Die furchtbare Explosion, welche der Zusammenstoß der beiden dunklen
Weltkörper zur Folge hatte, schleuderte die Sannah, wie wir hörten, mit
unheimlicher Gewalt in den Weltraum.
Dies erwies sich als ein ungeahntes Glück; denn das Weltschiff behielt
diese Geschwindigkeit tagelang bei mit nur langsamer Abnahme, und so
legte es in wenigen Tagen einen Weg zurück, zu dem es sonst ebensoviel
Jahre gebraucht hätte.
Man konnte dies an der rasenden Geschwindigkeit beobachten, mit der man
sich dem irdischen Sonnensystem näherte.
Noch keine vier Wochen waren verflossen, seit unsre Freunde Eden
verlassen hatten, als sie bereits die Neptunbahn kreuzten.
Nun aber zeigte sich eine neue Gefahr.
»Wir stürzen geradewegs auf die Sonne zu,« sagte Flitmore.
»Und die Fliehkraft?« fragte Schultze.
»Ich fürchte sehr, daß sie uns nichts hilft,« erwiderte der Lord. »Die
Gewalt, mit der die Sannah in ihrer Bahn dahingeschleudert wird, ist
stärker als die stärkste Zentrifugalkraft, die wir entwickeln können.«
»Nun, dann wird sie auch stärker sein als die Anziehungskraft der
Sonne,« meinte der Professor.
»Das gebe Gott!« sagte Flitmore, »denn sonst sind wir verloren.«
Die Sonne kam näher und näher; schon war die Uranus- und Saturnbahn
durchschnitten, ohne daß man diese Planeten zu Gesichte bekam, da sie
sich an entfernten Stellen ihrer Bahn befanden. Jupiter sah man nur von
ferne, von den Planetoiden, Mars und der Erde, war nichts zu sehen, als
man ihre Bahnen kreuzte; dagegen kam die Sannah der Venus sehr nahe, dem
hellen Morgen- und Abendstern, der, wenn er sich von der Sonne entfernt,
der Erde heller leuchtet als alle andern Gestirne und selbst bei Tage
gesehen werden kann, wenn man seine Lage am Himmel genau kennt; der
einzige Stern, der bemerkbare Schatten wirft, wenn der Mond nicht stört.
Schultze konnte seine bisher unbekannte Umdrehungszeit feststellen.
Bekanntlich herrscht hierüber eine solche Unklarheit unter den irdischen
Astronomen, daß man sie teils zu 24 Stunden, teils zu ebensoviel Tagen,
ja bis zu 225 Erdentagen annahm.
Der Professor fand nun eine Rotationszeit der Venus von etwa 700 Stunden
oder 30 Erdentagen.
Ihr Jahresumlauf beträgt 224 Erdentage.
Es erwies sich, daß ihre eine Hälfte ewigen Tag, die andere ewige Nacht
hat, und die Nachtseite zeigte eine matte Erleuchtung. Ihre Atmosphäre
war sehr dicht und vielfach stark bewölkt; ihre Oberfläche bildete eine
vollkommene Wüste, eine trostlose Einöde von gleichmäßigem weißen Glanz.
»An Größe und Masse,« sagte der Professor, »ist dieser Planet unsrer
Erde sehr ähnlich, empfängt aber doppelt so viel Sonnenlicht als diese.
Ihre Bahn ist nahezu kreisförmig; sie hat das stärkste Albedo, das
heißt, von allen Planeten strahlt sie das meiste von all dem Licht
zurück, das sie empfängt; vielleicht hat sie noch etwas eigenes Licht.
Der Erde zeigt sie Phasen wie der Mond.«
»Schmerzlich ist es, daß wir von hier aus die Erde nicht erreichen
können,« seufzte Heinz. »Wir sind ihr doch so nah: 40 Millionen
Kilometer! Was will das heißen?«
»Ja, ja!« sagte Schultze: »Da hilft uns alles Bedauern nichts, wir
werden fortgerissen ohne Erbarmen!«
Die Sannah kreuzte die Merkurbahn.
Die Sonne erschien wie ein ungeheurer Feuerball.
Flitmore schützte die Fenster der Sannah durch geschwärzte Scheiben, so
daß man mit dem bloßen Auge in die Gluten schauen konnte. So gelang es,
die Sonnenflecken als ungeheure Schlackeninseln zu erkennen, die in
einem Meer von Glut schwammen, das sie zeitenweise wieder auflöst.
Hoch empor stiegen die glühenden Massen der sogenannten Sonnenfackeln
und die flammenartigen Protuberanzen oder Sonnenflammen, die aus
brennenden Gasen, meist glühendem Wasserstoff bestehen. Teilweise
zeigten sie auch die Form von Feuersäulen und Glutwolken.
Ein wogendes Meer von Gluten und Flammen, wie von Orkanen gepeitscht, so
stellte sich die Sonne dar. Ungeheure Explosionen und Eruptionen oder
Ausbrüche ereigneten sich von Zeit zu Zeit; dann wurden Feuergarben und
Flammenstrahlen in wenigen Minuten bis zu einer Höhe von 75000
Kilometern emporgeschleudert mit einer Geschwindigkeit von 173
Kilometern in der Sekunde.
Und auf dieses wildtobende Feuermeer stürzte die Sannah unaufhaltsam zu
mit rasender Geschwindigkeit!
Aber auch in diesen Augenblicken des Schreckens, da aller Gemüter von
der Sorge eines drohenden Untergangs erfüllt waren, abgesehen von
Heliastra, die mit kindlicher Neugier das schauerlich schöne Schauspiel
bewunderte; auch in diesen bangen Augenblicken zeigte Schultze den
kühlen Gelehrten, denn, wahrhaftig! er hielt einen wissenschaftlichen
Vortrag über die Sonne.
»Dieses Gestirn,« sagte er, »das unsrer Erde Licht, Leben und Wärme
spendet, ist 300000mal heller als der Vollmond; doch kommt der Erde nur
der 2735millionenste Teil ihres Lichts und ihrer Wärme zugute. Ihr
Äquatorialdurchmesser beträgt 1390300 Kilometer gegen 12755 Kilometer
des irdischen Durchmessers. In der Sonne hätten 1300000 Erdkugeln Platz,
dennoch wiegt sie nur so viel wie 324400 Erden, denn sie ist nicht viel
dichter als Wasser.
In der Sonne kommen fast die gleichen Stoffe vor wie auf der Erde, das
hat uns das Spektroskop geoffenbart.
Die äußerste Umgebung des Sonnenballs oder vielmehr seiner Atmosphäre
bildet die Korona, sie besteht, wie wir deutlich sehen können, aus
breiten Strahlenbüscheln, die sich zum Teil mehr als einen
Sonnendurchmesser weit in den Raum erstrecken und oft eigentümlich
gekrümmt erscheinen.
Diese Korona kann man von der Erde aus am besten bei Sonnenfinsternissen
beobachten, sie bildet dann einen schmalen Lichtring von blendender
Helligkeit rings um die verfinsternde Mondscheibe; diesen Ring umgibt
ein zwölfmal so breites Band von perlmutterartigem Glanz, aus dem weit
hinaus in den Weltraum jene Strahlen schießen, die übrigens auf den
Photographien gar nicht oder kaum erscheinen; dieses Band wird von einer
noch breiteren Lichtzone umschlossen, die sich mit schnell abnehmender
Helligkeit ohne sichtbare Begrenzung im Himmelsraum verliert.
Unter der Korona sehen wir die sogenannte Chromosphäre, einen
rosafarbenen Ring, der aus den leichtesten uns bekannten Gasen, dem
Wasserstoff und dem Helium gebildet wird.
Die innerste atmosphärische Hülle der Sonne endlich ist die Photosphäre,
die aus glühenden Metalldämpfen besteht und die eigentliche
Lichtspenderin ist. Diese sehen wir überzogen mit einem Netzwerk, das
aus einer Unzahl feiner Poren und Linien besteht, die sich fortwährend
verändern. Sie scheinen eine Art Schäfchen- oder Cirruswölkchen, deren
kleinstes freilich die Größe eines irdischen Weltteils besitzt; man
nennt diese Erscheinung >die Granulation< der Sonnenoberfläche.«
»Hören Sie, Professor!« sagte Münchhausen unwirsch: »Was soll uns jetzt
diese hochinteressante Belehrung. Ich meine, es wird hier innen schon
abscheulich heiß und wir werden in kurzem zu Staub verbrennen. Wissen
Sie ein Mittel dagegen, das wäre besser als Ihre gesamte sonstige
Weisheit.«
»Die Hitze der Sonne ist nicht so groß als man sich gewöhnlich
einbildet,« erwiderte Schultze kühl. »Sie dürfte etwa 7000 Centigrad
betragen, also das Doppelte der Hitze der Kohlenspitzen einer
elektrischen Bogenlampe.«
»Heiß genug, um uns in Asche zu verwandeln!« brummte der Kapitän.
Der Professor zuckte die Achseln. »Alles, was ich Ihnen zum Troste sagen
kann, ist, daß der große Komet von 1843 die glühende Korona der Sonne
durchraste, 5 Millionen Kilometer in drei Stunden, also 570 Kilometer in
der Sekunde zurücklegend. Er kam dabei der Sonne bis auf den zehnten
Teil ihres Durchmessers nahe.«
»Und stürzte nicht hinein?« fragte Heinz.
»Nein! Davor bewahrte ihn die Gewalt seines Schwungs. Ähnlich ging es
mit den Kometen von 1882 und 1883. Sie entwickelten dabei alle eine
enorme Helligkeit, ja man sah sie bei Tage dicht neben der Sonne, und
der Komet von 1882 verschwand, als er vor die Sonne trat; er war also
genau so hell wie sie. Dabei entwickelten jene Kometen Eisendämpfe, ein
Beweis, daß auch ein Teil ihrer festen Bestandteile sich unter der
Einwirkung der Hitze der Korona in glühende Gase auflöste. Endlich
zersprang der Komet von 1882 beim Passieren der Korona in mehrere
Stücke.«
»Ein schöner Trost, den Sie uns da geben!« knurrte der Kapitän.
»Sind der Herr Professor der unmaßgeblichen Ansicht, daß wir in diesen
furchtbar anzusehenden Flammenofen trotz der geschwärzten Scheiben
mitten hinein plumpsen dürften?« fragte Rieger ängstlich.
»Nein!« erwiderte Schultze bestimmt. »Das glaube ich keinesfalls; denn
unsre Geschwindigkeit übertrifft die des Kometen von 1843 um weit mehr
als das Hundertfache.«
»Aber daß die Sannah in Weißglut gerät oder sich in glühende Dämpfe
auflöst, zum mindesten samt uns allen in Stücke zerspringt, das glauben
Sie?« polterte Münchhausen.
»Da unser Weltschiff keine feste, dichte Masse bildet,« entgegnete der
Professor, »scheint es am wahrscheinlichsten, daß es sich in ein
Dampfwölkchen auflöst. Offen gestanden, ich halte unsre letzte Stunde
für gekommen; doch dürfen Sie mir glauben, wir werden nichts davon
spüren, in weniger als einer Sekunde wird alles vorüber sein.«
Flitmore drückte auf einen Knopf und augenblicklich schlossen sich
sämtliche Augendeckel der Sannah, das heißt die dicken Schutzplatten
legten sich von außen dicht über die Fenster. Gleichzeitig ließ der Lord
die elektrische Beleuchtung aufstrahlen und sagte: »Begeben wir uns in
den allerinnersten Raum, in den Mittelpunkt der Sannah, in zehn Minuten
haben wir die Glutatmosphäre der Sonne erreicht und jagen durch Feuer
und Flammen. Dann gnade uns Gott!«
In Eile stürzten alle in den innersten Vorratsraum, den eine einzige
elektrische Glühbirne erhellte. Alle Lucken wurden geschlossen, nachdem
sie passiert waren.
Hier sprach der Lord ein kurzes, markiges Gebet, eine Bitte um Rettung,
zugleich aber auch den Ausdruck der Ergebung in den göttlichen Willen,
falls ihr Ende beschlossen sein sollte; das Vertrauen auf die göttliche
Barmherzigkeit und die Aufnahme aller in das himmlische Reich trug er
mit solcher Einfachheit und Glaubensfreudigkeit vor, daß sich alle über
die Schrecken des Todes erhoben fühlten und keinerlei Angst mehr
empfanden vor dem, was ihnen drohte. Mietje stimmte die beiden letzten
Verse des herrlichen Liedes »O Haupt, voll Blut und Wunden« an, und die
andern sangen ergriffen mit. Dann trat Stille ein.
John setzte sich zu Füßen seines Herrn nieder, als wollte er damit zum
Ausdruck bringen, wie er als getreuer Diener ihm in den Tod folgen
wolle. Mietje lehnte ihr Haupt an ihres Gatten Schulter, Münchhausen
faßte kräftig Schultzes Rechte und hielt sie fest. Heliastra schmiegte
sich in Heinz' Arme und fühlte sich geborgen, während ihr junger Gemahl
bereit war, mit ihr die Reise in ein besseres Leben anzutreten.
Die beiden Schimpansen Dick und Bobs kauerten in einer Ecke und wußten
von nichts; doch verhielten sie sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, so
regungslos, als ahnten sie doch etwas Außerordentliches.
Auf einmal wurde es furchtbar heiß; die Luft schien zu glühen und
erstickend legte es sich auf aller Brust.
Da stand Flitmore auf und sprach ein warmes Dankgebet für die Errettung
aus furchtbarer Todesgefahr.