»Wenn ich mir erlauben darf, auch eine Beobachtung meinerseits gemacht
zu haben,« begann John, als die Sannah sich vom Planeten des Grauens
entfernte, »so sehe ich dort einen andern schwarzen Erdball daherkommen,
sozusagen herabstürzen.«
»Das könnte uns gefährlich werden,« rief Schultze, in der von John
bezeichneten Richtung hinaussehend: »Es scheint in der Tat ein
Zusammenstoß zweier gewaltiger Körper bevorzustehen. Ich schätze Scheol
auf die zehnfache Größe der Erde, und der mit rasender Geschwindigkeit
auf ihn herabstürzende Weltkörper scheint nahezu ebensogroß.«
Der Lord sprach kein Wort, schaltete aber die Parallelkraft in vollster
Stärke ein und die Sannah entfernte sich mit Lichtgeschwindigkeit von
der bedrohlichen Stelle.
Auf einmal wurde es hell; ein Licht, wie von zehn Sonnen auf einmal,
erfüllte den Raum mit blendendem Glanze: Die beiden Weltkugeln waren auf
einandergeprallt und in weniger als einer Sekunde hatten sie sich zu
einer weißglühenden Masse vereinigt, von der flammende Stücke nach allen
Richtungen hinausgeschleudert wurden und Stichflammen von Millionen
Kilometer Höhe emporschlugen.
Alles Leben mit seinem grausigen Kampf mußte auf dem Scheol in einem
Augenblick vernichtet worden sein; aber den Insassen der Sannah drohte
das gleiche Schicksal: das Weltschiff war in glühende Gase gehüllt, eine
Stichflamme hatte es erreicht; gleichzeitig aber wurde es, wie von dem
Druck einer ungeheuerlichen Explosion emporgeschleudert mit einer
Geschwindigkeit, die alles übertraf, was sie bisher geleistet.
Durch und durch wurde das Fahrzeug erschüttert und eine Zeitlang lagen
alle, plötzlich zu Boden geschleudert, durcheinander. Nur Heliastra
schwebte in ihrer Leichtigkeit über dem Boden und half nun den
Gestürzten auf die Beine.
Jetzt erst ließ sich ein fürchterliches Krachen, Rollen und Donnern
vernehmen. Noch einmal erbebte die Sannah in allen Fugen, vom
erschütterten Weltstoff geschüttelt. Eine furchtbare Hitze entwickelte
sich in dem Antipodenzimmer und alle flüchteten auf Tod und Leben in die
innersten Räume des Fahrzeugs.
Hier war es noch auszuhalten, und die unausdenkbare Wucht, mit der das
Weltschiff von den zusammengeprallten Planeten fortgeschleudert wurde,
brachte es in kürzester Zeit aus dem Bereiche der Stichflamme, so daß es
sich allmählich wieder abkühlte, ohne ernstlichen Schaden genommen zu
haben.
»Wir haben eine Weltkatastrophe erlebt,« sagte nun Flitmore, »wie sie
gar nichts so Seltenes ist.«
»Allerdings,« bestätigte der Professor: »Seit uns der Fixsternhimmel
näher bekannt ist und man gelernt hat, auf derartige Erscheinungen zu
achten, hat man das Aufleuchten neuer Sterne öfters beobachten können.
Charakteristisch für diese Erscheinungen ist die Nova Persei, das heißt
der neue Stern, der im Jahre 1901 im Sternbild des Perseus aufleuchtete.
Er erschien zunächst als Stern 12. Größe, wurde innerhalb dreier Tage zu
einem Stern erster Größe, dem hellsten am ganzen Firmament außer Sirius:
sein Licht hatte um das 250000fache zugenommen, nahm aber dann ab, bis
es wieder so schwach war, daß der Stern als zwölfter bis dreizehnter
Größe erschien. Er muß mindestens 100 Lichtjahre von der Erde entfernt
gewesen sein und umgab sich nach dem Ausbruch mit einer Nebelhülle, die
wenigstens das 1400fache des Erdbahndurchmessers umfaßte und
Verdichtungsstreifen und Lichtknoten aufwies, die sich, gering
geschätzt, mit mehr als 3000 Sekundenkilometern Geschwindigkeit
fortbewegten.«
»Diese neuen Sterne entstehen also durch das Aufleuchten zweier dunkler
Weltkörper, wenn sie sich durch einen Zusammenstoß erhitzen?« fragte
Heinz.
»Eigentlich glaubt man das weniger,« entgegnete Schultze, »da dann das
rasche Erkalten und Erblassen innerhalb weniger Wochen oder Monate
unerklärlich wäre.«
»Wie erklärt man dann diese Vorfälle?« mischte sich nun Mietje in die
Erörterung.
»Sehr verschieden!« sagte Schultze. »Die einen meinen, es handle sich um
erloschene Sonnen, die für uns unsichtbar wurden, nachdem sie sich mit
einer Erstarrungskruste umgaben, plötzlich aber wieder aufleuchten, wenn
die innere Glut die Kruste vorübergehend durchbricht. Auch das
Einstürzen eines großen Meteors könnte das plötzliche Aufleuchten
verursachen.
Wilsing nimmt an, daß die sehr große Annäherung zweier ungefähr
gleichgroßer Sterne eine Flutwelle in der Atmosphäre und dem
feurigflüssigen Innern des einen hervorrufe. Dadurch würde ein Teil
seiner Oberfläche fast von seiner ganzen Lufthülle entblößt, und die
innern Glutmassen würden die dünne Erstarrungsdecke durchbrechen.
Seeliger im Gegenteil glaubt, daß ein erkalteter Weltkörper, in eine
Wolke kosmischen Staubes eindringend, durch die Reibung an seiner
Oberfläche in Glut gerade. Diese Vermutung stimmt allerdings nicht zu
unsern Erfahrungen, nach welchen jedes Gestirn seine Lufthülle besitzt,
die es vor solcher Reibung schützt.
Übrigens haben wir ja nun beobachten können, wie ein oder vielmehr zwei
Weltkörper durch Zusammenstoß aufleuchten können; auf der Erde wird man
am 12. Mai 1913 die Erscheinung des neuen Sterns gewahren, und dann
wollen wir ja sehen, welche Erklärungen die irdischen Astronomen diesem
Phänomen zu geben belieben.«
»Gestatten mir gütigst der Herr Professor eine Fragestellung in aller
Rücksicht der Bescheidenheit,« bat John.
»Nur zu, mein Sohn! Was quält dich für ein Schmerz?«
»Der Herr Professor haben sich doch zu äußern beliebt, wie ich schon
mehrfach hören konnte, daß sich neue fixe Sterne in den komischen Nebeln
bilden?«
»Ganz richtig, guter Freund! Aber nicht in den komischen, sondern in den
kosmischen Nebeln. Siehst du, man nennt auf griechisch die Welt
>Kosmos<, und da ein gebildeter Deutscher Griechisch, Lateinisch und
Französisch redet, nur kein Deutsch, so spricht er von kosmischen
Nebeln, wo er ebensogut Weltnebel sagen könnte. Wie du also ganz richtig
bemerkt hast, aus diesen Weltnebeln bilden sich Fixsterne.«
»Und die leuchten dann aber doch lange Zeit?«
»Gewiß! Tausende, Hunderttausende, vielleicht Millionen von Jahren.«
»Nun denn, Sie sagen, alle neuen Sterne verlieren sozusagen sehr schnell
ihr starkes Licht; aber es sollten doch auch neue Sterne aus den Nebeln
entstehen, die man vorher nicht gesehen hat, und die dann immer leuchten
als Fixsterne?«
»Ja, weißt du, diese Bildung neuer Sterne aus Nebeln braucht jedenfalls
Hunderttausende von Jahren.«
Hier fiel Flitmore ein: »Und doch hat John recht; warum soll gerade in
unserer Zeit keine derartige Sternbildung zur Vollendung kommen? Niemals
noch ist ein uns bekannter Fixstern erloschen, niemals noch ein neuer
erschienen. Herrscht wirklich das beständige Werden und Vergehen im
Weltall, wie man es annimmt, so ist diese Tatsache unerklärlich.
Jedenfalls glaube ich, die Zeit der großen Sonnenschöpfungen ist
vorüber.«
»Das ist eine sehr anfechtbare Ansicht,« widersprach der Professor, »es
vollzieht sich eben nur alles so langsam, daß für uns nichts davon zu
merken ist.«