erblassen innerhalb weniger Wochen oder Monate

unerklärlich wäre.«

»Wie erklärt man dann diese Vorfälle?« mischte sich nun Mietje in die

Erörterung.

»Sehr verschieden!« sagte Schultze. »Die einen meinen, es handle sich um

erloschene Sonnen, die für uns unsichtbar wurden, nachdem sie sich mit

einer Erstarrungskruste umgaben, plötzlich aber wieder aufleuchten, wenn

die innere Glut die Kruste vorübergehend durchbricht. Auch das

Einstürzen eines großen Meteors könnte das plötzliche Aufleuchten

verursachen.

Wilsing nimmt an, daß die sehr große Annäherung zweier ungefähr

gleichgroßer Sterne eine Flutwelle in der Atmosphäre und dem

feurigflüssigen Innern des einen hervorrufe. Dadurch würde ein Teil

seiner Oberfläche fast von seiner ganzen Lufthülle entblößt, und die

innern Glutmassen würden die dünne Erstarrungsdecke durchbrechen.

Seeliger im Gegenteil glaubt, daß ein erkalteter Weltkörper, in eine

Wolke kosmischen Staubes eindringend, durch die Reibung an seiner

Oberfläche in Glut gerade. Diese Vermutung stimmt allerdings nicht zu

unsern Erfahrungen, nach welchen jedes Gestirn seine Lufthülle besitzt,

die es vor solcher Reibung schützt.

Übrigens haben wir ja nun beobachten können, wie ein oder vielmehr zwei

Weltkörper durch Zusammenstoß aufleuchten können; auf der Erde wird man

am 12. Mai 1913 die Erscheinung des neuen Sterns gewahren, und dann

wollen wir ja sehen, welche Erklärungen die irdischen Astronomen diesem

Phänomen zu geben belieben.«

»Gestatten mir gütigst der Herr Professor eine Fragestellung in aller

Rücksicht der Bescheidenheit,« bat John.

»Nur zu, mein Sohn! Was quält dich für ein Schmerz?«

»Der Herr Professor haben sich doch zu äußern beliebt, wie ich schon

mehrfach hören konnte, daß sich neue fixe Sterne in den komischen Nebeln

bilden?«

»Ganz richtig, guter Freund! Aber nicht in den komischen, sondern in den

kosmischen Nebeln. Siehst du, man nennt auf griechisch die Welt

>Kosmos<, und da ein gebildeter Deutscher Griechisch, Lateinisch und

Französisch redet, nur kein Deutsch, so spricht er von kosmischen

Nebeln, wo er ebensogut Weltnebel sagen könnte. Wie du also ganz richtig

bemerkt hast, aus diesen Weltnebeln bilden sich Fixsterne.«

»Und die leuchten dann aber doch lange Zeit?«

»Gewiß! Tausende, Hunderttausende, vielleicht Millionen von Jahren.«

»Nun denn, Sie sagen, alle neuen Sterne verlieren sozusagen sehr schnell

ihr starkes Licht; aber es sollten doch auch neue Sterne aus den Nebeln

entstehen, die man vorher nicht gesehen hat, und die dann immer leuchten

als Fixsterne?«

»Ja, weißt du, diese Bildung neuer Sterne aus Nebeln braucht jedenfalls

Hunderttausende von Jahren.«

Hier fiel Flitmore ein: »Und doch hat John recht; warum soll gerade in

unserer Zeit keine derartige Sternbildung zur Vollendung kommen? Niemals

noch ist ein uns bekannter Fixstern erloschen, niemals noch ein neuer

erschienen. Herrscht wirklich das beständige Werden und Vergehen im

Weltall, wie man es annimmt, so ist diese Tatsache unerklärlich.

Jedenfalls glaube ich, die Zeit der großen Sonnenschöpfungen ist

vorüber.«

»Das ist eine sehr anfechtbare Ansicht,« widersprach der Professor, »es

vollzieht sich eben nur alles so langsam, daß für uns nichts davon zu

merken ist.«

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 58 / 70 题